49. KW - Die HII-Region Sh2-140 und der Sternhaufen Pismis-Moreno 1

 -  Astrofoto der Woche  - 

Etwa 7° nordöstlich der bekannten, hellen HII-Region IC 1396 im Cepheus befindet sich eine weitere, aber unscheinbare HII-Region mit dem Katalognamen Sh2-140. Im heutigen AdW zeigen uns Frank Iwaszkiewicz und Nico Geisler dieses wenig bekannte und selten fotografierte Deep-Sky-Objekt. Norden ist links, Osten unten. Das Bildfeld beträgt 62´ x 47´. Das Bild wurde am 5., 6. und 9. September 2018 aufgenommen, Ort war Eggersdorf. An einem 250-mm-Newton (TS ONTC) wurde bei einer Brennweite von 1000 mm mit einer Atik 383L+ belichtet. 30 x 15 min waren es für Hα (HWB = 6 nm), dazu kamen 17 x 3 min je RGB-Filter (alle Filter von Astronomik). Diese Gesamtbelichtungszeit von rund 10 Stunden sind für das Öffnungsverhältnis 1:4 schon recht beachtlich! Nico Geisler half bei der Bildbearbeitung.

Über das Objekt und sein Umfeld gibt es diesmal einige interessante Fakten. Sh2-140 wird in der Datenbank Simbad völlig unsinnigerweise als offener Sternhaufen bezeichnet. Dabei hatte Steward Sharpless seinen Katalog von 1959 ganz klar mit der Überschrift betitelt "A Catalogue of H II Regions". Wie ist dieser Widerspruch zu erklären? Der hellste Bereich von Sh2-140 ist der hell leuchtende nördliche Rand. Hier grenzt nach Nordosten (linke untere Bildecke) die dunkle Molekülwolke Dobashi 3330 an, eine auffällig sternarme Dunkelfläche. Der helle Rand (engl. "bright rim") repräsentiert also die Stoßfläche, wo der Sternwind der Sterne aus der HII-Region auf die Molekülwolke prallt. Dobashi 3330 ist Teil der noch größeren Dunkelwolke LDN 1204, die sich außerhalb des Bildes im Osten befindet. Und wie schon so oft im AdW erwähnt, so gilt auch hier: HII-Regionen sind stets mit Molekülwolken verknüpft. Das heißt konkret: Aus dem Material der Molekülwolke entstanden junge heiße Sterne, die die rote Hα-Emission der HII-Region erzeugen. Wo aber stecken diese Sterne? Die Antwort ist simpel - und jetzt bitte das Zusatzbild anschauen (hier klicken): Es ist der offene Sternhaufen Pismis-Moreno 1 in Sh2-140 (als gelbe Ellipse markiert). Dass es sich tatsächlich um einen Sternhaufen handelt, wurde 1979 von den Astronomen P. Pismis, M.A. Moreno und I. Hasse entdeckt. Sie konnten durch Radialgeschwindigkeitsmessungen der Feldsterne mehrere wahre Haufensterne identifizieren und für sie ein Farbenhelligkeitsdiagramm erstellen. Hellster und heißester Stern von Pismis-Moreno 1 ist der B0-Stern BD+62°2061 (HD 211880), im Klickbild als "1" gelb markiert. Direkt daneben steht "2", der jedoch als B8-Stern wegen seiner zu geringen UV-Energie nicht zur Ionisation von Sh2-140 beiträgt. Interessant ist noch die Nummer "3" (roter Punkt). Hier steckt in der Verdichtung der Molekülwolke das helle Infrarotobjekt S140-IRS1. Möglicherweise bildet sich hier (nach Astronomen-Auffassung) ein neuer kleiner Sternhaufen aus. Dass in Sh2-140 eine aktuelle Sternentstehung stattfindet, belegen einige Herbig-Haro-Objekte, die aber hier noch nicht genügend aufgelöst herauskommen.

Für Sh2-140 wird von Sharpless selbst ein Durchmesser von 30´ angegeben. Die tiefe Aufnahme von Frank Iwaszkiewicz und Nico Geisler zeigt einen mit 36´ deutlich größeren Durchmesser. Das ist wieder einmal ein Hinweis darauf, dass tiefe Amateuraufnahmen durchaus geeignet sind, neue Werte für Objektabmessungen zu liefern. Was jedoch gleich geblieben ist: D. Crampton und W.A. Fisher bestimmten schon 1974 anhand der Fotometrie des anregenden Sterns BD+62°2061 eine Entfernung von 910 pc (rund 3000 Lichtjahre).

