Die Himmelsscheibe von Nebra - ein früher Blick des Menschen ins Universum

von Professor Dr. Wolfhard Schlosser

Einleitung

Am 23. Februar 2002 beschlagnahmte die schweizerische Polizei im Baseler Hilton-Hotel in einer krimireifen Aktion ein Fundensemble aus der frühen Bronzezeit (ca. 1600 v. Chr.), das kurz darauf dem Land Sachsen-Anhalt als dem rechtmäßigen Eigentümer überstellt wurde. Darunter befand sich die jetzt so benannte Himmelsscheibe von Nebra.

Nach eingehender Untersuchung im Landeskriminalamt Magdeburg wurde der Fund dem Landesamt für Archäologie Halle/Saale unter der Leitung von Dr. Harald Meller übergeben. Der Landesarchäologe betraute außer Hause zwei Wissenschaftler mit Teilaspekten der Untersuchung: Prof. Pernicka von der Bergakademie Freiberg mit der archäometallurgischen Erforschung und den Verfasser dieser Zeilen mit der Astronomie. Gleichzeitig wurde mit Hochdruck eine öffentliche Präsentation vorbereitet, denn das allgemeine Interesse an der Himmelsscheibe war beträchtlich. Diese dreiwöchige Ausstellung konnte bereits einen Monat nach Übergabe der Scheibe im Hallenser Landesmuseum für Vorgeschichte eröffnet werden und wurde von 15 000 Personen besucht.

Unabhängig davon ermittelten die Strafverfolgungsbehörden weiter, denn es waren in Basel nur die Letztbesitzer gefaßt worden. Aus juristischen wie auch archäologischen Gründen war aber die Kenntnis der genauen Fundumstände wichtig, die nur die Schatzgräber wissen konnten. Im Juli 2002 stellten sich diese selbst, da ihnen der Fahndungsdruck zu groß geworden war. Damit war der Fundort bekannt – der Gipfel des Mittelberges oberhalb Nebra an der Unstrut. Es war für die beteiligten Wissenschaftler ein befriedigendes Gefühl, diesen Berg aus bodenkundlichen wie auch astronomischen Überlegungen heraus schon vorher als möglichen Fundort angenommen zu haben.

Knapp einen Monat später – und kein halbes Jahr nach Beschlagnahme – begannen die ersten archäologischen Grabungen am Fundort der Scheibe.

Das Fundensemble

Die Himmelsscheibe (Abb. 1) ist zweifelsohne das wichtigste Teilstück des von den Hehlern in Basel angebotenen Gesamtfundes. Aber auch die anderen Objekte sind archäologisch von Bedeutung. Die beiden Bronzeschwerter mit Goldverzierung wären bereits für sich herausragende Objekte jeder prähistorischen Sammlung. Darüber hinaus erlauben sie aufgrund ihrer typologischen Merkmale die Datierung des Gesamtfundes (und damit auch der Himmelsscheibe) als in die Stufe A3 der Bronzezeit gehörig, also in die Zeit um 1600 v. Chr. Weiterhin ist von Interesse, daß die Form der Schwerter in den ungarisch-rumänischen Raum weist, was jedoch noch nicht besagt, daß sie von dort importiert wurden. Zumindest gab es in der frühen Bronzezeit kulturelle Kontakte nach Südosteuropa. Zwei bronzene Randleistenbeile, ein Meißel und zerbrochene spiralige Armreifen aus der gleichen Zeit komplettieren den Gesamtfund.

Die Himmelsscheibe

Die Himmelsscheibe von Nebra hat einen Durchmesser von etwa 32 cm, eine Masse von gut 2 kg und eine (variable) Dicke von einigen Millimetern. Sie besteht aus einer zinnarmen Bronze. Ihr tiefes Grün (Malachit) ist sicher nicht die ursprüngliche Farbe, sondern das Ergebnis der fast viertausendjährigen Bodenlagerung. Schon vor dem Geständnis der Schatzgräber war dieses Mineral ein ziemlich sicheres Zeichen dafür, daß es sich bei der Scheibe um keine Fälschung handelte. Der Scheiben-Malachit ist grobkristallin, und so etwas braucht Zeit zum Aufwachsen. Die Labors der Fälscher erzeugen kleinere Kristalle. Weitere Indizien für die Echtheit waren das Fehlen des radioaktiven Blei-Isotops 210, welches in modernen Bronzen stets enthalten ist, und – last but not least – der Preis von nur DM 30.000,-, den die Finder für den Gesamtfund erhielten. Für diese vergleichsweise geringe Summe macht sich kaum jemand die Mühe für eine überzeugend aussehende Fälschung aus Bronze und Gold und legt auch noch zwei Prachtschwerter bei.

