
von Dr. Harald Zaun, Köln, im März 2000
Zuweilen überrascht es sehr, wie tief sich doch Legenden ins Bewusstsein der Menschen eingraben können. Geradezu gepflegt wird heute noch das kolportierte Gerücht, dass die Teflon-Pfanne nichts anderes als ein Abfallprodukt des Apollo-Programms gewesen sei. Der Siegeszug dieses Küchengeräts sei nur möglich geworden, weil die Raumanzüge und die Raumkapseln der Astronauten seinerzeit mit Teflon veredelt worden waren. Tatsächlich wurde aber der Kunststoff Polytetrafluorethylen, der unter dem Markennamen Teflon Berühmtheit erlangte, schon 1938 von dem amerikanischen Chemiker Roy Plunkett entdeckt, bevor dann 1960 dieses Material für die Beschichtung von Pfannen herhalten musste.
Wer heute jedoch den Nutzen der Raumfahrt für den Alltag plastisch darstellen will, lässt die vermeintliche „Weltraumpfanne" besser da, wo sie hingehört: im Küchenschrank. Denn seitdem das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) die „Initiative für den Technologietransfer aus der Raumfahrt (INTRA)" startete, dokumentieren längst zahlreiche „echte" weltraumtechnologische Innovationen den irdischen Wert der Raumfahrt auf lebendige Weise.
Dies gilt insbesondere für den vom Institut für Methodik der Fernerkundung des DLR in Oberpfaffenhofen in Zusammenarbeit mit dem Institut für Landtechnik der Technischen Universität München entwickelten „Wildretter". Dieses auf Infrarot-Technik basierende System gereicht seinem Namen in der Tat zur Ehre, da es Wildtiere vor einem qualvollen Tod zu bewahren vermag.
Ein bislang wenig bekanntes Phänomen ist die traurige Tatsache, dass allein in den alten Bundesländern jährlich schätzungsweise 420.000 Wildtiere - unter ihnen Rehkitze, Junghasen, Fasane, Rebhühner und andere Bodenbrüter - bei der Ernte und beim Mähen von Wiesen erfasst, verstümmelt und getötet werden. Dass dabei sogar annähernd 85.000 Rehkitze pro Jahr sterben, hängt mit einer folgenschweren, wenn auch natürlichen Reaktion der Jungtiere zusammen. Denn nähert sich ihnen ein Mähfahrzeug, ducken sie sich instinktiv - wie bei jeder Gefahr. Anstatt wegzulaufen verharren sie reflexartig an Ort und Stelle. Aber gerade dieses Schutzverhalten führt dazu, dass sie vom Schlepper aus mit seinem schnelllaufenden Mähwerk nicht zu erkennen sind.
Für den Projektleiter Dr. Peter Haschberger vom DLR-Institut für Methodik der Fernerkundung liegt hier das Hauptproblem: „Die modernen Trecker erreichen enorme Geschwindigkeiten - bis zu 25 Kilometer in der Stunde. Selbst wenn es keinen Duckeffekt gäbe und das Rehkitz weglaufen könnte, hätte es keine Chance. Es ist noch zu langsam."
Alle Anstrengungen der Landwirte und Jäger, die Tiere vor der Mahd aufzuspüren und zu verscheuchen, waren bislang erfolglos: Weder der Einsatz von Duftstoffen noch der von Hunden führte zu dem gewünschten Resultat. Doch dies könnte sich dank modernster Infrarot-Weltraumtechnik bald ändern. In der Raumfahrt dienen Infrarot-Sensoren zum Aufspüren von Wärmequellen im und aus dem Weltall, wie etwa bei der Fernerkundung und Generierung von Wärmebildern der Erde; in der Land- und Forstwirtschaft hingegen wird diese Technik bereits für die Großwildjagd eingesetzt. Numehr soll sie Leben retten.
Das Prinzip der Infrarot-Erkennung ist ebenso einfach wie effektiv. Je wärmer ein Körper ist, desto mehr Infrarot-Strahlung gibt er ab.
Da außer Kaltblüter somit alle Lebewesen Wärme abgeben, registrieren die hochsensiblen Infrarot-Detektoren des „Wildretters" auch die von den Rehkitzen abgegebene Wärmestrahlung. Dadurch werden die auf der kühleren Wiese versteckt liegenden Tiere „sichtbar".
Rein technisch gesehen zeichnet sich die Apparatur durch schlichte Eleganz aus. Das Hauptteil besteht aus einem Gestänge, dass am Traktor befestigt wird. Hierauf lassen sich bis zu 16 Sensoren nebeneinander aufmontieren. Sie blicken dann im Abstand von 80 bis 100 Zentimeter senkrecht in die Wiese, wobei jeder Detektor einen Streifen von einem halben Meter absucht. Aber nur wenn das Gestänge seitlich am Trecker angebracht ist, können die Sensoren den Wiesenstreifen erfassen, der als nächstes gemäht werden soll (siehe Bild). Nimmt ein Sensor einen warmen Körper wahr, ertönt sofort ein Warnsignal. Zusätzlich leuchtet eines der 16 Lämpchen an der Steuereinheit auf, das neben dem Armaturenbrett des Traktors installiert ist. Der Fahrer weiss sofort, wo das Tier sich gerade befindet.
Nach den ersten erfolgreichen Feldversuchen hat der Prototyp seine Feuertaufe bereits bestanden. Dr. Haschberger zeigt sich zuversichtlich: „Die Idee ist als Patent beim DLR rechtlich geschützt. Wir haben die Lizenz an die Firma ISA Industrieelektronik in Weiden vergeben. Sie hat das Gerät gebaut und im Frühjahr 1999 zunächst als tragbare Version auf den Markt gebracht."
Derweil wird die Entwicklung des Traktorgeräts zur Serienreife in Kooperation mit dem DLR und mit Förderung der Deutschen Bundesstiftung Umwelt vorangetrieben.
Das Einsatz- und Anwendungsspektrum des „Wildretters" ist breit. Ob für Kartierungen, Wildschutzzählungen oder Artenschutzzwecke - von dieser Neuerung profitieren sowohl Landwirte, Jäger, Tier- und Naturschutzverbände als auch Forschungsinstitute. Auch wenn die High-Tech-Vorrichtung für den Traktor noch keine Serienreife erlangt hat, sind während der Mähsaison 1999 schon über 150 Geräte der tragbaren Version mit bis zu acht Sensoren verkauft worden.
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