16. Woche - Die H II-Regionen IC 410 und IC 405 im Fuhrmann

 -  Astrofoto der Woche

Das Astrofoto dieser Woche zeigt ein bekanntes und oft fotografiertes Gebiet aus dem Sternbild Fuhrmann (Auriga) mit den beiden HII-Regionen IC 410 und IC 405. Im Bild ist Norden oben und Osten links, das Bildfeld beträgt 2° 50' x 2° 10'. Bildautor ist Marc Schuh. Am 31.12.2020 nahm er dieses Motiv im österreichischen Burgenland auf, Teleskop war ein TS Photoline 70/420, also ein Dreilinser (Triplett). Die Brennweite wurde auf den Faktor 0,79 verkürzt, so dass eine Apertur von f/4,7 zustande kam oder auf Deutsch: Blende 4,7. Kamera war eine ZWO ASI1600MMP, dazu wurden Schmalbandfilter für Hα und [SII] eingesetzt. Belichtet wurde 44 x 5 min für die Hα-Filterungen, 17 x 5 min für [OIII] und 19 x 5 min für [SII], was insgesamt 6 h 40 min ergibt. Als Programme für die Aufnahme und für die Bildbearbeitung dienten N.I.N.A. (https://nighttime-imaging.eu/) und PixInsight. Zur Farbkombination: Die [OIII]-Belichtungen wurden dem Rotkanal zugeordnet, die Belichtungen für [SII] dem Grünkanal und die Hα-Belichtungen dem Blaukanal. Man sieht: Es muss nicht immer die Hubble-Palette sein.

Nahezu im Zentrum der etwa 35' großen HII-Region IC 410 sitzt der ca. 11' ausgedehnte offene Sternhaufen NGC 1893. Sein Alter wird auf xx Mio. Jahre geschätzt, das ist sehr jung. Seine starke UV-Strahlung ergibt sich aus seinem großen Bestand an O- und B-Sternen. 29 OB-Sterne liefern die nötige Energie zur Anregung der H II-Region (Kuhn et al. 2014). Der heißeste Haufenstern ist LS V +33 15 bei den Pixelkoordinaten (578/1352). Er ist 10,7 mag hell und ist vom Spektraltyp O5. Auch HD 242935 muss erwähnt werden, ein 9,4 mag heller Doppelstern bei (568/1297). Sein Spektraltyp ist O7,5. Der O7-Stern HD 242926 bei (562/1403) ist ebenfalls 9,4 mag hell. Dann soll noch BD+33 1025 bei (582/1280) genannt werden, ein 10,3 mag heller Stern des Spektraltyps O7,5. Die Entfernung von NGC 1893 und damit die von IC 410 liegt bei 11700 Lj (Feigelson 2013). Im Inneren von IC 410 ist eine Fülle junger stellarer Objekte versammelt, darunter auch ganz junge Veränderliche des Typs T Tauri.

Im Nordostteil von IC 410 werden zwei Bright-Rim-Strukturen auf, die in ihrer Form stark an Kaulquappen erinnern. Bei (507/1219) liegt Sim 129, etwas weiter nordwestlich bei (566/1177) dann noch Sim 130. Diese Bezeichnung stammt aus der Publikation von G.A. Shajn und V.F. Gaze aus dem Jahre 1950: „A few results of the study of emissive galactic nebulae“, Izv. Krym. Astrofiz. Obs. 6, 3-27. Da diese Arbeit am Simeis-Observatorium auf der Krim entstand, ergab sich die Namensgebung Sim für die beiden Objekte. Nun – wissenschaftliche Bezeichnungen liegen dem Amateur kaum, daher bevorzugt er die amerikanische Bezeichnung „Tadpoles“. Dies gilt jedoch nicht für IC 410 insgesamt, sondern nur für die beiden Kaulquappen. Was darüber hinaus sehr schön sichtbar wird, ist der riesige Gasbogen, welcher den nördlichen Nebelbereich wie ein Halbkreis umgibt. Hier wird erkennbar, mit welcher Kraft die zentralen Sternwinde gasförmige Materie nach außen drücken.

