"Astronomie ist
unglaubliche Ahnenforschung auf allerhöchstem Niveau" |
Professor Dr. Harald
Lesch im Gespräch |
| (C) Dr. Harald Zaun,
2001 |
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Eppur si muove - "Und sie bewegt sich doch"
soll Galileo Galilei (1564-1642) während seines Inquisitionsprozesses im
Jahr 1633 leise vor sich hin gemurmelt haben, als man ihn zwang, seine Lehre
von der sich um die Sonne bewegenden Erde zu widerrufen. Wenngleich dieses
Zitat dem Reich der Legende entstammt, spiegelt es doch die Tragik der
Universalgelehrten und Kosmologen der Aufklärung wider.
Wer früher auf der Suche nach der Wahrheit die
Autorität der Kirche in Frage stellte und den christlichen Dogmen
widersprach, lief Gefahr, auf dem Scheiterhaufen zu enden, so wie der
italienische Dominikanermönch und Philosoph Giordano Bruno (1548-1600).
Womit sich in der Epoche der Aufklärung geistes- und
naturwissenschaftlich gebildete Universalgelehrte dereinst beschäftigten,
ist heute zweifelsfrei die Domäne der Physiker, Astronomen und
Mathematiker: Sie und nicht mehr Philosophen oder Theologen sind die letzten
echten Kosmologen der Postmoderne. Was früher die naturwissenschaftlich
geprägten Philosophen bewirkten, setzen heute philosophisch orientierte
Naturwissenschaftler in die Tat um: Sie rütteln an den Festen unseres
Weltbildes, bringen dasselbige bisweilen ins Wanken und manchmal sogar zu Fall.
Nein, langweilig, trocken und weltfremd, was ihnen oft nachgesagt wird, sind
sie beileibe nicht, da sie sich tagtäglich mit dem auseinandersetzen, was
die Welt im Innersten zusammenhält. Sie versuchen den Bogen von der
Quantenphysik zur Kosmologie zu spannen und wandeln dabei manchmal an der
Grenze des Metaphysischen.
Dass Astrophysiker und Theoretiker alles andere als
langweilig sein müssen, beweist Dr. Harald Lesch (40). Der Professor
für theoretische Astrophysik an der Universität München, zu
dessen Hauptforschungsfeldern Schwarze Löcher, Neutronensterne und
kosmische Plasmaphysik zählen, ist durch die TV-Astronomie-Reihe "Alpha
Centauri" im Bayerischen Fernsehen (BR-alpha) bekannt geworden. Prof. Lesch,
der den Elfenbeinturm der Wissenschaft häufig verläßt, um
Menschen für die Astronomie zu begeistern und zu gewinnen, ist dabei nicht
nur ein vielseitig interessierter Wissenschaftler, der Gefallen an Goethe und
historischen Themen findet, sondern darüber hinaus auch jemand, der das
Interdisziplinäre und das Zwischenmenschliche in der Wissenschaft
großschreibt. |
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H. Zaun: Schwarze Löcher, Superstrings,
Gravitationswellen, Wurmlöcher, SETI all diese Begriffe sind heute
salonfähig wie nie zuvor. Der Erfolg ihrer Sendung Alpha Centauri, die
sich all dieser Fragen annimmt, beweist, dass derartige Themen auch den
naturwissenschaftlich interessierten Laien faszinieren.
Harald Lesch: Meiner Erfahrung nach wird die
Astronomie von der Öffentlichkeit als die interessanteste Disziplin
innerhalb der Naturwissenschaften angesehen. Was den Bereich Public Relation
anbelangt, haben die Astronomen einen viel geringeren Handlungsbedarf als
Vertreter anderer naturwissenschaftlicher Disziplinen. Und zwar deswegen, weil
sich das Gros der Bevölkerung für astronomische Themen interessiert.
Gehe ich in eine Kneipe und erwähne beiläufig, dass ich Astronom bin,
kommen unter Garantie Fragen wie "Was war der Big Bang, und was war vor ihm?"
