
von Daniel Fischer, 10.10.2002
Ihren Namen mußte sie ändern, nachdem sich ein cleverer Geschäftsmann kurzerhand »Sternscheibe« als WWW-Domain registrieren ließ, und auch der ursprünglich vermutete Fundort stimmte nicht ganz: Jetzt feiern die Archäologen den Anfang des Jahres Raubgräbern abgejagten Fund aus Artikel 460 als die »frühbronzezeitliche Bronzescheibe mit Himmelsdarstellung von Nebra« - und sind seit dem 20.8. eifrig dabei, eine große bronzezeitliche Wallanlage auf dem Mittelberg im Ziegelrodaer Forst auszugraben, in der sie einst aus dem Boden gezogen wurde.
Der Metalldetektor der inzwischen geläuterten Räuber, die sich im Juli der Kripo gestellt und den Fundort verraten hatten, war gar nicht von der kuriosen Bronzescheibe sondern zwei Schwertern ausgelöst worden, die in unmittelbarer Nähe im Boden steckten. Diese Schwerter sind es im Wesentlichen auch, auf denen die ganze Datierung der Himmelsscheibe auf 1600 v. Chr. basiert - und ihr Stil stellt zugleich eine faszinierende Verbindung mit dem Balkan oder gar der Ägäis her.
Die Scheibe dagegen ist auf der Welt einzigartig, was aber nicht gegen ihre Echtheit spricht: Von der haben sich vor allem Metallurgen inzwischen überzeugt - und wenn es eine clevere Fälschung gewesen wäre, dann wären dafür sicher von Anfang an mehr als »nur« 30'000 DM verlangt worden. Die Deutung des Dargestellten ist weiterhin nicht eindeutig, aber weil die Kriminalisten inzwischen wissen, wie die Scheibe genau im Boden steckte (in dem sie offenbar mit einiger Sorgfalt »beerdigt« wurde), sind immerhin einige Interpretationen wahrscheinlicher geworden:
Moderne Versuchspersonen, die Sterne »möglichst zufällig« auf einer Himmelsscheibe verteilen sollten, lieferten in Experimenten der Uni Bochum jedenfalls ganz ähnliche Verteilungen ab wie unser Paläoastrokünstler, dem es um eine gleichzeitig abstrakte und doch realistische Darstellung des Nachthimmels gegangen zu sein scheint (zum ersten Mal überhaupt in der Kunstgeschichte). Jedenfalls war das der Anfang, denn die Scheibe ist später noch mindestens zweimal umgestaltet worden.
Die beiden Horizontstreifen sind nämlich erst später hinzugekommen, wie sich bei Röntgenaufnahmen der Scheibe gezeigt hat: Bevor sie aufgebracht wurden, mußten mehrere Sterne am Rand weichen. Und die geradezu brutale Lochung des Scheibenrandes, die durch sämtliche grafischen Elemente hindurchgeht, wird auch nicht die ursprüngliche Intention des Künstlers gewesen sein. Über die Verwendung der Scheibe kann ohnehin nur spekuliert werden: Die Horizontstreifen mögen zu direkten Messungen benutzt worden sein, oder die Scheibe war Lehrmaterial für die Priester, die die Wallanlage für Himmelsbeobachtungen nutzten.
Die astronomische Deutung der etwa 200 Meter großen Anlage (die reichlich überschwenglich schon mit Stonehenge verglichen wurde) auf dem heute dicht bewaldeten Hügel beruht bisher in erster Linie auf der Feststellung, daß zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende die Sonne von ihm aus gesehen genau hinter dem 80 km entfernten Brocken untergeht. Auch gibt es in der Gegend manch astronomisch klingenden Flurnamen, und als Festung war die Anlage (die übrigens fast 1000 Jahre lang genutzt wurde, von 1600 bis 700 v. Chr.) nicht geeignet.
Daß hier allerdings einmal aufwändige Visiereinrichtungen aus Holz gestanden haben, ist bisher reine Spekulation, doch noch ist erst ein Bruchteil ausgegraben. Noch bis November wird weiter gearbeitet, dann ist Pause bis zum Frühjahr. Im März soll auch schon ein erstes Büchlein mit allen bisherigen Erkenntnissen (und wenig Spekulationen) erscheinen, um den Rest der Welt über Scheibe und Wallanlage aufzuklären. Und vor allem, um Archäologen aus aller Welt zu einer großen Scheiben-Konferenz im Jahre 2004 nach Halle zu locken. [5.10.2002]
Quellen:
Diverse Nachrichtensendungen des mdr vom 25.9. und ein
Interview mit dem Archäoastronomen W. Schlosser, Uni Bochum, am 4.10.
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