Sind wir allein im
Universum? |
Der
Wissenschaftsastronaut und Publizist Dr. Ulrich Walter im
Gespräch |
| (C) Dr. Harald Zaun,
1998 |
| |
|
Der promovierte 45jährige Physiker, der 1993 als
Nutzlastexperte mit der D2-Shuttle-Mission im Orbit war, thematisiert in seinem
neuen Buch "Zivilisationen im All. Sind wir allein im Universum?" eine der wohl
zentralen Fragen der Philosophie und Kosmologie.
Wird die Menschheit eines Tages mit fremden Intelligenzen
in Kontakt treten? Werden wir in ferner Zukunft eine interstellare
Raumfahrt haben?
Dies sind nur zwei von vielen spannenden Fragen, denen
Ulrich Walter nachgeht. Sein Fazit hierzu ist ungewöhnlich. |
|
| |
|
H. Zaun: Von dem Physiker Freeman Dyson stammt das
Zitat: "Ich fühle mich nicht fremd in diesem Universum. Je länger ich
es betrachte und seine Konstruktion studiere, desto mehr sehe ich bewiesen,
daß das Universum von unserer Ankunft gewußt haben muß". Herr
Dr. Walter, was mag das Universum von außerirdischen Intelligenzen
wissen?
Ulrich Walter: Das Universum interessiert sich
eigentlich herzlich wenig dafür, ob wir und andere Intelligenzen
existieren oder auch nicht. Die Erde ist und bleibt im gesamten Kosmos eben
nicht mehr als nur ein kleines Staubkorn. Leider glauben immer noch viele
Menschen, daß wir etwas besonderes sind. Dies heißt jedoch nicht,
daß ich Dyson grundsätzlich widerspreche. Er meint, daß das
Universum sich im Zuge der kosmischen Evolution dergestalt gebildet hat,
daß wir Menschen aus ihm hervorgehen konnten. Hierfür mußten
jedoch Millionen von Randbedingungen bis aufs Detail genau erfüllt sein.
Wäre nur ein Baustein falsch angeordnet gewesen, gäbe es keine
Menschheit. Da das Universum sich aber so gebaut hat, daß wir darin
existieren können, muß Dysons Ansicht nach seine Entwicklung ein
Ziel haben. |
|
| |
|
H. Zaun: Lesen ihres neuen Buches fällt auf,
daß Sie sich eines Themas bedient haben, daß Ihnen seit Jahren
unter den Fingernägeln gebrannt haben muß.
Ulrich Walter: So ein Buch entsteht nicht aus dem
Nichts. Für diese Thematik habe ich mich eigentlich schon immer
interessiert. 1986 fiel mir das Buch von Barrow und Tipler (The Anthropic
Cosmological Principle) in die Hände, das für mich eine Quelle der
Inspiration war. Hinzu kam, daß ich nach meiner D-2-Shuttle-Mission 1993
viele Vorträge gehalten habe, bei denen mich immer wieder Menschen auf
diese Problematik hin angesprochen haben. Also habe ich mich einfach
hingesetzt, Material gesammelt, fleißig gelesen und irgendwann zur Feder
gegriffen. |
|
| |
|
H. Zaun: Glauben Sie, daß ein
Wissenschaftsastronaut mehr Wissen und Sensibilität in ein solches Thema
einbringt als ein herkömmlicher Autor?
Ulrich Walter: Zumindest glauben dies viele
Menschen, die sich offensichtlich für diese Thematik interessieren. Viele
von ihnen haben mich nach Vorträgen und Veranstaltungen aufgesucht, in der
Hoffnung, daß ich auf ihre Fragen kon-krete Antworten geben kann.
Für sie war klar: Wenn der es nicht weiß, wer soll es dann
wissen? |
|
| |
|
H. Zaun: Angesichts der jüngsten
Entdeckungen von weiteren Planetensystemen und der immer noch währenden
kontroversen Dis-kussion um den Marsmeteoriden ALH 84001 scheinen
Öffentlichkeit und Medien für dieses Thema sensibilisiert? Spiegelt
sich hierin der vielbeschworene Zeitgeist wider?