In die Bronzescheibe sind nun mehrere Objekte aus Goldblech eingelegt (kein Blattgold, wie häufig zu lesen ist). Es sind (ursprünglich) 32 "Sterne", die Großobjekte "Sonne" und "Mondsichel", die gefiederte "Sonnenbarke" und der eine erhaltene "Horizontbogen". Die Objekte sind absichtlich in Anführungszeichen gesetzt, weil sie zwar dem unmittelbaren Eindruck bei Betrachtung der Scheibe entsprechen, durchaus aber unterschiedliche Grade an Sicherheit der Zuweisung besitzen. Die Befestigung des Goldes geschah durch die sogenannte Tauschiertechnik. Dazu wird zunächst der Umriß des Objektes mit einem spitzen Werkzeug als schmale aber tiefe Rinne in die Bronze eingegraben. Ein entsprechend zugeschnittenes Goldblech wird aufgelegt, dessen Rand in die Rinne gedrückt und dann verklemmt. Es handelt sich somit um eine rein mechanische Fixierung. Auch die Schwerter sind tauschiert. Ihre Technik macht aber einen deutlich perfekteren Eindruck als die der Scheibe. Bei allem "geistigen Tiefgang" der Scheibe bleibt diese in der handwerklichen Ausführung doch merklich hinter den Schwertern zurück.

Für den Astronomiegeschichtler ist dieser Fund deswegen so einzigartig, weil er unwidersprochen den Blick auf "Sonne, Mond und Sterne" aus einer so frühen Zeit zeigt. Obwohl die Himmelscheibe inzwischen weltweit bekannt ist und bei den Projektwissenschaftlern wöchentlich neue Deutungsvorschläge eingehen, wurde bisher noch in keiner ernstzunehmenden Deutung etwas anderes als ein astronomisches Motiv vorgeschlagen. So etwas hat es bisher noch nicht gegeben. Selbst bei archäoastronomischen Renommierdenkmälern wie Stonehenge gibt es durchaus nicht-astronomische Interpretationen, die bedacht werden wollen.

Natürlich gibt es ältere Abbildungen des Sternenhimmels, zum Beispiel im Alten Reich Ägyptens. Aber diese zeigen rasterartig-schematische Sterndarstellungen rein ornamentalen Charakters. Die Himmelsscheibe von Nebra scheint hingegen eine – wenn auch idealisierte – astronomische Realsituation abzubilden.

Als der Verfasser sich mit der Scheibe zu beschäftigten begann, galt sein Hauptinteresse nicht so sehr dem astronomischen Bildinventar, obwohl "Sonne, Mond, Plejaden und Sterne" manchem so einfach deutbar erscheinen wie eine Kinderzeichnung. Schnell wurde aber erkannt, daß das nicht der Fall ist. Grundlegender erschien eine Analyse der "Fertigungstoleranzen" der Scheibe und ihrer Objekte.

So weichen zum Beispiel die beiden Randbögen in ihrer Länge um etwa 2 Millimeter voneinander ab. Bevor man aus dieser Differenz Folgerungen zieht, sollte man überprüfen, ob auch andere Objekte ähnliche Varianzen aufweisen. Das ist in der Tat der Fall. Die Durchmesser der Sterne, die Abweichungen der Tauschier-Rinnen der Großobjekte von der idealen Kreisform, die Unregelmäßigkeiten der Anordnung der Sterngruppe haben alle etwa den gleichen Wert. Damit darf angenommen werden, daß die Kreisbögen als gleich lang geplant wurden. Ebenso sollten die ungleichen Sterndurchmesser sicherlich nicht verschiedene Sternhelligkeiten darstellen.

