18. Woche - Der PN VV 47 alias JnEr 1

 -  Astrofoto der Woche
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Planetarische Nebel gehören zu den schönsten und – was ihre Formen betrifft – zu den vielfältigsten Deep-Sky-Objekten. Für das heutige AdW schickte Bruno Mattern, Mitglied der VdS-Fachgruppe Astrofotografie, den PN VV 47. Das Bildfeld misst 46,8' x 32,4' mit Norden oben und Osten links. Der PN steht im Sternbild Lynx und wird überwiegend als JnEr 1 (Jones-Emberson 1) bezeichnet. Ihn darf man der Kategorie ”besondere Exemplare” zuordnen. Warum? Etwas weiter unten wird auf diese Besonderheiten eingegangen.

Das vorliegende AdW entstand im Verlauf des Frühlings 2022 in der Lüneburger Heide. Es ist eine Kombination aus Aufnahmen mit den folgenden Teleskopen:
a) Ein 12-Zoll-ACF von Meade mit Giant Easy Guider und Shapley-Linse (f/6,5), dazu eine Canon 6Da, mit ihr wurden 58 Aufnahmen zu insgesamt 6 h 35 min belichtet,
b) Ein Takahashi Epsilon 130D mit einer Kamera des Typs ZWO ASI2600MM, hiermit wurden Schmalbandaufnahmen in Hα angefertigt, 22 x 500 s belichtet, in [SII] 12 x 500 s und in [OIII] 19 x 500 s.
c) Ein Takahashi Epsilon 200 mit f = 800 mm, als Kamera eine ZWO ASI094 und ZWO ASI074, insgesamt 95 x 300 s belichtet.

Jetzt zum Objekt. Der PN VV 47 ist die Nr. 47 aus dem Katalog von B.A. Vorontsov-Vel'yaminov (1934): Catalogue of planetary nebulae with a statistical discussion of the subject; Astronomicheskii Zhurnal 11, 40-59. Man achte jetzt auf das Erscheinungsjahr: Der PN wurde als Nr. 47 bereits 1934 vorgestellt. Fünf Jahre später, also 1939, erschien ein Artikel von R.B. Jones und R. Emberson im Harvard Bull. 911, 11. Seitdem werden Jones und Emberson in der Regel als Entdecker angeführt, so z.B. im bekannten Strasbourg-ESO Catalogue of Galactic Planetary Nebulae (1992). Dazu kann man nur sagen: Wer eine Entdeckung bekannt gibt, sollte sich vorher darüber informieren, ob das betreffende Objekt nicht schon bekannt ist … so wie hier VV 47. Die nachträgliche Rechtfertigung, dass es sich um eine unabhängig erzielte Entdeckung handelt, klingt in meinen Ohren ganz und gar nicht überzeugend.

Um VV47 gab es weitere Ungereimtheiten. Perek und Kohoutek gaben dem PN ihre Katalog-Nr. PK 164+31°1, dazu den Alternativnamen NGC 2474-5. Das ist kaum zu begreifen, denn bei NGC 2474-5 handelt es sich um ein elliptisches Galaxienpaar, welches 34' südlich von JnEr 1 steht. In früheren Jahren wurde diese Alternativbezeichnung von vielen Astronomen (ohne Nachprüfung) übernommen und verbreitet. Erst in der Auflage 2000 korrigierte Kohoutek diesen Fehler und gab den Namen des PN an mit … natürlich JnEr 1. Der wahre Entdecker Boris Vorontsov-Vel'yaminov hatte von Anfang an schlechte Karten, offensichtlich behält er sie auch. Hier im AdW wird der Sachverhalt aber ehrlich dargestellt.

Jeder PN hat einen Zentralstern, der die Gashülle zur Emission anregt. Der Zentralstern von VV 47 ist ein Weißer Zwerg. Im AdW steckt er bei den Pixelkoordinaten (2134/1379) und ist deutlich knallblau zu sehen (dazu das Originalbild herunterladen). Seine Helligkeiten lauten: B = 16,775 mag und V = 17,128 mag. Mit B-V = -0,353 mag ist diese starke Blaufärbung sofort einleuchtend. Damit besitzt der Zentralstern auch eine sehr hohe Temperatur, die ausreicht, um den inneren Bereich im PN blau im [OIII]-Licht leuchten zu lassen.

Misst man den PN-Durchmesser im AdW, so kommt man auf rund 7 Bogenminuten. Entnehmen wir jetzt den Gaia-Messwerten die Parallaxe für den Zentralstern von VV 47, dann ergibt sich eine Entfernung von ca. 3000 Lichtjahren. Demnach hat VV47 einen wahren Durchmesser von etwa 6 Lichtjahren, und das ist recht groß!

Interessant ist die innere Struktur von VV 47. Das Zusatzbild wurde schlichtweg stark aufgehellt und ein wenig im Kontrast verändert. Es soll keinen Schönheitspreis gewinnen, sondern einfach nur Details deutlicher zeigen. So sehen wir zwei geradlinige dunkle Strukturen, die quer durch den inneren Raum laufen. Bleiben wir im Innenbereich von VV47. Im Südwesten zeigt das AdW bei den Pixelkoordinaten (2264/1431) einen diffusen bläulichen Fleck. Das ist die Galaxie SDSS J075741.89+532435.5 mit einem aktiven Kern. Seltsam ist, dass für diese offensichtlich weit entfernte Hintergrundgalaxie in Simbad eine Radialgeschwindigkeit von 60 km/s angegebeen wird. Damit stünde sie ganz nahe. Informiert man sich dann im Himmelsatlas Aladin (in der SDSS-Darstellung), so bemerkt man weitere Galaxien, die offenbar eine kleine Gruppe bilden. Hier im AdW erscheinen sie lediglich punktförmig. Was noch auffällt: im Nordosten zeigt VV 47 eine lichtschwache, aber deutliche zusätzliche Außenschale.

Anmerkungen: Bevor ein PN aufgenommen wird, empfiehlt sich immer ein Blick in den Strasbourg-ESO Catalogue of Galactic Planetary Nebulae. Dort sind die Stärken der Emissionslinien aufgelistet. Das hat für den Astrofotografen den Vorteil, dass er schon seine Schmalbandfilter sinnvoll wählen kann. Die PN-Bezeichnung in diesem Katalog erfolgt den galaktischen Koordinaten entsprechend, so dass VV 47 als PN G164.8+31.1 auftaucht. Seine Emissionslinien werden wie folgt angegeben: Hβ 100 (wird immer so definiert), Hα 900, [OIII] 2225, [NII] 3513. Von [SII] ist keine Rede. Insofern kann man sich überlegen, ob [SII]-Belichtungen – wie hier für dieses AdW – überhaupt gemacht werden sollten. Noch wichtiger: Die rote Farbe von VV 47 resultiert nur bedingt vom Hα. Erheblich kräftiger leuchtet der ionisierte Stickstoff [NII]. Wie gut, dass das Stickstofflicht von den üblichen (nicht zu schmalbandigen) Hα-Filtern durchgelassen wird.

Einen herzlichen Dank für das schöne Motiv an Bruno Mattern. Und dazu die Gratulation des AdW-Teams zum Astrofoto der Woche.

 

Peter Riepe
Bildautor: Bruno Mattern

 

Koordinaten (J2000.0) von VV47:
RA = 07 h 57 min 51,6 s, DE = +53° 25' 17"

 

 

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