31. Woche - Die Nebellandschaften im Schwan

Bildautor:  Hans Jürgen Mayer

In jedem Jahr bekommen wir unterschiedlichste Aufnahmen aus der Schwanregion als Motive fürs AdW eingereicht. Kein Wunder, denn der Schwan – lateinischer Name Cygnus – ist als Sternbild der Milchstraße extrem beliebt. Hinzu kommt, er ist in unseren geografischen Breiten vom Frühjahr bis zum Spätherbst bestens zu beobachten und gelangt im Sommer stets in Zenitnähe. Da sich in der Milchstraßenebene die interstellare Materie konzentriert, weist der Schwan viele Deep-Sky-Objekte auf. In seinem Zentrum liegt der Stern γ (= Gamma) mit dem Eigennamen Sadre, nach Alpha und Beta der dritthellste Stern des Schwans. Der 2,2 mag helle F8-Stern ist fast weiß, nur eine Spur bläulicher als die Sonne.

Das aktuelle AdW ist in der Vielfalt der rot leuchtenden Emissionsnebel umwerfend. Das Bild wäre in korrekter Orientierung hochformatig, aber für die waagerecht-rechteckigen Bildschirme liegt Norden links und Osten unten. Das Bildfeld beträgt etwa 2° x 1,3°. Die Nebel um γ Cygni wirken großflächig in Einzelnebel zerfallen. Herausstechend ist IC 1318 mit verschiedenen Nebelsträngen. IC 1318 A liegt etwa 1,8° nordwestlich von γ Cygni, IC 1318 B und C befinden sich mit der dazwischen liegenden dichten Dunkelwolke LDN 889 ungefähr 1° östlich. In verschiedenen Amateurquellen wird γ Cygni als der anregende Stern für diese Nebelzone bezeichnet. Das aber ist völlig falsch, weil nur Sterne mit sehr starker UV-Strahlung H II-Regionen zur Emission bringen können. Also müssen es junge heiße blaue Sterne der Spektraltypen O bis maximal B1 sein. Und γ Cygni ist als anregender Stern entschieden zu kühl.

Etwa 2,5° nördlich der Nebel um γ Cygni (hier also im linken Bildteil) befindet sich ein weiteres interessantes Gebiet. Vor einem Komplex aus vielgestaltigen H II-Regionen sitzt eine sehr dichte Dunkelwolke. In ihr wiederum bemerken wir eine Kette aus drei blau leuchtenden Reflexionsnebeln mit Namen NGC 6914.

Weniger bekannt ist eine Arbeit von H.R. Dickel, H. Wendker und J.H. Bieritz aus dem Jahr 1969, trotz der deutschen Namen Amerikaner. Sie befassten sich mit Emissionsnebeln im zentralen Schwan und untersuchten außer der räumlichen Verteilung auch deren Hα-Flächenhelligkeit und Struktur. In Anlehnung an ihren umfangreichen Katalog werden die Nebel heute deswegen mit DWB-Nummern bezeichnet. So ist IC 1318 A identisch mit DWB 82. Östlich von NGC 6914 (im Bild also unterhalb) liegen die H II-Regionen DWB 100, 105 und 114. Am linken Bildrand oben fällt der propellerförmige Nebel DWB 118/119 auf. Er ist Teil des größeren Komplexes HS 191, benannt nach V.F. Hase und G.A. Shajn. Die beiden Russen hatten sich auf der Krim mit der Erfassung und Katalogisierung von Emissionsnebeln beschäftigt und bereits 1955 ihre Ergebnisse publiziert. Ganz oben rechts am Rand erkennt man den kleinen hellen Nebel NGC 6888. Er wird übernächste Woche vorgestellt.

Das AdW entstand keineswegs in nur einer Nacht. Hans Jürgen Mayer hat die Einzelaufnahmen für dieses herrliche Motiv im Sommer 2013 und 2014 an verschiedenen Orten aufgenommen (Lienzer Dolomiten, Lavertezzo/Tessin, Konstanz). Optik war ein auf 3,5 abgeblendetes 200-mm-Objektiv (Canon f/2,8 USM). Zwei DSLR-Kameras wurden verwendet: eine Canon 1100Da und eine Canon 1100Da mono. Bei ISO 800 wurden die Hα-Bilder insgesamt 4,3 Stunden belichtet, dazu [OIII] mit 4,2 Stunden, die normalen Farbbilder 2 Stunden und letztlich noch für die Luminanz 1,8 Stunden. Eine sehr gute Leistung, Gratulation. Und wir freuen uns besonders darüber, dass wir dieses Bild in „Uraufführung“ präsentieren können!

Text zum Objekt und Aufnahmedaten: Peter Riepe

Kommentar zum Bild: Die Aufnahme von Hans Jürgen Mayer entstand an mehreren Beobachtungsplätzen und mit zwei Kameras: mit einer handelsüblichen und astro-modifizierten DSLR, und einer weiteren speziell modifizierten DSLR, die es ermöglicht monochrome Bilder zu erstellen (siehe AdW 29-2015). Die Beobachtungsorte wurden hier klug gewählt. Die breitbandig gefilterten Luminanz- und RGB-Aufnahmen wurden unter dunklem Alpenhimmel in Österreich und der Schweiz erstellt, während die engbandigen Hα- und [O III]-Bilder unter vermutlich nicht optimalen Bedingungen in Konstanz aufgenommen wurden. Insgesamt kann man dem Bildautor also eine bedachte Vorgehensweise bei der Bildaufnahme, und ein Händchen für die anschließende Bildbearbeitung attestieren. Heraus kommt ein sehr gutes Astrofoto.

Die benutzten Kameras des Typs EOS 1100 von Canon sind aus aktueller Sicht nicht die erste Wahl. Zwar geht die Entwicklung der Kameras in rasender Geschwindigkeit voran, jedoch kann man sich ja nicht – nur weil es neue Technik gibt – stets neu eindecken ... Das Bild zeigt aber eindrucksvoll, wie viel wichtiger der Beobachtungsplatz für das Endresultat ist. LRGB-Aufnahmen (bzw. Farbaufnahmen mit DSLRs) sollte man unter wirklich dunklem Himmel erstellen. Bilder mit monochromen Kameras und engbandigen Hα-Filtern sind durchaus auch unter lichtverschmutztem Himmel möglich. Allerdings sind auch hier Grenzen zu beachten, weil selbst Engbandfilter störendes Streulicht durchlassen.

Einen kleinen Makel hat das Bild: Es wurde eine Aufnahme mit einem [O III]-Filter erstellt, wofür immerhin eine Belichtungszeit von 4 Stunden investiert wurde. Das einzige Objekt, welches davon profitiert hat, ist der Sichelnebel, der jedoch nur angeschnitten gezeigt wird. Der Astrofotograf sollte also generell vor einer Aufnahme überlegen, ob die beabsichtigten Objekte (auch wenn es Nebel sind) überhaupt in den geplanten Wellenlängen emittieren. Das schmälert aber keinesfalls die Leistung des Fotografen und das daraus resultierende Top-Ergebnis.

Kommentar zum AdW: Frank Sackenheim und Dr. Stefan Binnewies

Koordinaten J2000.0:
RA = 20 h 27,2 min, DE = +40° 06´

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Dateien:
adw_2015_31kw.jpg2.9 M

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