29. Woche - NGC 4485/90 - Wechselwirkung mit Folgen

 -  Astrofoto der Woche  - 

NGC 4485/90 sind zwei Galaxien im Sternbild Jagdhunde, nur etwa 40´ nordwestlich des Sterns Beta CVn. Wegen ihres geringen Winkeldurchmessers von nur 6,5´ bzw. 2,5´ sind sie eigentlich wenig spektakulär, aber als Paar werden sie zum interessanten astrofotografischen Motiv. Beide zeigen nämlich deutliche Verformungen - untrügliche Anzeichen einer gegenseitigen starken gravitativen Beeinflussung. Der Astronom spricht in solchen Fällen von "Wechselwirkung". Da die Entfernung des Paares etwa 25 Millionen Lichtjahre beträgt (R. Tully, 1988), lassen sich die wahren Durchmesser zu 47.000 bzw. 18.000 Lichtjahre errechnen. Beide Kleingalaxien haben von uns aus gesehen einen Projektionsabstand von 3,6´ bzw. 26.000 Lichtjahre. Sicherlich aber werden beide Galaxien nicht gleich weit entfernt sein, sondern in Bezug auf unsere Sichtlinie noch weiter auseinander stehen. NGC 4490, die größere, wird als Balkenspirale des Typs SB(s)d klassifiziert, NGC 4485 als irregulärer Magellanscher Typ IB(s)m.

Zwischen NGC 4490 und 4485 wurde radioastronomisch molekulares Gas (CO) entdeckt, dazu eine Brücke aus neutralem Wasserstoff. Es gibt also einen merklichen Anteil an interstellarer Materie zwischen beiden Galaxien. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass dieses Gas von NGC 4485 stammt. Es wurde durch den auftretenden Staudruck abgestreift, als die kleinere Galaxie den Halo der größeren durchstoßen hat, was durch eine entdeckte Stoßfront bestätigt wird. Bei diesem Vorübergang setzte dadurch in beiden Galaxien eine kräftige Sternentstehung ein. Besonders auffällig ist das in den gegenseitig zugewandten Partien - zoomen Sie einmal ins Bild hinein, die vielen hellen gut aufgelösten H II-Regionen fallen ins Auge! Aber auch im Bereich zwischen NGC 4485 und 4490 können ein paar schwächere H II-Regionen als Hinweise auf Sternentstehung entdeckt werden. Am Ende dieser "folgenschweren Beziehung" hat NGC 4485 deutlich am meisten "Prügel eingesteckt" und gelitten - sprich: Material verloren und sicherlich auch einiges von ihrer ursprünglichen Form eingebüßt.

Die Gezeitenkräfte haben auch Sternwolken aus den Galaxien herausgerissen. Westlich von NGC 4490 bemerkt man im Bild einen schwachen, auf NGC 4485 hin gerichteten Schweif. Und bereits kontrastverstärkte POSS-Aufnahmen deuten an, dass sich östlich von NGC 4490 ein weiterer, größerer Gezeitenschweif erstrecken könnte. Elmegreen et al. (1998) haben diesen "tidal tail" dann publiziert. Eine invertierte und im Kontrast angehobene Darstellung unseres AdWs (hier klicken) zeigt, dass dieser Gezeitenschweif nicht nur tatsächlich existiert, er hat auch ein klar ausgebildetes, helleres Zentrum. Vielleicht - so darf man vermuten - formt sich hier im Laufe der nächsten -zig Millionen Jahre eine neue Zwerggalaxie, entstanden aus den Gezeitenresten. Solche "tidal dwarfs" (Gezeitenzwerge) wurden bereits verschiedentlich beobachtet, z.B. bei NGC 4038/39, der bekannten "Antennengalaxie".

Radioastronomisch wurde auch eine riesige längliche Wolke aus neutralem Wasserstoff entdeckt (Huchtmeier et al. 1980). Sie zieht sich über fast einen Grad von Nordnordwest nach Südsüdost und umschließt das Galaxienpaar. Ganz offensichtlich hat sie mit dem östlichen Gezeitenschweif nichts zu tun, die Richtung ist eine völlig andere. Eine der Theorien besagt, dass es sich hierbei um Ausflüsse der heftigen Sternentstehung handelt, herausgetrieben durch Sternwinde und Supernova-Explosionen. Bisher wurde zu dieser Wolke kein optisches Gegenstück gefunden. Aber vielleicht muss der Astrofotograf ja auch "nur" einfach länger belichten ...