Da die Scheibe unwidersprochen ein astronomisches Motiv zeigt, sind die kleinen Goldplättchen als Sterne anzusehen. Davon sind heute noch 29 auf der Scheibe befestigt – der Grund für die irrige Annahme, es handele sich um einen Mondkalender. Ein Stern fiel bei der unfachmännischen Bergung der Schatzgräber ab, konnte aber sichergestellt werden. Zwei ursprünglich vorhandene Goldplättchen wurden bereits in der Vorzeit entfernt, bevor einer der Randbögen aufgesetzt wurde. Das zeigen die Röntgenaufnahmen. Der andere Randbogen überdeckte zwar keine Sterne, hätte aber einen berührt. Wohl aus technischen Gründen wurde dieser Stern ein wenig zur Mitte der Scheibe hin versetzt. Man erkennt hieraus, daß die Himmelsscheibe von Nebra nicht nach einem einheitlichen Grundkonzept gefertigt wurde. Sie hat ihre Geschichte.

Insgesamt schmückten 32 Sterne die Scheibe. Sieben davon bilden eine enge Gruppe, 25 verteilen sich über den Rest der Fläche. Natürlich schaut man als erstes auf eine Himmelskarte und prüft, ob vielleicht Sternbilder abgebildet sind. Das gelingt nicht, und es hat auch einen einfachen Grund. Unsere Sternbilder kommen dadurch zustande, daß der irdische Beobachter von einem zufälligen Ort der Erde im Kosmos auf zufällig verteilte Sterne blickt. Solche Verteilungen kennt der Mathematiker gut. Sie zeichnen sich stets durch Klumpungen aus, die wir dann freundlich als "Sternbilder" bezeichnen. Abb. 2 zeigt 25 Verteilungen der 25 ungebundenen Sterne.

In der Mitte dieser Abbildung befindet sich die Himmelsscheibe von Nebra, die 24 sie umgebenden sind rechnererzeugte Zufallsverteilungen. Auf den Zufallsbildern lassen sich problemlos zwei "Kassiopeias", ein "Großer Wagen", ein "Skorpion" und dergleichen ausmachen. Demgegenüber zeichnet sich die Bronzescheibe durch eine geradezu anomale "Distanzwahrung" der Objekte zueinander aus. Sie entspricht vielmehr der Verteilung von 25 Punkten, die ein Mensch auf einer gegebenen Fläche anordnet, wenn er gebeten wird, möglichst ungeordnet zu zeichnen. Er vermeidet es stets, zwei Punkte zu nahe aneinander zu setzen. Die 25 ungebundenen Sterne stellen also den "sternbildfreien Sternenhimmel an sich" dar, wenn man es einmal so ausdrücken darf

Vor diesem "gebremsten Chaos" hebt sich die Gruppe von sieben Sternen ab. Es kann kaum einen Zweifel geben, daß es sich dabei um die Plejaden handelt. Zwar kämen als weitere Kandidaten noch der eher unscheinbare Offene Sternhaufen der Praesepe im Krebs und das kleine Sternbild Delphin in Frage. Aber die Plejaden bleiben doch Favorit, denn keine andere enge Sterngruppe wird so häufig erwähnt wie sie. Ob im alten Sumer, der klassischen Antike oder bei litauischen Bauern der Moderne: die Plejaden sind Kalendersterne ersten Ranges. Hinzu kommt, daß sie in der frühen Bronzezeit in der Nähe des Frühlingspunktes standen.

Von vergleichbarer Sicherheit ist die Identfizierung der beiden Randbögen (einer ist abgefallen) als "Horizontbögen". Ihre Endpunkte spannen überkreuz einen Winkel von etwa 82° auf. Das entspricht dem Sonnenlauf über das Jahr am Ost- und Westhorizont für einen engen Bereich geographischer Breitengrade, die auch durch Sachsen-Anhalt gehen (Abb. 3). Wären die Bögen reiner Zierat, so hätten sie sicher 90° aufgespannt. Auch gibt es Parallelen hierzu aus Latein-Amerika, vor allem aber zwei Goldrauten aus England, die für die jeweiligen Breiten die Horizontspannen der Sonne nachbilden.

Damit ist eigentlich alles beschrieben, was der Astronom als begründete Arbeitshypothese gelten lassen kann. Die "Sonne" kann ebensogut der Vollmond sein, die "Mondsichel" eine partielle Finsternisphase von Sonne oder Mond. Gerade die so ins Auge fallenden Großobjekte entziehen sich einer einfachen Deutung. Sie stellen jedoch unzweifelhaft astronomische Motive dar, die etwas mit Sonne und/oder Mond zu tun haben müssen. Beide wandern entlang der Ekliptik – die Sonne präzise, der Mond innerhalb von 5°. Auch kommen beide oft bei den Plejaden vorbei, wie es die Scheibe zeigt.

