Das unentdeckte Land
- Von irdischen und außerirdischen Überlebenskünstlern
|
Der international
renommierte Mikrobiologe und Astrobiologie Professor Dr. Karl Stetter im
Gespräch |
| (C) Dr. Harald Zaun,
2003 |
| |
|
Jenseits des Makroskopischen, auf einer Ebene, die dem
menschlichen Auge gänzlich verborgen bleibt, existiert ein
Universum
incognita, ein "unentdecktes Land", von dem die Wissenschaftler bislang
bestenfalls nur Randgebiete erforscht und maximal ein Prozent seiner Bewohner
kennen gelernt haben. Die Einheimischen dieser unzugänglichen Welt, sprich
die Mikroben bzw. Mikroorganismen setzen sich aus
Bakterien, Viren,
Einzeller und Pilze (Pilzbakterien) zusammen. Sie beleben dieses
mikrobielle Universum in breiter und großer Vielfalt. Praktisch
überall dort, wo Leben eine Nische gefunden hat, sind sie heimisch
geworden. Bereits in einem Gramm Ackerboden tummeln sich zirka 100.000 solcher
Kleinstlebewesen. "Die Gesamtmasse mikrobiellen Lebens auf unserem Planeten ist
nahezu unkalkulierbar groß - man hat sie auf das 5-bis 25-fache der Masse
allen tierischen Lebens geschätzt", spezifizierte einmal der bekannte
englische Mikrobiologie
John
Postgate (University of Sussex) die quantitative Dimension der Mikroben.
Signifikant für die "Qualität" derlei Lebensformen sind hingegen zwei
Besonderheiten: Erstens vermehren sie sich in einem atemberaubenden Tempo;
zweitens sind sie wie keine anderen irdischen Lebewesen in der Lage, selbst
extremsten Umweltbedingungen zu trotzen. Im polareb Meereis, in heißen
Quellen, bei hohen Salzkonzentrationen, bei basischen oder sauren Bedingungen,
in großer Tiefe, also ohne Licht, unter starken Drücken, ja sogar im
Vakuum, also Weltraum (ohne Sauerstoff) können sich diese
Überlebenskünstler par excellence problemlos vermehren.
Karl Stetter, Inhaber des Lehrstuhls für
Mikrobiologie und Archaeenzentrum der
Universität
Regensburg, ist ein Pionier in der Erforschung von Mikroorganismen, die
unter Extrembedingungen leben. In seiner langjährigen Karriere hat Stetter
schon mit vielen bizarren Geschöpfen aus dem Mikrokosmos Bekanntschaft
gemacht - wie etwa mit dem 'Pyrolobus
fumarii', das er mit einem U-Boot vom Grund des Atlantiks aus über
3.500 Metern Tiefe hervorzauberte. Dieses Bakterium, das Stetter am Rande einer
hydrothermalen Erdspalte auf dem Meeresboden entdeckte, gedeiht mit Vorliebe
bei Temperaturen zwischen 90 und 113 Grad Celsius. Stetter und sein Team
entdeckten auch im untermeerischen Vulkangebiet nördlich von Island
(Kolbeinsey-Rücken) erstmals Vertreter eines bisher völlig
unbekannten Reiches von Archaebakterien (=
Archaeen) . Dabei handelte es sich um die kleinste bisher bekannte lebende
Zelle: eine winzige Kugeln mit einem Durchmesser von lediglich 400 Nanometer (=
0,4 tausendstel Millimeter). Sie sind damit beispielsweise im Volumen über
100x kleiner als eine E. coli Bakterienzelle und bereits im
Größenbereich von großen Viren, z.B. dem Pockenvirus.
Ungefähr 500.000 Vertreter dieser Archaeenart, die auf den Namen
"Nanoarchaeum equitans" ("der reitende Urzwerg") getauft wurde, fände auf
dem Punkt am Ende dieses Satzes bequem Platz.
