Gigantische
DNA-Struktur im Herzen der Milchstraße |
| von Dr.
Harald Zaun |
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US-Astronomen
entdecken im Kern der Galaxis "Doppelhelix-Nebel", der dem stärksten
Magnetfeld der Milchstraße folgt. |
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Im Innern der Milchstraße tummeln sich seltsame
(Un-)Gestalten. Die bislang bekannteste davon ist das riesige Schwarze Loch
Sagittarius A* (SgrA*), das in fernster Zukunft einen Großteil der
Galaxis verschlingen wird. Dass in dieser Region auch noch andere bizarre
Gebilde ihr Dasein fristen, konnten unlängst US-Astronomen mit dem
NASA-Infrarotobservatorium Spitzer beobachten. Sie entdeckten ein relativ
starkes Magnetfeld, dem ein Nebel folgt, der morphologisch einer Struktur
gleicht, die - obgleich in dieser Ecke der Milchstraße irdisches Leben
keinerlei Überlebenschance hätte - heute gemeinhin als Symbol
für biologisches Leben gilt.
Für einen irdischen Raumfahrer wäre eine
Exkursion in das Herz unserer Milchstraße kein Vergnügen. Hier,
26.000 Lichtjahre von unserem Sonnensystem entfernt, hätte jedwede
biologische Lebensform aufgrund der hiesigen extrem hohen Gamma- und
Röntgenstrahlung und enormen Gravitation einen höchst schweren Stand.
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Schwarzes Loch und kosmischer Kreißsaal
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SgrA - SL Astrofoto des galaktischen
Zentrums mitsamt dem Schwarzen Loch SgrA*. Der Schnappschuss gelang dem
NASA-Weltraumteleskop Chandra, das sich dem Röntgenbereich des
elektromagnetischen Spektrums widmet. Credit: NASA/CXC/MIT/F.K. Baganoff et
al.) |
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Zuzuschreiben ist dies einerseits dem dort ansässigen
supermassiven Schwarzen Loch Sagittarius A* (SgrA*), das - ausgestattet mit
mindestens
2,6
Millionen bis maximal
4
Millionen Sonnenmassen - in der unmittelbaren Umgebung von Sagittarius A
(Sternbild Schütze) sein Unwesen treibt.
Dass es in diesem Teil der Milchstraße "heiß"
hergeht und eine regelrechte Überflutung von Strahlung, die in gewisser
Weise die gesamte Region "sterilisiert", den dort nicht allzu alltäglichen
All-Tag prägt, hat andererseits auch "stellare" Gründe. Denn nahe des
galaktischen Zentrums befindet sich zugleich ein höchst aktiver kosmischer
Kreißsaal bzw. eine Sternentstehungsregion, in der sich neuesten
astronomischen Kenntnissen zufolge alle 20 Millionen Jahr heftige
Sternentstehungsphasen ereignen, die mit teils gewaltigen
Supernova-Explosionen
einhergehen. |
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Kosmische DNA-Struktur
Über die Tatsache, dass in unmittelbarer Nähe
zum galaktischen Zentrum auch andere kuriose Dinge geschehen und bizarr
wirkende Strukturen aus Gas und Staub heimisch geworden sind, berichten jetzt
drei US-Astronomen in der aktuellen "Nature"-Ausgabe (16. März 2006, Ausgabe
440, Nr. 7082, S. 308-310). Dank der sensiblen Infrarotaugen des
NASA-Weltraumteleskops
Spitzer fanden sie in der Nähe des galaktischen Zentrums einen
kosmischen Nebel, dessen Form und Struktur beim ersten Hinschauen sehr an die
schraubenartig aufgebaute Doppelhelix der DNA erinnert.
