21. Woche - IC 1805, Sh2-190 und IC 1795

 -  Astrofoto der Woche

Heute zeigen wir den Herznebel Sh2-190 mit dem darin eingebetteten Sternhaufen IC 1805. Der Zentralbereich dieses Objekts war in diesem Jahr schon einmal AdW, dargestellt gemäß der Hubble-Palette. Heute ist es eine Farbaufnahme, fotografiert per Farb-CMOS-Chip und mit einem Duo-Filter. Dabei ist ein größerer Ausschnitt von 187' x 123' zu sehen, der den Herznebel in seiner Umgebung zeigt. Das schafft eine gute Einsicht in die wahre ausgedehnte Nebelstruktur. Norden ist auf 1 Uhr.

Bildautoren sind Marco Eckstein und Tobias Lamb. Sie beschlossen dieses Gemeinschaftsprojekt, das dann am 10.-14.02.2021 umgesetzt wurde. Aufnahmeorte waren Rimpar bei Würzburg und Kronach in Oberfranken. Als Optiken wurden eingesetzt: (a) ein TS Apochromat mit 65 mm Öffnung (f/6,5) und (b) ein TS Flatfield-Apochromat mit 94 mm Öffnung (f/4,5). Kamera war eine ZWO ASI2600MC Pro und eine OSC-Kamera (bei -20°C). Belichtet wurde 22 h 34 min ohne Filter, mit einem Optolong-Filter L-eXtreme: 15 h 19 min, insgesamt 37,9 h.

Zu den objektbezogenen Details. Steward Sharpless war nicht der Entdecker des Nebels. Vor ihm war es zunächst der schwedische Astronom Cederblad, danach die Russen Gase und Shajn, die auf den umgebenden Nebel aufmerksam machten (Ced 7 = [GS55] 16). Der Sternhaufen IC 1805 wird in den Katalogen auch als Melotte 15 geführt. Er ist mit 1 bis 2 Millionen Jahren recht jung. In seinem Inneren stecken zwei heiße, massereiche Sterne: HD 15558 bei den Pixelkoordinaten (2092/1363), dann noch BD+60°501 bei (2119/1352). Der Riesenstern HD 15558 hat 7,87 mag und hat den Spektraltyp O4.5. Der zweite ist ein 9,56 mag heller Hauptreihenstern vom Spektraltyp O7. Diese beiden Sterne liefern den Hauptanteil an UV-Energie, die Sh2-190 zur Emission bringt. Eine Bestätigung dafür ist auf dem AdW sofort erkennbar: Alle ionisierten, leuchtenden Ränder der sich auflösenden Molekülwolke („bright rims“) zeigen mit ihrer hellsten Seite auf IC 1805.

Was ist im Umfeld noch zu sehen? Da wäre zunächst der PN WeBo 1 bei (898/1011). Noch nie gehört? Dieser Name geht zurück auf die Astronomen R. Webbink und H.E. Bond. Gemeinsam mit  R. Ciardullo veröffentlichten sie 1996 den Fachartikel „Ring planetary nebulae ejected from close binary stars“ im Bull. American Astron. Soc. 28, 1401. Ein weiteres enthaltenes Objekt befindet sich bei (945/270), der Sternhaufen NGC 1027. Er ist 250 Mio. Jahre alt und 3360 Lj entfernt nach Maciejewski & Niedzielski: „CCD BV survey of 42 open clusters“, Astron. & Astrophys. 467, 1065-1074 (6/2007). Und zum Schluss noch IC 1795. Das ist die von der Herzspitze nach rechts ragende HII-Region. Sie ist von Staubsträhnen durchsetzt.

Anmerkungen: Marco Eckstein hat noch einen Text angehängt, der wichtige Infos beinhaltet: „Problematisch bei diesem Gemeinschaftsprojekt war nicht die verschiedenen Brennweiten der Teleskope, sondern ihre unterschiedlichen Verzerrungen im Bild. Die derzeit bewährten Stacking-Programme konnten kein deckungsgleiches Gesamtbild von guter Qualität über das volle Gesichtsfeld erzeugen. Entweder waren die Sterne zu den Randbereichen hin in die Länge gezogen oder gar doppelt abgebildet, so dass eine andere Methode gefunden werden musste. Beruflich arbeite ich mit Lufbildern aus dem Zweiten Weltkrieg, welche ebenfalls perspektivische Verzerrungen aufweisen. Da kam die Idee, dieselbe Methode für unsere Astrofotos anzuwenden, mit der man alte Luftbilder passgenau referenzieren kann. Dies geschieht in einem Geographischen Informationssystem (z.B. ESRI ArcGIS oder das kostenlose QGIS) anhand von sog. Passpunkten, welche in beiden Bildern vorhanden sein müssen: bei den Astrofotos sind dies natürlich die Sterne. Eine Stacking-Software nutzt prinzipiell denselben Ansatz, allerdings verwendet sie (meines Wissens nach) keine Transformation, um Verzerrungen unterschiedlicher Optiken auszugleichen. Bei unserem Herznebel wählte ich ca. 30 Passpunkte manuell aus und verwendete eine Polynom-Transformation (3. Ordnung), woraufhin die Stacks beider Teleskope innerhalb weniger Minuten pixelgenau zur Deckung gebracht werden konnten. Anschließend erfolgte die weitere Bearbeitung wie gewöhnlich in Adobe Photoshop, als wäre alles an einem einzigen Teleskop entstanden. Falls gewünscht, können wir gerne detailliertere Infos zum Arbeitsablauf schicken. Dank der langen Belichtungszeit ist auch das Farbrauschen der OSC entsprechend gering und erlaubt weitere Bearbeitungsschritte.

Gefällig ist trotz des Duo-Schmalbandfilters die differenzierte Farbwiedergabe der Sterne, besonders bei den weißgelben bis orangefarbenen. Wohltuend ist auch, dass keine unnötige Schärfung stattgefunden hat, nur um „knackige“ (nicht reale) Sterne zu erhalten, Die Rauschunterdrückung ist moderat, der Hintergrund zeigt noch leichte Rauschreste, welches aber natürlich ist und deshalb nicht – wie leider so oft – gnadenlos glattgebügelt wird. Wir bedanken uns für dieses hervorragende Bild und gratulieren Marco Eckstein und Tobias Lamb vielmals zum Astrofoto der Woche!

 

Peter Riepe
Bildautoren: Marco Eckstein und Tobias Lamb

 

Koordinaten von HD 15558 in IC 1805 (J2000.0):
RA = 02 h 32 min 43 s, DE = +61° 27' 22''

 

 

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