Der kugelige Zwerg, der nicht alleine wächst, sondern
auf der Oberfläche einer zweiten Mikrobe namens Ignicoccus ("Feuerkugel")
"reitet", gehört also eindeutig zur Gruppe der Archaebakterien. Diese
wachsen heute noch in Umgebungen, wie es sie vor mehreren Milliarden Jahren
allerorten auf dem Planeten gab: in vulkanisch aktiven Zonen, kochenden
Geysiren, heißen Schwefelquellen, konzentrierten Salzlösungen oder
ätzenden Säurepfützen. Mit anderen Worten: Theoretisch
könnten solche Überlebenskünstler oder deren nächste (oder
entfernteste) Verwandte auch auf anderen Planeten gedeihen. Wie realistisch
diese Spekulation ist, was von irdischen und insbesondere von
außerirdischen Mikroben zu halten ist, wie das irdische und
außerirdische "unentdeckte Land" aussehen könnte, verrät der
(auch) astrobiologisch engagierte
Mikrobiologe
Prof. Karl Stetter in dem vorliegenden Interview. |
|
| |
|
|
| Prof. Stetter vor Ort bei einer Probentnahme |
|
| |
|
H. Zaun: Das Nanoarchaeum equitans, der
Urzwerg, der auf einer Feuerkugel reitet, ist mit einer
Körpergröße von 400 Nanometern weltweit nicht nur
das kleinste Lebewesen, sondern auch extrem gen-arm. Gerade mal 520
Gene braucht es für seine rund 500.000 Basenpaare. Da stellt sich
automatisch die Frage: Wie viele Gene braucht das Leben, zumindest das
irdische?
Prof. Dr. Karl Stetter: Das ist natürlich eine
interessante Frage, die wir mit diesem Organismus beantworten wollen. Aber beim
Nanoarchaeum
equitans habe ich auch schon mein Lehrgeld bezahlt. Damals wusste ich
nicht, ob dieser Mikroorganismus frei lebt oder wirklich ein Parasit ist. Jetzt
stellt sich heraus, dass er wirklich ein Parasit ist. Da stellt sich
zwangsläufig die Frage: Wie viele Gene sind für einen freilebenden
Organismus notwendig oder eben auch für einen Parasiten, der enorm
sparsam haushalten bzw. leben kann. Und dann verändert sich abermals die
Fragestellung. Insofern können wir diese Fragen nicht endgültig
beantworten, zumal keine freilebenden Verwandte vom Nanoarchaeum equitans
existieren, so wie dies bei den anderen Parasiten eben der Fall ist. |
|
| |
|
| Nanoarchaeum
equitans -Cell of Ignicoccus spec. (big) with cells of Nanoarchaeum
equitans (tiny) attached to its surface. Electron micrograph. Pt-contrasting.
Bar 1 µm. |
H. Zaun: Ähnelt diese Problematik nicht ein
wenig der Frage, ob ein Virus ein lebendes Wesen ist oder nicht?
Prof. Dr. Karl Stetter: Da haben Sie völlig
recht. Viren sind wahrscheinlich so eine Art Zwischenform. Aber um die
vorangegangene Frage abschließend zu beantworten: Zum Nanoarchaeum
equitans, das ein winziges Genom hat, gibt es keinen nahen Verwandten; es gibt
aber auch keinen DNA-Müll. Nichts muss dort entsorgt werden. Hieran
schließt sich die interessante Frage, ob das Nanoarchaeum equitans schon
von Beginn an, also vor Jahrmilliarden derart klein gewesen war.
Wie hat das Leben damals angefangen? Mittlerweile gibt es
hier einige interessante Hypothesen. Eine davon ist, dass es nicht einzelne
Organismen waren, die sich im Zuge der Evolution weiterentwickelt haben,
sondern richtige Communities, die mit- und untereinander kommuniziert und
beispielsweise einen Stoffaustausch gehabt haben. Vielleicht ist das
Nanoarchaeum equitans ein Überbleibsel aus frühster Zeit; vielleicht
ist es aber auch nur auf dem besten Wege, eines Tages ein vollständiges
Bakterium zu werden. |
|
| |
|
H. Zaun: Die resistentesten Mikroorganismen
können in extremer Kälte, in großer Hitze, bei hohen
Salzkonzentrationen, bei basischen oder sauren Bedingungen, in großer
Tiefe, unter starken Drücken, ja sogar im Vakuum sprich Weltraum
problemlos überleben. Gibt es abgesehen vom Erdkern
eigentlich noch irgendeinen Ort auf unserem Planeten, an dem diese
Überlebenskünstler par excellence nicht überleben
können?
