34. Woche - NGC 6960, der Sturmvogel bei 52 Cygni

Bildautor:  Thomas Richter

Der Cirrusnebel (engl. Cygnus Loop) ist ein ausgedehnter, fast kreisförmiger Supernovaüberrest im Sternbild Schwan. Er besteht im Wesentlichen aus den Einzelnebeln NGC 6992 (Ostteil), NGC 6969 (Westteil) und NGC 6979 (Mitte). Wer gern den gesamten Cirrusnebel anschauen möchte, sei auf das AdW 02/2015 verwiesen. Das aktuelle AdW zeigt den Westteil NGC 6960, wegen seiner Form auch als "Sturmvogelnebel" bekannt. Norden liegt in Richtung linker oberer Bildecke, das Bildfeld misst 67' x 50'. Für die Freunde überschwenglicher Amerikanismen: NGC 6960 wird auch als "Witch´s Broom" bezeichnet (Hexenbesen).

Der Cirrusnebel entstand in einer Supernovaexplosion vor etwa 5000 bis 15000 Jahren. Frühere Altersschätzungen reichen sogar bis zu 100000 Jahren, sind aber vermutlich zu hoch gegriffen. Auch die Entfernung ist nicht klar bestimmbar, wie so oft in der Astronomie. Sie schwankt - je nach Messmethoden der betreffenden Astronomen - zwischen 1500 und 4500 Lj. Neue Untersuchungen legen jedoch eine geringe Distanz um 1400 bis 1500 Lj nahe (Green 2014).

NGC 6960 zeigt am deutlichsten, dass sich der Supernovarest ausdehnt und dabei mit dem interstellaren Medium kollidiert. Im Westen besteht das "Kollisionshindernis" aus einer dunklen Molekülwolke (Scoville 1977). An den Kollisionsfronten bilden sich feine leuchtende Filamente, die je nach beteiligten Elementen Wasserstoff (Hα), Stickstoff oder Schwefel rot erstrahlen, bzw. für Wasserstoff (Hβ) und Sauerstoff blau bis blaugrünlich. Laden Sie das Bild einmal herunter und gehen Sie in die Details. Das am weitesten nach Westen entfernte Filament ist bei den Pixelkoordinaten 2680/866 zu sehen. Im linken und unteren Bildbereich erkennt man einige rot leuchtende Gaswolken. Auffälligster Stern im Bild ist 52 Cygni, auf den sich auch die Koordinaten beziehen. Er hat mit dem Cirrusnebel nichts zu tun, denn er steht mit 190 Lj Entfernung doch weit im Vordergrund! Sein Spektraltyp ist G9.5III, er stellt damit in der Harvard-Klassifikation den Übergang zu den K-Riesen dar. Seine Farbe ist absolut korrekt wiedergegeben: mit B = 5,29 mag und V = 4,23 mag kommt der Farbindex B-V auf 1,06 mag, was einem Gelbton entspricht. Unübersehbar sind die beugungsbedingten Spektren in den Spikes, die bis zur 3. Ordnung reichen.

Thomas Richter stellt sich mit diesem Bild erstmals im AdW-Kreis vor. Dazu ein herzliches Willkommen! Das reine RGB-Bild gelang am 9. Juli 2016, Aufnahmeort war Kreben/Bayern. Als Aufnahmeteleskop kam ein 8-Zoll-Newton (GSO) mit 1000 mm Brennweite zum Einsatz, dazu eine CCD-Kamera Moravian G2-8300-FW. Fokal wurde wie folgt belichtet: 11 x 300 s (R), 10 x 300 s (G), 11 x 300 s (B), insgesamt macht das 2 Stunden und 40 Minuten. Der Bildautor merkt an: „Nachdem ich vor 2 Jahren den Sturmvogel schon einmal mit meiner DSLR belichtete, wollte ich es diesmal mit der CCD-Kamera versuchen. Ich war überrascht, wie gut die Dynamik dem Bild zugute kam. Der helle Stern 52 Cygni war im Gegensatz zu der DSLR-Aufnahme keineswegs ausgebrannt, obwohl ich für die feinen Strukturen in der EBV recht strecken musste. Ich verwendete ausschließlich den R-, G- und B-Kanal.“

Text zum Objekt und den Aufnahmedaten: Peter Riepe

Dieses Sturmvogelbild ist ähnlich wie die „Möwe bei Sirius“ aus dem AdW der 25. Woche 2016 ein weiteres gutes Beispiel dafür, dass nicht nur hochpreisige Teleskope perfekte Astrofotos ermöglichen. Der eingesetzte 8-Zoll-Reflektor ist für weniger als 400 € zu haben und die Abbildungsqualität ist bis in die Ecken der Aufnahme sehr gut. Einzig die möglicherweise der Bildbearbeitung geschuldeten etwas zu flauen Scheibchen der schwachen Sterne und der nicht abgeschnittene gelbliche untere Bildrand (ein Artefakt nach der Erstellung des Farbbildes) bergen noch Verbesserungspotential.

Perfekt ist der Weißpunkt im Histogramm vom Bildautor Thomas Richter gesetzt worden, nichts ist ausgebrannt und die Farbigkeit im Sternfeld erscheint fein ausdifferenziert. Das ist ein typisches Markenzeichen von Astroaufnahmen, bei denen auf die Gewinnung des Luminanzkanals verzichtet wurde – ein Vorgehen, das sich bei helleren Objekten, insbesondere Sternhaufen aber auch einigen Nebelgebieten durchaus anbietet.

Und dann hat Thomas Richter auch noch den Aufnahmestandort gut ausgewählt. Kreben ist ein dunkler Beobachtungsplatz in Mittelfranken, dessen Streulichtarmut sogar im Wikipedia-Artikel zu diesem kleinen Weiler Erwähnung findet.

Kommentar zum Bild: Dr. Stefan Binnewies und Frank Sackenheim

Koordinaten für die Epoche J2000.0:
RA = 20 h 45 min 40 s, DE = +30° 43' 11"

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Dateien:
adw_2016_34kw.jpg2.1 M

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