51. Woche - Ein Portrait von NGC 6888

 -  Astrofoto der Woche  - 

Im Sternbild Schwan liegt der helle Wolf-Rayet-Nebel NGC 6888. Das aktuelle AdW zeigt ihn in einem 36' x 36' großen Gesichtsfeld (Norden liegt bei 1:30 Uhr). Seine Gestalt brachte ihm den Namen "Sichelnebel" ein. Aber bei genauem Hinsehen setzt sich die Sichel auf der dunklen Seite als eine geschlossene Ellipse fort, die im Südostbereich am lichtschwächsten ist.

Was ist das eigentlich, ein Wolf-Rayet-Nebel? Verursacher ist ein weiter entwickelter, ehemaliger massereicher O-Stern im Nebelzentrum. Er verliert durch einen starken Sternwind stets an Masse. Solche Sterne werden in der Fachastronomie als "Wolf-Rayet-Sterne" (WR-Sterne) bezeichnet. Im Falle von NGC 6888 ist es der 7,5 mag helle WR-Stern HD 192163. Er gehört zur Sternassoziation Cyg OB1. Seine Entfernung (und damit auch die von NGC 6888) beträgt etwa 4000 Lj. Der Katalog von K.A. van der Hucht (1981) umfasst 227 eingetragene WR-Sterne, darin trägt HD 192163 die Nummer WR 136. Dieser Stern sorgt dafür, dass die von ihm vor langer Zeit ausgestoßenen Gase jetzt durch den Sternwind blasenartig zur Expansion gebracht werden und an den Stoßfronten zur Emission gebracht werden.

Im Nebel fallen etliche blaue Filamente auf, die das Licht des zweifach ionisierten Sauerstoffs [OIII] emittieren. Sie sind teilweise sehr fein und hüllen den Gasball auch ein. Ihre Dicken betragen stellenweise nur wenige Bogensekunden. Im Nordwesten erkennt man zwei losgelöste Filamente. Daneben leuchtet natürlich auch das bekannte Rot von Hα. Alles in allem erinnert ein WR-Nebel von seiner Morphologie her stark an einen Supernovarest. Allerdings hat er keinen Neutronenstern im Zentrum, sondern eben den Wolf-Rayet-Stern.

Die Ausdehnung von NGC 6888 lässt sich aus dem AdW sehr einfach bestimmen. In Längsrichtung sind es 1956 Pixel. Bei einem Bildmaßstab von 0,55 Bogensekunden pro Pixel entspricht das einem Winkel von 17,9 Bogenminuten. Hiermit errechnet sich für die genannte Entfernung von 4000 Lj ein wahrer Nebeldurchmesser von gut 20 Lj. Immerhin ist das rund halb so groß wie der Orionnebel M 42, der uns aber bedeutend näher steht.

Peter Remmel hat dieses wunderbare Astrofoto erstellt. Aufnahmedatum war der 11. und 19.9.2016, Aufnahmeort war Rowe, New Mexico, Vereinigte Staaten. Dort wurde ein 360-mm-Teleskop (f/9) bei effektiv 2946 mm Brennweite remote eingesetzt, ein Ritchey-Chrétien von RC Optical Systems. Das Teleskop hat einen Spiegel aus wahlweise Sitall oder Zerodur, dazu einen Tubus aus Kohlefaser (engl. carbon). Beides bewirkt, dass Temperaturänderungen sich während der Aufnahme nicht auf die Brennweite auswirken. Die verwendete CCD-Kamera war eine SBIG STX-16803. Belichtet wurde [OIII] 21 x 1200 s und Hα 18 x 1200 s, insgesamt also 13 Stunden allein für den Bicolor-Anteil. Darüber hinaus wurden auch noch jeweils 12 x 5 min R, G und B in das Bild eingearbeitet. Die Farbzuordnung: Hα für den Rotkanal, [OIII] jeweils für Blau und Grün. Die Nachbearbeitung geschah in Regim, MaxIm und Photoshop CS2.

Text zum Objekt und den Aufnahmedaten: Peter Riepe

Nicht oft waren bisher die Astrofotos der Woche Ergebnisse einer Remote-Belichtung. NGC 6888 von Peter Remmel ist aber genau das, ein Bild aus New Mexico in den USA, erstellt von einem “Operator“ vor Ort nach den Vorgaben einer Gemeinschaft von sechs bis acht Astrofotografen, die sich vorher auf eine Objektliste und die Belichtungszeiten geeinigt haben. Deep Sky West heißt diese Einrichtung, deren nett gemachten Internetauftritt man hier erreichen kann:

Um dabei zu sein, zahlt Peter Remmel etwa 140 € im Monat - ein Bruchteil dessen, was auf den Tisch gelegt werden müsste, um die entsprechende Ausrüstung selbst zu besitzen: einen 14,5-Zoll-Reflektor (RCOS mit Kohlefaser-Gittertubus), eine CCD-Kamera SBIG STX-16803 und einen ASTRODON-Filtersatz, ganz zu schweigen von dem dunklen und so oft klaren Himmel New Mexicos. Wir meinen, dass das eine gute Sache ist, wenigstens über eine gewisse Zeit “internationalen Astro-Flair“ zu schnuppern. Und aus eigener Kenntnis können wir versichern, dass man dabei ungemein viel lernt  und neue Astrofreundschaften knüpfen kann.

Gibt es an dem Bild technisch etwas auszusetzten? Nein, oder besser fast gar nichts, einzig und allein das etwas erhöhte Rauschen im Himmelshintergrund und einen geringen Kollimationsfehler in der linken oberen Bildecke. Hervorheben möchten wir noch, dass der Astrofotograf neben den Linienfilter-Aufnahmen auch RGB-Belichtungen angefordert hat, um die Sternfarben im Feld korrekt darstellen zu können, ein Vorhaben, das ihm sehr gut gelungen ist.

Kommentar zum Bild: Dr. Stefan Binnewies und Frank Sackenheim

Koordinaten J2000.0:

RA = 20 h 12 min 06 s, DE = +38° 21´ 18´´

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