"Man sollte mal die
mächtigsten Männer der Welt da hinaufschießen" |
ESA-Astronaut Ulf
Merbold im Gespräch |
| (C) Dr. Harald Zaun,
1999 |
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Demnächst wird
die russische MIR ihrem hohen Alter Tribut zollen und nach 14jähriger
erfolgreicher Arbeit ihren Abschied nehmen.
Die Internationale Raumstation (ISS) hat bereits die
Nachfolge angetreten. Ob es den 16 beteiligten Staaten gelingt, den begonnenen
Bau der ISS planmäßig bis zum Jahr 2003 abzuschließen, steht
jedoch in den Sternen.
Ulf Merbold, der erste westeuropäische Astronaut,
zählt weltweit zu den wenigen Raumfahrern, die gleich dreimal im Orbit
waren. Kein anderer vermag den Umbruchcharakter und die Zukunft der
internationalen Raumfahrt so zielsicher zu analysieren. |
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H. Zaun: Herr Dr. Merbold, sie zählen zu den
wenigen Astronauten, die gleich dreimal im Orbit waren. Wird es ein viertes Mal
geben?
Ulf Merbold: Das wäre schön, aber da ich
bereits dreimal oben war, muß ich jetzt an die Kollegen denken, die noch
nicht geflogen sind. Es ist für mich eine Frage der Professionalität,
daß jeder, der in einem Team arbeitet, auch anderen eine Chance
läßt. |
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H. Zaun: Die "altersschwache" russische Mir
übergibt in absehbarer Zeit endgültig das Zepter an die
Internationale Raumstation. Befindet sich die Raumfahrt auf ihrem Weg ins
dritte Jahrtausend im Umbruch?
Ulf Merbold: Natürlich kann man hier von einem
Umbruch reden. Die MIR wird im kommenden Februar 13 Jahre in der Erdumlaufbahn
unterwegs sein. Auch eine solche Raumstation muß wie jede Maschine
irgendwann durch ein besseres System ersetzt werden. Mit der ISS kommt eine
neue Raumstation, die der Wissenschaft nicht nur eine leistungsfähigere
Plattform bietet, sondern sie gibt auch ein hoffnungsvoll stimmendes
politisches Signal. Hier arbeiten Amerikaner und Russen, die jahrzehntelang in
Konfrontation gegenüberstanden, erstmals mit den übrigen
Industriestaaten der Erde zusammen. Die industrialisierte Welt schafft sich
gemeinsam einen Außenposten im Weltraum. |
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H. Zaun: Kritiker werfen der ISS vor, jetzt schon
museumsreif zu sein. So sei etwa der vorgesehene Zentralrechner mit einen 386er
Prozessor bereits hoffnungslos veraltet.
Ulf Merbold: Was im Weltraum seinen Anfang genommen
hat, weist Parallelen zum Bau des Eisenbahnsystems im letzten Jahrhundert auf.
Auch hier wurde seinerzeit die hierfür notwendige Infrastruktur über
viele Jahrzehnte installiert. Ich hoffe sehr, daß wir diese
Beständigkeit für den Bau der ISS mitbringen. Wenn die russische mit
der amerikanischen Technik kombiniert wird, gibt es natürlich
Anpassungsprobleme und somit Verzögerungen. Die Russen bauen gute
Hardware, sind aber bei der Software dem Westen hoffnungslos unterlegen. Hier
sehe ich jedoch weniger eine Gefahr, sondern vielmehr die Chance, sich
gegenseitig zu ergänzen. In Amerika sind die Schwierigkeiten
riesengroß, in die vorhandene Systemarchitektur etwas Neues
einzufügen. Und zwar deswegen, weil es unglaublich viel Geld kostet, die
gesamte Dokumentation zu verändern. Im Gegensatz zu Rußland wird
hier alles so genau dokumentiert, daß sie bei jeder Schraube
nachvollziehen können, wer diese irgendwann einmal in den Händen
hatte. |
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H. Zaun: Wie wirkt sich die aktuelle
Wirtschaftskrise in Rußland auf den Bau der ISS aus?
Ulf Merbold: Die derzeitige Finanzkrise in
Rußland trägt sicherlich kaum dazu bei, das dort für die
Raumfahrt mehr Gelder fließen. Ob dadurch zusätzliche Komplikationen
entstehen, muß man abwarten. Auf der anderen Seite wäre es aber ein
Jammer, wenn die Russen mit ihrem reichlichen Erfahrungsschatz aus solchen
Gründen das Spielfeld verliessen. |
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H. Zaun: Beeindruckend ist das Zitat des
Shuttle-Astronauten Sultan Bin Salman al-Saud: "Am ersten Tag deutete jeder von
uns auf sein Land. Am dritten oder vierten Tag zeigte jeder auf seinen
Kontinent. Ab dem fünften Tag gab es für uns nur noch eine Erde".