Ganz nach der Devise: "So, Herr Astronom, erklären Sie mir doch mal bitte,
was Sie eigentlich so machen, aber dergestalt, dass ich es auch verstehen
kann". Ich glaube, dass diese Art des Erzählens bei interessierten Laien
besser ankommt, als irgendwelche fiktiven computergenerierten Raumschiffe, die
in Schwarze Löcher hineinsausen. |
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H. Zaun: Und dennoch führt die Astronomie in
der Schul- und Weiterbildung ein Schattendasein. Sehen Sie hier
Handlungsbedarf?
Harald Lesch: Insgesamt ist in Deutschland in den
letzten zwanzig Jahren tatsächlich viel zu wenig getan worden, um die
Öffentlichkeit für die Naturwissenschaften zu sensibilisieren. Warum
dies so gekommen ist, vermag ich nicht zu erklären.
Ich muss ganz ehrlich gestehen, dass ich mir am Anfang der
Fernsehsendung keine großen Gedanken gemacht habe, inwieweit die
Astronomie als Ganzes Nachholbedarf hat oder nicht. Die Astronomie hat ganz
sicher dadurch einen unglaublichen Anstoss bekommen, dass wir zum ersten Mal
Teleskope im All haben, die fantastische Bilder abliefern. Zusammen mit dem
Internet ging ein großes Tor auf. Per Mausklick kann auf einmal jeder
direkt an die neuesten Bilder kommen.
Insofern hat die Astronomie heute, was die Darstellung von
naturwissenschaften Erkenntnissen in der Öffentlichkeit betrifft, ein
riesengroßes Potenzial. Andererseits ist die Astronomie wie keine andere
Naturwissenschaft den Geisteswissenschaften sehr nahe. Und zwar deswegen, weil
sie im Gegensatz zu den anderen naturwissenschaftlichen Fächern genau wie
die Philosophie immer die Frage nach dem Ganzen stellt. Wie funktioniert die
Welt als Ganzes? |
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H. Zaun: wäre die Kosmologie so eine Art
Katalysator, eine Art Zwischenglied?
Harald Lesch: Völlig richtig! Genau das; und
deswegen verstehen sich Astronomen und Philosophen recht gut, weil sie an den
gleichen Fragen arbeiten. |
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H. Zaun: Gibt es heute überhaupt noch eine
scharfe Grenze zwischen Astronomie und Astrophysik?
Harald Lesch: Nein, die Grenzen sind längst
verwischt. Heute ist Astronomie gleich Astrophysik. Beides wird bei uns
nebeneinander völlig gleichrangig behandelt. Eine Astronomie im
klassischen Sinne hingegen, die nur Objekte am Himmel benennt, gibt es heute
nicht mehr. Vielmehr gehen wir gemeinsam der Frage nach: Wie funktionieren die
Dinge da oben? Sind die Naturgesetze, die ich hier auf der Erde im Labor
entdecke, überall im Universum anwendbar? Oder gibt es irgendwelche
Abweichungen? Wenn ja, was bedeutet dies? Wir merken, dass wir nur einen
winzigen Weltausschnitt direkt erfahren können. Und die Erfahrung, dass
das, was wir im Universum sehen, sich auch theoretisch vorhersagen und von
anderen Forschern via Teleskop bestätigen lässt, erklärt, warum
wir Astronomen unter den Naturwissenschaftlern das ausgeprägteste
Selbstbewußtsein haben. Wir können uns damit trösten: He,
wenn unsere Naturgesetze falsch sind, dann sind sie verdammt gut falsch.
Denn einerseits erklären sie uns eine ganze Menge; andererseits erlauben
sie uns, derart bizarre Dinge vorherzusagen, von denen keiner zuvor angenommen
hätte, dass sie wirklich existieren. Das macht das Gespräch mit einem
Geisteswissenschaftler in gewisser Weise aber fast wieder unfair. Denn viele
Geisteswissenschaftler beschäftigen sich mit Bereichen, wo die
Interpretation einen großen Raum einnimmt. Ich als Astronom kann hingegen
sagen: Das sind die Fakten; da gibt es nichts zu interpretieren. Ein
Neutronenstern bleibt ein Neutronenstern; er ist nicht interpretierbar. Das
führt natürlich sofort dazu, dass man in der Diskussion mit
Geisteswissenschaftlern schnell in die Rolle des Wissenden gedrängt
wird. |
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H. Zaun: Wie groß ist der Spaßfaktor
bei Ihrer Arbeit?