Rechts im Bild liegt IC 405 (= Cederblad 42 = Sh2-229). Diese HII-Region unterscheidet sich insofern von ihrer östlichen Nachbarin, als es in IC 405 keinen zentralen Sternhaufen gibt. Hier liegt eine völlig andere Ursache für die Nebelemission vor: der Veränderliche AE Aurigae  = HD 34078 bei (2134/772). Er besitzt den Spektraltyps O9,5 und ist 5,96 mag hell. Man könnte AE Aurigae als einen „Wanderer durch die Nebelzone“ bezeichnen, er steht also nicht fest im Nebel als Anregungsquelle verankert. Vor etwa 2,5 Mio. Jahren wurde er aus dem Zentralgebiet des Orions herausgeschleudert. Dies haben die Astronomen Blaauw & Morgan 1954 aus der hohen Eigenbewegung des Sterns von rund 40 Millibogensekunden pro Jahr rückrechnen können. Das bedeutet, dass er sich mit ca. 150 km/s weiter von seinem Entstehungssort im Gebiet Iota Orionis entfernt (Bagnuolo et al. 2001). Astronomen nennen einen solchen schnell weglaufenden Stern auch „runaway star“. Es ist also absehbar, dass IC 405 eines Tages seine Konturen verändert und allmählich seine Emission einstellt. Zur Zeit „pflügt“ AE Aurigae durch den interstellaren Staub. Mit dem Spitzer-Teleskop konnte eine „Bugwelle“ von etwa 1' Ausdehnung entdeckt werden (France et al. 2007). Staub spielt in diesem Gebiet eine wesentliche Rolle. Das zeigt sich sehr klar an den blaugrauen Reflexionsanteilen von IC 405. AE Aurigae wird durch Staub gerötet und in seinem Leuchten geschwächt. Ohne dies wäre der Stern um etwa 1,8 mag heller, er hätte auch eine viel höhere Farbtemperatur als jetzt. Man geht davon aus, dass AE Aurigae und damit auch IC 405 etwa 1500 Lj entfernt ist.

Die tiefe Belichtung bringt sehr schön das lange, nach Süden reichende Nebel-Anhängsel an der Westseite von IC 405 hervor. Noch ein wenig weiter südlich zieht sich ein langes Filament in Richtung auf den hellsten Stern im Bild, 16 Aurigae (siehe Zusatzbild). Die Suche im Internet ergab bisher leider kein Resultat zu einer Objektidentifizierung. Möglicherweise handelt es sich – von der Struktur und Länge her gesehen – um ein lichtschwaches Detail eines Supernovarestes.

Anmerkungen: Das Resultat zeigt eine Farbzuordnung, die sich der Autor in dieser Form wohl überlegt hat. Welche Vorteile hat das gebracht? Im Zentralbereich von IC 410 wird eine starke violette Mischfarbe sichtbar. Das bedeutet: [OIII] und Hα dominieren hier. Das entspricht auch den astrophysikalischen Tatsachen. Sehr schön zeigt sich, dass im westlichen und jm südlichen Randbereich des Nebels deutliche [SII]-Anteile vorliegen. Auch das bereits oben erwähnte lange Filament emittiert eindeutig [SII]-Licht, was die Chance auf einen Supernovarest erhöht.

IC 405 bietet ein farblich völlig anderes Bild als IC 410. In IC 405 kommen im Zentralteil einige grüne Filamente sehr stark durch. Das bedeutet, dass [SII] hier ebenfalls sehr stark sein muss. Diese grünen Nebelfransen sind jedoch die Bereiche, die in regulären (L)RGB-Aufnahmen als Intensitätsspitzen in Hα vorliegen. Im Umkehrschluss bedeutet dass, dass die rote Farbe dieser Stellen in den (L)RGB-Aufnahmen in der Realität kräftig durch [SII] bestimmt wird. Allerdings bleibt offen, wie dieses chemische Element dorthin gelangt. Interessant ist zum Abschluss, dass die bekannten und real blauen Reflexionsanteile in IC 405 um den Stern AE Aurigae herum in der Farbgebung dieses AdWs nicht in Erscheinung treten. Daher mag sich der Astrofotograf nun einmal Gedanken in Bezug auf die Filterwahl machen.

Der Bildaufbau mit den beiden HII-Regionen ist gut umgesetzt, dazu kommt im Bildzentrum die markante Sternengruppe nördlich von 16 Aurigae. Sehr schön treten im dunklen Himmelsbereich die schwachen Nebel hervor – ein rundum gelungenes Bild. Einen herzlichen Glückwunsch vom gesamten AdW-Team.

 

Peter Riepe
Bildautor: Marc Schuh

 

Koordinaten der Bildmitte (J2000.0):
RA = 05 h 18 min 57 s, DEK = +33° 49' 25''

 

 

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