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Ein Jahrhunderereignis: der Planet Venus
überquert als schwarzer Schatten die Sonnenscheibe. Welcher
Amateurastronom, der ein Teleskop in seiner Nähe hat will das schon
verpassen? Letztes Jahr der Merkurtransit war schon hochinteressant, aber die
Venus versprach wegen der dichten Atmosphäre, die vom Sonnenlicht
durchleuchtet eventuell unbekannte Effekte erzeugt, ein ganz besonderes
Spektakel.
Viele Amateure planten Reisen ins Ausland, auch
unser Amateurteam bei Baader Planetarium, doch wohin soll die Reise gehen? Das
wir wieder für Astronomie.de ins Internet übertragen wollten, stand
nach dem Erfolg beim letztjährigen Merkur-Transit eigentlich außer
Frage. Auch das ZDF hatte Interesse an einem Beitrag nachdem, wir zum
Merkur-Transit und zu den Polarlichtern im letzten Jahr bereits Bilder für
das "heute journal" lieferten. Nur: wohin? Ins wettersichere Ausland?
Wir entschlossen uns, zunächst zu Hause zu
bleiben und abzuwarten was, der Wetterbericht sagen würde. Sollte es
Sonntags vorm Transit mies aussehen, würden wir Schlafsäcke und
Teleskope einpacken, in den VW-Bus steigen und fahren bis das Wetter passt.
Doch nach einer Regenperiode überraschte ein anrückendes Hoch die
Amateurastronomen in Deutschland - es sollte sonnig sein am Dienstag den 8.Juni
2004 , auch in München.
In
den Wochen vor dem Ereignis wurde bereits unsere Ausrüstung (linkes Bild)
ausgetestet: Apochromatische Refraktoren von Astro Physics und Zeiss mit
Herschelkeilen, einem Solar Spectrum Research Grade Halpha Filter mit 0.2 A
Durchlass sowie unser neuer UV-Filter.
Als Kameras kamen eine Webcam, eine SBIG ST-2000XME
CCD Kamera sowie zwei digitale Spiegelreflexkameras von Canon und Fuji ins
Gepäck.
Das alles sollte auf einer Astro Physics 900 GTO mit
kurzer transportabler Säule montiert werden. |
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Bei den Tests ist uns als erster Erfolg 2 Tage
vor dem Transit ein Bild der Venus mit übergreifenden Sichelspitzen
gelungen, der Kreis war zu 2/3 geschlossen, ein seltenes Foto (Bild rechts).
Was allerdings furchtbar störte, war das
Seeing und der Pollenflug, Registax konnte die Venussichel überhaupt nicht
bearbeiten und "verschluckte" sich ständig an den hellen Pollen.
Mein armer Kollege Margtin Rietze, unser
Bildbearbeitungs- und CCD-Experte, hatte seine liebe Mühe die scharfen
Fotos aus tausenden Bildern der Filme per Hand herauszusuchen und zusammen zu
montieren. |
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Was wird das erst am 8.Juni, wenn 4 Kameras jede
Minute 2 Bilder aufnehmen? Nur ganz weit oben ist die Luft "pollenfrei" und
weil die Alpen quasi vor unserer Haustüre liegen, war auch schnell eine
Idee geboren: Mitten auf der Zugspitze steht eine Baader-Kuppel, deshalb
bestehen seit langen Jahren Kontakte zu den dort ansässigen
Forschungsinstituten.
Man gestattete uns großzügig den Zugang
zum Meßraum direkt unter der Kuppel - für einen Tag und eine Nacht.
Mitten zwischen Computern und Analysegeräten konnten wir unser Lager
aufschlagen - das uns damit entgegengebrachte Vertrauen ist gar nicht hoch
genug zu schätzen, denn ein falscher Schritt, ein Rempler gegen einen
stickstoffgekühlten Spektrografen, hätte für das Institut
verheerende - und für uns sehr teure - Folgen haben können.
Nach Tagen des Organisierens, Testens und Packens
hatten wir (Martin Rietze, Anne Baader, Thomas Baader und der Autor) Montags
vorm Transit schließlich den VW-Bus voll geladen und nach weniger als 2
Stunden Autofahrt standen wir vor Deutschlands höchstem Berg, ein
majestätischer Anblick.
Und dort sollten 2 Kubikmeter Gepäck hoch?
