19. Woche - Eine „kleine Sonnenblume“ im Großen Bären

 -  Astrofoto der Woche  - 

Eine gewisse Ähnlichkeit zur „Sonnenblumengalaxie“ M 63 ist nicht zu leugnen! NGC 3675 wird deshalb von Amateuren gern als „kleine Sonnenblumengalaxie“ bezeichnet. Das fragmentierte Muster der Spiralarme so wie auch der vorgelagerte dunkle Staubstreifen lassen diesen Vergleich berechtigt erscheinen. Ob allerdings solche Namen hilfreich sind, mag dahingestellt bleiben. Bemerkenswert ist, dass in den letzten Jahren immer phantasievollere Objektnamen aufgetaucht sind: running man, running chicken - die Bezeichnungen werden immer exotischer ... Wer setzt sie eigentlich in Umlauf? Und merkwürdigerweise werden diese Namen sofort aufgegriffen und weiter verwendet. Nur müssen sie unbedingt amerikanisch formuliert sein, denn wer würde schon „rennendes Hühnchen“ sagen?

Sachlicher und viel wichtiger: Was ist über NGC 3675 eigentlich astronomisch bekannt? Die Bestimmung der Entfernung ist – wie bei allen Galaxien – kein leichtes Unterfangen. Je nach Messmethode ergeben sich unterschiedliche Werte, die auch beträchtlich voneinander abweichen können. Gemäß der „NASA Extragalactic Database“ ist die Sb-Spiralgalaxie NGC 3675 etwa 16,9 Mpc entfernt (= 55 Mio. Lj). Dies ist der Mittelwert einer Vielzahl von Messergebnissen zwischen 6 und 20 Mpc. Geht man reineweg von der Radialgeschwindigkeit von 761 km/s aus, so ergeben sich 10,4 Mpc (ca. 34 Mio. Lj).

In der Datenbank SIMBAD wird NGC 3675 als „galaxy in group of galaxies“ bezeichnet, sie soll also in einer Galaxiengruppe stehen. Das direkte Umfeld ist jedoch leer von ähnlich großen und strukturierten Galaxien. Nordwestlich steht in 2,5° Entfernung NGC 3614, nordöstlich in 3,6° NGC 3726. Vergleicht man dies einmal rein optisch mit der Galaxiendichte unserer Lokalen Gruppe, so ist die Bezeichnung „Galaxie in Gruppe“ irreführend. Besser verständlich wäre, wenn NGC 3675 korrekterweise als Mitglied des Galaxienhaufens CVn II bezeichnet würde. Einleuchtend erscheint eine Arbeit von Varela et al. (2004). Hier wird NGC 3675 den isoliert stehenden Galaxien zugerechnet. Für eine Hintergrundhelligkeit von 25 mag pro Quadratbogensekunde geben diese Autoren 6,3' scheinbaren Durchmesser an. Das aktuelle AdW (Norden oben, Osten links, Feld 30,8' x 30,8') reicht jedoch tiefer. Im Bild selbst lässt sich für NGC 3675 bis in die schwächsten Ausläufer eine Abmessung von 9,2' x 6,0' nachmessen. Demnach käme die Galaxie auf einen echten Durchmesser von rund 90.000 Lj - das ist ein passender Wert für derartige Spiralgalaxien.

Schaut man sich das invertierte, kontrastverstärkte Schwarzweißbild an (hier klicken), so bemerkt man um NGC 3675 sofort einen diffusen Halo. An der Südostseite (gelbe Markierung) ist dieser Halo konzentrierter, so als ob hier eine etwas stärkere Sterndichte vorliegt. Bei dem Halo wird es sich höchstwahrscheinlich um den übrig gebliebenen Rest einer einverleibten Zwerggalaxie handeln, so wie Dagittarius Dwarf am Rande unserer Milchstraße. Der Vergleich mit den tiefen Aufnahmen des Sloan Digital Sky Survey beweist, dass diese Strukturen auf dem AdW echt sind.

Gerald Willems, Mitglied der Fachgruppe Astrofotografie und der TBG-Gruppe, nahm NGC 3675 mit einem 350-mm-Newton bei f = 1600 mm auf. Als Kamera verwendete er eine Atik 4000 M. Belichtet wurde 54 x 10 min (L), 18 x 10 min (R), 13 x 10 min (G) und 14 x 10 min (B), insgesamt also 16,5 Stunden. Damit ist die erreichte Tiefe sofort verständlich.

Text zum Objekt und den Aufnahmedaten: Peter Riepe

Das heutige AdW der Galaxie NGC 3675 wurde von Gerald Willems in Lilienthal bei Bremen aufgenommen. Als Aufnahmeinstrument kam – wie oben beschrieben – ein Newton-Teleskop mit 1600 mm Brennweite zum Einsatz. In Amateurkreisen haben sich Newton-Teleskope als Aufnahmeinstrumente für Galaxien durchgesetzt. Moderne Newtons mit 300 bis 350 mm Öffnung bieten heutzutage ein hervorragendes Preis/Leistungs-Verhältnis und sind in Punkto Abbildungsqualität kaum zu schlagen. Voraussetzung in dieser Größenklasse ist allerdings eine ortsfeste Aufstellung und eine Montierung, die mit der Last und der Hebelwirkung eines solch großen Teleskops keine Probleme hat.

Eine ortsfeste Aufstellung eines Teleskops hat viele Vorteile, vor allem dann, wenn das Ganze in einer Sternwarte im eigenen Hausgarten aufgestellt ist. Gerald Willems hat sich diesen Luxus geleistet und eine eigene Rolldachhütte im Garten errichtet. Nachteile einer solchen Lösung liegen aber auch auf der Hand. Zum einen ist man unflexibel in Bezug auf Umwelteinflüsse wie etwa das vorherrschende Klima, aber auch Störfaktoren wie die Lichtverschmutzung. Zum anderen kann das direkte Licht der Nachbarschaft, aber auch die in der Nacht abgegebene Wärme der Nachbarhäuser, eine Limitierung darstellen.

Ein enormer Vorteil einer Gartensternwarte ist aber die Möglichkeit, jede Wolkenlücke zu nutzen, um auf diese Art und Weise sehr lang belichtete Aufnahmen zu erstellen. Genau das hat Gerald Willems bei der vorliegenden Aufnahme gemacht und eine Gesamtbelichtungszeit von über 16 h erreicht, verteilt auf 9 h für die Luminanzaufnahmen und ca. 7 h für die Farben. Die so gewonnene Aufnahme der Galaxie kann sich sehen lassen. Referenzaufnahmen dieses Objektes wurden mit noch größeren Geräten und unter professionellen Aufnahmebedingungen erreicht.

Angesichts der langen Belichtungszeit hat uns nur das Histogramm der Aufnahme etwas stutzig gemacht, schaut es doch so aus, als sei die Aufnahme noch nicht fertig bearbeitet gewesen. Der Histogrammberg ist relativ schmal und spitz. Hier hätte eine weitere Anpassung der Gradationskurven vielleicht noch etwas gebracht, zeigen sich doch bereits sehr schwache Halo-Strukturen im Außenbereich der Galaxie. Um eine Aufnahme derartig auszureizen, ist allerdings eine akribische Vorgehensweise bei der Bildkalibration und Bildbearbeitung von Nöten.

Unter den gegebenen Bedingungen kann man Gerald Willems zu der vorliegenden Aufnahme nur gratulieren, was wir hiermit gerne tun.

Kommentar zum Bild: Frank Sackenheim und Dr. Stefan Binnewies

Koordinaten J2000.0:
RA = 11 h 26 min 09 s, DE = +43° 35' 09"

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