Fachgruppenmitglied Harald Strauß gelang dieses Motiv am 19.4., 26.4. und 10.5.2015 an der Sternwarte Gahberg am Attersee. Aufnahmeteleskop war ein 14-zölliger Hypergraph mit f = 2840 mm, dazu eine CCD-Kamera SBIG STL-11000M. Als Montierung ist eine ASA DDM85 im Einsatz. Die Belichtungszeit betrug in Summe 7 h 45 min, wobei die Luminanzaufnahmen ohne Binning 18 x 15 min belichtet wurden, die Farben jeweils 13 x 5 min (2-faches Binning). Nur die Luminanzbilder wurden nachgeführt, mit dem Nachführ-Chip der Kamera. Für die RGB-Bilder war keine Nachführkorrektur nötig. Der Bildautor schreibt: "Die Bedingungen waren in allen drei Nächten sehr gut, vor allem das Seeing mit FWHM-Werten von 1,5" bei 15 Minuten Belichtung."

Text zu Objekt und Bilddaten: Peter Riepe

Kommentar zum AdW: Das vorliegende Bild ist eine sehr solide Astrofotografie. Ein 14-Zoll-Teleskop mit einem relativ großen Chip zu bedienen, erfordert einiges an astrofotografischer Erfahrung und Geschick. Nur selten bekommt man daher Aufnahmen zu sehen, die mit einem solchen für Amateurastronomen schon recht großen Teleskop gemacht wurden. Umso beachtlicher ist die vorliegende Aufnahme. Nachführung, Fokus und auch die Justage des Teleskops und der daran angeschlossenen Geräte (Filter, Kamera etc.) scheinen einwandfrei zu sein. Die Bildbearbeitung ist ebenfalls sehr solide und gelungen. Der Hintergrund der Aufnahme ist absolut eben und zeigt keine Artefakte oder Schwankungen, wie sie etwa durch eine mangelhafte Flatfieldkorrektur entstehen können.

Diese solide Bildbearbeitung verbirgt aber auch ein sehr interessantes Detail. Das Histogramm der Aufnahme ist recht moderat gestreckt, die einzelnen Tonwerte beschränken sich auf einen relativ kleinen Bereich. Durchaus hätte man das Bild noch weiter "hochziehen" können, um die Tonwerte noch klarer voneinander abzuheben. So ergibt sich zwar ein schönes und kontrastreiches Bild, aber schwächste Details im Hintergrund gehen verloren. Streckt man das Histogramm der vorliegenden Aufnahme einmal weiter, kommt der bereits genannte Gezeitenschweif zum Vorschein. Es gibt zwei Möglichkeiten, ihn im Bild sichtbar zu machen. Entweder man entscheidet sich für eine etwas aggressivere Bildbearbeitung, wie sie heute durchaus üblich ist, oder man legt der Aufnahme eine invertierte und im Kontrast erhöhte Darstellung bei, wie wir es gemacht haben (siehe oben Klick im Text).

Eine Anmerkung des AdW-Teams sei noch erlaubt. Die Farbkanäle der Aufnahme wurden im 2x2-Binningmodus aufgenommen. Diese Vorgehensweise hat sich Anfang der 2000er Jahre in der Amateurszene etabliert. Leider beruhte die Vorgehensweise auf einem Irrtum. Wir empfehlen daher dringend, sowohl Luminanz als auch Farbaufnahmen nur ohne Binning anzufertigen. Belohnt wird dies mit einer besseren Ortsauflösung in feinsten Farbdetails wie H II-Regionen in fernen Galaxien oder selbst bei den schwachen Grenzsternen.

Kommentar zum AdW: Frank Sackenheim

Koordinaten J2000.0:
RA = 12 h 30 min 34 s, DE = +41° 40’ 20”

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