Rätselhaft bleibt der gefiederte Goldbogen mit Unterteilung. Die Archäologen interpretieren ihn als Sonnenbarke, die die Sonne nachts vom Westhorizont zum Osthorizont fährt. Dafür können sie ungezählte Parallelen von Ägypten bis nach Schweden nachweisen. Für eine Deutung als Schiff spricht auch, daß bei der vertikal begrabenen Scheibe das Schiff unten war; es schwamm also in korrekter Lage. Der Verfasser hat jedoch darauf hingewiesen, daß eine astronomische Deutung ebenfalls möglich ist. Oberhalb der Plejaden (in Meridianstellung) befindet sich ein heller bogenförmiger Teil der Milchstraße, der der Darstellung auf der Bronzescheibe sehr ähnlich ist (Abb. 4). Weitere Deutungen dieses Bogens von interessierten Lesern diverser Presseorgane: allgemeine Nachtbahn der Sonne, Regenbogen und Nordlichter.

Die etwa 40 Lochungen entlang der Peripherie der Scheibe – die genaue Zahl ist wegen der Beschädigung durch die Schatzgräber nicht mehr festzustellen – sind einer späten Phase ihrer Verwendung zuzuordnen. Ganz offensichtlich haben sie mit den beiden nachgewiesenen Konzepten nichts zu tun, denn sie gehen brutal durch die Horizontbögen und den gefiederten Bogen. Man gewinnt den Eindruck, als sei die Scheibe später irgendwo aufgenagelt worden.

hre letzte Phase erlebte die Himmelsscheibe von Nebra bei ihrer Außerdienststellung. Sie wurde würdig in einer Steinpackung inmitten eines über hundert Meter im Durchmesser messenden Walles am Gipfel des Mittelbergs beerdigt. Während sie dort ruhte, wanderte die Sonne 3.600mal ihre Horizontbögen auf und ab, und es wurde 45.000mal Vollmond. Größere und kleinere Reiche entstanden und vergingen wieder: das Römische Imperium, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation und die DDR. Im Juli 1999 schlug der Metalldetektor zweier Schatzsucher an – nicht auf die Himmelsscheibe von Nebra, sondern auf die beiden ihr benachbarten Bronzeschwerter. So kam sie wieder in die Welt.

Der Mittelberg im Ziegelrodaer Forst

Die Bronzescheibe wurde nicht in irgendeinem Erdloch in Sachsen-Anhalt gefunden, sondern in einem archäologisch höchst bemerkenswerten Umfeld. Der Fundort liegt etwas nördlich vom Gipfel des Mittelberges inmitten einer (vermutlich) bronzezeitlichen Wallanlage (252 m über NN). Da die Grabungen erst im August 2002 beginnen konnten, ist noch keine abschließende archäologische Bewertung möglich. Immerhin brachte die Grabung einen eisenzeitlichen Wendelring zutage, der belegt, daß das Areal innerhalb von tausend Jahren gelegentlich aufgesucht wurde. Der Ziegelrodaer Forst, zu dem der Mittelberg gehört, ist mit seinen rund 800 (!) Hügelgräbern eine der reichsten bronzezeitlichen Gräberlandschaften in Europa.

Vom Mittelberg aus gesehen liegen das sagenumwobene Harzmassiv mit dem Brocken sowie der nicht minder sagenumwobene Kyffhäuser mit dem Kulpenberg in astronomisch signifikanter Position (Abb. 5).

Die Umgebung

Als der Verfasser im August 2002 zum ersten Mal auf den Mittelberg fuhr, sah er zu seiner Linken im Tal der Unstrut den kleinen Ort Memleben liegen. Als Astronom hat man bei Sonnenschein ja stets die ungefähre Himmelsrichtung im Kopf – ebenso die ±42°, die die Sonne im Jahreslauf in unseren Breiten um den Ost- oder Westpunkt pendeln kann. Memleben lag nach dieser Einschätzung in einer interessanten Wintersonnenwendposition zum Mittelberg. Der nächste Gedanke schloß dies allerdings aus, denn der Ort lag so tief unter dem Horizont des Mittelberges, daß seine Koinzidenz mit der untergehenden Sonne ausgeschlossen war. Ändert man hingegen die Blickrichtung, dann wäre der Mittelberg für Memleben ein markanter Punkt für den Sonnenaufgang zur Sommersonnenwende.

