52. Woche - Collinder 399 – wirklich ein Sternhaufen?

 -  Astrofoto der Woche
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Das heutige Astrofoto der Woche ist eine Premiere und ein Abschluss gleichzeitig. Eine Premiere insofern, als wir dieses Motiv Collinder 399 noch nie in unserem 17-jährigen Bestehen haben zeigen können. Und ein Abschluss ist es, weil hiermit die AdWs für 2021 enden. Allen Einsendern sei für ihre schönen Bilder herzlich gedankt. Außerdem wünscht das AdW-Team allen Freunden einen guten Start ins neue Jahr 2022.

Im Sternbild Vulpecula (Füchslein), nahe an der Grenze zum Sagitta (Pfeil) befindet sich eine Ansammlung von 10 helleren Sternen. Das Zusatzbild zeigt eine Verkleinerung des AdWs mit den eingetragenen Sternnamen. Der populäre Name lautet "Kleiderbügel" (coat hanger). Mario Richter hatte Gelegenheit, dieses Deep-Sky-Objekt im September 2021 beim Herzberger Teleskoptreffen in Jeßnigk aufzunehmen. Dazu nutzte er einen Apochromaten des Typs Takahashi TSA mit 102 mm Öffnung und 610 mm Brennweite (d.h. Öffnungsverhältnis 1:6). Als Kamera wurde eine Canon 60d (astromodifiziert) eingesetzt. Belichtet wurde insgesamt 5 h 36 min mit Einzelbelichtungszeiten von 8 min bei ISO 800. Norden ist auf dem Bild bei ca. 10:30 Uhr. Das Bildfeld beträgt 117' x 81'.

Etwas Historie: Eine der ersten historischen Aufzeichnungen zu diesem Objekt ist in dem Buch des persischen Astronomen Al Sufi verzeichnet. Daher hat die Sternengruppe den Namen "Al Sufi´s cluster". Unabhängig davon wurde der Haufen vom Italiener Hodierna erneut entdeckt. Und in den 1920er Jahren erstellte der Amateurastronom Brocchi eine Karte für die American Association of Variable Star Observers (AAVSO), in welcher die Helligkeiten der Einzelsterne zur visuellen Abschätzung und zur fotometrischen Kalbrierung gelistet wurden. Von daher kam der weitere Eigenname "Brocchi's Cluster" hinzu. Schließlich war es der Schwede Per Collinder, der 1931 das Objekt als Sternhaufen Nr. 399 in seinen Katalog aufnahm. Seitdem ist diese Sternengruppe zusätzlich als Collinder 399 (Col 399) katalogisiert. In neuerer Zeit, als mit dem Weltraumteleskop Hubble die Sterne genauer in ihrer Position vermessen werden konnten, stellte man jedoch fest: Col 399 kann kein physischer Sternhaufen sein. Bitte jetzt die Tabelle anschauen. In Spalte 1 stehen die 10 Sterne von Col 399. Spalte 2 zeigt ihre zugehörigen scheinbaren visuellen Helligkeiten V in mag. In Spalte 3 ist ihr Spektraltyp aufgeführt. Spalte 4 zeigt für jeden Stern den Parallaxenwinkel in Millibogensekunden (m"). Je größer der Parallaxenwinkel, desto näher steht der Stern. In der Spalte 5 habe ich aus der Parallaxe die Entfernung berechnet. Wir sehen: Die Entfernungen der 10 Sterne schwankt zwischen 235 und 2048 Lichtjahren. So etwas kann kein Sternhaufen sein. Die Plejaden als Beispiel haben 14 Lj Durchmesser. Außerdem ist in Spalte 6 erkennbar, dass die Eigenbewegungen der 10 Sterne in Millibogensekunden pro Jahr (m"/a) stark differieren, so dass sie offensichtlich in verschiedene Richtungen wegfliegen. Folgerung: Es handelt sich bei Col 399 um einen Asterismus, das ist eine zufällige, scheinbare haufenförmige Anordung unterschiedlich entfernter Sterne. Möglicherweise sind es ein paar dieser Sterne, die einen lockeren Verband bilden.

Was zeigt das AdW? Die Leiste des Kleiderbügels verläuft sehr geradlinig, ziemlich genau in West-Ost-Richtung. Der östlichste Stern ist 7 Vulpeculae (Genitiv von Vulpecula). Jenseite davon ist ein echter offener Sternhaufen zu sehen. Das ist NGC 6802. Er befindet sich weit im Hintergrund und ist rund 25-mal so weit entfernt wie der Durchschnitt Sterne von Collinder 399. In der Datenbank Simbad wird NGC 6802 mit 4,3' scheinbarem Durchmesser angegeben. Hier im Bild lässt sich deutlich mehr nachweisen, etwa 6,1'. So etwas ist uns hier aber nichts Neues.

Was fällt zum Bild selbst auf? Die Sternengruppe wurde diagonal positioniert – keine schlechte Idee für diese Brennweite. Alle Feldsterne sind stark gelblichbraun. Für diesen Himmelsabschnitt ist dieser Effekt bekannt. Der interstellare Staub in der Milchstraßenebene sorgt für eine merkliche "Rötung" des Sternenlichts. Sehr schön ist, dass im orangen Farbbereich eine prima Differenzierung erhalten wurde: Der Stern HD 182955 mit dem Spektraltyp M0 kommt klar stärker orange heraus als der Nachbar 4 Vulpeculae mit dem Spektraltyp K0. Allerdings erscheint mir persönlich die Farbsättigung ein wenig stark. Aber diese Freiheit bleibe dem Bildautor vorbehalten – das ist der immer wieder gern zitierte "persönliche Geschmack". Allerdings wirken dadurch die Sterne in Col 399 auch recht intensiv. Der breite, angehobene Fuß der Gaußkurve des Sternprofils (point spread function) erzeugt einen kräftigen Farbkreis um alle helleren Sterne. Der Bildautor wird wissen, ob das gewollt ist.

Unabhängig von dieser kleinen Bilddiskussion danken wir Mario Richter vielmals für die gelungene und technisch saubere Astroaufnahme. Unsere Gratulation zum Astrofoto der Woche!

 

Peter Riepe
Bildautor: Mario Richter

 

Koordinaten von Collinder 399 (J2000.0):
RA = 19 h 25 min 24 s, DE = +20° 11' 00"

 

 

 

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