Harald Lesch: Menschen, die Astronomie betreiben,
machen dies, weil es ihnen erstens unglaublich großen Spaß macht,
und weil es sie offensichtlich innerlich tief befriedigt. Für mich gibt es
nichts befriedigenderes als mich mit den zentralen Frage der Kosmologie
auseinanderzusetzen und dabei immer wieder ins Staunen zu geraten und zu sagen:
"Meine Güte, was für ein Universum!" |
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H. Zaun: Die Entdeckerin der Pulsare Joceyln Bell
Burnell ist bekennende Quäkerin. In ihrem kosmologischen Weltbild hat ein
Gott Platz. Angesichts der Tatsache, dass die Kette der Zufälle, die
unsere Existenz bedingen, so enorm groß ist, fragt man sich: Gibt es auch
ein deterministische Konstante in unserem Universum? Dies führt
unweigerlich zu der Frage nach Gott. Wie stehen Sie dazu?
Harald Lesch: Sind wir Naturwissenschaftler
und damit schließe ich auch alle Atheisten unter ihnen ein denn
nicht irgendwie alle auf der Suche nach Gott? Wir alle wollen doch wissen, so
wie es Goethe einst treffend pointierte, was die Welt im Innersten
zusammenhält. Wir Astronomen beobachten etwas, was im wahrsten Sinne des
Wortes von uns geographisch sehr weit, nämlich Billiarden von Kilometern
entfernt liegt. Wir machen unsere Beobachtungen, erstellen Theorien oder
analysieren Strukturen. Spätestens dann, wenn sie aber realisieren, dass
das Material, aus dem sie selbst bestehen, auf Elementen wie Kohlenstoff,
Stickstoff oder Sauerstoff basiert, wird ihnen sprunghaft klar: "He, meine Hand
besteht ja aus Sternenstaub; das Material, was ich sehe, ist vor ein paar
Milliarden Jahren in einem Stern erbrütet worden. Es ist das Resultat von
ein paar Milliarden Jahren kosmischer Evolution." Treibt man dies auf die
Spitze, stellt man fest, dass Astronomie eine unglaubliche Ahnenforschung auf
allerhöchstem naturwissenschaftlichem Niveau ist. |
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H. Zaun: Das liefe ja auf eine subatomare
Ahnenforschung hinaus?
Harald Lesch: Ja, genau. Man geht bis an den Rand
der Erkenntnismöglichkeiten, um in Erfahrung zu bringen: "Wo komme ich
eigentlich her?" Aber zurück zu der Frage nach Gott. Am Ende eines Tages,
wenn sie sich lange mit dieser Materie beschäftigt haben, kommen sie
abends nach Hause und stellen natürlich zwangsläufig die Frage nach
Gott. "Was bedeutet dies alles?"
Wenn wir die ganzen Bedingungen betrachten, die notwendig
waren, damit wir Menschen überhaupt in der Evolution Fuß fassen
konnten, hat man das Gefühl, dass dort Rasierklingen an Rasierklingen
stehen und der Homo sapiens sapiens schlichtweg obendrauf sitzt. Wackelt er nur
ein wenig mit seinem Hinterteil, fällt er runter und verschwindet wieder.
Bei den leisesten Veränderungen in dieser Welt wären wir sofort weg
vom kosmischen Fenster.
Hierzu passt ein Aphorismus von Vincent van Gogh, der
gleichzeitig auch mein Credo ist: "Man sollte Gott nicht nach dieser Welt
beurteilen. Die war nur ein Schnitzer, der nicht gelungen ist. Aber es muss ein
Meister sein, der sich solche Schnitzer leisten kann". Ich persönlich bin
kein bekennender Quäker; ich bin Protestant. Aber ich arbeite zum Beispiel
mit einem Kollegen von der Hochschule zusammen, der Philosoph und Jesuit ist.
