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ESO News

Nr. 33 vom 2. Oktober 2008
 

"Verschärfter" Jupiter

Eine Bildkorrekturtechnik liefert schärfste Gesamtaufnahme eines Planeten, das jemals von der Erde aus aufgenommen wurde.

 

Eine rekordverdächtige Beobachtung des Jupiters mittels einer überragenden Technik, um die atmosphärischen Störungen zu entfernen, führte zu der schärfsten Aufnahme des Planeten Jupiter, die je von der Erde aus aufgenommen wurde. Die Reihe von 265 Schnappschüsse, wie mit dem Multi-Conjugate Adaptive Optics Demonstrator (MAD) Prototyp, der an ESOs Very Large Telescope (VLT) montiert ist, zeigt Änderungen in Jupiters smogartigem Nebel - wahrscheinlich eine Folge eines planetenweiten Umbruchs, der mehr als ein Jahr zurückliegt.

 
 
"Verschärfter" Jupiter
 
   
   

Es war seit Jahrzehnten der Traum der Wissenschaften und Ingenieure, bei Weitwinkelaufnahmen die Störungen durch die Luftunruhe zu korrigieren. Die neuen Bilder von Jupiter belegen den Wert dieser fortschrittlichen Technologie, die MAD verwendet. Dabei werden statt einem nun zwei oder mehr Leitsterne verwendet, um die Unschärfe, die die Luftturbulenzen verursachen, auf einem Sichtfeld korrigiert, das dreissig mal größer ist als bei den bisherigen Techniken.

Erdgebundene Teleskopen leiden unter der Unschärfe, die durch atmosphärische Turbulenzen verursacht wird. Diese Turbulenzen lassen Sterne auf eine Art flackern, die Poeten erfreut, aber Astronomen frustriert, da es die feinen Details eines Bildes verschmiert.

Mit Hilfe adaptiver Optiken (AO) kann man diesen Hauptnachteil überwinden, so dass die Teleskope einigermassen so scharfe Bilder produzieren, wie theoretisch möglich und somit den Verhältnissen im Weltraum nahe kommen. Systeme adaptiver Optiken arbeiten mit computerkontrollierten, biegsamen Spiegeln, die die Bildstörungen durch die atmosphärischen Turbulenzen ausgleichen. Sie basieren auf optische Echtzeitkorrekturen, berechnet aus Bilddaten, die ein ‚Wellenfrontsensor' (eine spezielle Kamera) mit sehr hoher Geschwindigkeit - viele hundertmal pro Sekunde - aufnimmt.

Bisherige AO-Systeme können nur den Effekt der atmosphärischen Turbulenzen in einem sehr kleinen Bereich des Himmels ausgleichen - typischerweise 15 Bogensekunden oder weniger. Die Korrektur baut sehr schnell ab, wenn man sich von der zentralen Achse entfernt. Die Ingeniuere haben deswegen neue Techniken entwickelt, um diese Beschränkung zu überwinden. Eine davon ist ist die mehrfachkonjugierte adaptive Optik. In der ESO-News ESO 19/07 erfährt man näheres über den MAD-Prototyp.

"Diese Art adaptiver Optiken hat einen großen Vorteil beim Beobachten großer Objekte, wie Planeten, Sternhaufen oder Nebeln," sagt der leitende Wissenschaftler Franck Marchis vom UC Berkeley und dem SETI Institute in Mountain View, California, USA. "Während normale adaptive Optiken eine exzellente Korrektur in einem kleinen Gesichtsfeld liefert, bietet MAD gute Korrekturen über einen größeren Bereich des Himmels. Und tatsächlich wären wir ohne MAD nicht in der Lage, diese beeindruckenden Beobachtungen zu machen."

MAD erlaubte den Wissenschaftler Jupiter für fast 2 Stunden - zwischen dem 16 und 17 August 2008 - zu beobachten, eine Rekordlänge, wie das Forscherteam versichert. Konventionelle adaptive Optiken, die einen einzelnen Jupitermond als Referenz nutzen, können Jupiter nicht so lange verfolgen, da der Mond sich zu weit von dem Planeten wegbewegt.