Ulrich Walter: Es ist ein grundsätzliches
Interesse da, wohl auch deshalb, weil wir uns im Übergang ins neue
Jahrtausend befinden. Da zeigt man sich gerade solchen Dingen gegenüber
besonders aufgeschlossen. Trotzdem sind derartige Themen in Europa nicht so
populär wie in den USA. Wird dort beispielsweise ein neuer Planet
entdeckt, berichtet darüber gleich die New York Times oder ein anderes
Blatt in großer Aufmachung auf der ersten Seite. In den großen
deutschen Zeitungen hingegen taucht eine solche Meldung bestenfalls unter
"ferner liefen" auf. Dies spiegelt die Einstellung der Öffentlichkeit in
Deutschland wider. In unserer humanistisch geprägten Gesellschaft
dominieren halt politische und kultu-relle Themen. Ganz im Gegensatz zu den
USA, wo man zukunftsorientiert denkt, sind unsere Bildungswerte geradezu
vergangenheitsfixiert. |
|
| |
|
H. Zaun: Stephen Hawking hat in seinem Bestseller
"Eine kurze Geschichte der Zeit" ganz bewußt auf Formeln verzichtet. Sie
hingegen haben einige Formeln verwendet.
Ulrich Walter: Mein Buch wendet sich an LeserInnen,
die wissenschaftlich interessiert sind, und vielleicht auch eine
wissenschaftliche Vorbildung mitbringen. Um Zusammenhänge wissenschaftlich
zu untermauern, muß man manchmal in die Tiefe gehen. Hierzu gehören
eben Gleichungen, denn sie haben einen streng logischen Aufbau und zeigen
wichtige Details auf, die man sonst vielleicht übersehen würde.
Allerdings habe ich die wirklich komplexen und schwierigen Formeln bewußt
im Anhang aufgeführt. |
|
| |
|
H. Zaun: Zu ihrer Zielgruppe gehören wohl
kaum Fantasten, Däniken-Gläubige oder Ufologen?
Ulrich Walter: Meine Intention ist es nicht, deren
Glauben einfach zu zerstören. Ich habe nur versucht, Fakten
zusammenzutragen, um schlüssige und logische Antworten zu finden.
Daß unser Gehirn in punkto Erinnerungsvermögen nicht immer
zuverlässig arbeitet, spiegelt sich nicht zuletzt in den oft
widersprüchlichen Aussagen über sogenannte UFO-Phänomene wider.
In meinem Buch gehe ich hierauf näher ein. |
|
| |
|
H. Zaun: Ufologen behaupten immer wieder,
daß vor allem Astronauten während ihrer Missionen ins All
häufig Ufo-Begegnungen gehabt hätten.
Ulrich Walter: Ich habe mit vielen Raumfahrern und
Apollo-Astronauten hierüber gesprochen. Keiner von ihnen hat jemals ein
UFO oder mehrere gesehen. Dies gilt auch für meine Person. |
|
| |
|
H. Zaun: Ihre pessimistische Prognose über
die Erfolgsaussichten der SETI-Forscher, die seit Jahrzehnten den Himmel nach
außerirdischen Funksignalen absuchen, stimmt nachdenklich.
Ulrich Walter: Die SETI-Forschung hat gewiß
ihre Berechtigung, auch wenn wir über Funkwellen wahrscheinlich nie von
der Existenz fremder Kulturen erfahren werden. Ich bin der Meinung, daß
erst ein stetes, erfolgloses Suchen über lange lange Zeit - hunderte,
Tausende von Jahren - die Menschen wirklich davon überzeugen wird,
daß es keine Außerirdischen gibt, jedenfalls nicht in der
näheren Umgebung unseres Sonnensystems. Hinzu kommen die immensen
Probleme, mit denen sich die einzelnen SETI-Projekte auseinandersetzen
müssen, wie etwa die zeitliche und räumliche Distanz zu den
vermeintlichen ETIs. |
|
| |
|
H. Zaun: In unserer Milchstraße sehen Sie
nur wenige ETIs. Wieviele intelligente Zivilisationen existieren denn Ihrer
Ansicht nach "momentan" im gesamten Universum?
