Jenseits des
Nobelpreises |
Klaus von Klitzing im
InterviewWas ein Nobelpreisträger über Medien,
Raumfahrt, SETI und Aliens denkt |
| (C) Dr. Harald Zaun,
2001 |
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Für seine Entdeckung des Quanten-Hall-Effekts konnte
Klaus von Klitzing im Jahre 1985 den Nobelpreis entgegennehmen. Hunderte von
Interviews folgten. Bis auf den heutigen Tag thematisierten dabei alle Reporter
verständlicherweise den Nobelpreis, seinen Träger und den Privatmann
von Klitzing. Doch es war mal an der Zeit, dieses Paradigma zu durchbrechen und
den "Wissenschaftler" zu Wort kommen zu lassen - ihn mit Fragen zu
konfrontieren, die fürwahr jenseits des Nobelpreises liegen. |
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H. Zaun: Herr von Klitzing, vor 16 Jahren, als
Ihnen der Nobelpreis verliehen wurde, steckte das Internet noch in den
Kinderschuhen. Inwieweit hat das Netz Ihre Arbeit verändert?
Klaus von Klitzing: Heutzutage ist für einen
Wissenschaftler das Internet wohl die wichtigste Art der Kommunikation, sieht
man einmal vom persönlichen Kontakt ab. Wenn ich bedenke, dass ich in dem
Jahr meiner Auszeichnung (1985) noch mit Telex gearbeitet habe und zwei Tage
warten musste, bis ein von mir entsandtes Schreiben von einem
ausländischen Adressaten beantwortet wurde, funktioniert das heutzutage
alles blitzschnell. Fordere ich heute irgendein wissenschaftliches Dokument an,
erhalte ich es egal wo ich mich befinde in Sekundenschnelle.
Anderseits nimmt die Informationsflut im Internet auch Überhand, was
mitunter die zunehmende Kommerzialisierung dieses Mediums zu verantworten hat.
Eigentlich ist das Ganze kaum noch zu überschauen. |
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H. Zaun: Ist die Wissenschaft durch das Internet
globaler geworden?
Klaus von Klitzing: Ja, gerade durchs Internet
fühle ich diese Globalität. Wenn ich etwa morgens mit Australien und
nachmittags mit Nordamerika E-Mails austausche, kommt diese Globalität zum
Tragen. |
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H. Zaun: Der Kontakt zwischen Journalisten und
Wissenschaftlern ist aber durch das Internet direkter geworden. Man kann sich
in die Instituts-Website einklinken und mit den Forschern via E-Mail direkt
kommunizieren. Ist diese Entwicklung zu begrüßen?
Klaus von Klitzing: Sicher ist diese Entwicklung
begrüßenswert. Dennoch existiert meiner Erfahrung nach zwischen
Journalisten und Wissenschaftlern ein gespanntes Verhältnis. Eigentlich
sollte ein Vertrauensverhältnis vorhanden sein, was aber aufgrund der
Tatsache, dass der Forscher den Journalisten in den meisten Fällen nicht
persönlich oder dessen Hintergrund kennt, selten gegeben ist. |
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| Professor Klaus von Klitzing, Bildnachweis: Zaun |
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H. Zaun: Wie sind denn Ihre persönlichen
Erfahrungen mit Journalisten?
Klaus von Klitzing: Wenn ich zum Beispiel merke,
dass ein Journalist nur darauf aus ist, eine reißerische Story zu
fabrizieren und ein Geschäft auf meine Kosten zu machen, reagiere ich
empfindlich. Mittlerweile bin ich grundsätzlich skeptisch, wenn ich zum
ersten Male einem Pressevertreter begegne. Meine Kinder glauben längst
nicht mehr alles, was in Zeitungen steht. Vor allem nachdem sie mitbekommen
haben, wie bestimmte Journalisten über meine Familie und mich berichtet
haben. Obwohl ich stets darauf hinweise, dass familiäre Aspekte bitte
außen vor gelassen werden sollten, habe ich die Erfahrung machen
müssen, dass viele Reporter einfach etwas erfinden oder bewusst falsch
darstellen. Gewiss, auch ich versuche mich in die Situation von freien
Journalisten hineinzudenken und bin mir darüber im klarem, dass diese ihre
Beiträge an Zeitungen verkaufen müssen. Diese stehen natürlich
auch unter einem gewissen Druck. Aber alles sollte seine Grenzen haben.
