
von Christoph Lohuis im Juli 2001
Die lauen Sommermonate werden häufig zu gemeinsamen Grillabenden mit Familie und Freunden genutzt. Bis spät in die Nacht erlauben es die angenehmen Temperaturen in der freien Natur zu sitzen und über Thematiken des Alltags zu diskutieren.
Gegen 23.00 Uhr ist die Dämmerung weit fortgeschritten und tief im Nord-Westen kann das zarte Farbspiel der bereits untergegangenen Sonne bewundert werden. Nach kurzer Zeit können bei genauer Betrachtung eine Vielzahl von unterschiedlichen Blauabstufungen am Firmament differenziert werden. Im Norden erscheint der Himmel zu diesem Zeitpunkt noch hellblau. Im Zenit verläuft sich diese Farbgebung ins dunkle und endet in Südrichtung in einem fast "schwarzen" Himmel, welcher nur noch von irdischen Streulichtern aufgehellt wird.
An diesen Abenden erleben viele Menschen zum ersten mal die Faszination des Universums. Nach kurzer Bewunderung der "himmlischen" Farbspiele widmen sich die meisten wieder ihrem Bier. Einige jedoch richten ihren Blick immer wieder zum gestirnten Himmel und staunen über die Vielzahl von Sternen.
Plötzlich ein Aufschrei: "Da, eine Sternschnuppe! Habt ihr die auch gesehen?" Nur wenige Augenblicke nach diesem Ereignis entfacht sich eine angeregte Diskussion, die nach meiner Erfahrung von "Nicht-Astronomen" angeführt wird. "Ich wünsche mir...!" "Nein, Du musst Deine Wünsche für Dich behalten!" Diese oder ähnliche Lebensweisheiten sind diesen kreativen Momenten zu entnehmen. Nachdem fast alle Leute ihr Wissen zum Besten gegeben haben und das große Schweigen eintritt, richten sich die Blicke auf meine Person. "Christoph, Du bist doch ein Sternengucker! Was ist denn eigentlich eine Sternschnuppe?". Da es mir eh unter den Nägeln brennt, einige Aussagen zu revidieren, nehme ich die Herausforderung gerne an.
Ich beginne meine Erläuterungen mit dem Ursprung aller Sternschnuppen, dem interplanetaren Raum. Der interplanetare Raum unseres Sonnensystems, also der Raum zwischen den Planeten, ist übersät mit Kleinstkörpern. Diese besitzen im Durchschnitt eine Größe von Bruchteilen eines Millimeters bis zum Durchmesser einiger Meter. Wobei es sich bei den Letztgenannten genannten schon um große Brocken handelt. Speziell Kometen hinterlassen bei ihrem Flug durchs Sonnensystem eine Art "Schneise" dieser kleinen Partikel. Kollidiert unser Mutterplanet mit diesen Körpern, verglühen die Fragmente durch Reibung in der Atmosphäre. Diesen Vorgang können wir als Sternschnuppe beobachten.
Nach dieser ersten nicht spektakulären und nicht romantischen Aussage vernehme ich das erste "Ah, davon hab' ich schon mal was gehört. Wir sehen also den glühenden Körper. Das kenne ich auch von Raumschiffen, die wieder in die Erdatmosphäre eintreten und dessen Hitzeschutzschild zu glühen beginnt." Zum Leidwesen einiger Zuhörer muss ich an dieser Stelle ein wenig ins Detail gehen, um die Aussage meines Vorredners in einigen Punkten zu korrigieren oder sagen wie lieber zu modifizieren.
Meteoroide, so werden die kleinen Partikel auch genannt, bewegen sich im Mittel mit einer Geschwindigkeit von 65 km/sec durch unser Sonnensystem. Dazu kommt die mittlere Bahngeschwindigkeit der Erde. Diese bewegt sich im Schnitt mit 30 km/sec um die Sonne. Somit liegt die Relativgeschwindigkeit der Meteoroide, wenn sie auf die Erde treffen, zwischen 35 km/sec und 95 km/sec. Dies hängt davon ab, ob man die Geschwindigkeit der Erde addieren oder subtrahieren muss. Treffen Meteoroide mit einer solch hohen Geschwindigkeit auf die Atmosphäre, wird diese komprimiert und erhitzt sich. Durch die hohen Temperaturen verglüht der Körper. Die Leuchterscheinung, die auch als Meteor bezeichnet wird, ist aber nicht der glühende Körper, sondern die ionisierte Luft längs dessen Flugbahn. Die Helligkeit eines Meteors hängt also von den Komponenten Größe und Geschwindigkeit ab.
Prinzipiell können in jeder Nacht Meteore beobachtet werden. Leider gestaltet es sich schwierig; eine Aussage zu treffen, in welche Richtung des nächtlichen Himmels wir blicken müssen . Bei sogenannten "Sternschnuppenschwärmen" oder "Meteorströmen" durchfliegt unsere Erde die "Staubbahn" eines Kometen.
