2. Woche - Lynds-Dunkelnebel im Sternbild Vulpecula

 -  Astrofoto der Woche

Das heutige AdW entführt uns in das Sternbild Vulpecula (Füchschen). Markus Blauensteiner, Mitglied der Fachgruppe Astrofotografie, zeigt uns hier einige interessante Dunkelwolken. Die Aufnahme datiert vom 11.07.2020 und entstand remote in Verclause (Südfrankreich) auf einer Montierung iOptron iEQ30 pro. Beim Aufnahmeteleskop handelt es sich um ein Vixen FL55ss. Dieser Fluorit-Apochromat von 55 mm Öffnung kommt mit einem entsprechenden Reducer bzw. Flattener von 300 mm Originalbrennweite auf reduzierte 237 mm (= Blende 4,3). Die Kamera war eine QHY 163c CMOS (mit Farb-CMOS-Chip). Belichtet wurde 144 x 5 min = 12 h. Der recht große Bildwinkel beträgt 244' x 186' mit Norden oben und Osten links.

Die hier verteilten Dunkelwolken befinden sich etwa 4,5° südlich von Albireo im Schwan. Sie liegen mit 3-4° sehr nahe am Himmelsäquator. Und da ist bekanntlich die interstellare Materie sehr vielfältig verteilt. Hier im Bild liegt direkt obverhalb der Bildmitte eein Gebilde, das an einen Krückstock erinnert: LDN 778. Der Stock selbst beinhaltet die Dunkelnebel Dobashi 2015, 2017 und 2019. Unterhalb der Bildmitte wird die Sache vertrackter: Hier erkennt man die Dunkelnebel Dobashi 2001 bei den Pixelkoordinaten (1360/1760), nach Westen gefolgt von LDN 768, 767 und 769 bei (2240/1525). Alles zusammen ähnelt einem Brontosaurus, insbesondere, wenn man von LDN 769 aus nach rechts oben LDN 774 verfolgt, der den Hals und kleinen Kopf des Sauriers bildet.

Bei den vielen „Lynds-Nebeln“ kommen wir an einer Betrachtung eines großartigen Werkes nicht vorbei. Beverly T. Lynds suchte die Rot- und Blauplatten des Palomar Observatory Sky Survey nach Dunkelwolken ab. Die gefundenen Objekte übernahm sie in ihren 1962 publizierteen Katalog (Lynds B.T.: Catalogue of Dark Nebulae; Astrophys. Journal Suppl. 7, 1-52). Insgesamt waren es 1802 einzelne Dunkelwolken, die heute mit ihren typischen LDN-Nummern bekannt sind. Dabei verwendete sie als Beurteilungskriterium für die Dunkelheit solcher Wolken deren Opazität. Darunter versteht man den Kehrwert der Transmission: Wo eine hohe Transmission vorliegt, ist die Opazität gering. Wo eine geringe Transmission vorliegt, ist die Opazität hoch. Die Opazität ist also ein Maß für die Dunkelheit. Frau Lynds verwendete eine Skalierung der Opazitäten von 1 (geringe Op.) bis 6 (hohe Op.). So ist LDN 778 mit einer Opazität von 6 als sehr dunkel skaliert. Gleichzeitig wurden für alle Dunkelwolken auch die Flächen gemessen. Ehrlich gesagt: Das erscheint mir aus heutiger Sicht fragwürdig, denn schon die Astrofotografien der Amateure zeigen, dass die Ausdehnung einer Dunkelwolke im visuellen Licht in der Regel von der Belichtungszeit abhängt. Außerdem ist die Struktur der Dunkelwolken mit Verästelungen und Ausläufern so kompliziert, dass es schlichtweg kaum sinnvoll ist, für ein derartiges Gebilde eine Fläche angeben zu wollen wie bei einer Galaxie beispielsweise. Abgesehen davon wird man Dunkelwolken generell an Orten mit sehr dunklem Nachthimmel aufnehmen, nie in Stadtnähe, wo der Kontrast zwischen Milchstraßenpartien und Dunkelwolken durch das Störlicht in die Knie geht und andere Formen vorgaukelt. Wie hat Frau Lynds die Flächen der Dunkelwolken vermessen? Dazu umrundete sie mit einem Planimeter visuell die Umrisse der Dunkelwolken, so erhielt sie eine geschlossene „Umrundungskurve“. Ein Planimeter arbeitet nach dem Prinzip, dass man - unabhängig von der Objektform - aus der Umrundungskurve den Flächeninhalt des umrundeten Objekts bekommt. Die gemessenen Flächen (Square-Inches) mussten dann noch in Winkelquadrate umgerechnet werden. Für LDN 778 werden im Katalog 723,6 Quadratbogenminuten angegeben. Das tiefe AdW zeigt mir die Komplexität der Dunkelwolken und gern hätte deshalb ich erfahren, wo Frau Lynds mit ihrem Planimeter entlang gefahren ist ... Die Positionen der Dunkelwolken wurden sowohl als galaktische Koordinaten in Länge und Breite bestimmt, aber auch als aquatoriale Koordinaten in Rektaszension und Deklination. Die Positionen wurden auf das Zentrum der Dunkelwolken bezogen – wo auch immer das in den Lynds-Dunkelwolken angenommen wurde. Dabei muss man davon ausgehen, dass die äquatorialen Koordinaten für die Epoche B1950.0 gelten (nirgends im Artikel ist das zu lesen).

Noch drei Objekte sind im Bild erwähnenswert - allerdings kommen sie aufgrund der kurzen Brennweite nicht so deutlich zur Geltung: (1) bei (1798/849) der Reflexionsnebel [RK68] 96 um den 11,8 mag hellen Veränderlichen PX Vulpeculae, gefunden 1968 von Rojkovskij und Kurchakov, (2) bei (1886/1792) der Reflexionsnebel vdB 126 um den 8,7 mag hellen HD 182918, (3) bei (2148/1796) den sehr schwachen Reflexionsnebel DG 155, gefunden 1955 von Dorschner und Gürtler, zwei Jahre später wurde er als LBN 133 auch von Frau Lynds vorgestellt.

Anmerkungen: Die Optik zeigt über das gesamte Bildfeld eine sehr gute Sternabbildung. Bei einem so großen Aufnahmewinkel lassen sich garantiert noch weitere ausgedehnte Deep-Sky-Objekte aufspüren, die eines solchen Bildwinkels bedürfen. Allerdings fällt mir auf - gerade bei den oben genannten Reflexionsnebeln, dass die Farbe (trotz des Autornamens) noch ein wenig Blau vertragen könnte. Der Stern HD 182918 sollte bei einem Farbindex von B-V = 0,1 mag knallblau erscheinen, blau sollten auch die Reflexionsnebel herauskommen. Von den Blauensteiner´schen CCD-Bildern ist man doch eine andere Farbgebung gewohnt. Vielleicht gibt es hier ja noch künftige Erkenntnisse zur Optimierung. Ich meine jetzt natürlich nicht, dass die Bildbearbeitung im Prozessgang zu verbessern wäre. Das kennen wir von Markus Blauensteiner immer in vorbildlicher Art mit sauberer Farbkalibrierung. Gibt es irgendwo für den Kamerachip spektrale Empfindlichkeitskurven? Auf die Schnelle habe ich leider nichts dergleichen gefunden.

Wir bedanken uns für dieses prächtige Motiv und gratulieren herzlich zum Astrofoto der Woche!

 

Peter Riepe
Bildautor: Markus Blauensteiner

 

Koordinaten der Bildmitte (J2000.0):
RA = 19 h 27 min 16 s, DE = +23° 22' 34''

 

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