
von Hans-Erich Gillmann Nk., April, 2002
Folgende angenommene Situation: Es ist das Jahr 2010
Die Menschheit hat den Weltraum besiedelt. Eine Raumstation umkreist die Erde in einer stabilen Umlaufbahn. Es ist sozusagen ein Generationsraumschiff, auf denen sich über Jahre hinweg das Leben abspielt.
Es ist für einige Wissenschaftler, Männer und Frauen, ihr neues Zuhause geworden. Die Raumstation dient als Sprungbrett für weitere Unternehmungen ins All, zu Exkursionen zu anderen Planeten und als Versuchslabor für neue Materialien, Medikamente usw.
Ein ständiger Pendelverkehr zwischen Erde und Station versorgt die Besatzung mit der benötigten Ausrüstung für ihre Arbeit und den nötigen Sauerstoff.
Ansonsten aber ist sie weitgehend eigenständig. In eigens dafür vorgesehenen Abteilungen haben sie Gewächshäuser eingerichtet, um ihren Essensbedarf selbst zu erzeugen. Selbstverständlich wird auch Nachwuchs gezeugt, um dem Generationsraumschiff die richtige Bedeutung zukommen zu lassen.
Diese jungen Menschen kennen nur ihre Umgebung auf der Raumstation, ausgenommen, sie haben mal "Heimaturlaub" bei Verwandten und Bekannten auf der Erde. Sie werden von ihren Eltern und Schulungen unterrichtet, und wissen natürlich, dass sich das Leben auf der Erde und nicht auf der Raumstation entwickelt hat. Und im Sonnensystem gibt es nur einen Planeten, der Leben in vielfältiger Weise hervor gebracht hat.
Junge Menschen wollen aber mehr wissen und stellen Fragen. Aber kann man jede Frage zufriedenstellend beantworten?
Von einem dieser neuen Weltraum-Generation, einem Jungen, kam nun eine Frage an seinen Vater, wie man nachweislich Leben auf einem Planeten wie die Erde erklären kann.
In jeder freien Minute hatte er nämlich die Erde aus der Umlaufbahn beobachtet und kein Leben gesehen. Er sah nur einen wunderbaren blauen Planeten mit weißen Schleiern aus Wolken, Grünflächen auf den Landmassen und die Ozeane, aber kein Leben. Er wusste natürlich, dass es dort Leben gibt, denn die Versorgungsschiffe kamen von der Erde und brachten den nötigen Nachschub, das war ihm schon klar.
Wie aber kann man Leben auf einem Planeten aus dieser Entfernung nachweisen, ohne es direkt sehen zu können?
Nun überlegt der Vater, wie man es am Besten erklären kann, dass man Leben auf einem Planeten nachweisen kann und kommt zu folgendem Vergleich:
Aus der Umlaufbahn der Station um die Erde kann man aus solcher Höhe oder Entfernung keine Einzelheiten mehr erkennen, außer Objekte bis zu einem Durchmesser von ca. 10 Metern, aber diese nur mit guten Beobachtungsgeräten. Die Lebewesen selbst, Menschen und Tiere, wären also nicht zu erkennen. Jedoch Linien und Strukturen in ihrer Regelmäßigkeit, die man erkennen kann, lassen daraus schließen, dass es sich um Städte handelt, in denen die Menschen wohnen.
Die schachbrettartigen Flächen in vielen Farben außerhalb dieser Städte, erklärt er, sind Felder, auf denen Landwirte ihre Saat anbauen, und riesige Waldflächen. Diese Felder und Wälder wachsen und breiten sich aus. Das sind schon gute Gründe anzunehmen, dass Leben existiert.
Und, fuhr er fort, wenn man diese schachbrettartigen Flächen über längere Zeit beobachtet, über ein Jahr beispielsweise, kann man sehen, dass sich die Farben verändern. Das bewirken die Jahreszeiten, in denen sich das Leben weiter entwickelt. Außerdem wachsen mit der Zeit die Städte, so dass man ihre Ausbreitung erkennen kann.
Und Menschen bauen diese Städte, um mehr Raum für sich zu schaffen, zu wohnen, zu arbeiten, um halt dort zu leben. Veränderungen lassen daher generell auf Leben schließen.