Journalisten sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein. |
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H. Zaun: Meinen Sie damit in erster Linie die
Vertreter der Yellow Press?
Klaus von Klitzing: Ja! |
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H. Zaun: Gibt es aus Ihrer Sicht qualitative
Unterschiede zwischen den einzelnen Medienkategorien sprich Fernsehen,
Radio, Print und Online?
Klaus von Klitzing: Also im Fernsehen besteht dass
Problem darin, dass eine Aussage innerhalb von drei Minuten abgeschlossen sein
muss, weil sich anscheinend keiner mehr länger konzentrieren kann. Das ist
natürlich ein Problem, vor allem für Wissenschaftler, die nur
schwerlich in dieser kurzen Zeit eine Theorie oder einen komplexen Sachverhalt
angemessen darstellen können. Insofern haben es Fernsehleute fraglos
schwerer, ein Thema vielschichtig zu behandeln, weil sie nicht so in die Tiefe
gehen können wie etwa ein Fachjournalist aus dem Print-Bereich. Dies
rührt auch daher, weil die Mehrheit der Bevölkerung dem, was
seriöse Journalisten schreiben, intellektuell nicht mehr folgen kann. Nur
noch wenige registrieren, wie interessant zum Beispiel das Thema Physik in
einem wissenschaftsjournalistischen Artikel sein kann. Offensichtlich fehlen
vielen Menschen dafür leider die Rezeptoren. |
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H. Zaun: Sie sind mittlerweile 58. Kann man auch
als 50- oder 60-jähriger Wissenschafter schöpferisch bleiben?
Lässt sich wissenschaftliche Kreativität konservieren, vielleicht
sogar steuern?
Klaus von Klitzing: Anstelle von Kreativität
des Alters würde ich lieber von Erfahrung reden. |
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H. Zaun: Aber durch Erfahrung kann doch auch
wieder Kreativität erwachsen?
Klaus von Klitzing: Ja, sicher.
Bekanntermaßen sind ja viele Erfindungen nicht am Schreibtisch entworfen
worden, sondern meist in einem Entwicklungsprozess während eines
Experimentes oder einer Beobachtung entstanden. Aber genau so etwas kann man
eben nicht organisieren und steuern. Allerdings lassen sich andere Faktoren
steuern wie etwa die Atmosphäre, wozu etwa die Freiheit des
Forschers zählt. Stimmen die Arbeitsbedingungen, kommt das der
Kreativität sicherlich zugute. |
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H. Zaun: Einstein sagte einmal: Ich bin kein
Genie, sondern nur leidenschaftlich neugierig. Wie wichtig ist der Faktor
'Neugierde' für den Wissenschaftler?
Klaus von Klitzing: Dieser ist sehr wichtig. Meines
Erachtens hängt die treibende Kraft, die einen Forscher beflügelt,
eng zusammen mit der wissenschaftlichen Fragestellung und dem Gefühl
für das Spannende an der Sache und dem Drang, seine Neugier zu
befriedigen. Ich glaube, dass fast jeder Wissenschaftler in seinem Beruf auch
ein Hobby sieht. |
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H. Zaun: Die Philosophie ist Vater- und
Mutterwissenschaft aller Wissenschaften. Aus ihr kristallisierten sich die
heutigen Naturwissenschaften heraus. Heute steht die Philosophie aber
außerhalb aller anderen Wissenschaften. Glauben Sie, dass sich beide
Disziplinen wieder mehr aufeinander zu bewegen müssen?
Klaus von Klitzing: Also ich kenne viele
hochstehenden Persönlichkeiten, die von der Geisteswissenschaften kommen,
andererseits aber fast stolz darauf sind, nicht genau zu wissen, was ein
Elektron ist. |
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H. Zaun: Aber wie das möglich. Man muss doch
heutzutage interdisziplinär arbeiten und denken, will man ein komplexen
Gegenstand erforschen?
Klaus von Klitzing: Gewiss, aber wir haben ja schon
innerhalb der Naturwissenschaften genug Probleme mit dem
Interdisziplinären. Das gilt auch für mich: Ich habe als
Naturwissenschaftler bereits reichlich Schwierigkeiten, die Brücke zur
Biologie oder Geologie zu schlagen. So kann es nicht verwundern, dass es mir
bislang erst recht nicht gelungen ist, die Brücke zu den
Geisteswissenschaften zu schlagen. Trotzdem müssen die Naturwissenschaften
in Zukunft mehr als Einheit betrachtet werden. An der zu erwartenden Dynamik in
den Naturwissenschaften in den kommenden Jahren werden alle Gebiete beteiligt
sein. |
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H. Zaun: Wie ist es Ihrer Ansicht nach um die
Zukunft der Physik bestellt?