Und mit dem mir befreundeten Münchener Philosophen und Ethiker Prof.
Wilhelm Vossenkuhl habe ich zum Beispiel auch einmal ein
interdisziplinäres Seminar abgehalten, das die Frage "Sind wir allein im
Universum?" thematisierte. Hieran teilgenommen haben Philosophie-, Theologie-,
Biologie- und Physikstudenten. Meine Erfahrung läuft darauf hinaus:
Bereitet man solche Themen nicht zu akademisch auf, interessieren sich soviele
dafür, dass einem die Bude eingerannt wird. |
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H. Zaun: In den nächsten zehn Jahren wird
eine ganze Armada von Forschungssonden zum Mars fliegen. Auch der Jupitermond
Europa wird demnächst irdischen Besuch erhalten. Glauben sie, dass wir in
unserem Sonnensystem irgendwann und irgendwo einmal Leben in Gestalt von
Mikroben vorfinden werden?
Harald Lesch: Ich bin ziemlich sprachlos über
den Optimismus, den einige amerikanische Kollegen an den Tag legen. Nein, ich
glaube nicht, dass wir einen direkten Beweis für Leben in unserem
Sonnensystem jemals finden werden. Der Mars ist für mich kein Thema, da er
einfach knochentrocken ist. Dort hat es nie Leben gegeben. Ich wundere mich
immer wieder darüber, wieso so viel darüber spekuliert wird, dass auf
dem Mars jemals Wasser war. Beim Mars haben wir es vielmehr mit einem Planeten
zu tun, der seit mehreren Hundertmillionen Jahren unbeschreiblichen
Staubstürmen ausgesetzt ist. Auf seiner ausgedörrten Oberfläche
gibt es nicht den leisesten Hinweis für irgendein organisches
Molekül. Aber genau dies sollte man dort eigentlich vermuten, da der Mars
wie die Erde dereinst von unzähligen Meteoriten, die organische
Moleküle bis hin zu Aminosäuren tragen, bombardiert wurde. Bei
alledem prasselt die solare UV-Strahlung auf den Roten Planeten derart
gnadenlos, dass organisches Material nicht den Hauch einer
Überlebenschance hat. |
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H. Zaun: Was halten Sie von der 1906 vom
Chemie-Nobelpreisträger Svante Arrhenius aufgestellten Panspermie-Theorie,
wonach sich das Leben im gesamten Universum durch Kometen oder Meteore, auf und
in denen sich Sporen oder Keime befinden, verbreitet?
Harald Lesch: Ich bin deswegen davon
überzeugt, dass das Leben auf der Erde seinen Anfang genommen hat und
nicht anderswo, weil alle Lebewesen eine Elementverteilung in sich tragen, die
mit der des Meerwassers identisch ist und das sowohl von unser
molekular-zellulären bis hin zur komplex-zellulären Struktur. Wir
kommen definitiv aus dem Meer; wir sind keine Gebilde, die eine
Elementverteilung aufweist, wie sie auf dem Festland, auf der Erde
großräumig anzutreffen ist. Wir atmen kein Silizium aus, und unsere
Knochen bestehen auch nicht aus Aluminium. |
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H. Zaun: Was halten Sie von den Radioastronomen,
die den Himmel nach außerirdischen Funksignalen abtasten? Hat die
SETI-Forschung prinzipiell überhaupt eine Existenzberechtigung?
Harald Lesch: Also, wenn wir das nicht angehen,
sind wir es selber schuld. Diesbezüglich bleibt aber zu hoffen, dass ET
& Co nicht unserem Beispiel folgen. Denn wenn alle nur lauschen, wird es
logischerweise zu keiner interplanetaren Kommunikation kommen. |
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H. Zaun: Wie groß ist Ihrer Ansicht nach ist
die Wahrscheinlichkeit von außerirdischem intelligenten Leben im All?
