Platz 1 - Robert Pölzl und Fabian Neyer

15. Woche - Messier 27 – schon einmal so gesehen?

 -  Astrofoto der Woche  - 

Der Hantelnebel Messier 27 ist einer der schönsten Planetarischen Nebel (PN) am nördlichen Himmel. Er ist im Sommer das „Präsentationsobjekt“ bei Sternwartenführungen, weil man viele typische Details an ihm wahrnimmt. Zuerst einmal: PN sind Überreste aus den zurückliegenden Entwicklungsphasen von Sternen mittlerer Masse. Die Zentralsterne der PN sind also die Ursache der Nebelerscheinung. Im PN sitzen solche weiterentwickelten „Nachfahren“ ehemaliger Roter Riesen. Wurde in der Fachwelt vor gut hundert Jahren noch über die Existenz der Zentralsterne diskutiert, so hat die Astrophysik inzwischen sauber geklärt: Jeder PN ist in seinem Aufbau und seiner Struktur eine Konsequenz der Zentralsternentwicklung und der Wechselwirkung mit der interstellaren Materie der unmittelbaren Umgebung.

Ein Roter Riese stößt nachweislich Sternwinde aus. So hüllt er sich zunehmend in eine Gaswolke. Diese Gashülle leuchtet aber nicht wie die Emissionsnebel, denn der Rote Riese kann wegen seiner niedrigen Effektivtemperatur nicht genug Anregungsenergie produzieren. Am Ende seines Stadiums geschieht eine gewaltige Umwandlung: Der Stern wird zu einem „Heliumbrenner“, er fusioniert von da an Helium zu schwereren Elementen. Schon zu Beginn dieses Prozesses wirft er explosiv Teile seiner äußeren Hülle ab, die dann in die umgebende Gaswolke stoßen und sie schalenartig verformen. Diese Schalen sind Stoßfronten (nicht „Schockfronten“). Da solche Hüllenabstöße sich von Zeit zu Zeit wiederholen, ergibt sich schließlich eine mehrfache Schalenstruktur. Und die sehen wir bei Messier 27 in bestechender Klarheit! Die abgeworfenen Teile der Sternhülle entblößen den heißen Kernbereich des Sterns, deshalb kann der PN nun auch mit UV-Energie versorgt werden.

Das aktuelle AdW ist eine bemerkenswerte Zusammenarbeit zweier Astrofotografen. Robert Pölzl hat seinen 368-mm-Newton in Nerpio/Spanien aufgestellt. Das Teleskop mit der Apertur f/3,8 steht auf einer ASA-Montierung des Typs DDM 85 XL und wird remote betrieben. Als Kamera dient eine FLI 8300ML. Fabian Neyer – den AdW-Freunden schon lange bekannt – ist Spezialist für tiefe Belichtungen und sehr gute Bildbearbeitungen. In diesem Fall haben beide belichtet und Fabian hat komplett die Bildbearbeitung übernommen. Im Zeitraum Juli/August 2014 wurde der Hantelnebel „aufs Korn genommen“. Dazu wurden Filter von Baader verwendet: Hα+[N II] mit 7 nm Halbwertbreite, [O III] mit 8,5 nm sowie die regulären LRGB-Filter. Und jetzt Obacht: Der Hα-Filter lässt nicht nur das rote Wasserstofflicht von 656,3 nm Wellenlänge durch! Es wäre nicht korrekt zu sagen „Das Rot im Hantelnebel stammt von Hα“. Denkste!!! In Messier 27 ist das rote Stickstofflicht [N II] etwa gleich hell wie das Hα-Licht. Es wird vom PN als Doppellinie bei 654,8 und 658,4 nm abgestrahlt, und beide Wellenlängen gehen komplett mit Hα durch den Hα-Filter. Daher wird der Filter von „richtigen“ Astronomen auch Hα+[N II] genannt. Im Gegensatz dazu ist das türkise Sauerstofflicht etwa viermal so stark wie Hα. In einer regulären RGB- oder LRGB-Aufnahme müsste dem Rechnung getragen werden, der Nebel müsste im blaugrünen Licht viel stärker erscheinen. In diesem AdW jedoch haben wir mit der Engbandfilterung eine gewollte Überbetonung im roten Licht.

Belichtet wurde: Hα+[N II], [O III], LRGB = 22.5, 38.5, 4.3-4.2-4.5-4.8 Stunden. Ja, richtig gelesen - insgesamt 79 Stunden. Software: CCDAutoPilot, MaxIm DL, PixInsight, eXcalibrator, Photoshop CS6. Der im Bild gemessene FWHM-Wert beträgt 2,2 Bogensekunden. Deutlich tritt die mehrfache Schalenstruktur des PN-Halos in Erscheinung. Misst man dieses Bild aus, so zeigt sich: An der breitesten Stelle kommt die äußere PN-Schale auf 15,8 Bogeninuten Durchmesser! Und wer genau hinschaut: Bei den Pixelkoordinaten 1218/882 sitzt der unscheinbare blaue Zentralstern. Obwohl seine V-Helligkeit nur 13,94 mag beträgt, hat er diesen riesigen PN erzeugt.

Die Tiefe des Bildes ist beeindruckend, mühelos kommen schwächste Nebelausläufer und zarte Schleier von Staubwolken in der Milchstraße heraus. Die lange Belichtungszeit ist gerade in Breiten mit weniger gutem Wetter wohl kaum nachzumachen und wirft die Frage auf, ob so ein Ergebnis nicht auch in der Hälfte der Zeit oder vielleicht sogar noch schneller zu erreichen wäre. Die Antwort ist klar: nicht wirklich! Sicher hätten auch schon 50 Stunden für ein sehr gutes Bild gereicht. Nochmal weniger Belichtungszeit bedeutet aber zur sicheren Darstellung schwacher Nebelstrukturen den Kontrastschieber und in deren Folge auch den Glättungsregler zu strapazieren. Letztendlich sind das aber Maßnahmen, die dem Bildeindruck abträglich sind. Nur die vielen Stunden des Photonensammelns in Verbindung mit der gewohnt perfekten Bildverarbeitung durch Fabian Neyer haben diese Hantel gestählt – sicher über viele Jahre ein Referenzbild für das Objekt.

So, und jetzt dürfen wir uns diebisch freuen, dass das Bild hier als Uraufführung erscheint. Aber bestimmt werden wir es demnächst an anderer hervorragender Stelle wiederfinden ...

Koordinaten J2000.0:
RA = 19 h 59 min 36 s, DE = +22° 43´ 16´´

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