Prof. Dr. Karl Stetter: Das ist eine spannende
Frage, die ich mir auch schon mehrfach gestellt habe. Es hat mal
geheißen, dass solch ein steriler Ort existiert. Und zwar in den
heißen schwermetall-gesättigten Brühen in 'Atlantis II
Deep' unter dem Roten Meer. Ergänzend hierzu ist anzumerken, dass es
ein paar tausend Meter unter dem Roten Meer noch einen kleinen Ozean gibt, der
durch Spalten zugänglich ist. Genau an diesem Ort habe ich Proben genommen
und ein Bakterium entdeckt, dass in dieser extrem heißen salzigen
Giftbrühe wächst. Natürlich ist mit zunehmender Temperatur
einmal Schluss. Und wenn kein flüssiges Wasser zur Verfügung steht,
geht auch nichts mehr, was aber nicht für Wüstenböden gilt, wo
es auch flüssiges Wasser gibt und Mikroben gedeihen. |
|
| |
|
H. Zaun: In Ihrem überaus interessanten
Aufsatz Hyperthermophilic
Microorganisms in dem hervorragenden Buch Astrobiology The
Quest for the conditions of life schreiben Sie, dass
möglicherweise tief unter der Mars-Oberfläche hyperthermophile
Mikroorganismen existieren könnten. Ihrer Ansicht nach könnten diese
sogar bei der Suche nach Leben auf dem Mars in Zukunft eine Schlüsselrolle
spielen. Ist dies ein direktes Plädoyer für eine bemannte
Mars-Mission?
Prof. Dr. Karl Stetter: Würde ich schon sagen.
Das Problem beim Mars ist, dass momentan die Auflösung der
Satelliten-Spione noch zu schlecht ist. Mit Kameras lassen sich natürlich
keine Hinweise auf Leben finden. Interessanter wäre da schon die
angedachte Ballon-Mission, die auf niedriger Höhe mit einer
hochauflösenden Kamera über den Mars hinwegfliegen soll. So etwas ist
ja geplant. |
|
| |
|
H. Zaun: Glauben Sie, dass wir auf dem Mars
irgendwann Mikroben finden?
Prof. Dr. Karl Stetter: Das kann ich mir schon
vorstellen!
H. Zaun: Würde dies auch auf eine neue
Fachdisziplin, auf einen neuen Lehrstuhl hinauslaufen: Extraterrestrische
Mikrobiologie?
Prof. Dr. Karl Stetter: Ja. Dies ist alles
denkbar. Die Frage ist nur, was für eine Art von Mikroben wir hier
vorfinden. Es könnten durchaus Mikroben sein, die ähnlich aufgebaut
sind wie irdische Mikroorganismen. Das Faszinierende an unserem Leben auf der
Erde ist ja ganz egal, ob sie einen Menschen oder ein heißes bzw.
kaltes Bakterium betrachten , dass die molekularen Grundmechanismen
praktisch identisch sind; sie sind wahnsinnig ähnlich. Wenn sich auf dem
Mars Leben entwickelt hat, ist es einerseits natürlich verdammt schwer zu
finden, andererseits wird es vielleicht molekular ähnlich sein, sich
dafür aber ganz anders entwickelt haben. |
|
| |
|
H. Zaun: Würden Sie denn
gefühlsmäßig davon ausgehen, dass Mikroben im Universum eine
weitverbreitete Lebensform sind?
Prof. Dr. Karl Stetter: Das ist natürlich eine
Glaubensfrage. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass die Lebensbedingungen
für die Ausbildung von Mikroben auf anderen Planeten sehr günstig
sein könnten. Ob dabei aber Leben entstanden ist, bleibt offen.
Hierfür müsste man zunächst einmal mehr über die Entstehung
des Lebens auf unserem Planeten in Erfahrung bringen. In meinen neuesten
Forschungsansätzen suche ich beispielsweise auch nach neuartigen
Lebensformen und merke dabei immer mehr, wie schwer es ist, selbst auf der Erde
'Leben' überhaupt zu erkennen. Solange ich Viren, Mikroben, DNA, RNA etc.
untersuchen kann, die ich kenne, ist das alles kein Problem. Aber in dem
Moment, in dem es abweicht, wird es ganz schwierig. Wie dem auch sei -
außerirdische Mikroben könnten ja längst auf der Erde
angekommen sein, schließlich werden wir ja tagtäglich mit
extraterrestrischem Material sprich Meteoriten bombardiert. |
|
| |
|
H. Zaun: Läuft alles nach Plan, dann wird
Weihnachten 2003 die
Beagle-2-Sonde
der Mars-Express-Mission auf dem Mars aufsetzen und kurz darauf nach Spuren von
marsianen Leben Ausschau halten. Hierbei wird nach hohen Konzentrationen von
Kohlenstoff-12-Isotopen im Marsboden gesucht, die sozusagen als Abfallprodukt
von Leben, wie wir es kennen, zurückbleiben. Halten Sie dies für eine
sinnvolle Vorgehensweise?
Prof. Dr. Karl Stetter: Im Prinzip ist dies schon
einmal ein guter Ansatz, obwohl es natürlich eine Art Glücksspiel
ist. Aber irgendwo muss man mal reinkratzen, irgendwann mal anfangen. Ideal
wäre natürlich, wenn man tiefer als zwei Meter bohren könnte.
