
von Dr. Harald Zaun Köln, im März 2000
Die NASA-Raumsonde Voyager 1 hat sich längst aus unserem Sonnensystem verabschiedet. Unaufhaltsam driftet das am weitesten von der Erde entfernte künstliche Objekt in die Unendlichkeit...
Allen drohenden Gefahren durch Sternenstaub, Asteroiden, kosmischer Strahlung und eisiger Kälte im All trotzend, hat die erfolgreichste irdische Forschungssonde Voyager 1 nach knapp 23jähriger Reise das Sonnensystem längst auf Nimmerwiedersehen verlassen. Von ihrem Heimatplaneten, der über 11,5 Milliarden Kilometer entfernt ist, zeugt nur noch ein kleiner Punkt. Und bis die von Voyager ausgesandten lichtschnellen Funkimpulse auf Mutter Erde treffen, vergehen knapp 10 Stunden.
Seit ihrem Start am 5. September 1977 von Cape Canaveral (Florida) verliert sich die Raumsonde mit einer Geschwindigkeit von 17,4 Kilometern in der Sekunde immer tiefer in die kosmische Unendlichkeit.
Mag sie ihren Namen (Voyager=der Reisende) zu Recht tragen - mit einem gewöhnlichen Reisenden hat dieses 825 Kilogramm "erdschwere" Gebilde allerdings nur wenig gemein. Denn mit seinem Vorgängermodellen Pioneer 10 und 11 und seiner Zwillingssonde Voyager 2 teilt es ein sondentypisches Schicksal: Es hat weder ein endgültiges Reiseziel vor den "Sensoren" noch wird es jemals von seiner einsamen Sternenexkursion zurückkehren. Und anstelle einer unbeschwerten Reise musste das Raumgefährt bereits zu Anfang seiner Expedition Höchstarbeit verrichten. Am meisten gefordert wurde die nur 20 Watt sendestarke und 3,2 metergroße Parabolantenne der Sonde, als sie beim Vorbeiflug an den Planeten Jupiter (1979) und Saturn (1980) große Datenmengen zur Erde funkte. Dass Voyager hierbei seiner Mission mehr als gerecht wurde, dokumentieren zehntausende hochwertige Farbfotos - wie etwa die faszinierenden Aufnahmen vom Jupitermond Io. In einer Entfernung von nur 130.000 Kilometern wies Voyager auf dem Trabanten zum ersten Mal außerirdische vulkanische Aktivitäten nach. Durch die Entdeckung zahlreicher Neumonde eben noch in aller Munde, geriet Voyager 1 aber nach getaner Arbeit schnell wieder in Vergessenheit. Stattdessen durchlebte seine auf einen anderem Kurs treibende Zwillingssonde (Voyager 2) Jahre später einen zweiten Frühling, als sie atemberaubende Bilder von den äußeren Planeten Neptun und Uranus lieferte.
Mitte Februar 1998 brachte sich Voyager 1 aber wieder vehement in Erinnerung, als sie den bislang fernsten kosmischen Kundschafter überholte: Pioneer 10. Ein Eintrag im Guinness-Buch-der-Rekorde ist Voyager 1 sicher. Denn seitdem ist sie das am weitesten von der Erde entfernte, von Menschenhand geschaffene Raumgefährt im Universum. Dr. Edward C. Stone, der Direktor des amerikanischen NASA-Voyager-Programms in Pasadena (Kalifornien) sieht einen Einschnitt: "Vor 25 Jahren sprengte die Pioneer-10-Sonde alle Grenzen und ebnete den Weg für die folgenden Missionen. Nunmehr hat sie das Zepter an Voyager 1 übergeben, damit diese von dort Kunde tut, wo noch kein Mensch gewesen war." Dass Voyager 1 die um fünf Jahre früher gestartete Pioneer-10-Sonde überholen konnte, resultiert aus ihrer höheren Geschwindigkeit und der entgegengesetzten, kürzeren "Flugroute". Solange die Batterieenergie das reibungslose Übertragen von Datenmaterial ermöglicht, soll die Verbindung mit Voyager bis zum Jahre 2020 aufrechterhalten werden. Ob der Raumflugkörper dann überhaupt die erhofften Informationen über den Einfluß der Sonne außerhalb des Sonnensystems übermitteln kann, steht für den Projektleiter der Voyager-Mission Dr. Ed B. Massey jedoch in den Sternen, denen sich die Sonde unaufhaltsam nähert: "Momentan ist die Energie, die unsere Antennen von Voyager 1 einsammeln, 20 Milliarden mal schwächer als die Batterieleistung einer digitalen Uhr". Doch wann auch immer das Piepsen der Voyagersonde verstummt - für Edward C. Stone und seine Kollegen hat der Späher im All seine Schuldigkeit längst getan: "Wir alle wissen, dass er Großes geleistet hat."
Vielleicht erfährt Voyagers Forschungsbeitrag in ferner Zukunft sogar eine ungeahnte Krönung. Träfe das ausgediente irdische Treibgut in Jahrmillionen auf eine außerirdische Intelligenz, fänden deren Wissenschaftler dort eine 31 Zentimeter große Kupferplatte mit einem dazugehörigen Abspielgerät vor. Auf diesem Datenträger haben amerikanische Wissenschaftler in vorsorglicher Weitsichtigkeit Bild- und Toninformationen der menschlichen Zivilisation gespeichert. Grußbotschaften in 60 Sprachen; Musik, Photographien und Alltagsgeräusche von Menschen aus allen Kulturen und der Gesang von Buckelwalen werden noch in Milliarden Jahren - wenn die Erde bereits menschenleer sein wird - Zeugnis davon ablegen, dass es uns einmal gegeben hat.
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