Ulf Merbold: Jeder, der dort oben war und der die
Erfahrung machen konnte, das man in 90 Minuten die Erde umfliegen kann, kommt
verändert zurück. Es drängt ihn, all seinen Zeitgenossen zu
vermitteln, wie unglaublich schön die Erde aussieht, aber wie klein und
zerbrechlich sie zugleich ist. Da macht man sich als Astronaut automatisch
Gedanken darüber, ob wir mit diesem Juwel sorgfältig genug umgehen.
Nach einem Einsatz im Weltraum akzeptiert jeder für sich eine ethische
Pflicht, die Natur für jene zu bewahren, die nach uns geboren werden.
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H. Zaun: Der deutsche Wissenschaftsastronaut
Thomas Reiter schlägt sogar vor, mal Politiker "nach oben" zu
schicken.
Ulf Merbold: Man sollte diese alte Idee
tatsächlich einmal realisieren... |
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H. Zaun: ...vielleicht sogar mit einer
Friedenskonferenz an Bord einer Raumstation?
Ulf Merbold: Dies wäre denkbar. In der Tat
wäre es am besten, mal die mächtigsten Männer der Welt gemeinsam
da hinaufzuschießen. Eine Sache, die man von dort oben sofort erkennt,
ist, daß man auf unserem Planeten nichts machen kann, ohne das es globale
Rückwirkungen hat. |
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H. Zaun: Werden Raumfahrer notgedrungen zu
Kosmopoliten?
Ulf Merbold: Ja, ich denke schon... |
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H. Zaun: Früher avancierten Testpiloten zu
Astronauten, heutzutage geben hochqualifizierte Wissenschaftsastronauten den
Ton an. Werden bald Weltraumtouristen das Bild im All bestimmen?
Ulf Merbold: Ich glaube nicht, das es in absehbarer
Zeit zu einer solchen Entwicklung kommt. Sicherlich wird man irgendwann
jemanden, der gesund und solvent ist, gegen Kostenerstattung nach oben
mitnehmen. Es ist natürlich eine unglaublich emotionale Geschichte, in 90
Minuten einmal den Erdball zu umfliegen, - dies gönne ich wirklich jedem.
Auf der anderen Seite kann aber keinem erspart werden, sich für eine solch
eine teure Reise einem intensiven Trainingsprogramm auszusetzen. Auch in
Zukunft wird ein Raumflug zu keiner erholsamen Badekur. |
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H. Zaun: Die Vertreter der unbemannten Raumfahrt
werfen den bemannten Missionen nach wie vor zu hohe Kosten vor.
Ulf Merbold: Diese interne Diskussion findet kein
Ende. Es gibt immer noch Wissenschaftler, die fälschlicherweise behaupten,
sie könnten mit Raumsonden grundsätzlich alles besser und billiger
machen. Man sollte lieber jedes Experiment für sich prüfen, ob es mit
der heute verfügbaren Technik besser bemannt oder unbemannt
durchzuführen ist. Trotzdem haben bemannte Missionen einen entscheidenden
Vorteil, weil der Mensch vor Ort seine fünf Sinne einbringen kann. Somit
ist er jedem Computer in punkto Kreativität und Flexibilität
überlegen. Aber automatisierte Systeme wie unbemannte Satelliten eignen
sich hervorragend für alle Fragen, bei denen Prozesse kalkulierbar bzw.
programmierbar sind. Wetterbilder anzufertigen und dabei alle dreißig
Sekunden genau auf dem Auslöser zu drücken, wäre doch für
Menschen stinklangweilig. |
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H. Zaun: Wie lautet ihr Plädoyer für
bemannte Raumfahrt, um die damit verbundenen Ausgaben zu rechtfertigen?
Ulf Merbold: Würde man die Raumfahrt nur
allein unter dem Kosten-Nutzen-Verhältnis bewerten, gäbe es
sicherlich keine mehr. Vielmehr stellt die Raumfahrt uns vor der
Herausforderung, eine alte Tradition fortzuführen. Seit Aristoteles hat
gerade die westliche Kultur sich immer wieder Gedanken darüber gemacht: Wo
kommen wir her, wohin gehen wir. Es ist geradezu eine Eigenschaft der
Wissenschaft, daß das, was gestern noch als wahr erkannt wurde, heute
wieder in Frage zu stellen. Diese Rastlosigkeit des Denkens und Forschens ist
eine Hefe, die am Ende doch dazu geführt hat, daß wir der Wahrheit
beständig näher kamen. Hat man im Mittelalter noch geglaubt, wir
säßen auf einer Scheibe, so wissen wir jetzt, das wir auf einer
Kugel sitzen. Entscheidend dazu beigetragen haben Leute wie Kolumbus, die
entgegen allen Ratschlägen das Wagnis auf sich nahmen, den Weg nach Indien
in westlicher Richtung zu suchen. Wir sind die ersten, die diese abgehobene
Position im Weltraum einnehmen. Für mich ist dies eine einmalige Chance,
die genutzt werden muß; sonst würden uns spätere Generationen
als dekadent hinstellen. |
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