Auch auf der Erde gibt es entgegen den Behauptungen von anderen Forschern keine
kohärente tiefe mikrobioelle Biosphäre. Eine solche existiert nicht.
Es gibt nur Taschen. Ich habe beispielsweise im Rahmen des kontinentalen
Tiefbohrprogramms in Europa mit kurzem Abstand in Alaska und in der Nordsee auf
einer Ölplattform bei Bohrungen jede Menge Mikroben gefunden. Einen
ähnlichen Erfolg habe ich eigentlich bei der Bohrung in der
nördlichen Oberpfalz erwartet. Nichts habe ich dort gefunden, obwohl ich
die gleiche Methode angewandt habe und unzählige Proben genommen habe. Mit
anderen Worten: Auf der Erde gibt es immer Taschen, wo keine Mikroben
anzutreffen sind. Dies könnte auch für den Mars gelten. |
|
| |
|
H. Zaun: Glauben Sie, dass die uns bekannte
irdisch-biologische Evolution, der zufolge sich Leben immer von einfacheren zu
komplexeren Strukturen bis hin zu Bewusstsein entwickelt ein universelles
Gesetz ist? Glauben Sie, dass auch andere intelligente Lebensformen mit
Mikroorganismen mehr oder minder in Koexistenz leben - so wie wir?
Prof. Dr. Karl Stetter: Das ist eine schwierige
Frage. Der Mensch lebt halt nicht vom Brot allein, sondern denkt auch in
anderen Dimensionen und fragt danach, ob auf anderen Planeten oder in anderen
Sternsystem ebenfalls intelligente Lebensformen existieren. Ich könnte mir
vorstellen, dass intelligente außerirdische Lebensform nicht so sind wie
wir, sondern dass diese vielleicht völlig anders aussehen würden. Es
könnten vielleicht Kohlenstoffwesen sein. |
|
| |
|
H. Zaun: So wie wir?
Prof. Dr. Karl Stetter: In dieser Hinsicht schon
wie wir. Es könnte auch sein, dass sich das Urleben dort ähnlich
aufgebaut haben könnte.
H. Zaun: Sie sind sehr vorsichtig.
Prof. Dr. Karl Stetter: Sehr vorsichtig. Wenn wir
mal wissen, wie es zur Entstehung der
Eukaryonten und der
Mehrzeller auf unserem Planeten gekommen ist, dann könnten wir solche
Fragen im Rahmen von Experimenten besser angehen.
H. Zaun: Ihre Disziplin und die langsam
heranwachsende 'extraterrestrische Mikrobiologie' bilden also zusammen, um es
mal im Sinne von Shakespeare auszudrücken, noch ein unentdecktes Land?
Prof. Dr. Karl Stetter: Ja, auf jeden Fall.
|
|
| |
|
H. Zaun: Dass Mikroben im All strahlungsresistent
sind und überleben, dürfte den Befürwortern der
Panspermientheorie
auf jeden Fall Auftrieb gegeben?
Prof. Dr. Karl Stetter: Bei der eigentlichen
Panspermie geht es um die größeren Distanzen. Bei den kleineren
also vom Mars zur Erde, wäre dies kein Problem. Ich würde
sogar sagen, dass die einzelnen Bakterien, die ja unheimlich leicht sind, durch
den Druck der Sonnenstrahlung praktisch angetrieben werden. Aber angesichts der
ganzen Strahlung im Weltraum fällt mir der Glaube an der Panspermie
relativ schwer. Hier müsste man intensiver forschen und mehr
experimentieren. Wir wissen ja noch nicht einmal etwas Genaues über die
Verbreitung von Mikroben auf der Erde. In Thüringen (Wismut-AG)
beispielsweise habe ich in brennenden Kohle- und Uranhalden einen
Sulfolobus gefunden, also
einen Organismus, der eigentlich nach Island gehört. Ja, wo kam der denn
her? Irgendwann muss er mal bei einem Vulkanausbruch hochgewirbelt und
weitertransportiert worden sein und ist auf ein schönes
heißes Plätzchen runtergerieselt. Bei der Panspermie wäre das
alles aber noch viel schwieriger und begrenzter. |
|
| |
|
H. Zaun: Wo sehen Sie denn neben Mars noch andere
vielversprechende Kandidaten in unserem Sonnensystem, die Leben beherbergen
könnten?
