Nach vorn in die
Zukunft |
| Harald Lesch u. Harald
Zaun |
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Ein Plädoyer für den klassischen
Science-Fiction-Roman |
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Science-Fiction - beinahe hat es den Anschein, als
zielte dieses aus der Feder des US-Publizisten und Herausgebers der "Amazing
Stories", Hugo Gernsbach, 1929 entsprungene Kunstwort nur darauf ab, ein
inzwischen in TV, Funk, Film und Literatur populäres Genre durch bewusste
Abstraktion zu mystifizieren. Selbst der belesenste Experte dieser
ursprünglich aus der utopisch-fantastischen Literatur hervorgegangenen
Gattung muss immer wieder von neuem Berge von Büchern abtragen, um im
Flach- und Hochland des SF bzw. auf trivialer sowie distinguierter Ebene nicht
den Durch- und Überblick zu verlieren. Dabei lohnt die Lektüre,
begegnen uns doch die besten SF-Geschichten nicht in bewegten Bildern oder im
Hörspiel, sondern vorzugsweise in Buchform, sofern der Leser seiner
Imaginationskraft freien Lauf zu lassen vermag.
Es ist in der Tat beeindruckend, wie viele Sub-Genres die
Literaturform Science-Fiction im Verlauf der Jahre hervorgebracht hat - und
auffallend zugleich, welche und wie viele kreative Autoren sich in diesem
imaginären Kosmos tummeln. Ob in den SF-Untergattungen Planetary Romance,
Science Fantasy, Space Opera
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14985/1.html
oder Horror-SF u.v.a. - jeder Geschmack wird auf verschiedenen Niveaus bedient.
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So viele Definitionen wie Definitoren
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Dass dennoch das breite Publikum, eventuell auch das Gros
der Verleger beim Klang der Wortkombination Science-Fiction assoziativ an
Raumschiffe, Planeten, außerirdische Lebewesen oder Endzeitszenarien
(Apokalypse) denkt, liegt in der Natur dieses Begriffes. Denn was
Science-Fiction letzten Endes wirklich ist oder auch nicht, hängt offenbar
vom subjektiven Ermessen des jeweiligen Betrachters ab.
"Es gibt wahrscheinlich so viele Definitionen der
Science-Fiction wie Definitoren", konstatierte einmal der Grandseigneur dieser
Literaturform, Isaac Asimov http://www.asimovonline.com/. Dass
Asimov den Kern des Problems richtig herausschälte, zeigt das reichhaltige
Schrifttum, in dem das Wortpaar Science-Fiction bislang zu Genüge
erklärt und verklärt, manchmal aber auch mit gelungenen Metaphern
etikettiert wurde. "In einem Science-Fiction-Werk dient die Wissenschaft nicht
allein der Verschönerung. Sie ist vielmehr der Zauberstab, der die
Erzählung auf eine höhere Ebene bringt", schwärmt der
französische SF-Autor Jean-Claude Dunyach
http://sf.emse.fr/AUTHORS/JCDUNYACH/jcd.html.
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Keine Zukunftsseher
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Kurz und knapp, aber nicht minder treffend
präzisierte Stephen Hawking
http://www.bbc.co.uk/science/space/spaceguide/hawking/
diesen Sachverhalt: "Die Verbindung zwischen Science-Fiction und Wissenschaft
führt in beide Richtungen. Die von der SF präsentierten Ideen gehen
ab und zu in wissenschaftliche Theorie ein. Und manchmal bringt die
Wissenschaft Konzepte hervor, die noch seltsamer sind als die exotischste
Science-Fiction."
Während der Blick in den altbewährten Brockhaus
http://www.brockhaus.de/ lehrt, dass
Science-Fiction ein "Sammelbegriff für den breit gestreuten Bereich der
Literatur, der sich v.a. seit dem Ende des 19. Jh. infolge des Interesses an
technisch-wissenschaftlichen Aspekten aus der utopischen und fantastischen
Literatur herausbildete und sich als Darstellung zukünftiger Entwicklungen
und Ereignisse etablierte", sind sich unsere zeitgenössischen
SF-Protagonisten immerhin darin einig, dass diese Literaturform nicht allein
darauf abzielt, die Zukunft - ob technische Entwicklungen oder
gesellschaftliche Strukturen - auf irgendeine Weise vorherzusagen.