Selbst wenn der Komet das innere Sonnensystem bereits längst verlassen hat, hinterlässt er diese Spuren. Unsere Erde umkreist die Sonne bekanntlich in einem Jahr. Somit durchqueren wir die Staubspur des Kometen jedes Jahr einmal und das zum gleichen Zeitpunkt. Durch die Häufung der kleinen Körper in dieser "Kometenschneise" können eine Vielzahl von Meteoren in einem bestimmten Zeitraum gesichtet werden. So kann auch vorausgesagt werden, wo und wann Sternschnuppen am Himmel beobachtet werden können.
Im Zusammenhang mit Sternschnuppenschwärmen scheinen Meteore einem Punkt - dem Radianten - zu entspringen. Dieses interessante Phänomen ist durch die Bewegung der Erde zu erklären. Ein viel zitiertes Beispiel ist die Fahrt mit einem Auto durchs Schneegestöber. Obwohl sich die Schneeflocken (durch den guten Isaac Newton) mehr oder minder von oben nach unten bewegen, scheint es durch die Fahrbewegung, als ob die Schneeflocken einem gemeinsamen Punkt entspringen. In der Astronomie werden Meteorströme nach dem Sternbild bezeichnet, indem der Radiant zu lokalisieren ist. Der Name der Leoniden resultiert aus dem Sternbild "Löwen" (-> lat. Leo) und die im August erscheinenden Perseiden entspringen dem Sternbild "Perseus".
Die Perseiden sind in der Bevölkerung sehr bekannt. Auch unter dem Namen "Laurentius-Tränen" sind sie vielen Menschen schon einmal zu Ohr gekommen. Der Name führt zurück auf den Märtyrer Laurentius, der im Jahr 258 n. Chr. auf einem glühenden Rost zu Tode gefoltert wurde. Das Intensitätsmaximum der Perseiden liegt zwischen dem 10. und 14. August. In der Nacht vom 11. auf den 12. sollten die meisten Sternschnuppen zu beobachten sein, da die Erde zu diesem Zeitpunkt den Raum mit den meisten Meteoroiden durchfliegt. Beobachtungen sollten, wie bei jeder Meteorbeobachtung, in die zweite Nachthälfte gelegt werden. Der Grund ist leicht verständlich. Die Erde bewegt sich zu diesem Zeitpunkt auf die kleinen Partikeln zu und beide Geschwindigkeiten addieren sich. Ein einfaches aber interessantes Beispiel erklärt diese Tatsache auf einleuchtende Art und Weise. Ein Radfahrer wird von Mücken eher im Gesicht getroffen als am Hinterkopf. Nur wenn die Mücke schneller fliegt als der Radfahrer fährt, kann sie diesen am Hinterkopf treffen :)

Hoba-Meteorit in Namibia (Doris Unbehaun)
Interessierten Zuhörer stellen langsam die ängstliche Frage, ob den alle kosmischen Geschosse in der Atmosphäre verglühen oder einige von ihnen doch die Erdoberfläche erreichen? Eine gute und berechtigte Frage, antworte ich! Jeden Tag fällt meteoritisches Material im Gewicht von bis zu mehreren tausend Tonnen auf die Erdoberfläche. In der Regel handelt es sich bei diesen Überbleibseln jedoch um mikroskopisch kleine Fragmente. Die unvorstellbar hohe Zahl errechnet sich also nur durch die riesiege Menge, die tagtäglich auf uns niederrieselt.
Damit ein Meteorit (so die Bezeichnung des Körpers wenn er die Oberfläche erreicht) die Oberfläche überhaupt erreichen kann, muss dessen Gewicht vor dem Eintritt 50 kg oder mehr betragen. Im Jahresdurchschnitt erreichen ca. 3500 Meteorite mit einem Gewicht von 500g und mehr die Oberfläche.
Nach kurzer Überlegung fragt einer der Zuhörer "Jetzt stellt euch mal vor, dieser Brocken fällt jemanden auf dem Kopf. Bei 3500 Meteoriten doch mit Sicherheit keine Seltenheit?" Doch zum Erstaunen aller ist die Gefährdung von Menschen durch Meteoriten eine Seltenheit. Nach Berechnungen amerikanischer Wissenschaftler ist ein Personenschaden im Durchschnitt "nur" alle 50 Jahre zu erwarten. Bis zum heutigen Datum ist die Verletzung eines Menschen durch den direkten Kontakt mit einem Meteoriten erst in einem Fall nachgewiesen. Im Jahr 1954 durchschlug ein 3,8 kg schwerer Meteorit ein Hausdach und die darunter befindliche Holzdecke. Der Meteorit traf auf ein Rundfunkgerät, prallte von diesem ab und verletzte eine im Bett liegende Frau. Obwohl diese mit mehreren Wolldecken umhüllt war, erlitt sie mehrere Quetschungen. Auch unter dem Aspekt, das die Zahl der Menschen auf unserer Erde permanent steigt, ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel höher, das ein Meteorit auf unbewohnte Gebiete wie Meere oder Wüsten niederfällt.
