11. Woche - Die HII-Region Sh2-129

 -  Astrofoto der Woche  - 

Heute wird ein weitwinkeliger Blick auf einen Teil der Assoziation Cepheus OB2 vorgestellt. Das Bildfeld beträgt 6,4° x 4,2° und zeigt Norden oben und Osten links. Hauptobjekt ist die HII-Region Sh2-129. Sie ist blasenförmig, aber nicht rund. Das liegt an ihrer Entwicklung. Im Nordwestbereich bricht der sich ausdehnende Nebel durch die Molekülwolke [DBY94] 100.4+08.8, die sich von oben nach unten mit bräunlicher Farbe durchs Bild zieht.

Wie in allen blasenförmigen Emissionsnebeln gibt es auch für Sh2-129 einen Verursacher: einen kleinen Haufen junger Sterne mit dem hellen HD 202214 bei den Pixelkoordinaten (545/656). Er besitzt den Spektraltyp B0 (bzw. O9,5 laut SIMBAD). Aufgrund seiner Helligkeit von B = 5,75 mag und V = 5,72 mag ist dieser Stern blau und heiß. Gemäß genauen Untersuchungen handelt es sich um einen Doppelstern. Lange wurde für Sh2-129 eine Entfernung von 400 pc veranschlagt (Georgelin 1970), aber neueren Messungen zufolge besitzt HD 202214 eine Entfernung von 712 pc und damit der Nebel auch (Corradi et al. 2014).

Aufmerksamkeit wurde Sh2-129 im Jahre 2011 durch den Amateurastronomen Nicolas Outters zuteil. Er hatte auf einer langbelichteten [OIII]-Aufnahme innerhalb von Sh2-129 einen bipolaren leuchtenden Nebel entdeckt, mit langgestreckter Gestalt und Zentrum bei HD 202214. Schnell wurde dieses Objekt als Planetarischer Nebel Ou4 bekannt. Wir haben Ou4 am 3. August 2015 als AdW veröffentlicht, aufgenommen von Arno Rottal (hier klicken). Widersprüchlich ist für einen PN jedoch HD 202214 als massereicher und junger Zentralstern, dessen Absoluthelligkeit für einen solchen Stern ca. 8 Größenklassen zu hoch ist. Außerdem hat ein PN-Zentralstern generell ein sehr hohes Alter. Und schließlich ist Ou4 für einen PN viel zu groß: Bei einer Länge von 1,16° erreicht er eine Ausdehnung von 14,4 pc (ca. 47 Lj). Daher haben sich die Entdecker im Vergleich zu ihrer Publikation aus 2012 inzwischen zurückgenommen und reden seit 2014 nicht mehr von einem PN, sondern von einem gigantischen Massenausfluss des Sterns HD 202214. Die gemessene Expansion von ca. 80 km/s lässt auf ein Alter von 90.000 Jahren schließen. Auszuschließen ist ein PN jedoch nicht ganz. Dann aber müsste er uns erheblich näher stehen, und auch ein alter, heißer Zentralstern im zugehörigen Entwicklungsstadium (post AGB) wurde bisher nicht gefunden.

Was ist sonst noch Interessantes im Bild? Ein Stückchen nordöstlich von HD 202214 sticht ein sehr orangeroter Stern ins Auge. Es handelt sich um den langperiodischen Veränderlichen V419 Cep bei (511/623). Der 6,62 mag helle M2-Überriese kommt auf einen sehr hohen Farbindex B-V = 2,33 mag (!). Desweiteren sitzt links unten im Bild bei (329/1032) der blaue B2e-Stern HD 203025. Er bringt nicht nur eine kleine umgebende HII-Region von 6' zum Leuchten (dazu ins Bild zoomen), sondern produziert auch noch den umgebenden leuchtend blauen Reflexionsnebel [RK68] 106 aus dem Katalog der Reflexionsnebel von Rojkovskij & Kurchakov von 1968. Der hellste Stern im Bildfeld steht rechts oben: der 3,41 mag helle K0-Stern Eta Cephei. In diesem Bildbereich zerfasert die Molekülwolke nach Westen und ermöglicht einen freien Blick heraus aus unserer Milchstraße, so dass knapp rechts außerhalb des Bildes die große Galaxie NGC 6946 durchkommt.