Science-Fiction-Autoren verstehen sich nicht als Propheten. Wenn in Romanen
oder Filmen neuartige Technologien einfließen, dann geschieht dies meist
aus dramaturgischen Gründen, um eine Handlung voranzutreiben, zu
erweitern, zu vereinfachen oder zu verdichten. |
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Ständiger Ideenaustausch vonnöten
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Trotz aller Fantasie muss es aber mit Blick auf den
Terminus Technicus Science-Fiction gestattet sein, die Bedeutung des Wortes
"Science" hervorzuheben. Mögen wir diese Vokabel gemeinhin lapidar mit
"Wissenschaft" übersetzen - Angloamerikaner assoziieren damit
ausschließlich den Begriff "Naturwissenschaft". Ergo muss
Science-Fiction, will sie einen wissenschaftlich realen Blick in die Zukunft
ermöglichen, wenigstens ein Mindestmaß an Erkenntnissen
gegenwärtiger Wissenschaft reflektieren. Es sollte ein Dialog zwischen
Science und Fiction bestehen, wie der SF-Schriftsteller Charles Sheffield
http://www.bibliotheka-phantastika.de/autoren/autorsheffield.htm fordert.
"Zwischen Science-Fiction und Science Fact sollte es einen ständigen
Ideenaustausch geben." Bleibt dieser aus, verkommt Science-Fiction schnell zu
Quadrat-Fiction. Beispiele von fantasy- und horrorlastigen SF-Filmen oder
Büchern gibt es ja bekanntlich en masse.
Die Spannweite von Science-Fiction-Geschichten reicht von
den hoffnungsvollsten Visionen für die Zukunft der Menschheit bis hin zu
den grauenhaftesten Befürchtungen eines apokalyptischen Untergangs unserer
Spezies. Somit ist diese Literaturgattung ein sensibler Sensor
wissenschaftlichen Fortschritts und menschlicher Ängste, aber auch ein
Indikator menschlicher Träume: Träume von einer besseren Zukunft.
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"Das Ende der Ewigkeit"
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In Filmen, Fernsehserien und Romanen reflektiert
Science-Fiction den jeweils aktuellen Zeitgeist. Zugleich ist sie aber auch ein
Forum, in dem die ewigen Fragen der Menschheit und somit auch deren Rolle im
Kosmos gestellt werden. In den letzten Jahrzehnten sind die Inhalte vieler
SF-Romane vor allem als Filme oder Fernsehserien bekannt geworden.
"Science-Fiction ist nicht nur eine Literatur der Ideen, sondern auch der
Bilder", präzisierte es einmal der SF-Kenner Patrick Gyger.
Bild 4 - Amazing
Stories Bildnachweis:
Walter Popp,
Spring 1954 - Thrilling Wonder Stories |
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Dank der bildlichen Darstellung, den immer besser
werdenden Special Effects, hat das Interesse für diese Unterhaltungssparte
sukzessive zugenommen. In allen Variationen und Facetten feiern
Science-Fiction-Filme große Erfolge - heute mehr denn je. Gigantische,
imposante, kilometerlange Raumschiffe, die sich bereits zu Filmbeginn im
schallfreien Vakuum mit lautem Getöse gemächlich über die
Kinoleinwand schleppen, versetzen den Zuschauer sofort in die "Welt da
draußen".
Die Macht der Bilder und die Kraft der Akustik z. B.
Sensorround) faszinieren den Zuschauer (und Zuhörer) scheinbar mehr als
die Lektüre anspruchsvoller Bücher à la "Starmaker" von Olaf
Stapledon http://www.geocities.com/olafstapledon_archive/
oder "Das Ende der Ewigkeit" von Isaac Asimov.
Bild 5 - Das Ende der Ewigkeit,
Spitzenroman eines Spitzenautors Bildnachweis:
Heyne
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Wie ein Monolith
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Gesellen sich dann auch noch möglichst exotische
außerirdische Lebewesen hinzu, ist der Zuschauer schon mittendrin im
farbenprächtigen und bilderreichen Science-Fiction-Kosmos. Dabei kommen
die meisten Kinohits in der Regel mit geballter Actionkraft lautstark daher.
Subtilere Spielfilme wie etwa "2001 - Odyssee im Weltraum"
http://www.kubrick2001.com/ - der
selbst wie ein Monolith aus dem cineastischen "flachen" Einerlei herausragt -
fesseln den Zuschauer mit anderen Qualitäten. Sie orientieren sich
stärker an "Science", stärker an das im Rahmen der physikalischen
Gesetze technisch Machbare. Sie geben dem Handlungsrahmen mehr Raum und Zeit.
Und sie geben den Bildern eine größere Entfaltungsmöglichkeit,
so dass sie am Ende für sich allein sprechen können.