Harald Lesch: Die Frage: "Sind wir allein im
Universum" ist eine der fantastischsten Fragen, die Menschen überhaupt
stellen können, weil sie sich sowohl auf die Geschichte des gesamten
Kosmos als auch auf unsere Stellung im All bezieht. Und es ist vor allem einer
dieser essentiellen Fragen, die zur Ahnenforschung gehören. Wenn wir uns
mit dieser Frage beschäftigen, stellen wir die tollsten Sachen fest, weil
wir, bevor wir weitere Fragen angehen können, uns zuerst selbst fragen
müssen: "Sind wir der Normalfall im All?" Wenn ja, dann können wir
aus unserer eigenen Entwicklungsgeschichte des Lebens auf unserem Planeten
ablesen, wieviel Zeit benötigt wird, um Leben hervorzubringen.
Mein persönliches Resümee ist, dass in den
Tiefen des Alls auf fernen Planeten zwar jede Menge grüner Schleim
vorhanden ist, aber eben kein Leben.
Aber viel wichtiger bei der Frage "Sind wir allein im
Universum" ist für mich, dass diese ein tolles, ja fantastisches
trojanisches Pferd ist, um den Leuten Astronomie zu verkaufen. |
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H. Zaun: So groß in der breiten
Bevölkerung das Interesse an astronomischen Thema sein mag nach vor
boomen esoterische Pseudowissenschafen wie die Astrologie. Hätte Ihre
Zunft nicht schon vorher gegen diesen Trend einen Informations- und
Bildungsfeldzug starten müssen? Warum sind ihre Kollegen nicht schon
früher aus den Elfenbeintürmen herabgestiegen?
Harald Lesch: Ja, das ist in der Tat sehr
bedauernswert. Die Krönung des Wahnsinns ist dabei, dass sich mittlerweile
sogar Leute teure Hard- und Software kaufen, mit der sie ihr Horoskop auf
elektronische Weise erstellen können. Was die Astrologie bietet, ist ein
krudes, sehr diffuses, mystisches Weltverständnis darüber, dass der
Planetenstand irgendetwas mit den jeweiligen Charaktereigenschaften zu tun
haben könnte. Da kann man die unmöglichsten Vergleiche anstellen. Die
Schwerkraft, die die Hebamme zum Zeitpunkt der Geburt auf das Baby ausübt,
ist ja viel, viel größer als die Schwerkraft, die Saturn, Jupiter,
Uranus oder Neptun zusammengenommen auf den Säuling auszuüben
vermögen. Aber trotzdem glauben die Leute an diesen Hokuspokus. Meiner
Meinung nach sind sämtliche Astrologen unter dem Sternzeichen Pecunia zur
Welt gekommen. Denen ist es nämlich völlig egal, mit was für
einen Nonsens sie ihr Geld verdienen. Mittlerweile werden in Deutschland 500
bis 600 Millionen DM jährlich für Horoskope und entsprechende
astrologische Lebensberatung ausgegeben. Wir leben bedauerlicherweise nicht
mehr im Zeitalter der Aufklärung. |
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H. Zaun: Inwiefern hat das Internet ihre Arbeit
verändert? Hat es Ihrer Ansicht nach die interdisziplinäre Arbeit
beflügelt?
Harald Lesch: Das Internet ist für uns die
Informationsrutschbahn überhaupt. Wenn ich irgendetwas wissen will, gehe
ich zum Computer und erhalte die erwünschte, objektive Information viel
schneller als früher. Das ersetzt natürlich nicht die Bibliothek und
die Zeitungslektüre. Aber was die schnelle Recherche angeht, ist das
Internet das Hauptwerkzeug geworden. Es erlaubt eine extrem schnelle
Kommunikation mit Kollegen aus der ganzen Welt. Die Astronomie war schon immer
international angehaucht; aber durch das Internet ist sie global geworden.
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H. Zaun: Wie oft nehmen Sie als Theoretiker ein
Teleskop zur Hand?
Harald Lesch: So gut wie nie. |
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H. Zaun: Gab oder gibt es einen Antagonismus
zwischen der beobachtenden und theoretischen Astronomie?