Nun ist Memleben auch nicht irgendein Dorf. Es wurde um die Mitte des zehnten nachchristlichen Jahrhunderts berühmt, als Kaiser Otto II. dort ein Kloster gründete und dies zu einem Zentrum seiner Reichskirchenpolitik machte. Der Sonnenuntergang zur Sommersonnenwende findet für Memleben ebenfalls hinter einem Berg statt, der den bezeichnenden Namen Wendelstein trägt. Schließlich zeigte ein Blick ins Kartenmaterial, daß der Schadenberg im Südosten die Wintersonnenwendrichtung markiert (Abb. 6). Das ist höchst ungewöhnlich. Existiert nur ein Berg, so kann man den Sonnenauf- oder -untergang hinter dem Berg entlang einer Kurve (Hyperbel) verfolgen. Man hat also eine große Auswahl an Orten. Für zwei Berge reduziert sich der Ort zum Schnittpunkt dieser Kurven, und man hat nur eine Wahlmöglichkeit. Bei drei Bergen gibt es im Regelfall gar keinen gemeinsamen Punkt, es sei denn, man entdeckt eine (seltene) geographische Zufälligkeit. Auch bei der Gründung des Klosters Corvey bei Höxter an der Weser (gut hundert Jahre vor Memleben) spielten drei Berge eine Rolle. Die weiteren Forschungen werden erweisen, ob hier eine alte kalendarische Praxis der Vorzeit ins frühe Christentum hineinwirkte.

Spuren in die Ägäis

Als der Autor dieser Zeilen die Himmelsscheibe zum ersten Mal sah, bemerkte er sofort die Ähnlichkeit zum 18. Gesang der Ilias (Verse 484-486), in dem Homer beschreibt, womit der Schmiedegott Hephästos den Schild des Achill schmückt:

... Und die Sonne, die unermüdliche,
und den vollen Mond
Und auf ihm die Sterne alle, mit denen
der Himmel umkränzt ist:
Die Pleiaden ...

Man gewinnt den Eindruck, daß hier ein alteuropäisches Motiv vorliegt, das Homer in literarische Form gebracht hat und die Himmelsscheibe bildhaft darstellt. Die Scheibe ist rund ein halbes Jahrtausend älter als der Trojanische Krieg und etwa 800 Jahre älter als Homer. Die Tatsache, daß die beiden Schwerter in den ungarisch-rumänischen Raum weisen, wurde oben schon erwähnt. Das ist bereits der halbe Weg von Sachsen-Anhalt nach Griechenland. Es gibt aber noch weitere Parallelen.

Eines der zentralen griechischen Heiligtümer war die Kykladeninsel Delos – der Geburtsort des Apoll und der Artemis. Diese Insel ist ein kleiner öder Felsrücken (3,6 km2) in der Ägäis. Es gibt keinen einsichtigen Grund, warum ausgerechnet dieses karge Eiland mit Tempeln aus vorgriechischer bis in die römische Zeit hinein förmlich übersäht war. Auch hier vermag die Himmelsscheibe von Nebra einen interessanten Denkanstoß zu liefern. Westlich von Delos befindet sich die merklich größere Insel Rheneia, die in altgriechischer Zeit im wesentlichen als Friedhof diente. Ihre beiden höchsten Berge (Choulakas und – wie die Insel selbst – Rheneia) bilden von Delos aus die Grenzen der Sonnenuntergänge zwischen den Wenden (Abb. 7). Der Standort für dieses Szenario ist der höchste Gipfel von Delos. Er heißt Kynthos und trägt den Tempel des Zeus Hypsistos, des ‚höchsten Zeus'.

Hier liegt also wieder eine Drei-Berge-Situation vor, ganz wie bei Memleben. Abermals wird der der Sonne zugängliche Horizontbereich betont (Horizontbögen der Himmelsscheibe). Und schließlich spricht der altgriechische Geschichtsschreiber Herodot von ‚Nordleuten' (die wahrscheinlich korrekte Übersetzung des griechischen Wortes ‚Hyperboräer'), die in Delos nicht als die primitiven Barbaren aus Mittel- oder Nordeuropa betrachtet wurden, sondern dort hochgeehrt lebten und starben, und an deren Gräbern die Griechen noch lange Zeit danach opferten.

Es scheint, als müßten im Lichte der Himmelsscheibe von Nebra manche Kapitel der Geschichte Alteuropas neu betrachtet werden.

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