So weit, so gut. Aber ganz zufrieden war er damit noch nicht.
Vater, eine Frage hätte ich doch noch gerne beantwortet, und zwar folgende:
"Angenommen - nur mal angenommen - ein Außerirdischer käme von einem fremden Planeten außerhalb unserer Galaxie auf die Raumstation; sagen wir, aus 150 Lichtjahren Entfernung, und würde dir diese Frage stellen, ob Leben auf dem Planeten existiert, den wir umkreisen, weil er ebenfalls von hier oben noch keines gesehen hat.
Wie würdest du ihm beweisen wollen, wenn er mit der Antwort, die du mir gegeben hast, nicht ausreichend zufrieden wäre?
Er hat von dem Leben auf der Erde nicht die geringste Ahnung, und, ehrlich gesagt, durch die Felder und Strukturen, die man durchs Teleskop sieht, bin ich auch noch nicht ausreichend zufrieden. Woran also kann man einen belebten Planeten noch erkennen?"
"Alles klar, wir machen etwas anderes. Wir nehmen uns beispielsweise einen Globus zur Hilfe, der die Erde im Kleinen darstellt."
"Schau sie dir aus nächster Nähe an. Was erkennst du darauf? "
"Ich sehe die Länderaufteilungen, die Beschriftungen, die Längen- und Breitengrade usw.," sagte der Junge zu seinem Vater.
"Jetzt gehst du ein paar Meter zurück und sag mir dann, was du jetzt noch an Einzelheiten erkennen kannst. "Ehrlich gesagt, nicht mehr viel", sagte er, "nur noch die Kugel selbst."
"Gut, damit wollte ich dir folgendes erklären: Je weiter man sich von dem beobachteten Objekt entfernt, desto weniger Einzelheiten wird man auf deren Oberfläche erkennen."
So ist das mit unserer Erde, aus dem Weltraum betrachtet, auch. Ein Beispiel:"Man konnte durch Tests mit Instrumenten, welche sich an Bord der Galileo - Sonde befanden, nachweislich erklären, dass es Leben gibt. Sie hatte nämlich auf dem Weg zu Jupiter bei der Erde im Jahre 1990 nochmals Schwung geholt und Daten gesammelt. Und auch von der Sonde aus konnte man keine Strukturen, oder gar Mensch und Tier, mehr erkennen. Die Kameras waren für diese Aufgabe nicht geeignet."
An Bord gab es allerdings Instrumente, die, als sie in 1000 Kilometer Entfernung an der Erde vorbei flog, das von der Erde reflektierte Sonnenlicht analysierten. Bei bestimmten Frequenzen nämlich wird das Sonnenlicht besonders stark absorbiert. Wir deuten das als Hinweis für die Existenz von Wasserdampf, Kohlendioxid, Sauerstoff und Methan in der Erdatmosphäre.
Die hohe Sauerstoffkonzentration von 20% ist das stärkste Argument für Leben, denn Sauerstoff führt auf die Photosynthese der Pflanzen zurück. An der Photosynthese ist das Farbpigment Chlorophyll beteiligt. Dieses absorbiert bevorzugt den roten Anteil des Sonnenlichts. Deswegen sind Pflanzen grün.
Das viele Grün, das sich über die Kontinente erstreckt, ist also auch ein Beweis für Leben. Außerdem ist in der Atmosphäre Methan enthalten. Bei soviel Sauerstoff müsste das mit dem Sauerstoff reagierende Methan aber schon längst abgebaut sein, außer, es wird ständig nachproduziert. Methan ist aber ein Stoffwechselprodukt von Bakterien in Sumpfgebieten, und es entsteht bei der Verdauung bei Rindern.
Demnach muss es also Leben geben, um diese Reaktionen hervor zu rufen.
"Was aber könnten wir sehen, wenn wir bis zum Rand des Sonnensystems fliegen würden?", fragte er weiter. "Dann, aus dieser Entfernung, wäre die Erde nur noch ein kleiner Punkt zwischen den Sternen, so, wie die Voyager-Sonde die Erde gesehen hat."
"Von Leben wäre da nichts mehr zu sehen oder mit herkömmlichen Instrumenten nachzuweisen. Und erst recht nicht aus der Heimat unseres angenommenen Außerirdischen."
