Guide 8

Wenn es so etwas wie ein "Schweizer Taschenmesser" unter den Sternkartierungsprogrammen gibt, dann kommt es aus dem US-Bundesstaat Maine, wurde (und wird) entwickelt von Bill Gray und heißt etwas irreführend "Guide". Irreführend insofern, als der Name keineswegs suggerieren will, es handele sich um einen einfachen, womöglich für Anfänger geeigneten "Führer" zum Sternhimmel. Der Name rührt vielmehr vom "Guide Star Catalog" her, einem Sternkatalog, der für die Positionierung des Weltraumteleskops "Hubble" erstellt wurde. Er enthält ca. 180 Millionen Sterne bis 14 mag. 1993 hatte Bill Gray die Idee, diesen immerhin 2 CDs umfassenden Katalog zu komprimieren, so daß er auf eine dieser damals noch recht jungen Silberscheiben paßte, samt einer Zugriffssoftware, eben "Guide". Dies war eine Pionierleistung, denn erstmals stand nun auch Amateurastronomen die Möglichkeit offen, perfekte Sternkarten bis zu einer damals scheinbar utopischen Grenzgröße zu erzeugen.

Inzwischen liegt Guide in der Version 8 vor, aber man sieht dem Programm seine Herkunft als Kartierungsprogramm nach wie vor an. Für den schnellen Blick zum Sternhimmel im Sinne eines Planetariumsprogramms ("Wie heißt der helle Stern abends im Westen? Welche Sternbilder sehe ich beim Blick aus meinem Wohnzimmer Richtung Osten?") ist Guide nicht die optimale Wahl. Gleichwohl läßt sich der Himmelsanblick auf den Horizont und eine bestimmte Himmelsrichtung fixieren und dann beispielsweise in Echtzeit animieren. Auf Wunsch wird die Himmelsfarbe dem Sonnenstand angepaßt:

Doch die eigentliche Stärke von Guide ist das Erzeugen von Sternkarten für Amateure, gleichgültig, ob sie Ceres im Feldstecher aufsuchen wollen oder semiprofessionell arbeiten (und bestimmt findet sich Guide auch auf manchem Rechner in professionellen Sternwarten). So sähe beispielsweise ein 10° großer Ausschnitt rund um Gamma Cygni aus:

Auf einem Schwarzweiß-Laserdrucker (Farbe geht selbstverständlich auch) wird dabei eine perfekte Qualität erzeugt, welche dieser Screenshot nur behelfsmäßig nachbilden kann.Wie man sieht werden die Nebelgebiete um Gamma Cygni mit realistischen Umrissen und in Grauabstufungen korrekt dargestellt. Natürlich umfaßt Guide sämtliche NGC und IC-Objekte, dazu aber noch beachtlich viele Spezialkataloge mit Deep-Sky Objekten.

Neben einem augenfreundlichen Rotlichtmodus (sogar eine "Taschenlampen"-Funktion gibt es) wird Guide auf dem heimischen Desktop wohl meist in seinem normalen Darstellungsmodus laufen. Dabei wird der Himmelshintergrund schwarz dargestellt, die Sterne weiß oder in Spektralfarben und die übrigen Objektklassen farbig (im Falle der Planeten und vieler ihrer Monde mit fotorealistischen Karten).

Erfahrene Anwender werden bei der Bedienung die (frei konfigurierbaren) Tastenkürzel nutzen. Wenn wir z. B. Strg+M tippen, wird uns eine Liste der "Messier"-Objekte angeboten. Per Maus oder wiederum Tastatur können wir beispielsweise M 1 heranzoomen. Wir sehen nun den Crabnebel nicht nur in Isophoten-Darstellung, sondern als "RealSky" Bild. Diese Bilder sind in Guide 8 für eine Fülle von Deep-Sky Objekten enthalten (und dafür verantwortlich, daß das Programm inzwischen auf zwei CDs ausgeliefert wird). Jedoch ist es bei den heutigen Festplattengrößen kein Problem mehr, das gesamte Programm auf der Festplatte zu installieren, was eine komfortable und unglaublich schnelle Programmausführung ermöglicht.

Auf diese Weise lassen sich auch die 10 CDs des USNO-A2 -Katalogs mit seinen ca. 500 Millionen (!) Objekten einbinden, die zwar nicht mit Guide ausgeliefert werden, auf welche das Programm aber konkurrenzlos schnell zugreifen kann. Wer den Katalog nicht besitzt, ihn jedoch für aus gewählte Karten nutzen möchte, kann von Guide aus via www darauf zugreifen!

Der Krabbennebel hat übrigens Besuch von zwei Asteroiden, welche mit ihrer Nummer (in gelb) dargestellt werden. Guide bietet in diesem Zusammenhang einen Service, der (fast) einzigartig im Kreis der Kartierungsprogramme ist: für die nähere Zukunft und Vergangenheit sind die Bahnen der hellsten Asteroiden numerisch integriert worden, so daß die Positionen dieser Objekte auf mindestens eine Bogensekunde genau sind. Wer ganz aktuelle, verbesserte Positionen braucht, kann sich die passenden Bahnelemente wieder aus dem www besorgen und von Guide auswerten lassen. Wer also einen vermeintlich neuen Asteroiden auf einer Himmelsaufnahme ausmacht, wird in vielen Fällen schon mit einem kurzen Blick auf Guides Darstellung zum betreffenden Zeitpunkt ernüchtert und von einer email an das MPC Abstand nehmen.

