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11. Woche - Ein weitwinkeliger Blick in die Cassiopeia

| Astrofoto der Woche

Die Milchstraße im Sternbild Cassiopeia ist reich an galaktischen Sternhaufen. So kam Bildautor Frank Breslawski, Mitglied der VdS-Fachgruppe Astrofotografie, auf die Idee: "Ich nehme mir als Test meiner mobilen Ausrüstung einmal die Sternhaufen in der östlichen Cassiopeia heraus." Und so entstand im Bergischen Land eine wunderbare Aufnahme von 3° × 2° Bildfeld mit Norden auf 11:30 Uhr. Die Belichtungen dazu datieren vom 13.11.2022. Teleskop war ein Takahashi TSA-120, ein Apochromat mit D = 120 mm und f = 635 mm, d.h. Blende f/d = 5,29. Ein Reducer Takahashi TOA-35RD von ~0,7-fach brachte die ursprüngliche Brennweite von 900 mm auf die 635 mm. Die Kamera dazu war eine ZWO ASI6200MM Pro, sie hat einen Vollformatchip, wobei "Vollformat"  das ehemalige Kleinbildformat darstellt. Zur Anwendung kamen Filter für L, R, G, B und Ha - alle von Astronomik. Belichtet wurde im 2×2-Binningmodus, 60 × 3 min für L,  jeweils 23 × 3 min für RGB und 22 × 5 min für Ha, insgesamt also 8 h 17 min. Als Montierung wurde eine ZWO AM5 Harmonic Drive eingesetzt, die der Autor über alles lobt. Die Bildbearbeitung erfolgte mittels PixInsight und Topaz Denoise. Um die vielen Hintergrundstrukturen gegenüber der Sternenfülle deutlicher herauszubringen, gab es noch die folgende Nachbearbeitung: Dazu wurden die Sterne entfernt, der Hintergrund leicht mit Graduationskurven im Kontrast verstärkt und insgesamt aufgehellt. Danach wurden die Sterne wieder eingesetzt und noch leicht im Durchmesser reduziert.

Was zeigt das AdW? Da sind zunächst die offenen Sternhaufen (siehe Objektbezeichnungen im verkleinerten Zusatzbild 1).  Angefangen von rechts mit zunehmender Reaktaszension

1) M 103 = NGC 581

Der einzige rote Überriese mit V =  8,54 mag ist ein Beleg dafür, dass der Sternhaufen recht jung sein muss, weil sich noch keine weiteren massereichen Roten Überiesen haben bilden können. Sanner et al. (1999) fanden aus ausgewerteten fotometrischen Daten heraus, dass das Alter des Haufens nur 16 ± 4 Millionen Jahre beträgt. Außerdem ermittelten sie eine Entfernung von nur etwa 2900 pc (ca. 9460 Lj). Heutzutage geht das alles über die GAIA-Parallaxen genauer und zuverlässiger als mit terrestrischen Messmethoden. Demnach beträgt die Entfernung des 7,4' x 7,4' großen Haufens 2681 pc = 8745 Lj.

2) Trümpler 1

Der Sternhaufen Tr 1 liegt 41' nordöstlich von M 103. Er misst 3,7' x 3,7'. Die Inder R. Yadav & R. Sagar (2002) ermittelten per UBVRI-CCD-Fotometrie ein Alter von 40 ± 10 Mio. Jahren und eine Entfernung von 2600 pc (~8480 Lj). Nach den GAIA-Messwerten beträgt die Entfernung 2873 pc (ca. 9370 Lj), etwa 10% mehr als nach den terrestrischen Messungen.

3) NGC 659

Der 7,7' x 7,7 große Sternhaufen ist rund 3480 pc entfernt. Das sind 11360 Lj - schon ein Stück weiter weg als die Vorgänger. 

4) NGC 654

Mit V = 6,5 mag ist dies der visuell hellste der hier vorgestellten Sternhaufen. Seine GAIA-Distanz liegt bei  3195 pc (10420 Lj). Die Haufenausdehnung beträgt 6,4' x 6,4'.

5) NGC 663

Der V = 7,1 mag helle Sternhaufen ist nach Fabregat & Capilla (2005) rund 2100 pc entfernt (6850 Lj). Mit 18' x 18' hat er hier im Bild die größte Ausdehnung. Sein Alter kommt auf ca. 25 Mio. Jahre, also relativ jung. NGC 663 ist einer der Sternhaufen mit dem größten Reichtum an jungen Be-Sternen. Und wie man sich irren bzw. vermessen kann: Die Gaia-Parallaxenmessungen ergeben für NGC 663 einen Entfernungswert von 3125 pc (~10200 Lj), und das ist nahezu 50% mehr als der Messwert von Fabregat et al.

6) Berkeley 6

Berkeley 6 ist der unauffälligste Sternhaufen in diesem Bild. Sein scheinbarer Durchmesser kommt auf 5' x 5'. Die Entfernung (GAIA) liegt bei ca. 3230 pc (10520 Lj).

7) IC 166

Mit B = 13.0 mag und V = 11,7 mag ist IC 166 der lichtschwächste der Sternhaufen in diesem AdW. Wer sich diesen 7,2' x 7,2' großen Haufen näher anschaut, bemerkt die insgesamt gelbliche Färbung. Sie wird durch den Farbindex B-V = 1,3 mag (= gelborange) bestätigt. Hierin spiegeln sich zwei Dinge wieder: a) Der Vordergrund wird stark durch interstellaren Staub durchsetzt. b) Die Entfernung muss daher größer sein als die der vorgenannten Sternhaufen. Als Farbexzess wurde E(B-V) = 0,8 mag bestimmt, woraus sich eine Absorption Av = 2,5 mag ergibt (A. Subramaniam &  B.C. Bhatt, 2005). Das bedeutet, dass der Sternhaufen nur 10% des Lichtes zu uns sendet, welches im ungestörten Fall zu uns käme. Und kein Wunder, denn IC 166 weist eine Entfernung von 4.8 ± 0.5 kpc (~15650 Lj). Die GAIA-Entfernung ergibt noch mehr, nämlich 5,7 kpc (18.600 Lj)

Daneben fällt dem Betrachter nördlich von NGC 654 eine verschlungene Dunkelwolke auf. Das Zusatzbild 2 (eine Aufnahme aus dem DSS, POSS 2 red) zeigt, welche Teilwolken darin enthalten sind. Außerdem kommt direekt unterhalb NGC 654 noch ein kleiner Reflexionsnebel zur Geltung, seine Bezeichnung: GN 01.40.6

Anmerkung: Weitwinkelige Bilder - so wie dieses hier - sind ein Augenschmaus! Das AdW-Team hat nichts zu kritisieren, auch wenn Bildbearbeitungsschritte dabei waren, die man diskutieren kann in Bezug auf "astronomische Realität". Es hat aber keinerlei Auswirkungen auf den natürlichen Himmelssanblick gegeben. Wir danken Frank Breslawski ganz herzlich und gratulieren vielmals zum Astrofoto der Woche!

 

Peter Riepe
Bildautor: Frank Breslawski

 

Koordinaten (J2000.0) der Bildmitte
RA = 01 h 42 min 32 s, Dec = +61° 14' 58"

 

 

 


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