Hoffentlich hält das die Seilbahn aus! Mit der Gondel ging es nach oben -
von +25 Grad in + 5 Grad. Und - oh Schreck - die Zugspitze war umnebelt! Dichte
Quellwolken hatten sich schon seit 11 Uhr vormittags durch die
Sonneneinstrahlung und das verdunstende Wasser gebildet ! In den letzten Tagen
war ein ganzer Meter Neuschnee gefallen der sich nun allmählich in Wolken
verwandelte.
Deprimierend...dennoch wurde ausgepackt und
aufgebaut, in der Nacht hätte schließlich die Montierung
eingescheinert und die Instrumente zueinander justiert werden müssen,
sollte es denn klar werden...und wenn nicht, dann wären wir "die Deppen
der Nation", wie es Martin so treffend ausdrückte. Überall sonst in
Deutschland war schließlich Sonnenschein angesagt. Doch nun gab es kein
Zurück mehr. |
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Die ungewohnt dünne Luft ließ uns
schnaufen, der Anblick vom Gipfel über die Alpenkette entschädigte
jedoch schnell für die schweißtreibenden Mühen als sich gegen
20 Uhr die Gipfelwolke teilweise verzog und einigermassen die Sicht freigab:
eine z.T.unglaubliche Fernsicht, klarste Luft fast 200km weit konnte man
über die Alpen blicken, ein Gipfel ist an den anderen gereiht,
Österreich, Italien, unter uns der Eibsee - dann der Sonnenuntergang
(Bild3, oben) Einfach phantastisch, ein Erlebnis das alleine schon die Reise
wert gewesen wäre.
Gegen 20 Uhr waren wir schließlich alleine,
der Seilbahnbetrieb war eingestellt und außer uns niemand mehr auf dem
Gipfelplateau - dachten wir. Ein einzigartiges Gefühl, alleine auf dem
Dach von Deutschland.
Doch plötzlich - und um ein Haar unbemerkt -
wollte jemand einfach die Tür zur Station absperren - von innen! Es
folgten intensivste Verhandlungen mit dem noch anwesenden Personal der
Gipfelstation und man gab uns (wohl beeindruckt vom ZDF Kamerateam) eine a b s
o l u t e Ausnahmeerlaubnis: die Tür blieb auf, wir hatten damit weiterhin
Zugang zum Meßraum, Strom zum Einscheinern der Montierung und durften auf
dem Gipfelplateau bleiben - abgeschnitten vom Rest der Welt.
Installation und Test unserer Ausrüstung
konnten fortgesetzt werden, im Raum sollte die Internetverbindung etabliert
werden: Telefonstecker in die Dose und...nichts lief! Keine Verbindung. Die
Telefondose war tot.Vom Institut war niemand mehr zu erreichen und auch die
Hilfe eines letzten Bediensteten der Zugspitzstation, der noch geblieben war,
brachte kein Ergebnis.
Die Übertragung auf Astronomie.de schien
gestorben. Es gab nach stundenlangem Experimentieren mit den Rechnern nur noch
eine Idee: das Tagesrestaurant (obwohl offiziell geschlossen) hätte eine
..... einzige Telefondose mit der "unglaublichen"
Übertragungsgeschwindigkeit von 14.400 bps - wie in der Steinzeit des
Internets, da könnte man jedes Bit mit Handschlag begrüßen.
Aber selbst das war erst am nächsten Morgen zu
testen. Es wird ein knappes Rennen, das zeichnete sich jetzt ab. Aber aufgeben
war nicht mehr drin. Das Glück war uns weiter hold, es blieb lange genug
klar, um einzuscheinern -obwohl der Gipfel für launische und sehr
schnelle, heftige Wetterwechsel bekannt ist. Erst nach Mitternacht wurde uns
bewußt, das wir morgen lange vor Sonnenaufgang aufstehen müssten.
Schnell in die Schlafsäcke, sieben Mann in
einem Raum...die Nacht wurde nicht besonders erholsam, keine Heizung,
Außentemperatur ca. - 10 Grad. Diese Tortur, mitten im Sommer, "unten"
ist jetzt Sommerstimmung, keine Ahnung ob morgen das Wetter hält, oder ob
die Wolken schon am Vormittag wieder dicht machen... wir müssen
verrückt sein, dachte sicher manch einer.
