17. Woche - Die Hickson-Gruppe HCG 44

Bildautor:  Oliver Schneider

Paul Hickson hat sich in den 1980er Jahren intensiv mit der statistischen Untersuchung von kompakten Galaxiengruppen befasst. Seitdem werden die etwa 100 Hickson-Gruppen in den Datenbanken mit der jeweiligen Kurzbezeichnung HCG (Hickson Compact Group) geführt. Unser heutiges AdW befasst sich mit HCG 44, einer kleinen Gruppe "im Nacken" des Löwen, 62 Mio. Lj entfernt. Im Bild ist Norden oben und Osten links, das Gesichtsfeld beträgt 27,5' x 20'.

HCG 44 besteht im Wesentlichen aus vier hellen Galaxien. In der Bildmitte dominiert NGC 3190 (= HCG 44a, Typ Sa), links oberhalb die elliptische NGC 3193 (= HCG 44b), rechts oberhalb NGC 3187 (HCG 44d, Typ Sd) und rechts unten die Balkenspirale NGC 3185 (= HCG 44c). Ferner gibt es noch einige schwächere Feldgalaxien: LEDA 86788 bei den Pixelkoordinaten (1155/563) und ESDO 500-05 bei (324/827). Die erstgenannte Galaxie wird dem Haufen hinzugerechnet (HCG 44e), obwohl ihre Struktur im Sloan Digital Sky Survey eher für eine entfernte Spirale spricht. Auch die Radialgeschwindigkeit ist deutlich größer als die des Durchschnitts der restlichen Haufenmitglieder (1376 km/s). ESDO 500-05 gehört definitiv nicht zu HCG 44, denn sie ist dreimal so weit entfernt. Die Entdecker (Eder, Schombert, Dekel und Oemler) hatten ESDO 500-05 auf dem alten POSS noch für eine Zwerggalaxie gehalten. Auch hier zeigt bereits das AdW: Von der Morphologie her dürfte es sich eher um eine Spirale handeln, deren Durchmesser gemäß optischer Ausdehnung für die gemessene Radialgeschwindigkeit auf 45.000 Lj kommt. Unglaublich scheint, dass weder in der Datenbank SIMBAD noch in der NASA Extragalactic Database korrekte Positionsangaben zu ESDO 500-05 aufgeführt werden. Schließlich sind noch zwei matte Fleckchen auf dem AdW zu entdecken: eines bei (355/378), das andere bei (131/235). Beide dürften tatsächlich Zwerggalaxien der HCG 44 sein, ihr Aussehen und ihre Kleinheit sprechen unbedingt dafür. Näheres ist aber bis heute nicht bekannt – weder Struktur noch Radialgeschwindigkeit.

Beherrschend sind NGC 3190 und 3187. Sie weisen klare Anzeichen von Wechselwirkung auf. NGC 3190 zeigt einen turbulenten Aufbau mit dichtem und zerteiltem äquatorialem Staubband, dazu diffuse Gezeitenschweife unmittelbar um sich herum. NGC 3187 - sehr blau wegen der induzierten Sternentstehung - besticht durch ihre Spiralarme, die 90° vom Körper wegweisen. Erst 2013 erschien ein Fachartikel (Serra et al. 2013), wonach ein riesiger HI-Gasschweif bei HCG 44 entdeckt wurde. Er beginnt östlich von NGC 3190, biegt nach Norden ab, dann nach Nordwesten und erstreckt sich in Richtung NGC 3162, die jedoch außerhalb des Bildfeldes liegt. Das optisch unsichtbare Gas kann durchaus bei der Wechselwirkung zwischen NGC 3190 und 3187 frei geworden sein. Eine alternative Theorie: NGC 3162 (80' nordwestlich von HCG 44 und daher 650 kp entfernt) hat das Gas bei einer früheren nahen Begegnung aus HCG 44 herausgelöst.

Bildautor Oliver Schneider ist Mitglied der Fachgruppe Astrofotografie und auch der TBG-Gruppe. Er nahm HCG 44 am 08.02.2016 von seiner Sternwarte in Leopoldshöhe bei Bielefeld auf. Als Optiken wurden eingesetzt: a) ein 300-mm-Newton mit f = 1185 mm, dazu eine Starlight Xpress SXV-H9 für die Luminanzaufnahmen, b) ein 340-mm-Hypergraph mit f = 1092 mm, Kamera hier eine Moravian G2-8300 für die Farbbelichtungen. Belichtet wurde für die Luminanz 31 x 3 min, für RGB je 17 x 3 min. Dazu schreibt der Autor: "Das Bild ist ein Zufallsergebnis. Meine Sternwarte war schon geschlossen, als ich auf dem Weg ins Haus einen wolkenfreien Streifen am Horizont sah. Also habe ich abgewartet und konnte dann das Bild belichten." Das Warten hat sich gelohnt!

Text zum Objekt und den Aufnahmedaten: Peter Riepe

Nicht nur die österreichischen Astrofotografen vom Gahberg (Markus Blauensteiner, AdW vom 22.02.16 und Günter Kerschhuber, AdW vom 18.04.16) nutzen zwei Teleskope gleichzeitig auf einer Montierung, auch Oliver Schneider belichtet seit Jahren im Doppelpack unter ostwestfälischem Gartenhimmel. Inzwischen sind beide Fernrohre durch neue, hochwertige und lichtstarke Teleskope ersetzt worden und das aktuelle AdW ist das erste Ergebnis dieser Fotomaschine mit zwei monochromatisch arbeitenden CCD-Kameras.

Die Öffnungsverhältnisse und Brennweiten der Teleskope sind gut aufeinander abgestimmt worden, die Chipflächen der genutzten CCD-Kameras (Starlight Xpress SXV-H9 und Moravian G2-8300) differieren dagegen etwas stärker – nichtsdestotrotz ist die gewählte Kombination genau richtig für tief belichtete Deep-Sky-Aufnahmen unter den launischen Wetterverhältnissen Mitteleuropas. Passt es ins finanzielle Budget und geht es um eine fest aufgestellte Montierung, dann wird der von Oliver Schneider durch dieses AdW aufgezeigte Weg der parallelen Belichtung von uns zur Nachahmung uneingeschränkt empfohlen.

Kommentar zum Bild: Dr. Stefan Binnewies und Frank Sackenheim

Koordinaten J2000.0:
RA = 10 h 18 min 00 s, DE = +21° 48' 42"

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Dateien:
adw_2016_17kw.jpg1.3 M

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