19. Woche - Lichtschwache Nebel im Luchs: LBN 811

 -  Astrofoto der Woche  - 

Das AdW zeigt einen Ausschnitt aus dem Sternbild Lynx (Luchs). Hier befindet sich eine lichtschwache Nebelzone, die als LBN 811 katalogisiert ist. Die amerikanische Astronomin Beverly T. Lynds widmete sich in der Zeit um 1960 der Erforschung galaktischer Nebel, die sie auf den damals sensationellen Glasplatten des Palomar Observatory Sky Survey (POSS) aufspürte und katalogisierte. Bereits 1962 publizierte sie ihren Katalog der Dunkelnebel (LDN = Lynds Dark Nebulae). Und ähnlich machte sie es dann 1965, als sie ihren Katalog heller Nebel (LBN = Lynds Bright Nebulae) vorstellte. Schaut man in die Originalarbeit, so wird man den Nebel Nr. 811 vergeblich suchen, denn die Nebel sind nicht nach Nummer, sondern nach ihren galaktischen Koordinaten l (Länge) und b (Breite) gelistet. Wer sich auskennt, wird schließlich auf LBN 173.96+30.38 stoßen. Dieser Nebel hat nach Originalangaben eine Ausdehnung von 60´ x 10´.

Das zwei Jahre zuvor veröffentlichte "Verzeichnis von Reflexionsnebeln" der Deutschen Dorschner und Gürtler hatte an dieser Stelle des Himmels noch keinen Eintrag. Selbst im van den Bergh´schen Reflexionsnebelkatalog aus dem Jahre 1966 gibt es keinerlei Hinweis. Auch im Cohen-Katalog erfährt man nichts Näheres. Daher darf man bei dem aktuellen AdW ruhig schmunzeln, wenn von einem "bright nebula" die Rede ist. Tatsächlich handelt es sich bei LBN 173.96+30.38 um einen Strang weitläufiger, lichtschwächerer Reflexionsnebel. Angegeben wird die Helligkeit 4 in einer Skala von 1 (hell) bis 6 (am schwächsten). Als Farbe wird 2 in einer Skala von 1 (blau) bis 4 (rot) genannt. Rechts im Bild (Norden oben, Osten links) erkennt man den blauen A3-Stern HD 64645 mit V = 8,67 mag und einem Farbindex B-V = 0,26 mag. Ob er für die bläuliche Nebelfärbung verantwortlich ist, kann hier nicht beantwortet werden. Allerdings scheinen die dem Stern zugewandten hellen Nebelflanken darauf hinzudeuten. Auch muss die Frage offen bleiben, wie weit LBN 173.96+30.38 entfernt ist. Ein Blick in das NASA/IPAC Infrared Science Archive zeigt: LBN 173.96+30.38 ist deckungsgleich mit der südlichsten Fahne eines riesigen Gebietes, welches von Staubfilamenten durchzogen wird.

Für Insider: Probleme bekommt man, wenn man in der Datenbank SIMBAD nach LBN 811 sucht. Dort wird die folgende Position angegeben: RA = 07 h 59 min und DE = 45° 36´ (2000.0). Die hellsten Nebelbereiche (rechtes Bilddrittel im AdW) haben jedoch reale 2000er-Koordinaten RA = 07 h 57 min 49 s und DE = 45° 22´ 42". Das ist ja doch ein großer Positionsunterschied. Völlig unerklärlich ist, dass LBN 173.96+30.38 in SIMBAD als "H II (ionized) region" bezeichnet wird.

Fachgruppenmitglied Günter Kerschhuber nahm diese Szenerie am 20. Februar 2015 an der Sternwarte Gahberg (Salzkammergut) auf. Dabei wurde für die Luminanzbilder ein 250-mm-Teleskop (ASA) mit 1050 mm Brennweite eingesetzt, dazu eine CCD-Kamera Trius 694L. Die Gesamtbelichtungszeit in L betrug 305 Minuten. Die RGB-Aufnahmen entstanden mit einem sehr lichtstarken 200-mm-Teleskop (ASA) bei 540 mm Brennweite und einer Kamera Starlight SXV-H9 bei 130/105/135 min Belichtungszeit. Als stellare Grenzgröße lässt sich mit Hilfe des Sloan Digital Sky Survey V = 22,24 mag bestimmen.

Bei der Fotografie extrem schwacher Nebel – und LBN 811 fällt unzweifelhaft in diese Kategorie - steht der Astrofotograf vor besonderen Schwierigkeiten, da sich sein Zielobjekt nur knapp über die Helligkeit des Himmelshintergrund erhebt und damit Gefahr läuft im allgegenwärtigen Grundrauschen eines Bildes unter zu gehen.

Eine Abhilfe schaffen da nur extrem lange Belichtungszeiten und eine sehr akkurate Flatfieldkorrektur. Der Bildautor hat sich dazu eines klugen Kniffes bedient und parallel, also gleichzeitig, die Luminanz- und die RGB-Kanäle mit getrennten Teleskopen und Kameras belichtet. Das bringt eine deutliche Zeitersparnis und erlaubt, die notwendige Belichtungszeit für so schwache Objekte in nur wenigen Nächten zu erreichen.

Dieses Vorgehen hat allerdings auch einen Nachteil, der gerade bei lichtschwachen Objekten deutlich wird. Das Verhältnis von Luminanz- zu RGB-Belichtung beträgt hier 3:1:1:1. Doch gerade bei sehr lichtschwachen Motiven sind für alle Kanäle zumindest annäherungsweise gleiche Belichtungszeiten anzustreben, damit das Farbrauschen hinterher nicht das gesamte Bildrauschen dominiert. So ist es auch hier, im Luminanzkanal verbergen sich noch deutlich mehr sichtbare Details, die in der LRGB-Darstellung nicht mehr zu erkennen sind, geopfert einem sonst zu stark ansteigenden Farbrauschen. Insgesamt muss man aber großen Respekt vor der Leistung Günther Kerschhubers haben, denn soweit uns bekannt, gibt es weltweit keine vergleichbare amateurastronomische Aufnahme dieses Nebels. Diese Bild dient somit als Referenz für LBN 811.

Koordinaten J2000.0:

RA = 07 h 57 min 49 s, DEK = +45° 22´ 42´´

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