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Falschfarbenbild
DHN Spitzer-Infrarot-Falschfarbenaufnahme vom Doppel-Helix-Nebel
Bildnachweis: M. Morris, UCLA |
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Für
Mark
Morris und Tuan Do von der University of California (Los Angeles/USA) und
Keven
Uchida vom "Center for
Radiophysics and Space Research" (CRSR) der Cornell University (New
York/USA) war es ein Zufallsfund. Ursprünglich untersuchten sie mit der
Spitzer-Kamera "Multiband
Imaging Photometer" (MIPS) die magnetischen Felder in der Nähe des
galaktischen Zentrums, sprich in der unmittelbaren Umgebung von Sagitarrius A*,
dem größten Schwarzen Loch in der Milchstraße.
"Eine Beschreibung des im Innern der Galaxis wirkenden
magnetischen Feldes ist deshalb wichtig, weil dieses auf molekulare Wolken eine
Zugkraft ausüben und so deren Umlaufbahnen beeinflussen kann - sowie die
Entstehung von Sternen verhindern und sogar einen Wind von heißen Gasen
oder kosmischer Strahlung aus dem Zentrum der Milchstraße lenken kann",
erklären die Forscher in ihrem zweieinhalbseitigen "Nature"-Beitrag.
Bei ihren Beobachtungen kristallisierte sich heraus, dass
das Magnetfeld um SgrA* eine dipolare geometrische Struktur hat und das im
freien Raum mit Abstand stärkste seiner Art in der Milchstraße ist.
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Hoher Grad von Ordnung
Der eigentliche Clou an der Entdeckung ist aber, dass auf
den magnetischen Feldlinien ein Gas- und Staubnebel "reitet", dessen
ungewöhnliche Form indirekt von besagtem Magnetfeld geprägt wird. Da
das Gebilde morphologisch stark an eine spiralartig geformte
Doppelhelix
einer DNA erinnert, gaben ihm Mark Morris und seine Kollegen folgerichtig
den Namen "Doppelhelix-Nebel" (DHN). "Wir sehen zwei ineinander verflochtene
Fäden, die sich wie ein DNA-Molekül gegenseitig umwickeln", so Mark
Morris, der Hauptautor der Studie, gegenüber Telepolis. "Bislang kennen
wir im All keine auch nur annähernd ähnlich geformte Struktur."
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Galaktisches
Zentrum Infrarot-Astrofoto des galaktischen Zentrums. Es wurde im
Jahr 2000 während der 2MASS und MSX-Observationen aufgenommen.
Bildnachweis: 2MASS Project, Umass, IPAC/Caltech, NSF, NASA |
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Tatsächlich unterscheiden sich alle bisher
lokalisierten Nebel im All von dem Doppelhelix-Gebilde durch ihre amorphe
Struktur. Sie sind in der Regel formlos und weisen nicht den hohen Grad von
Ordnung wie der Doppelhelix-Nebel auf.
Woraus DHN chemisch genau besteht, ist zwar noch
völlig unklar. Immerhin sind sich die Forscher sicher, dass der Staub in
DHN relativ warm ist, "so ungefähr 27 Grad Celsius", vermutet Morris. Was
die Größe von DHN anbelangt, können die Astronomen ebenfalls
nur schätzen. 80 Lichtjahre lang könnte das dunstige Objekt sein. In
einer Distanz von "nur" 300 Lichtjahren zum Schwarzen Loch Sagittarrius A* soll
es am dynamischen Zentrum der Milchstraße entlang treiben - mit seiner
Achse senkrecht zur galaktischen Ebene |
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1000 Kilometer pro Sekunde schnelle Drehwelle
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Circumnuclear
Disk Hier ein wunderschönes Hubble-Bild (1998) einer
zirkumnuklearen Scheibe, die einen Durchmesser von 3700 Lichtjahren hat. Solche
Gebilde bestehen aus Gas und Staub und rotieren um ein Schwarzes Loch - in
diesem Fall handelt es sich um ein Schwarzes Loch in der Galaxie NGC 7052.