Kubricks "2001"-Meisterwerk, das auf Arthur C. Clarkes
1951 geschriebener elfseitiger Kurzgeschichte "The Sentinel" ("Der
Wächter")
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Sentinel_%28short_story%29
basiert, steht exemplarisch für diesen Anspruch. Dass sich der Film "2001"
auf eine Reihe von Schlüsselsymbolen reduzieren lässt, zeigt sich
schon zu Beginn. Fortlaufende Bilder, die nur mit Musik untermalt sind, zeigen
eine urzeitliche Affenhand, die den glatten schwarzen Monolith berührt und
eine Weile später den Weltraumhandschuh des Astronauten, der das Gebilde
auf ähnliche Weise touchiert. Nicht zu vergessen den berühmten
symbolischen Schnitt von dem hochgeschleuderten, sich drehenden Knochen auf das
knochenförmig geformte Raumschiff und die rotierende Raumstation.
Bedauerlicherweise sind solche SF-Filme eine Rarität. |
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Aliens en masse
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Besonders stark manifestieren sich die Bilder in dem
schillernden Alien-Zoo, dem bunt gemischten Konglomerat Außerirdischer,
das weltweit und tagtäglich über die Leinwände und über die
Fernsehschirme flimmert. Die unterschiedlichsten Lebensformen geben sich hier
die Ehre. Allein im Star-Trek-Kosmos geisterten bislang mehrere Hundert
verschiedene Lebensformen mit teils bizarren Mienen umher, von den
unzähligen fremdartigen Geschöpfen in den farbenfrohen Star-Wars-Epen
und Perry-Rhodan-Abenteuern http://www.perry-rhodan.net/start.html
ganz zu schweigen.
Wie viele davon seit Beginn der Science-Fiction insgesamt
in den virtuellen Romanwelten schon zu Hause waren, können sogar versierte
SF-Experten nur schwer abschätzen. Gäbe es ein Wachsfigurenkabinett,
in dem alle bisherigen in Literatur, Film und Hörspiel an- und
ausgedachten extraterrestrischen Figuren als kunstvolle Plastiken ausgestellt
wären, platzte selbst das großräumige Metropolitan Museum
http://www.metmuseum.org/ in New York
zwangsläufig aus allen Nähten. |
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Wichtiger Katalysator
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So gesehen sind laufende Bilder heutzutage der wichtigste
Katalysator, um Science-Fiction-Geschichten zu beleben; sie beflügeln
nicht nur die Handlung, sondern geben auch den Protagonisten ein originelles
Gesicht. Wohl deshalb assoziieren viele mit diesem Unterhaltungssektor
automatisch nur das, was auch verfilmt wurde - leider. Denn wenn das
Visualisierte über das Geschriebene siegt, bleibt die Fantasie und
Imaginationskraft des Rezipienten auf der Strecke. Wenn alles gourmetgerecht
aufgetischt wird, verkommt der Zuschauer zum passiven Fast-Food-Konsumenten.
Dies ist umso bedauerlicher, weil die echten, wahren
Klassiker, die besten Science-Fiction-Geschichten uns nicht in bewegten
Bildern, sondern immer noch in Buchform begegnen. Auch wenn so manch
humanistisch gebildeter, dem klassischen Schrifttum wohlgesinnter Leser gerne
das als trivial abqualifiziert, braucht sich das Genre hinter keiner anderen
Literaturform zu verstecken
im Gegenteil.
Zehn empfehlenswerte SF-Romane von zehn verschiedenen
Autoren
- · Asimov, Isaac: Das Ende der Ewigkeit,
Heyne-Verlag, München 1988
- · Benford, Gregory: Cosm, Heyne-Verlag,
München 2000
- · Brin, David: Sternenflut, Heyne-Verlag,
München 2000
- · Clarke, Arthur: Die letzte Generation,
Heyne-Verlag 2003
- · Dick, Philipp K.: LSD Astronauten - Die drei
Stigmata des Palmer Eldritch, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1971
- · Galouye, Daniel F.: Simulacron Drei,
Heyne-Verlag 1983 [dieses Buch erschien in Dt. erstmals 1965 unter dem Titel:
"Welt am Draht"]
- · Lem, Stanislaw: Der Lokaltermin, Suhrkamp,
Frankfurt a. M. 1987
- · Sagan, Carl: Contact, Droemer/Knaur,
München 1986
- · Schätzing, Frank: Der Schwarm,
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2004
- · Stapledon, Olaf: Der Sternenmacher,
Heyne-Verlag, München 1969
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| Dieser Beitrag wurde auch in dem
Online-Magazin "Telepolis"
veröffentlicht |
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