Klaus von Klitzing: Global gesehen wird sich die
Physik in Zukunft in drei Gebiete aufspalten. Zunächst einmal haben wir
die Astrophysik, die den Ursprung des Universums und die Entwicklung des Kosmos
als Ganzes zu hinterfragen versucht. Zweitens die Quantenphysik, wo die Suche
nach dem kleinsten Baustein unaufhörlich weitergeht. Und die dritte
große Säule ist die realistische praktische Physik die
Materialwissenschaft. Fraglos werden in den nächsten Jahrzehnten auch die
Nano-Strukturen, jene sehr kleine Materialien, in denen wir neue Funktionen und
Eigenschaften suchen, eine große Rolle spielen. |
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H. Zaun: Wer eine Zeitlang in der Schwerelosigkeit
geschwebt und die Zerbrechlichkeit unseres blauen Planeten bewusst miterlebt
hat, kehrt angeblich verändert zurück und sieht die Welt fortan mit
anderen Augen. Glauben Sie, dass bemannte Raumfahrt den Blickwinkel für
das Ganze verändern und einen Bewusstseinswandel einleiten kann?
Klaus von Klitzing: Gerade bei Astronauten habe ich
den Eindruck, dass diese, nachdem sie im Weltraum waren, mehr
Verantwortlichkeit für die Menschheit als Ganzes empfinden, nicht zuletzt
deshalb, weil man in Amerika sich immer als Kern der Welt betrachtet. Als die
US-Astronauten aber sahen, wie klein die Erde doch ist und verloren im Weltraum
rumschwebt, ist ihnen klar geworden, wie unbedeutend ein einzelnes Land auf der
Erde ist und dass man den Heimatplaneten als Ganzes sehen muss. Jene, die im
All waren, zeigten plötzlich viel mehr Verantwortung für globale
Fragen, die nicht nur Amerika betreffen. Dies haben mir zumindest viele
Raumfahrer erzählt. |
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H. Zaun: Die vielleicht spannendste Frage der
Postmoderne ist: Sind wir allein im Kosmos? Interessanterweise glauben die
meisten Physik, Chemie und Medizin-Nobelpreisträger, dass wir
zwangsläufig Brüder im All haben müssen. Wie sehen Sie das?
Klaus von Klitzing: Also, ich kann mir nicht
vorstellen, dass im gesamten Universum nicht irgendwo Entwicklungen gegeben
hat, die auf der Chemie aufbauend irgendwelche komplexere Systeme
hervorgebracht hat. |
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H. Zaun: Komplex bis zu einer intelligenten
Lebensform?
Klaus von Klitzing: Warum eigentlich nicht. Sollten
wir wirklich so einzigartig sein in der Welt? Ich kann es mir nicht vorstellen.
Wenn mich heute jemand fragt: Sind wir einzigartig? würde meine Antwort
lauten: Höchstwahrscheinlich nicht! Werfe ich einen Blick auf das gesamte
Universum, sage ich mir, dass die Erde nichts besonderes ist. |
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H. Zaun: Was ist Ihrer Ansicht nach von den
SETI-Radioastronomen zu halten, die schon seit über 40 Jahren den Himmel
nach intelligenten Funksignalen außerirdischen Ursprungs absuchen. Sind
diese nicht maßlos optimistisch?
Klaus von Klitzing: Denken Sie an die Pioneer 10
und 11 Sonden. Die Wissenschaftler, die beide Sonden in weiser Voraussicht mit
einer Botschaft von der Erde bestückten, waren Optimisten in reinster
Ausprägung. |
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H. Zaun: Müssen sich Religion und
Wissenschaft eigentlich einander ausschließen?
Klaus von Klitzing: Mit Sicherheit schließt
sich das nicht aus, weil Wissenschaft nun einmal nicht alles zu erklären
vermag. Und die Religion ist in gewisser notwendig, um das zwischenmenschliche
Miteinander zu gewährleisten. Die meisten Wissenschaftler akzeptieren sie
im allgemeinen, wenngleich dabei nicht allen religiösen Inhalten
bedingungslos Glauben geschenkt wird |
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