Ulrich Walter: Wenn überhaupt, dann sehe ich
in unserer Milchstraße maximal eine Handvoll ETIs. Im gesamten Kosmos
mögen es gewiß entschieden mehr sein. Auf eine genaue Zahl festlegen
möchte ich mich hierbei aber nicht. |
|
| |
|
H. Zaun: In einem Unterkapitel Ihrer Arbeit
spekulieren Sie über das mögliche Aussehen von Außerirdischen.
Auf welchen "Alientyp" stehen sie eigentlich?
Ulrich Walter: Alle Aliengeschöpfe, die ich
bislang aus Filmen kenne, sind äußerlich nicht meine Sache: weder
die kleinen grünen Männchen mit den Antennen noch solche, die
abstruse spitze Ohren, Geschwüre im Gesicht oder sonst ein gestelzt
komisches Aussehen haben. Ich denke, daß deren Aussehen, so andersartig
es auch erscheinen mag, nicht unsympatisch sein muß; ähnlich wie bei
Tieren, die uns in sehr unterschiedlichen Formen begeg-nen, die aber alle
irgendwie harmonisch aussehen. Auf genau solche Formen würde ich
stehen. |
|
| |
|
H. Zaun: Sie zeichnen ein sehr
zukunftsoptimistisches Bild der Raumfahrt. Sogar eine interstellare Raumfahrt
halten sie prinzipiell für realisierbar. Sind Sie als Astronaut hier nicht
zu sehr befangen?
Ulrich Walter: Eine besondere Offenheit möchte
ich nicht abstreiten. Wenn man aber mal in einem Raumschiff gesessen hat und
feststellt, daß alles wie vorgesehen funktioniert, sieht man die Dinge
wohl mit anderen Augen. Auf der anderen Seite begründe ich ja auch
ausführlich, warum eine Reise zu anderen Sternen möglich sein
könnte. Natürlich muß die Technik noch optimiert werden, bevor
man diesen Schritt macht. Andererseits liesse sich aber bereits mit der
heutigen Technik viel mehr umsetzen als wir erahnen; es ist alles nur eine
Frage des Geldes. |
|
| |
|
H. Zaun: Werden Raumfahrer notgedrungen zu
Kosmopoliten?
Ulrich Walter: Ja. Selbst wenn Sie es vorher nicht
sind, kommen Sie automatisch in diese Situation. Wissenschaftsastronauten
müssen ein Ohr für die Welt da draußen haben. In der Regel
reisen sie viel und treffen daher mit unterschiedlichen Menschen aller
politischen Couleur und Nationalitäten zusammen. Da bleibt es nicht aus,
daß man sich auch mit internationalen politischen und sozialen Themen
auseinandersetzt. Raumfahrt eröffnet wirklich völlig neue Horizonte.
Sie führt Menschen und zugleich unterschiedliche Denkweisen zusammen.
|
|
| |
|
H. Zaun: Der deutsche Wissenschaftsastronaut
Thomas Reiter schlägt sogar vor, mal Politiker "nach oben" zu schicken.
Auch Ulf Merbold begrüßt diese Idee. Vielleicht eines Tages eine
Friedenskonferenz an Bord eines Raumschiffs?
Ulrich Walter: Gerne, das ist eine gute Idee, auch
wenn dies mit hohen Kosten verbunden ist. Dorthin könnte man mal Politiker
hinschicken. Vielleicht begreifen diese dann endlich, daß es nur eine
Erde gibt, daß es überhaupt keinen Sinn macht, über Grenzen zu
streiten. Man kann von seinen eingetrampelten Pfaden nur abkommen, wenn man mal
eine ganz andere, grundlegende Erfahrung gemacht hat. Man muß es einfach
mit eigenen Augen gesehen haben. Die Logik alleine vermag oft nicht zu
überzeugen.
Dieses Interview erschien auch auf
telepolis.de
< Zivilisationen im All. Sind wir
allein im Universum? Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin
1999 |
|
| |
| |