Eine Gefahr für Menschen besteht lediglich beim Aufprall größerer Meteorite, welche Krater verursachen, große Erdoberflächen verwüsten und klimatische Änderungen hervorrufen können. Doch mit zunehmender Größe und Gefahr wird die Wahrscheinlichkeit eines Einschlags immer geringer. "Das ist auch gut so," höre ich einen erleichterten Zuhörer in die Runde rufen. Ein Meteorit von der Größe des berühmten Canyon-Diabolo-Kraters (1,4 km Durchmesser) trifft die Erde statistisch gesehen alle 250.000 Jahre. Ein sogenannter "Global-Killer" (also noch größer) hingegen einmal in einer Millionen Jahre. Einschläge dieser Größe würden das Ende der Menschheit zur Folge haben. Die Explosionskraft würde das Gebiet eines ganzen Kontinentes völlig zerstören. Aufgewirbeltes Material setzt sich in der Atmosphäre ab und würde den ganzen Planeten umhüllen. Sonnenlicht könnte die Erdoberfläche nicht mehr erreichen. Zu Beginn würden Pflanzen durch die fehlende Photosynthese zugrunde gehen. Danach sterben Tiere, die sich von Pflanzen ernähren und am Ende der Nahrungskette stünde der Mensch.
Obwohl die Wahrscheinlichkeit dieser Gefahr sehr gering ist, sollte sie nicht vernachlässigt werden. "Ich habe die Filme Armageddon und Deep Impact gesehen und Frage mich, ob wir überhaupt eine reelle Chance zur Abwendung der Gefahr hätten." Nach dieser Frage richten sich alle hoffnungsvollen Blicke auf meine Person. Primär müssen Präventionsmaßnahmen ergriffen werden. Die Aufgabe liegt darin begründet, Einschlagskandidaten aufzuspüren und zu katalogisieren. Leider stehen den Wissenschaftlern auch heute noch wenig Gelder zur Verfügung, so dass nur ein Teil des Himmels überwacht werden kann. Würde in den nächsten Monaten ein kosmisches Geschoß Kurs auf die Erde nehmen, bestünde für uns nur die Möglichkeit Atomraketen auf die nahende Gefahr zu schießen. Ob diese Aktion einen Erfolg erzielen würde, kann aktuell nur am Computer simuliert werden und muss hoffentlich nie in der Praxis überprüft werden. Wichtig wird in diesem Zusammenhang die Früherkennung sein, damit adäquate Maßnahmen überhaupt ergriffen werden können. Zu diesem Zeitpunkt sind sich alle Personen unserer kleinen Diskussionsrunde einig. In diesem Bereich der Wissenschaft sollten keine weiteren Gelder eingespart werden!
Noch einmal die Perseiden: Um die angespannten Zuhörer seelisch zu entlasten, schwenke ich das Gespräch wieder auf die Perseiden zurück um der Frage nachzukommen, wie viele Sternschnuppen überhaupt beobachtet werden können. In diesem Zusammenhang ist in der Literatur eine stündliche Rate der zu sehenden Meteore angegeben. Schauen wir auf die Perseiden, so sollen bis zu 90 Sternschnuppen in der Stunde sichtbar werden. Vor allem Laien sind enttäuscht, wenn diese Zahl auch nach 2 Stunden nicht erreicht ist. Gleich darauf folgt der nächste Einwand "Und da nennt sich die Astronomie eine exakte Wissenschaft!?" Meine erste Erklärung auf diese Aussage hilft hoffentlich zur Rettung der "Astronomie-Ehre". Die stündliche Beobachtungsrate bezieht sich auf günstigste Beobachtungsbedingungen. Zum einen steht der Radiant im Zenit, es ist kein künstliches Streulicht vorhanden und auch der Mond verschont die Sternschnuppenbeobachter. In der Praxis sollten während des Perseidenmaximums, unter Berücksichtigung durchschnittlicher Beobachtungsbedingungen, zwischen 25 und 50 Sternschnuppen in der Stunde zu identifizieren sein. Die Tatsache, dass nicht alle Meteore extrem hell erscheinen, sondern häufig nur als zarte Leuchtspur über das Firmament huschen, sollte ebenfalls nicht vergessen werden.
Besonders die wissenschaftliche Beobachtung von Meteoren ist eine Domäne von Amateurastronomen. Aktuelle Ergebnisse in der Meteorbeobachtung und Modifikationen in der Verteilungsrate von "Kometen-Staubspuren", werden durch die akribische Arbeit von Amateuren erreicht. Auf dieses Teilgebiet der Amateurastronomie lasse ich mich an diesem Abend nicht weiter ein und verweise darauf, dass auch engagierte Meteorbeobachter die faszinierende und romantische Art und Weise der Sternschnuppenbeobachtung nicht vergessen haben.
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