Harald Lesch: Nein, nicht wirklich. Die Beobachter
wissen, dass sie ohne uns nicht auskommen, und wir wissen, dass wir ohne die
Beobachter nicht das Datenmaterial bekämen, über das wir uns dann die
Köpfe zerbrechen dürfen. Insofern herrscht eine gegenseitige
Respektierung. Manchmal gelingt es sogar, zusammen ein Projekt aufzuziehen.
Doch in der Regel leben wir in zwei verschiedenen Welten. |
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H. Zaun: Genau fünfzig Jahre nach der
historischen Apollo-Mondlandung sollen am 20. Juli 2019 so zumindest das
Wunschdenken einiger NASA-Planer Menschen erstmals den roten Marssand
aufwirbeln. Was halten Sie von einer bemannten Mars-Expedition?
Harald Lesch: Wir können eine bemannte
Mars-Mission nur damit rechtfertigen, dass sie in psychologisch-philosophischer
Hinsicht wirklich unglaubliche Rückwirkungen haben kann. Wir müssen
uns zunächst einmal auf den Weg machen, damit wir erfahren und erkennen
können, dass es einen großen Unterschied macht, ob einige von uns
die Erde als Ganzes gesehen haben oder nicht. Früher waren die
Apollo-Astronauten die absoluten Heroren, die Generationen wozu auch ich
gehörte prägten. Selbst heute noch, wenn ich Apollo 13 sehe
und höre wie Tom Hanks sagt: "Houston, wir haben ein Problem", läuft
es mir eiskalt den Rücken runter, weil ich mich noch genau an den Tag
erinnern kann, an dem sich die Katastrophe ereignete. Ich weiss noch genau, wie
ich damals zum Radio gerannt bin, um das Geschehen live zu verfolgen. Man
bangte um die Astronauten, die längst keine Amerikaner mehr waren.
Weltweit selbst im kommunistischen China oder Russland beteten
die Menschen für die dreiköpfige Crew. Ja, seinerzeit blitzte so
etwas wie ein globales Bewusstsein auf. Genau das sind die Momente, die wir
heute wieder brauchen. Wir müssen begreifen, dass wir auf diesem Planeten
alle in demselben Boot sitzen. Wir können es uns nicht leisten, unser
blaues Juwel zu ruinieren. Dann sind wir weg vom kosmischen Fenster. |
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H. Zaun: Das erinnert an den Overview-Effect, den
Astronauten erleben, wenn sie im Orbit den Blick nach unten bzw. oben richten
und die Verletzlichkeit unseres Heimatplanenten sehen.
Harald Lesch: Ja, genau das. Ich denke, dass man
dies noch dadurch verstärken könnte, wenn man zu einem ganz anderen
Planeten reist. Was die Mondlandungen anbelangte, war dies nur ein kurzer
Abstecher zu einem unmittelbaren Nachbarn. Bei einer Mission zum Mars wäre
alles anders. |
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H. Zaun: Ja, vor allem die Gefahren für das
marsiane Astronautenteam wären außerordentlich groß?
Harald Lesch: Ja, diese wären immens. Aber bei
einer Reise zum Mars würden die Menschen weltweit bibbern, dass die Crew
da oben auch wirklich ankommt. Das führt Menschen zusammen. Natürlich
wäre dies für die Besatzung eine Art Himmelsfahrtkommando. Daher
müssen wir alles tun, damit die Mannschaft so sicher wie möglich
diese Reise übersteht. Aber von einer solchen Mission würde die
irdische Technologie enorm profitieren. |
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H. Zaun: Kritiker werfen dem Projekt vor, dass es
zu kostenintensiv sei.
Harald Lesch: Nach meinem Dafürhalten ist das
ganze Gerede von der betriebswirtschaftlichen Rechtfertigung solcher
Großprojekten deplaciert. Wenn Gott einen Industrieberater zur Seite
gehabt hätte, hätte er das Universum, so wie wir es kennen, nicht
konstruieren dürfen, weil der Industrieberater ihm gesagt hätte: "Das
bringt wirtschaftlich überhaupt nichts!" |
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H. Zaun: Keiner weiss so recht, ob sich bei den
Marsreisenden nach einer gewissen Zeit nicht jener Rauschzustand einstellt, den
Flugzeugpiloten oder Tiefseetaucher als "Break-off-Effect" fürchten. Wie
reagiert ein Mensch, der seinen Heimatplaneten über ein Jahr nur als
kleinen Punkt wahrnimmt?