Bildnachweis: Credit: Roeland P. van der Marel (STScI), Frank C. van den Bosch
(Univ. of Washington), and NASA. |
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"Wir interpretieren den Doppelhelix-Nebel als
magnetohydrodynamische Plasmawelle (Alfvén-Welle), die sich in der
Nähe des Milchstraßenzentrums mehr oder weniger senkrecht auf
galaktischen Ebene entlang der magnetischen Feldlinien bewegt", erklärt
Morris. Sie werde von der Rotation einer magnetisierten zirkumnuklearen
Gasscheibe angetrieben, also von jener Scheibe aus Gas und Staub, die einmal in
10.000 Jahren um das supermassive Schwarze Loch im Kern der Milchstraße
rotiert (siehe Bild NGC 7052). Die Geschwindigkeit der
Alfvén-Welle
(Plasmawelle) bzw. die des Doppelhelix-Nebels hingegen beläuft sich auf
zirka 1000 Kilometer pro Sekunde. "Wir haben diesen Wert nicht gemessen,
sondern nur geschätzt", gesteht Morris diesem Magazin.
Das Aussehen des Doppelhelix-Nebels ist auf die verdrehten
Magnetfeldlinien in dieser Region der Galaxis zurückzuführen. "Sie
können sich die Linien dieses Magnetfeldes als straff gespanntes Gummiband
vorstellen", beschreibt Morris. "Wenn sie an einem Ende davon drehen und weiter
drehen, verwickelt sich das ganze Band." |
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Spitzer
Teleskop Bis mindestens 2008 sollen Spitzers Infrarotaugen ins All
starren. Bildnachweis: Credit: NASA/JPL-Caltech |
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Zwar sei die Stärke des innergalaktischen
Magnetfeldes mit einem Milligauss (mG) auf dem
ersten Blick sehr gering und wäre - allein gemessen an diesem Wert - sogar
1000-mal schwächer als die der Sonne.
Aber in Wirklichkeit hat das Magnetfeld im Innern der
Milchstraße ein derart großes Volumen, dass es sogar im den Faktor
1000 größer und stärker ist, als das Magnetfeld in den
Außenbezirken der Galaxis, was "ungefähr 1000 Supernovae
entspräche", verdeutlicht Morris. |
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DHN auch in anderen Galaxien
Noch sei der direkte Zusammenhang zwischen dem Magnetfeld,
der zirkumnuklearen Scheibe und dem Doppelhelix-Nebel noch höchst
verschwommen, gestehen die Forscher im "Nature", aber immerhin gäben die
Bilder zu weiteren Untersuchungen Anlass. Sicher hingegen sei, dass Sagittarius
A* allenfalls einen indirekten Einfluss auf DHN und das Magnetfeld habe.
"Da die Schwerkraft von SgrA* die Rotation der
zirkumnuklearen Scheibe bedingt, wird der Doppelhelix-Nebel, so unsere
Vermutung, von der rotierenden Scheibe mitgerissen."
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Falschfarben
(negative image) BU: Spitzer-Infrarotaufnahme vom
Doppel-Helix-Nebel ("negative image") (Infrared image of the Double Helix
Nebula - negative image) Bildnachweis: M. Morris, UCLA. |
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Nach Ansicht von Mark Morris ist die Wahrscheinlichkeit
groß, dass sich unter bestimmten Voraussetzungen auch in anderen Galaxien
starke Magnetfelder und Strukturen wie der Doppelhelix-Nebel heranbildet haben:
"Ich schätze mal, dass gasreiche Spiralgalaxien
häufig dieselben erforderlichen Elemente mitbringen: ein zentrales
supermassives Schwarzes Loch, eine verhältnismäßig massive
Gasscheibe, die das Schwarze Loch umkreist und ein starkes Magnetfeld in der
Kernregion. Mittels solcher Elemente vor Ort sollte eine Drehwelle leicht zu
generieren sein - und sich in Gestalt einer Doppelhelix zu erkennen
geben." |
| www.telepolis.de |
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