Aurora, Nordlicht und Sterne

von Michael Risch, September 2000

Der überwiegende Teil der Touristen bewundert die Schönheit der norwegischen Küste in der Zeit zwischen April und September. Doch die Schiffe der Hurtigruten fahren auch in der Winterzeit, was einen ganz besonderen Reiz hat.

Im April 2000 liefen auf den Sternwarten in Deutschland die Telefone heiß. Etliche Anrufer vermuteten den Angriff von Außerirdischen, da rote Lichter am Horizont zu sehen waren. Auch Polizei und Feuerwehr konnten sich vor Anrufen nicht mehr retten, sahen die Leuchterscheinungen doch aus wie ein Großbrand am Horizont.

Doch es handelte sich um ein natürliches Phänomen, das in unseren Breiten nur äußerst selten zu sehen ist: Polarlichter. Diese Leuchterscheinungen entstehen in der Hochatmosphäre, wenn elektrisch geladene Teilchen von der Sonne in die tieferen Schichten der Atmosphäre vordringen und dort die Luftmoleküle zum Leuchten anregen.

Normalerweise sieht man Polarlichter nur in einem begrenzten, ringförmigen Bereich um die Pole der Erde, was mit dem Aufbau des irdischen Magnetfelds zusammenhängt. Die Sonnenaktivität schwankt aber in einem regelmäßigen Rhythmus von 11 Jahren, so dass alle 11 Jahre besonders starke Strahlung in Richtung Erde gesandt wird. Jetzt kann es ganz selten, meist nur einmal in diesen 11 Jahren, auch vorkommen, daß Polarlichter in Deutschland sichtbar werden.

Die hierzulande sichtbaren Leuchterscheinungen halten allerdings keinem Vergleich stand mit den hellen Lichtschleiern, die in allen Farben und Formen den Himmel am Polarkreis jede Nacht zieren. Dieses Naturschauspiel läßt sich allerdings nur bei vollständiger Dunkelheit beobachten, wie sie am Polarkreis ausschließlich in den Wintermonaten gegeben ist. Zur Beobachtung in Frage kommen dabei nur das nicht erschlossene, nördliche Kanada, das ebenso unerreichbare Sibirien, Teile von Finnland und Norwegen.

Doch sind die Bedingungen für eine touristische Reise in diese Regionen im Winter alles andere als Ideal. Nur die Hurtigruten ermöglichen es Touristen bequem, warm und ohne Strapazen in die Regionen um 70 Grad nördl. Breite vorzudringen und Polarlichter in voller Pracht beobachten und fotografieren zu können.

So kam man bei der NSA schon vor drei Jahren auf die Idee, eine Spezialreise unter dem Namen "Polarlicht und Sterne" anzubieten. Unter fachkundiger Begleitung wird an Bord in Vorträgen die Entstehung des Himmelsphänomens erläutert und bei Beobachtung und Fotografie assistiert.

Im Februar dieses Jahres erfolgte die wissenschaftliche Begleitung erstmals durch Fachleute der Internetseite www.astronomie.de. Auf dieser Internetseite haben sich Amateurastronomen ein Forum zum Erfahrungsaustausch geschaffen. Auch dem interessierten Laien werden dort alle Informationen zum Geschehen am Himmel über uns bereitgestellt.

Auch wer schon eine Hurtigrutenreise im Sommer unternommen hat, der erlebt im Winter mit "Polarlicht und Sterne" etwas völlig Neues! Die Reise startete wie alle NSA-Reisen am Norwegenkai in Kiel, von dort mit der Colorline-Fähre nach Oslo. Der erste Höhepunkt war sicherlich die Fahrt mit der Bergenbahn durch das eingeschneite Zentral-Norwegen.

Die nasse Kälte wurde in Oslo und Bergen noch als störend empfunden, doch das änderte sich bald, denn die verschneiten und vereisten Fjorde weiter nördlich bieten einen atemberaubenden Anblick. Besonders der Kontrast zwischen der weißen Landschaft, blauem Himmel und blauer See zu den bunten Holzhäusern der Küstenstädtchen lockte die Fotografen auch bei den widrigsten Temperaturen aus dem Bauch des warmen, gemütlichen Schiffes heraus.

Auch die Ruhe und Gemütlichkeit an Bord, wenn nur 50 Touristen und einige Einheimische auf den Schiffen unterwegs sind, schafft einen bemerkenswerten Unterschied zu den ständig ausgebuchten Sommerreisen auf den Hurtigruten.

Jeden zweiten Tag wurde ein Multimedia-Vortrag zu einem Thema aus der Astronomie angeboten, das Spektrum umfasste Themen wie "Die Sonne" oder " Entstehung und Aufbau des Universums" aber natürlich auch "Polarlichter". Fachkundige Hilfe gaben die Lektoren bei der Fotografie und auch die Himmelsbeobachtungen unter Anleitungen stießen auf reges Interesse nicht nur bei den NSA-Passagieren sondern auch bei allen anderen auf dem Schiff .

Und gerade am Tag des Polarlichtvortrages schoben sich die Wolken beiseite und gaben den Blick frei auf dieses einmalige Schauspiel. Wie eine grüne Schlange stand die Leuchterscheinung heller als die hellsten Sterne über einem Berg. Die Form und Farbe veränderte sich innerhalb von Sekunden, bevor das Licht sich nach einer Viertelstunde in einen fahlen, grünen Vorhang verwandelte.

Alle waren sich einig: alleine dieser Anblick war die ganze Reise wert. Doch es sollte bei weitem nicht das letzte Polarlicht bleiben. In den Nächten danach standen immer wieder helle Lichtschleier am Himmel, sie schienen zu wehen wie Fahnen im Wind. Manchmal zogen sie quer über den ganzen Himmel, in Helligkeit und Farben schnell veränderlich. Wenn man diese für die Nordnorweger alltägliche Erscheinung zum ersten Mal so intensiv und hautnah sieht, glaubt man seinen Augen kaum, man wähnt sich in einem Science-Fiction Film, nicht auf dieser Erde!

Noch etwa 3 Jahre hält die starke Aktivität der Sonne an, in dieser Zeit sind die Polarlichter besonders prächtig und Sie sollten sich das Naturschauspiel nicht entgehen lassen.

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