Harald Lesch: Das ist in der Tat eine gute und
berechtigte Frage. Dies wird man aber erst dann wissen, wenn man die
Situatution durchlebt hat. |
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H. Zaun: Das neue Jahrtausend hat kalendarisch
gesehen gerade erst begonnnen. Passend hierzu zeichnen sich in vielen
naturwissenschaftlich-technischen Disziplinen Paradigmenwechsel ab. Denken wir
nur mal an die IT-Revolution oder die Genomforschung. Wo sehen Sie in Ihrer
Disziplin den Umbruch, den Paradigmenwechsel?
Harald Lesch: Nun, das ist eine sehr diffizile
Frage. Ich möchte diese von hinten aufrollen. Ein Paradigmenwechsel
würde sicherlich dann eintreten, wenn wir eine Antwort auf das
größte Problem fänden, das uns Astrophysiker derzeit
quält. Ich meine die Dunkle Materie. Meinem Dafürhalten nach ist
dieses Problem für die Astrophysik die absolute Katastrophe. Es ist
fürchterlich. |
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H. Zaun: Dagegen sind wohl Schwarze Löcher
ein wahres Vergnügen, lassen diese sich doch zumindest indirekt
nachweisen?
Harald Lesch: Also Schwarze
Löcher sind wunderbar. Das ist ja noch alles Picobello kein Thema.
Von der Dunklen Materie hingegen wissen wir nur, dass es davon eine irrsinnige
Menge gibt. Wir haben jedoch überhaupt keine Ahnung, aus was sie besteht.
Was aber noch viel schlimmer ist: Bis vor ein paar Jahren hat man gedacht, dass
die Dunkle Materie eine andere Form als die uns bekannte Materie ist.
Inzwischen wissen wir aber, dass wir quasi nur ein kosmischer "Dreckeffekt"
sind. Jetzt kennen wir die nichtbaryonische Dunkle Materie, die ungefähr
30 Prozent des Universums ausmacht. Fast 70 Prozent des Universums hingegen
besteht aus einem Stoff, den wir momentan in die kosmologische Konstante
hineinstauen. Das Universum scheint auf der allerhöchsten Skala von einer
Form von Energie dominiert zu werden, die antigravitativ ist und das Universum
auseinandertreibt. Die neuesten Beobachtungen sagen uns, dass das Universum auf
großen Längenskalen schneller expandiert als in unserer
unmittelbaren Umgebung. Die Idee des aufblasbaren Ballons, auf dem irgendwelche
Punkte sind, die sich mit dem Größerwerden des Ballons
gleichmäßig voneinander fortbewegen, stimmt überhaupt nicht.
Man dachte immer: Je weiter sie weg sind, desto schneller müssen sie sich
voneinander entfernen. Das müssen wir jetzt ad acta legen. Vielmehr
bewegen sich jene, die ganz weit weg sind, noch viel schneller von uns fort,
als wir dies ursprünglich angenommen haben. Heute stehen wir in der
theoretischen Physik und damit in der Kosmologie vor dem Riesenproblem, dass
wir dringend ein Modell brauchen, das dieses Phänomen adäquat
erklärt. Aber davon ist weit und breit nichts, aber absolut gar nichts in
Sicht. In gewisser Weise geht es uns so wie vor 100 Jahren, als man mit dem
Äther versuchte, die Ausbreitung von elektromagnetischen Wellen zu
definieren. Heute laufen wir mit fragenden Augen und offenen Mündern durch
ein Universum, von dem wir erfahren, dass es so völlig anders ist, als wir
anfangs gedacht haben. Es wird noch sehr lange dauern, bis wir genau wissen,
wie unser Universum entstanden ist. |
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H. Zaun: Was stört Sie derzeit am meisten am
bzw. im Wissenschaftsbetrieb?