Kaum der Erwähnung bedarf, daß Guide beim Mausklick auf ein Objekt viele, viele Daten preisgibt, zum Teil aus Katalogen, zum Teil berechnet. Für die großen Objekte des Sonnensystems nutzt Guide die hochgenaue VSOP-Theorie, bei Bedarf sogar die Ephemeriden des JPL. Damit kann man die Entfernung zum Mond im Prinzip auf ein paar Dezimeter genau bestimmen. Konsequenterweise enthält Guide auch ein einfaches Ephemeridenmodul. Damit lassen sich Ephemeriden auch drucken und als Textdatei speichern. Das "Tabellen"-Menü führt noch eine ganze Reihe weiterer Tabellen auf, die Guide auf Wunsch schnell erzeugt (Mondphasen, Finsternisse, aktuell sichtbare Kometen oder Asteroiden bis zu einer gewissen Grenzgröße, Durchgänge künstlicher Erdsatelliten, des Roten Flecks auf Jupiter usw).

Die Finsternisfunktion von Guide ist wohl singulär: man klicke nacheinander zwei Objekte an, eines davon beweglich (Sonne und Mond, Mond und Stern, Planet und Stern usw.). Sofern eines der beiden Objekte das andere "verfinstert", wird anschließend eine Karte der Erdoberfläche mit der Verfinsterungszone dargestellt. Diese Karte läßt sich beliebig zoomen, wodurch Ortschaften und Landesgrenzen sichtbar werden. Ein Klick auf einen Punkt der Karte gibt neben den geographischen Koordinaten auch die Kontaktzeiten der Finsternis aus. Das funktioniert wie gesagt nicht nur für Sonnenfinsternisse, sondern für beliebige Kombinationen von Objekten, im Screenshot zum Beispiel für eine - jedoch nur theoretisch sichtbare - Bedeckung eines USNO-A2-Sterns durch Jupiter. Ähnlich lassen sich Konjunktionen zwischen Objekten finden.

Verfinsterungen oder andere Ereignisse der Jupitermonde werden ebenfalls perfekt in Tabellenform vorhergesagt und lassen sich dann per Mausklick in die Tabelle simulieren:

Hier beginnt gerade eine Verfinsterung von IO. Wer will, kann das Ereignis auch von Jupiter aus betrachten: Guide erlaubt die Positionierung auf der Oberfläche (oder im Zentrum) eines jeden Planeten und vielen, vielen Monden (Guide kennt fast jeden Felsbrocken, der einen Planeten umkreist). Wenn wir uns nun also nach Jupiter "beamen" und die Blickrichtung auf Io fixieren (über das "Suchen"-Menü geht das im Handumdrehen), so erleben wir zunächst eine Enttäuschung: Io erscheint bereits vollständig verfinstert - doch das muß auch so sein! Schließlich haben wir von der Erde aus das Ereignis mit Verspätung beobachtet - das Licht braucht seine Zeit von Jupiter zu uns. Mit der Animationsfunktion tasten wir uns einige Minuten zurück und sehen Io, vom Jupiter aus, mit korrekter Phase, Verfinsterung und Oberflächendetails. Sogar der Schattenwurf der Monde untereinander wird von Guide korrekt berücksichtigt - ein Wunderwerk an programmiertechnischer Raffinesse!

Für "Armchair"-Astronomen bietet Guide also auch ein reichhaltiges Betätigungsfeld. Der Schreiber dieser Zeilen nutzt das Programm seit langem als Referenz für Ephemeridenrechnungen. Die Genauigkeit ist dabei über jeden Zweifel erhaben. Ein email-Austausch mit dem Autor wegen - scheinbar - fehlerhafter Jupitermondhelligkeiten brachte zu Tage, daß Bill Gray ein anderes Modell nutzt, als das verbreitete, das nur für Beobachtungen von der Erde (mit begrenzten Phasenwinkeln auf den Monden) aus gültig ist. Guide zeigt die Jupitermonde aber von allen möglichen Standorten im Sonnensystem. Überhaupt ist der Support von Guide vorbildlich: wenn es irgendwo hakt, genügt eine Mitteilung an den Autor. Oft ist schon wenige Tage später ein Update auf projectpluto.com verfügbar.

Aber natürlich ist Guide vorrangig kein Programm für den Schreibtisch, sondern für die Beobachtung draußen. Das Benutzerinterface trägt dem Rechnung: viele (sogar numerische) Eingaben sind auch behandschuht per Mausklick möglich. Und wer als Beobachtungsrechner einen betagten Laptop nutzt, weiß die DOS-Version ebenso zu schätzen wie die Windows-32-bit Version, die am heimischem PC unter XP problemlos läuft. Allerdings hält sich Guide nicht gerade akribisch an die Konventionen der Windows-Oberfläche. Doch für alle, denen die Werte "unter der Haube" wichtiger sind als das Aussehen ist Guide das Universalwerkzeug schlechthin - eben ein Schweizer Taschenmesser made in USA.

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