Erbarmungslos holte uns um 4:30 der Handywecker aus
den gerade eben beginnenden Träumen, aber mit Eiswasser die Zähne
putzen hat einen erstaunlichen "Hallo-Wach!"- Effekt. |
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Die endlich wolkenlose Sonne ging noch viel
schöner auf, wie sie sich abends verabschiedet hatte: in allen
erdenklichen rötlichen Farbtönen, die sich auf den
weißverschneiten Berggipfeln widerspiegelte und die Landschaft bis in
weite Ferne unwirklich, fast marsianisch erscheinen ließ. (Bild 4, oben)
Schnell, ans Teleskop, direkt hinter dem Gipfelkreuz
müsste sie aufgehen! Nebelschwaden waberten über den Gipfel, eine
Lichtsäule aus Eiskristallen stieg empor - und da kam sie. Alle
Instrumente auf "GO"! |
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Die Internetverbindung im Restaurant war technisch
möglich, wenn auch langsam, und hatte einen Nachteil: ich musste mich mit
dem Not-Laptop an einen Tisch auf der Sonnenterasse setzen, das Modemkabel
durch´s Fenster in den Schankraum - gespannt wie eine Gitarrensaite.
Die Bilder mussten also über die ca. 100m
Distanz von der Fernrohrterrasse - per Diskette (!) - zu mir gebracht werden -
eine sagenhafte "Datenübertragung" - sozusagen per reitendem Boten... und
was wird das erst, wenn die ganzen Touris den Berg entern und essen wollen -
und was macht der Restaurantpächter aus mir, wenn wir einen halben Tag
sein Telefon lahmlegen (wollen..)? Alle, die Ihr diese Übertragung gesehen
habt, seid dem Mann dankbar - er hat es alles klaglos ausgehalten !
Nach Kalibrierungsarbeiten mit stocksteifen Fingern
gewann Minute für Minute das Adrenalin mehr die Oberhand, Kälte,
Hunger und Durst waren vergessen und dann...eine schwarze Einkerbung in der
Sonnenscheibe - Alarm, die Venus! Der Sucher mit der Videokamera zum
Nachführen ist falsch eingestellt....Hektik...Durcheinander...endlich
läuft alles - und das Fernsehen wünscht ein Interview.
Mit den Sonnensichtbrillen war der schwarze Punkt
deutlich auch ohne weitere vergrößernde Optik sichtbar,
phantastisch, das hat zuletzt ein Mensch vor 122 Jahren gesehen.
Nach der erste Stunde Hektik war unser Team sehr gut aufeinander
eingespielt: Martin Rietze überwachte die Rechner und zog alle paar
Minuten ein Bild auf Diskette, abwechsend rannte jeder mal hin und her im Tanz
um die Touris und brachte mir "ein einzelnes Bild nach dem anderen" oder
unterstützte Martin am Rechner beim Überwachen der Funktionen, beim
Nachfokussieren und Nachjustieren der Teleskope und natürlich beim
"Blendenwechsel". (Bild 5, rechts).
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Sechs Stunden lang - alle 30 Sekunden - wurde die
Blende vor dem H -alpha Fernrohr manuell auf und wieder zugemacht, um jeweils
ein Bild mit Betonung auf die (verd. spärlichen) Protuberanzen und ein
weiteres mit Schwergewicht auf die Oberfläche machen zu können - das
zu automatisieren war uns nicht mehr rechtzeitig gelungen.
Um 10 Uhr ging dann der Ansturm richtig los:
Japaner, Italiener, Chinesen...Touristenmassen auf
dem Fernrohr-Plateau und auch dichtes Gedränge vor meinem Platz vor der
Wirtschaft, dazwischen ein siebzigjähriges, selbsternanntes, sehr
bayerisches Musikgenie, welches unsere angespannten Nerven abwechselnd mit
Alphorn-Röhren, mit unglaublichen Klängen aus diversen Posaunen,
Trompeten und Quetschen - ja sogar mit gejodeltem Volksgut - bis in die
Grundfesten erschütterte. Wir konnten ja im Gegensatz zu allen anderen
Menschen auf dem Platz nicht einfach weglaufen... . |
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Unsere Fernrohre waren mit Flatterband abgesperrt, dennoch
wirkte der Trubel nach kurzer Zeit ziemlich bedrängend - solche
Menschenmassen - die "unseren" bis dahin friedlichen Gipfel nun okkupierten.