Prof. Dr. Karl Stetter: Der Jupitermond
Europa hier haben
wir einen Eispanzer und darunter wahrscheinlich einen Ozean und einen
Meeresgrund, in dem möglicherweise Mikroben eine Nische gefunden haben
könnten. Das wäre die Hoffnung beim Mars wäre dies
ähnlich. Hier könnte man sich natürlich alle Temperaturlagen
vorstellen. In der Urzeit des Mars etwa, als es bei dem großen
Meteoriden-Bombardement zu einen massiven Stoffaustausch gekommen war,
könnten Mikroben der damals entstandenen Hitze gefolgt sein. Oder sie
haben sich im Zuge der Evolution und Abkühlung längst an niedrige
Temperaturen angepasst. Ich bin kein Prophet, man muss einfach nachschauen. Der
Saturnmond Titan hingegen
ist eine ganz andere Geschichte. Dort ist es wirklich eisig kalt, dort gibt es
Methanwolken und dort existiert so eine Art Ursuppen-Szenario. |
|
| |
|
H. Zaun: Aber dennoch lässt sich dort Leben
nicht ausschließen?
Prof. Dr. Karl Stetter: Man kann es natürlich
nicht ausschließen. Aber wir werden uns mit Sicherheit schwer tun, die
Proben, die wir nehmen, richtig zu deuten. Dies ist nicht einfach. |
|
| |
|
H. Zaun: Die NASA plant für das Jahr die "Mars
Sample Return Lander"-Mission, bei der marsiane Bodenproben gesammelt und zur
Erde zurückgebracht werden. Sofern auf dem Mars Leben existieren sollte,
besteht nicht trotz der angedachten Quarantäne auf der ISS, wo das
Gestein sozusagen "zwischengelagert" werden soll die Gefahr einer
Kontamination?
Prof. Dr. Karl Stetter: Als im Januar dieses Jahres
in Madrid das europäische Zentrum für Astrobiologie eröffnet
wurde, war ich einer der Festredner. Am Rande des Treffens kam ich auch mit dem
NASA-Verantwortlichen für die Mars Sample
Return Lander-Mission zusammen. Und der war ganz überrascht von
meinen Forschungsresultaten, die ich dort präsentierte, vor allem von der
Tatsache, dass es Mikroben gibt, die selbst nach stundenlangem Autoklavieren
(=durch Erhitzung sterilisieren) nicht vernichtet werden konnten. Fakt ist: Ich
habe Organismen, die bekommt man hierbei schlichtweg nicht tot. Der
NASA-Officer sagte zu mir, dass er mich deshalb nochmals kontaktieren wolle.
|
|
| |
|
H. Zaun: Das läuft darauf hinaus, dass sich
eine Kontamination grundsätzlich nicht ausschließen lässt?
Prof. Dr. Karl Stetter: Es ist für einen
seriösen Wissenschaftler immer schwierig, eine adäquate Antwort auf
die Frage zu finden, ob er etwas 100%ig ausschließen kann.
Gefühlsmäßig würde ich sagen, dass potentielle
Marsmikroben nicht schädlich sind und uns nichts anhaben können. Die
Wahrscheinlichkeit, dass solche zu uns bereits heruntergeschossen wurden, mit
Meteoriten etc., ist sehr hoch. Man denke nur an die hohe Anzahl von
Marsmeteoriten, die bislang in der Antarktis und anderswo aufgelesen wurden.
Böse Mikroben hingegen hätten uns doch längst aufgefressen
[lacht!]. Aber das ist natürlich kein Beweis: Ein Restrisiko bleibt!
|
|
| |
|
H. Zaun: Aber der umgekehrte Fall ist auch
interessant. Theoretisch bestünde beispielsweise bei 'Beagle' oder 'Huygens'
die Gefahr, dass der Lander ungewollt irdische Mikroben einschleppt, die
für "einheimische" Kleinstlebewesen tödlich sein könnten.
Prof. Dr. Karl Stetter: Das hängt davon ab,
wie gut die Sonden im Vorfeld sterilisiert wurden. Die NASA-Forscher haben es
zwar gemacht. Die Frage ist aber: Wie gut? |
|
| |
|
H. Zaun: Wie kann man verhindern, dass ein
irdischer Lande-Roboter zu einer interplanetaren Büchse der Pandora
verkommt?
Prof. Dr. Karl Stetter: Wie gesagt
Kontaminationen kann nie ganz ausschließen. Umgekehrt könnte von
oben etwas ganz Böses kommen, das zwar noch nie einen Menschen gesehen
hat, in uns aber das ideale Futter sieht [lacht!].
All images courtesy H. Huber, M. Hohn,
R. Rachel & K.O. Stetter, Univ. Regensburg, Germany
Dieses Interview erschien auch auf
telepolis.de |
|