"In einer Entfernung von 150 Lichtjahren würde sich unser Sonnensystem mit all ihren Planeten im Band der Milchstraße verlieren. Dann würde eigentlich nur noch die Möglichkeit bestehen, etwaige Signale mit Radioteleskopen zu empfangen."
"Ja, das wäre die einzigste und letzte Möglichkeit als Alternative: die Radiostrahlung."
"Bei jeder Radio- oder Fernsehübertragung, wie wir sie kennen, das weist du ja auch, entweichen die Wellen mit 300 000 Km/s vom Sender ins All. Mit einem sehr empfindlichen Empfänger könnte man diese Wellen auffangen. Vielleicht gelänge es uns nicht, das Signal zu entschlüsseln, aber die Regelmäßigkeit in dem Signal würde auch uns überzeugen, dass es sich hierbei um eine Botschaft von intelligentem Leben handelt."
"Aber einen Moment," räumte der Vater ein, "die Sache hat wohl einen Haken: Aus der Richtung, wo die Erde ihre Bahn zieht, könnte noch kein Signal kommen, denn vor 150 Jahren gab es noch gar keine Radiosendungen."
"Radiowellen breiten sich ja mit Lichtgeschwindigkeit aus, das Weltall wäre noch frei von Anzeichen der irdischen Intelligenz. Ab hier, mein Sohn, muss ich leider passen. Da bin ich mit meinem Latein am Ende."
"Okay," sagte der Sohn, "der angenommenen fremde Besucher hätte durch diese Erklärung viel erfahren. Und ich habe auch viel gelernt, wie man Leben auf einem Planeten feststellen kann, dass nach unserem heutigen Wissen nur auf der Erde vorkommt. Vielen Dank für die Erklärung! Der Alltag konnte somit in gewohntem Gang fortgesetzt werden.
Seine Frage, wie man Leben an bestimmten Merkmalen feststellen kann, und darauf kam es ihm ja an, war damit zufriedenstellend beantwortet."
"Ein paar andere Merkmale am Beispiel Erde gibt es dennoch," sagte sein Vater, um das Thema noch etwas zu vertiefen!
Andere Planeten in unserem Sonnensystem, wie zum Beispiel Jupiter oder Venus, haben auch Wolkenschichten. Sie haben zwar andere Zusammensetzungen wie auf der Erde, aber sie verändern sich nicht in dem Maß wie auf der Erde, weil kein Lebewesen ihnen Umweltgifte oder ähnliches zusetzt. Nur eine kosmische Katastrophe könnte ihnen was antun.
Anders ist es auf der Erde. Die Umweltbelastungen in der Atmosphäre der Erde setzen der Ozonschicht ganz schön zu. An den Polen beispielsweise erkennt man seit langem, dass die Ozonschicht, ein wichtiger Schutz der Erde, sich langsam aber stetig verringert.
Dies wird durch die FCKW-Bestandteile in Spraydosen oder Kühlschränken verursacht und zersetzt diesen natürlichen Schutz.
Somit kann das Sonnenlicht mit der gefährlichen UV-Strahlung ungehindert und intensiver auf das Leben einwirken und Krankheiten verursachen.
Nicht zu vergessen die Wälder, die durch die Abgase wie z.B. von Autos zunichte gemacht werden, das sogenannte Waldsterben also, oder die Abholzung zum bebauen neuer Lebensräume und damit die Existenzgrundlage der Holzindustrie. Aber die Grünflächen, wie du vorhin gehört hast, bilden die Grundlage zur Produktion von Sauerstoff. Sie sind somit für das Leben unbedingt erforderlich. Du siehst also, es gibt auch negative Anhaltspunkte, dass die Erde bewohnt ist, also Leben beherbergt. Von hier oben betrachtet, sieht die Erde wunderbar aus, das sagten schon die ersten Raumfahrer in den sechziger Jahren, als sie zum ersten mal die Erde umrundeten und fasziniert waren vom Anblick unseres Planeten.
"Hoffentlich," sagt der Sohn, "wird die Menschheit eines Tages aus den Fehler, die sie auf der Erde machten und immer noch machen, etwas schlauer, und nehmen etwaige andere Planeten, die sie besiedeln wollen, besser in Schutz als ihren Ursprungsplaneten!"
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