Harald Lesch: Die heutige Astrophysik entwickelt
sich ein klein wenig wie die Elementarteilchenphysik. Die so genannte Big
Science gewinnt zunehmend an Bedeutung. Man arbeitet in internationalen
Großteams an einem bestimmten Projekt. Aber das persönliche Moment,
die persönliche Befriedigung eines Wissenschaftlers kommt dadurch zum
Ausdruck, dass man eine Frage gestellt und nach langer wissenschaftlicher
Untersuchung vielleicht auch ein Ergebnis erzielt hat und vielleicht
noch eine Erkenntnis obendrein. Aber das kommt momentan zu kurz. |
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H. Zaun: Ohne diesen zeitlichen Vorteil wäre
für Sie die Bildungssendung Alpha Centauri wohl nicht möglich?
Harald Lesch: Genau das. Wäre ich ein
Astro-Manager, hätte ich ganz gewiss keine Zeit dafür. Im Fernsehen
kann die Dinge so besprechen, wie ich sie just gerade in der Vorlesung
erklärt habe. |
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H. Zaun: Wie kamen Sie zu Alpha Centauri?
Harald Lesch: Ausschlaggebend für mein
TV-Engagement war vielmehr, dass mir Herr Georg Scheller vom Bayerischen
Fernsehen vorgeschlagen hat, ob ich nicht mal eine Astronomie-Sendung machen
wolle. Da ich mir zuvor schon Gedanken darüber gemacht habe, dass es doch
eigentlich möglich sein müsste, Astronomie in der Form zu
transportieren, wie dies in einem normalen Gespräch passiert, ganz ohne
bewegte Bilder und ohne Simulationen, also einfach von Mensch zu Mensch,
willigte ich ein. |
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H. Zaun: Wie lange werden Sie mit Alpha Centauri
noch auf Sendung bleiben?
Harald Lesch: Solange mich das Bayerische Fernsehen
läßt. |
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H. Zaun: Interessant ist, dass man nahezu alle
Alpha-Centauri-Sendungen im Internet runterladen oder sie käuflich als
Videokassette erwerben kann.
Harald Lesch: Von den Videokassetten sind bislang
schon 12.000 verkauft worden. Für eine Sendung, die nur 15 Minuten lang
ist und die darüber hinaus in einem Spartenkanal läuft, ist dies
schon ganz ordentlich. Alle sind sehr zufrieden, und ich geniesse dies
außerordentlich. Es macht einfach Riesenspaß. |
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H. Zaun: Ungewöhnlich ist, dass Alpha
Centauri mit solch einem spartanischen Ambiente so effektvoll ist. In Ihrer
Sendung gibt keine Bilder von Planeten oder Sternhaufen, geschweige denn
Simulationen. Statt dessen stehen sie in einem fiktiven Klassenzimmer vor einer
Schultafel und halten einen Monolog, um mit den Zuschauern in einen Dialog zu
treten. Es ist verwunderlich, dass dies beim effektverwöhnten
Fernsehpublikum überhaupt ankommt.
Harald Lesch: Da sind schon die tollsten
Geschichten passiert. Als wir in Nürnberg die erste Sendung gemacht haben,
kam irgendwann von der Regie der Ruf: "So geht das aber nicht!" Was war
passiert? Nun, die Kameraleute, die eigentlich hinter ihren Geräten stehen
sollten, standen plötzlich neben ihrem Equipment und hörten mir
offenen Mündern zu. Die waren von dem Thema Schwarze Löcher und der
Art und Weise, wie es vermittelt wurde, so fasziniert, dass sie die
Kameraführung für einen Moment glatt vergaßen. Da haben wir
gemerkt, dass dieses Konzept auch bei dem Zuschauer ankommen muss. Klar,
irgendwie hat jeder mal was von Schwarzen Löchern gehört. Aber jetzt
hat der Zuschauer das Gefühl, dass er eine kompetente Antwort auf eine
ganze Reihe von Fragen bekommt, die er auch versteht. Mittlerweile erhalte ich
jede Menge Fanpost, die bestätigt, dass der von uns eingeschlagene Weg der
richtige ist. |
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