29. Woche - NGC 6946 und NGC 6939

 -  Astrofoto der Woche  - 

Auf der Grenze von Cepheus und Cygnus befindet sich die Galaxie NGC 6946. Wir sehen sie in Draufsicht („face on“) mit einer schönen Spiralstruktur vom Typ Scd. Da die Position sehr nahe am galaktischen Äquator liegt, wird NGC 6946 durch interstellare Materie verdeckt. Das genau ist der Grund dafür, dass die wahre Ausdehnung nicht einfach zu bestimmen ist. In der astronomischen Datenbank SIMBAD werden 11,8' x 8,3' aus infraroten Messungen angegeben. Ein sehr tiefes Bild mit dem 4-m-Spiegel des Kitt Peak National Observatory zeigt erheblich schwächere Spiralarme im Außenbereich mit vielen HII-Regionen. Aus diesem Bild lässt sich ein scheinbarer Durchmesser von 15,6' ableiten. Nach Karachentsev et al. (Astronom. J. 127, 2031–2068, 2004) beträgt die Entfernung von NGC 6946 etwa 5,9 Mpc (ca. 19,2 Mio. Lj). Daraus ergibt sich ein wahrer Durchmesser von 87.000 Lj, was NGC 6946 ca. 74% größer als M 33 macht.

Unser aktuelles AdW von TBG-Mitglied Jürgen Beisser zeigt NGC 6946 und Umgebung. Das Bildfeld misst 95' x 75'. Norden ist oben, Osten links. Die Aufnahme entstand am 26.05.2017 in Lilienthal bei Bremen. Mit einem Takahashi FSQ-85 (85 mm / 450 mm) und einer Atik 460EX mono wurde insgesamt 4,4 Stunden belichtet, im Detail: 18 x 480 s ohne Binning für L und je 8 x 300 s für R, G, B mit 2-fachem Binning. Dazu merkt der Bildautor an: „Die Belichtungszeit in RGB wurde wegen der Mitternachtsdämmerung minimal gehalten, daher das sonst nicht bevorzugte Zweifachbinning. Die Sonne stand während der Aufnahmen zwischen 14°40' und 15°30' unter dem Horizont, daher verwundert die Abbildung des galaktischen Zirrus.“

Direkt dazu: Die Milchstraße wird von schwachen Wolken aus Staub, Wasserstoff und Molekülen durchzogen. Sie werden von der Fülle der Milchstraßensterne angestrahlt und reflektieren deren Licht in sämtlichen Wellenlängen. Solche Reflexionsnebel nehmen oftmals längliche, faserförmige Strukturen an und werden in der Fachastronomie „galaktischer Zirrus“ genannt. In Europa ist er schon seit den 1920er Jahren z.B. als „Hagen´sche Wolken“ insbesondere in der Gegend um den nördlichen Himmelspol bekannt. Galaktischer Zirrus verschleiert einerseits die Sicht nach außen. Im Falle ungünstiger Lage kann er bei anderen Galaxien aber auch Strukturen wie Sternströme oder Armverlängerungen vorgaukeln. Manchmal – wie im System M 81/82 – ist es nicht leicht, solche galaktischen Strukturen von wahren extragalaktischen zu unterscheiden. Amerikanische Amateure bezeichnen den galaktischen Zirrus oft als „integrated flux nebula“, zusammen mit dem „Erfinder“ Steve Mandel in Unkenntnis der alten europäischen Ergebnisse.