Das Hubble Space Telescope kann Jupiter nicht mehr als 50 Minuten ununterbrochen beobachten, da seine Sicht während seines 96-minütigen Umlaufs regelmäßig durch die Erde blockiert wird. Mit MAD verfolgten der ESO-Astronom Paola Amico, MAD Projektmanager Enrico Marchetti und Sébastien Tordo von dem MAD-Team zwei von Jupiters größten Monden, Europa und Io - jeweils einer auf jeder Seite von Jupiter - um eine gute Korrektur über die ganze volle Planetenscheibe zu bekommen. "Es war die bisher herausfordernste Beobachtung, die wir mit MAD durchgeführt haben, denn wir mussten zwei Monde mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten mit hoher Genauigkeit verfolgen und gleichzeitig Jupiter nachjagen," sagt Marchetti. Mit dieser einzigartigen Serie von Aufnahmen fand das Team eine größere Veränderung in der Helligkeit des äquatorialen Nebels, der in einem 16000 Kilometer weiten Gürtel um Jupiters Äquator liegt.

Dieser Nebel, der aus der Stickstoffverbindung Hydrazin - wird auf der Erde als Raketentreibstoff verwendet - oder möglicherweise gefrorene Kristalle aus Ammoniak, Wasser oder Ammoniumhydrosulfid aus der Tiefe des Gasplaneten besteht, ist auf Infrarotaufnahmen sehr auffällig. Da das sichtbare Licht in tiefere Schichten eindringen kann als das Licht der infraroten Wellenlängen (um 2 Mikrometer), die MAD detektieren kann, sehen optische Teleskope Licht, dass von tieferen, dichteren Wolken reflektiert werden, die unterhalb des Nebels liegen. Der Nebel verhält sich ähnlich wie Teilchen auf den Spitzen von irdischen Gewitterwolken (bekannt als Cumulonimbus-Ambosse) oder in der Aschewolke großer Vulkanausbrüche, die bis in die obere Atmosphäre reichen und sich um die ganze Welt verbreiten. Auf dem Jupiter wechselwirkt Amoniak, das in die obere Atmosphäre injiziert wurde, auch mit dem Sonnenlicht, um Hydrazin zu bilden, das als Dunst aus kleinen Eispartikeln kondensiert. Die Hydrazinchemie in Jupiters Atmosphäre ist vergleichbar mit derjenigen, die in der irdischen Atmosphäre auftritt, wenn nach einem Vulkanausbruch Schwefeldioxyd durch das Ultraviolette Licht der Sonne sich in Schwefelsäure umwandelt.

Mehr reflektiertes Sonnenlicht in dem Nebel der äußeren Atmosphäre bedeutet, dass die Menge des Nebels zunahm, oder dass er sich zu größeren Höhen bewegt hat. "Der hellste Teil hat sich um mehr als 6000 Kilometer nach Süden verschoben," erklärt das Gruppenmitglied Mike Wong. Diese Schlussfolgerung resultiert aus dem Vergleich mit Bildern, die 2005 von Wong und seiner Kollegin Imke de Pater mit dem Hubble Space Telescope aufgenommen hatten. Die Hubble-Bilder, aufgenommen mit einer Wellenlänge, die sehr nahe zu denen liegen, die bei der VLT-Studie verwendet wurden, zeigen mehr Nebel in der nördlicheren Hälfte der hellen Äquatorialzone, während die VLT-Bilder 2008 eine klare Verschiebung zum Süden zeigen. "Die Veränderung, die wir im Nebel sehen, könnte mit den großen Veränderungen in der Wolkenmustern in Verbindung stehen, die mit den planetenweiten Veränderungen des letzten Jahren zusammenhängen, aber wir müssen uns noch weitere Daten anschauen, um genauer festzustellen, wann die Veränderungen geschahen," stellt Wong fest.

Ansprechpartner für ESO-News bei Astronomie.de: Dr. Bernd Hoffmann
 
Quelle: ESO Press Release Nr. 33/2008 Zum Astronomie.de ESO News Archiv
 
 
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