In der linken oberen Ecke sieht man einige Filamente einer ausgedehnten, schwächeren HII-Region. Sie wird durch den 6,7 mag hellen B0-Stern HD 203374 zur Hα-Emission angeregt (322/117). Für entsprechende Brennweiten wäre das sogar ein eigenes Motiv. Im Bildfeld verteilt fallen dem Betrachter auch einige pechschwarze Dunkelwolken auf, deren Kontrast jedoch ein wenig zu hart wirkt im Vergleich zum schwachen Leuchten der Molekülwolken.

Hans Jürgen Mayer nahm das Feld über mehrere Tage im August 2015 auf. Aufnahmeort war Stolac/Kroatien. Zwei Kameras wurden verwendet: eine Canon 1100Da, dazu eine 1100Da mono. Aufnahmeoptik war ein Canon-Objektiv USM 1:2,8/200 mm, abgeblendet auf 3,5. Belichtet wurde 17,5 h für die Farbe, dazu 5 h für Hα (ISO 800).

Text zum Objekt und Belichtungsdaten: Peter Riepe

Hans Jürgen Mayer zeigt uns erneut ein sehr gutes Astrofoto, das mit einer mobilen Ausrüstung (DSLR + Teleobjektiv) unter dunklem kroatischen Himmel gemacht wurde (siehe auch sein AdW vom 1. Februar 2016). Die Belichtungszeit von 17,5 h für die Farben und weiteren 5 h für den Hα-Kanal war sehr gut investiert. Der Eindruck täuscht nämlich: Auch wenn im vorliegenden Bild die Hα-Emission recht ausgeprägt ausschaut, so ist Sh2-129 insgesamt kein heller Emissionsnebel! Es zeigt sich also wieder einmal: Belichtungszeit ist (fast) alles.

Auffällig im Bild ist der ausgeprägte Kontrastgradient zwischen der linken und der rechten Bildhälfte. Aber auch die Kontrastunterschiede zwischen Gasnebeln und Dunkelnebeln sind groß. Bereits bei der Einsendung seines Bildes merkt Hans Jürgen Mayer an: "Die Farben waren schwierig herauszuarbeiten, durch den vielen Staub ist die Gegend um Sh2-129 recht kontrastarm und hell. Ich wollte diesen Charakter erhalten, weshalb ich den Hα-Kanal nur sehr behutsam eingeblendet habe". Dieses Einblenden des Hα-Kanals ist dem Bildautor wirklich gut gelungen. Es ist ansonsten verführerisch hierbei zu übertreiben, hat man doch extra einige Stunden Belichtungszeit in die Zusatzfilterung investiert. Der Lohn für ein behutsames Vorgehen ist aber der stimmige Bildeindruck.

Auch wenn das Himmelsareal es so vorgibt, die linke Bildhälfte wirkt fast weichgezeichnet, während rechts die Kontraste stark sind. Das wirkt auf den Betrachter zunächst unnatürlich, ist aber astronomisch erklärbar: Diese Himmelsgegend mit ihren lichtschwachen Molekülwolken ist bei kurzen Belichtungen vom Himmelshintergrund eher gleichförmig, was sich aber mit zunehmender Belichtungszeit ändert. Dann treten nämlich die schwachen Objekte sowohl in ihren Flächen als auch in ihren Übergängen in den Randbereichen deutlicher hervor. Es wäre nicht schlecht, die Kontrastunterschiede ein wenig behutsamer zu wählen. Darüber hinaus fällt auf, dass das Bild insgesamt zu stark geglättet erscheint. Etwas Rauschen vermittelt einen natürlicheren Bildeindruck, das Auge möchte sich nun mal an etwas „festhalten“.

Nichtsdestotrotz zeigt uns Herr Mayer ein wirklich beeindruckendes Ergebnis. Die Bildbearbeitung ist ja immer auch eine Momentaufnahme. Es spricht nichts dagegen, ein Bild mit etwas Abstand noch einmal neu (zumindest in Teilen) zu bearbeiten. Hilfreich dabei ist es, wenn man bei der Bildbearbeitung nicht destruktiv vorgeht. Adobe Photoshop bietet mit dem eigenen psd-Dateiformat eine solche Vorgehensweise an. Im Photoshop-eigenen Dateiformat kann man Bearbeitungsebenen und deren Einstellungsebenen mit abspeichern.

Kommentar zum Bild: Frank Sackenheim und Dr. Stefan Binnewies

Koordinaten (J2000): RA = 21 h 11,8 min, DE = +59° 57'

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