34. Woche - Stock 1, ein offener Sternhaufen

 -  Astrofoto der Woche  - 

Im Sternbild Vulpecula (Füchslein) befindet sich ein unscheinbarer Sternhaufen. Jürgen Stock, 1923 in Hamburg geboren, dort nach dem Abitur auch studiert und promoviert, entdeckte ihn und einen weiteren 1954 im Perseus auf Objektivprismenaufnahmen. Seine damalige Publikation im Astrophysical Journal 123 (1956) lautete "Magnitudes and colors for stars in two new galactic clusters". Stocks Interesse galt den sternarmen, locker aufgebauten offenen Haufen, die er auch fotometrierte und von denen er im Laufe der Jahre einen Katalog von insgesamt 24 Exemplaren aufstellte. Die beiden oben genannten, zuerst gefundenen stehen also vorweg als Nr. 1 und Nr. 2. Stock war übrigens ein Pionier des "site testing", also der Eignungsuntersuchung von Orten für geplante Großsternwarten. Seine Vorbereitungen der 1960er Jahre waren ausschlaggebend für die Gründung des "Cerro Tololo Interamerican Observatory" in Chile. Auch für Venezuela richtete er eine Großsternwarte in den Anden ein und wurde dortiger Direktor. Im Jahre 2004 verstarb Stock in Venezuela.

Das AdW zeigt Stock 1 zentral gelegen in einem großen Bildfeld von 185´ x 123´. Erst genügend Umfeld lässt den etwa 60´ großen Haufen überhaupt aus seiner Umgebung als Sternansammlung hervortreten. Norden liegt links, Osten unten. Visuelle Beobachter haben mit Feldstechern gute Beobachtungsergebnisse erzielt. Man kann etliche hellere, aber verstreute Sterne erkennen. Schwächere Haufenmitglieder visuell zu erkennen, wird problematisch, weil sie nicht von den Sternen des Himmelshintergrundes zu unterscheiden sind. Deshalb messen die Astronomen auch die Eigenbewegung der Feldsterne, um die Haufenzugehörigkeit beurteilen zu können. Die scheinbare visuelle Gesamthelligkeit des Haufens von 5,3 mag ist wenig aussagekräftig, gerade wegen der Lage im reichen Sternfeld und der großen Sterndistanzen im Haufen selbst. Ebenso wenig sinnvoll ist die Angabe der visuell sichtbaren Sternzahl von etwa 40 (Wikipedia). Diese Zahl ist aus drei Gründen unsinnig: a) es muss angegeben werden, bis zu welcher Helligkeit diese 40 Sterne reichen, b) weder am Okular noch auf Bildern ist beurteilbar, welche der Sterne überhaupt zum Haufen gehören, gerade was die schwächeren betrifft, c) insbesondere ist unklar, wo der Haufen seine Außengrenzen hat und welche außenliegenden Sterne noch dazugehören. Wer will beispielsweise vom Anblick her beurteilen, ob der helle Stern im Bild Mitte oben bei den Pixelkoordinaten 1659/272 zu Stock 1 gehört oder nicht? Jürgen Stock selbst hat daher eine große Zahl von Sternen (158 !) heller als 13,7 mag in seinem Haufen Nr. 1 zur Fotometrie ausgewählt. In einer weiteren Arbeit (W. Osborn, Y. Sano und R. Spalding, 2003) wurde Stock 1 neu fotometriert und die Messwerte mit Eigenbewegungen kombiniert. Die Astronomen fanden heraus, dass der Sternhaufen etwa 1000 Lj entfernt ist, außerdem relativ jung mit einem Alter von ca. 300 Millionen Jahren.

Nordöstlich von Stock 1 (d.h. im Bild links unterhalb) liegt eine auffällige Dunkelwolke. Hier und südlich davon (rechts) erscheint der Himmelshintergrund bräunlich. Dies ist ein Zeichen zunehmender Extinktion durch Staub. Ausläufer der Dunkelwolke ziehen sich in schwächerer Form durch Stock 1. Inwieweit der Sternhaufen und die Dunkelmaterie zusammengehören, bleibt eine interessante Frage. Der Staub führt jedenfalls zu einer „Rötung“ und damit Abdunkelung des Sternlichts. Deshalb charakterisiert der Spektraltyp allein den Stern nicht in seiner Farbgebung. Das klappt quantifiziert nur über den Farbindex. Die zugehörige Tabelle (hier klicken!) gibt eine passende Übersicht über 10 Sterne aus Stock 1.

Steffen Behnke stellt hier seine erste Aufnahme als AdW-Astrofotograf vor. Wie üblich, begrüßen wir ihn ganz herzlich. Am 10.07.2015 fotografierte er Stock 1 von Riedelbach im Taunus. Der Himmel war nicht dunkel, weil die astronomische Dämmerung in dieser Zeit gar nicht erreicht wird. Kamera war eine Moravian G3-11000 an einem Pentax-Refraktor SDP von 105 mm Öffnung und 670 mm Brennweite. Gesamtbelichtung: 2,3 Stunden. Wir finden: ein sehr schönes Ergebnis, gerade zu Zeiten der Mitternachtsdämmerung!

Text zum Objekt und Aufnahmedaten: Peter Riepe

Der Standort bei Riedelbach im Taunus, knapp nördlich des 50. Breitengrades – und das an einem 10. Juli – bedeutet tatsächlich, dass die Sonne nur maximal 17,5° unter den Horizont abtaucht. Das Kriterium für das Ende der astronomischen Dämmerung (Sonne mindestens 18° unter dem Horizont) wurde also gerade verfehlt. Außerdem dürfte zum Aufnahmezeitpunkt die Lichtglocke von Frankfurt am Main ein ähnlich großes Übel gewesen sein. Beide Handicaps sieht man dem hier präsentierten Bild aber nicht an, perfekter kann man dieses Himmelsfeld eigentlich gar nicht darstellen.

Offene Sternhaufen mit ihren vielen ähnlich hellen A-, F- und G-Sternen reizen dazu nachzumessen, wie gut nach der PC-Bearbeitung die Unterscheidung benachbarter Spektralklassen bzw. Farbindizes im Bild noch möglich ist. Eine erhaltene Differenzierung dient dabei als wichtiges Kriterium für eine Bildaufbereitung, die auch die Sternphysik korrekt wiedergibt.

Wir haben deshalb aus der beiliegenden Tabelle verschiedene Sterne von Stock 1 herausgesucht und durch Anzeigen der R-, G- und B-Kanal-Helligkeiten problemlos deren zunehmende Rötung ablesen können – eine Differenzierung, die dem Sehsinn zwischen B3 und M1 natürlich auch ohne Messen gelingt, nicht mehr aber bei der Unterscheidung der Spektralklassen A0 und A2. Hier beweist die CCD-Kamera ihr Potenzial als Messinstrument und Steffen Behnke dokumentiert seine Fähigkeiten bei der Bildbearbeitung.

Kommentar zum AdW: Dr. Stefan Binnewies, Frank Sackenheim

Koordinaten J2000.0:
RA = 19 h 35 min 48 s, DE = +25° 13´ 00´´

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