22. Woche - Klassiker am Nordhimmel: Messier 13

 -  Astrofoto der Woche  - 

Hand aufs Herz – wie viele Kugelsternhaufen (KH) kennen Sie? 20? 30? 50? Oder noch mehr? Die Zahl der registrierten KH hat im letzten Jahrhundert rapide zugenommen. Bis 1916 waren trotz bereits verbreiteter Großteleskope nur 69 KH bekannt. Bereits ein Jahr später – so schreibt der bekannte Astronom Harlow Shapley – kamen 17 hinzu, identifiziert am 1,5-m-Telerskop auf dem Mount Wilson. Auflösung und Empfindlichkeit der Fotoplatten wurden danach immer besser, so dass der 2,5-m-Spiegel (Mt. Wilson) und der 5-m-Spiegel (Mt. Palomar) neue Maßstäbe setzten. Die bekannte Standardliste von Harris (2003) umfasst 150 KH. Neben den bekannten KH aus dem Messierkatalog und dem New General Catalogue sind darin bereits die „Palomarhaufen“ enthalten sowie die KH der Terzan-Reihe. George Abell hatte die Palomarhaufen 1955 publiziert, Agop Terzan fand in den späten 1960-er Jahren 11 lichtschwächere KH auf Platten des französischen Observatoriums Haute Provence. Aktuelle Surveys wie der Two Micron All Sky Survey lieferten weitere (teilweise sehr lichtschwache) Mitglieder, und heute kennt man etwa 160 galaktische KH. Man geht allerdings von 500 aus, und viele werden sicher durch interstellare Materie verdeckt.

Das AdW zeigt M 13, den Klassiker des Nordhimmels. Auch wenn es sich um ein Standardobjekt handelt – dieser KH muss gezeigt werden, denn er wurde im Ruhrgebiet aufgenommen, ein echter Anreiz zur Nachahmung. Im Bild kann man den Haufendurchmesser gut nachmessen. Bis zu den schwächsten Ausläufern sind es 21,7´. Im Sky Catalogue 2000 sind 16,6´ angegeben, aber das kennt man ja inzwischen auch schon von den Galaxien, dass ältere Angaben sich lange halten und neue Werte keinen Eingang in die weltweiten Listen finden, solange die Amateure sich nicht melden.

M 13 ist ungefähr 25.000 Lj von uns entfernt und erreicht mit dem obigen Wert einen echten Durchmesser von knapp 160 Lichtjahren. Er hat eine visuelle scheinbare Helligkeit von 5,78 mag und kann daher schon bei mittelmäßigen Bedingungen mit bloßen Auge wahrgenommen werden. Was seine Leuchtkraft angeht (die Absoluthelligkeit), so belegt er keinen Spitzenplatz. Es gibt 14 KH, die noch leuchtkräftiger sind. Der Farbindex B-V beträgt im Mittel 0,68 mag, und das ist weiß. Dennoch muss man sich vor Augen halten: Ein KH ist nicht durchweg weiß!!! Alle KH besitzen aufgrund ihres hohen Alters generell Rote Riesen als hellste Sterne, daneben aber nur relativ wenige weiße Unterriesen, zahlreiche helle blaue Sterne im Horizontalast-Stadium und als Blue Stragglers, und schließlich viele lichtschwache Zwergsterne wie unsere Sonne oder die noch röteren Roten Zwerge. Apropos Sonne: Sie käme als weißer Hauptreihenstern in M 13 lediglich auf 20 mag.

Hinweis: Wer mehr über grundlegende Fakten zu den KH wissen möchte, findet die Publikationen der VdS-Fachgruppe Astrofotografie auf: astrofotografie.fg-vds.de. Dort können zwei Artikel heruntergeladen werden:a) „Das Erscheinungsbild der Kugelsternhaufen: Fakten für Beobachter und Fotografen“ und b) „Das System der galaktischen Kugelsternhaufen“.

Fachgruppenmitglied Mark Schocke nahm M 13 am 4. April 2015 in Oberhausen im rheinischen Teil des Ruhrgebietes auf. Teleskop war ein Newton 200/800 mm, Kamera eine Moravian G2-8300. Belichtet wurde insgesamt 165 min. Kommentar zum Bild: Technisch ist das Bild perfekt – nahezu jedenfalls, da sich in der 100%-Darstellung doch noch eine winzige, senkrecht orientierte Sternelongation offenbart. Diese ist der Bilddefinition nicht abträglich, gerade die Auflösung bis ins Zentrum des Kugelhaufens ist großartig, keinerlei Bearbeitungsartefakte stören den Bildeindruck.

Was aber auffällt ist die exzentrische Lage des Hauptdarstellers, M 13 liegt deutlich aus der Mitte verschoben im rechten oberen Bildquadranten. Warum das? Ein Grund könnte die Lage des gewählten Nachführsterns sein. Gerade die häufig eingesetzten SBIG-CCD-Kameras mit ihrer oft festen Verbindung von Aufnahme- und Nachführchip zwingen den Astrofotografen gelegentlich zu so ungewöhnlichen Kompromissen bezüglich des Bildaufbaus.

Hier war es aber anders. Mark Schocke setzt den exzentrisch gelegten Bildschwerpunkt als „Hingucker-Hebel“ ein. Kugelsternhaufen sehen oft einer wie der andere aus, ihnen fehlt das gewisse Extra, eine Individualität wie sie Galaxien oder Gasnebel auszeichnen, ist bei ihnen nur schwer zu erkennen. Dieses Bild weckt aber dennoch die Aufmerksamkeit des Betrachters – und was will man mehr?

Koordinaten J2000.0:
RA = 16 h 41 min 42 s, DE = +36° 27´ 37´´

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