(Bild 6, links).
Ich saß im Freien- wenige Meter weg von einem
Grill mit Rostbratwürsten, Duftschwaden zogen mir um die Nase bis
in´s Hirn. Die pralle Sonnenstrahlung auf 3000m Höhe mit hohem
UV-Anteil kocht einen als Galeerensklaven richtig durch, trotz der nur +10 Grad
Lufttemperatur.
Die
jeweiligen Diskettenbilder für die steinzeitartige Übertragung
einzurichten, lässt einem keinerlei Zeit für irgendeine Ausflucht -
es blieb noch nicht mal Zeit, die über meinem Kopf verführerisch
beworbenen bayrischen Schmanker´l zu verkosten (Bild 7, rechts),
außer für Kaffee und Wasser war für nichts Zeit.
Das grelle Sonnenlicht schmerzt trotz Sonnenbrille
in den Augen - das sollte noch stundenlang so gehen - die meisten Texte wurden
blind eingetippt, weil man vor Helligkeit den Monitor nicht ablesen konnte (nur
daher die Tippfehler...).
Zwischendurch gab der Server von Astronomie.de fast
den Geist auf - aufgrund der vielen Zugriffe. Mit dem Handy war ein
ständiger Kontakt in die "Lage-Zentrale" nach Homburg geknüpft, wo
man sich nach Kräften bemühte den Server zu entlasten. Mein Laptop
nebst einer Diskette stieg öfter wegen der Hitze in der Sonne aus, bei
Martin versagte ebenfalls ein Rechner den Dienst für 20min., was eine
Aufnahmeserie unterbrach. Ärgerlich, doch ansonsten gab es keine
größeren technischen Probleme - kein Wunder, angesichts der
fürsorglichen Art mit der die Daten "zu Fuss" in´s Netz geschaufelt
wurden - wir hatten alle gut zu tun...
Vier Kameras schossen je 2 Bilder pro Minute im UV,
Weißlicht (Übersicht), Weißlicht (Detail), und Halpha. Mehr
als 100 Gigabyte Bilddaten entstanden in den folgenden sechs Stunden, die wie
im Fluge vergingen. |
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Als das
Venusscheibchen den Sonnenrand schließlich ohne ein deutliches
Tropfenphänomen (Bild 9, links) verlassen hatte, war uns klar: die
Mühe hatte sich gelohnt, wir waren als Amateure "live" dabei als
Wissenschaftsgeschichte geschrieben wurde - beim ersten Venustransit im
Computer- und Raumfahrtzeitalter.
Die saubere Verarbeitung der vielen Bilder zu
Animationen ist sehr langwierig, ein erstes Ergebnis war im "heute journal" zu
sehen, die hier gezeigten Bilder und Filme sind natürlich z.T. leider
stark komprimiert. |
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Den Atmospärenring beim Eintritt/Austritt kann
man auf den UV-Fotos erahnen, hätten wir nur länger belichtet! Dieses
Phänomen ist uns zugunsten der auf unsere Animationen/Aufnahmeserien
optimierten Belichtungszeiten leider fast entgangen (Bild 10, Bild11). Aber was
soll`s: die vielen hundert Fotos, Filme sowie der Bericht des "heute journal" -
und der Sonnenbrand - werden uns noch lange an dieses einzigartige Erlebnis
erinnern. |
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 Anmiertes Gif Transit |
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| Bild 10 |
Bild 11 |
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Vielen Dank an alle die dieses einmalige Erlebnis
möglich gemacht haben, vor allem an die Fraunhofer-Gesellschaft für
die Erlaubnis zur Nutzung ihrer Räumlichkeiten und an die Mitarbeiter der
Gipfelstation für ihr Verständnis und die Bereitstellung der
unbedingt notwendigen Absperrung.
Und zuguter Letzt noch ein ganz besonderes
Dankeschön - an PETRUS, der uns so gnädig gesonnen war.
Pünktlich - 10 Minuten nach dem vierten Kontakt - kroch auch schon die
erste Quellwolke wieder über die Sonnenscheibe. So hat uns der gute Petrus
doch tatsächlich davor bewahrt Martin's Ausspruch vom Vortag (...die
"Deppen der Nation") auskosten zu müssen. |
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Michael
Risch m9mr (at) baader-planetarium.de http://www.astronomie.de/usr/risch
http://www.baader-planetarium.de
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