Text zum Objekt und den Aufnahmedaten: Peter Riepe

 

Das Sternbild Kepheus beinhaltet unzählige, für den Astrofotografen interessante Objekte. Die Showobjekte des Kepheus sind die großen und hellen Emissionsnebel NGC 7822 und der sehr oft fotografierte IC1396. Doch zwischen diesen beiden Nebeln liegen unzählige Dunkelnebel, Reflexionsnebel und weniger helle HII-Regionen. Gerade dieses Miteinander verschiedener Objekte macht das Sternbild Kepheus so interessant für Astrofotografen. Frank Iwaszkiewicz hat uns dieses Bild der HII-Region Sh2-140 eingereicht. Die Bildbearbeitung fand in Kooperation mit Nico Geisler statt. Beide Astrofotografen dürften den aufmerksamen AdW Lesern nicht unbekannt sein, es ist nicht das erste Bild dieses Teams, welches hier gezeigt wird.

Es handelt sich aus technischer Betrachtung genau genommen um eine sehr lange Hα-Aufnahme (7,5 h) die mit relativ kurz belichteten RGB Bildern vereint wurde. Die mit jeweils 51 Minuten belichteten Rot-, Grün- und Blauaufnahmen dienen dabei mehr oder weniger nur dazu, den Sternen ihre natürlichen Farben zu spenden. Zur Farbigkeit der gesamten Szene tragen sie nur in einem geringen Umfang bei. Man könnte also lapidar behaupten, es handele sich hierbei um eine rot eingefärbte Hα-Aufnahme mit natürlichen Sternfarben. Es gibt unzählige Wege, verschieden gefilterte Aufnahmen zu einem Farbbild zu vereinen, und dies ist eine probate Möglichkeit. Für jeden Astrofotografen (der mit einer monochromen Kamera und entsprechenden Filtern arbeitet) ist es also wichtig, sich von vornherein zu überlegen, wieviel Belichtungszeit er in die verschiedenen Filterungen investiert, um zu einem Ergebnis zu kommen. Wobei sich hier verschiedene Fragen gestellt werden müssen. Z.B. was will ich zeigen? Details eines Emissionsnebels oder die flächige Ausdehnung einer großen HII-Region? Die Verteilung der Elemente in einem Nebel, bzw. im Spektrum eines Nebels? Wie sind die Umweltbedingungen? Wie ist die Mondphase und fotografiere ich unter sehr gutem Landhimmel oder aus der Stadt heraus? usw. usw. ...

Im vorliegenden Bild ist ein Helligkeitsverlauf (Gradient) zu beobachten: von der linken oberen Bildecke zur rechten unteren nimmt die Hintergrundhelligkeit zu. Vermutlich handelt es sich dabei nicht um eine natürliche Lichtverteilung, insofern könnte man versuchen diese anzugleichen. Die Software PixInsight bietet dafür ein besonders gutes Werkzeug an, aber auch in anderen Softwares lässt sich das praktikabel durchführen. In der Software Adobe Photoshop habe ich einmal die Funktion Auto-Farbe auf das Bild angewandt. Dadurch wirkt die Aufnahme farblich noch etwas ausgeglichener und kontrastreicher. Mit gefällt es so besser, aber das ist wie immer eine Frage des persönlichen Geschmacks.

Das Bild überzeugt insgesamt durch die erreichte Tiefe und die schönen Details im Nebelzentrum. Wir gratulieren den Bildautoren zu dem Ergebnis und zum AdW.

Kommentar zum Bild: Frank Sackenheim

 

Koordinaten von Pismis-Moreno 1 (J2000):

RA = 22 h 18 min 48 s, Dec = +63° 16´ 00´

 

Sie haben Fragen? Kontakt zum AdW-Team: fg-astrofotografie@vds-astro.de. Kontakt zum Bildautor: Dazu klicken Sie einfach oben auf den Namen. Sie können auch den Namen des Autors anklicken (rechte Maustaste) und dann die Mailadresse kopieren.

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