In NGC 6946 lassen sich trotz der kurzen Aufnahmebrennweite Details erkennen (dazu das Bild herunterladen und ins Detail zoomen). So ist bei den Pixelkoordinaten 1133/1483 ein diffuser Sternentstehungskomplex zu sehen, darin punktförmig an der Südostflanke ein nur 15 Mio. Jahre alter Supersternhaufen, der mit dem Weltraumteleskop „Hubble“ vermessen wurde (Larsen et al., Astrophys. J. 567, 896-914, 2002). Bei 1084/1389 befindet sich die Supernova SN2017eaw. Ausgedehnte HII-Regionen lassen sich z.B. bei 1059/1359 und 1114/1387 erkennen. Und 10' ostsüdöstlich von NGC 6946 sticht kräftig orange der veränderliche Kohlenstoffstern V778 Cyg ins Auge. Mit einer Blauhelligkeit von 13,98 mag und einer visuellen Helligkeit von 9,86 mag erreicht er einen sagenhaft roten Farbindex von B-V = 4,12 mag. Auch noch zu erwähnen ist der galaktische (offene) Sternhaufen NGC 6939. Anhand der Fotometrie von Haufenveränderlichen konnte eine Entfernung von 5675 ± 650 Lj bestimmt werden (Maciejewski, Astron. Nachr. 329, 387 [2008]). Durch den galaktischen Zirrus hindurch werden einige Begleitgalaxien von NGC 6946 sichtbar. Die hellste in diesem Bild ist UGC 11583 (= KK 250), ein irregulärer Typus bei den Pixelkoordinaten 2021/912. Nach Osten biegt etwas wie ein Sternstrom ab, doch handelt es sich um Zirrus. Knapp darunter (1970/1069) erkennt man die LSB-Galaxie LEDA 166192 (= KK 251). Und bei 1709/286 befindet sich ein dritter Begleiter, LEDA 166193 (= KK 252).

Text zum Objekt und den Aufnahmedaten: Peter Riepe

Die vorliegende Aufnahme entstand in drei Nächten Ende Mai. Zu dieser Jahreszeit sind die Nächte schon sehr kurz, und die Zeit, in der man einen dunklen Himmel für gute Deep-Sky-Aufnahmen hat, ist schon deutlich begrenzt. Der Bildautor selbst schreibt dazu: „Die Sonne stand während der Aufnahmen zwischen 14°40' und 15°30' unter dem Horizont, daher verwundert die Abbildung des galaktischen Zirrus.“ Die Aufnahmen entstanden also während der astronomischen Dämmerung. Optimal ist das nicht, aber wenn ein solches Ergebnis dabei heraus kommt, spielt das keine Rolle.

Jürgen Beisser hat sich auf Grund der suboptimalen Lichtverhältnisse dazu entschieden, die Farbkanäle im 2x2-Binning aufzunehmen. Wir hatten das Thema 2x2-Binning schon des Öfteren im technischen Kommentar des AdW, aber ich möchte erneut darauf eingehen. Beim 2x2-Binning werden vier Pixel zu einem zusammengefasst, was insgesamt zu einem besseren Ausleserauschen führt und somit angenommen wird, dass sich das auf das Signal-zu-Rausch-Verhältnis der Aufnahmen in positiver Weise auswirkt. Das tut es auch, aber eben nur dann, wenn das Ausleserauschen der limitierende Faktor einer Aufnahme ist. Bei sehr kurz belichteten Aufnahmen und/oder unter sehr dunklem Himmel kann das schon der Fall sein, aber nicht bei längeren Aufnahmen und erst recht nicht, wenn der Himmel deutlich aufgehellt ist. Denn dann ist der Himmelshintergrund der limitierende Faktor, und das Ausleserauschen kann vernachlässigt werden. In diesem Fall ist es also ein bisschen egal, ob man die Farbaufnahmen ungebinnt oder im 2x2-Binning macht. Der Nachteil des 2x2-Binnings ist die fehlende Auflösung, die sich entgegen der weit verbreiteten Meinung doch auch negativ auf das Endresultat auswirken kann. Das Binning hat also in diesem speziellen Fall dem Bild vermutlich weder geschadet noch etwas gebracht, man hätte die Farbkanäle also auch ohne Binning aufnehmen können. Allerdings ist das nun auch wieder ein bisschen egal, denn das Bild ist sehr schön anzuschauen, und das ist die Hauptsache.

Kommentar zum Bild: Frank Sackenheim

Koordinaten von NGC 6946 (J2000):

RA = 20 h 34 min 52 s, DE = +60° 09' 13''

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