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12. Woche - Abschied vom Rosettennebel

| Astrofoto der Woche

Die Position des Rosettennebels verschiebt sich am Abendhimmel allmählich nach Westen, so dass die Horizonthöhe des Nebels allmählich geringer wird. Für dieses Jahr soll das bekannte Nebelbild deshalb auch letztmalig gezeigt werden. Zwar ist der Rosettennebel ohne Zweifel eines der am liebsten und am häufigsten fotografierten Deep-Sky-Objekte. Aber - wie es bei Astroaufnahmen so ist: Von Bildautor zu Bildautor unterscheiden sich die Objektdarstellungen doch manchmal sehr deutlich

Hier zeigt uns Thomas Wahl, Mitglied der VdS-Fachgruppe Astrofotografie, seine Version des Rosettennebels, aufgenommen am 13. und 14.02.2023 in einem Bildfeld von 113' x 85' mit Norden oben, Osten links. Aufnahmeort war Oer-Erkenschwick im Kreis Recklinghausen am Nordrand des Ruhrgebiets. Dort befindet sich die Sternwarte des Autors in einem größeren Wohngebiet. Thomas befasst sich gern und ausdauernd mit der Deep-Sky-Fotografie. Da an seinem Ort aber ein recht aufgehellter Nachthimmel vorliegt (gerade in südliche Richtungen), werden die entsprechenden Filter nötig, um die Lichtverschmutzung zu reduzieren und so zu ansehnlichen Bildresultaten zu gelangen. Teleskop war ein Takahashi Epsilon 160 mit D = 160 mm und f = 530 mm, d.h. f/D = 3,3 (Blende) bzw. Apertur f/3,3. Zwei Kameras wurden eingesetzt: a) eine veTEC 16000 C (Color), eine thermoelektrisch gekühlte Kamera mit großem Chip von Omegon. Sie diente für RGB-Aufnahmen und Schmalbandaufnahmen mit einem Optolong-Dualbandfilter des Typs L-eNhance; b) eine monochrome ZWO ASI16000MM Pro für [OIII]-Aufnahmen bei 8,5 nm Halbwertbreite. Die RGB-Aufnahmen wurden 16 x 5 min belichtet, die Dualbandaufnahmen ebenso 16 x 5 min, Hα 16 x 10 min mit 3 nm Halbwertbreite und 12 x 15 min mit dem [OIII]-Filter

Was zeigt das AdW? Der Rosettennebel Sh2-175 liegt als HII-Region sehr schön mittig im Bildfeld, mit den typischen zerfransten Rändern der Molekülwolke, die das Gas lieferte, aus dem der Nebel entstehen konnte. Die zentrale Partie des großen Nebelringes ist eine dunklere Höhle, darin sitzt der offene Sternhaufen NGC 2244. Man muss sich solche HII-Regionen mit ihren leuchtenden Rändern immer dreidimensional als Loch vorstellen. Geschaffen wurde diese Höhle durch den Sternwind und die kräftige UV-Strahlung von NGC 2244, dessen zahlreiche Sterne ebenfalls aus dem Material der Molekülwolkke geboren wurden. Der Sternhaufen ist sehr jung, was man allein schon daran ablesen kann, dass etliche O-Sterne als massereiche, junge und heiße Mitglieder in ihm liegen. Die fünf hellsten O-Sterne und ihre Pixelkoordinaten sind

HD 46056 (2605/2124) 
HD 46106 (2430/1649)
HD 46149 (2285/1632)
HD 46150 (2252/1855)
HD 46223 (2107/2149

Etwa 190" nordöstlich von HD 46223 erkennt man einen orangefarbenen hellen Stern. Mit 5,8 mag und einem Spektraltyp K0III scheint er der hellste Stern in NGC 2244 zu sein. Das ist aber eine Fehleinschätzung, denn erstens passt ein so weit entwickelter alter Riesenstern nicht ins Bild der Entwicklung von NGC 2244, und zweitens liegt dieser Stern (so zeigt die GAIA-Parallaxe) nur 462 Lj entfernt weit im Vordergrund

Man kann sich den Rosettennebel (auch Sh2-275) folgendermaßen vorstellen: Wir blicken auf die dunkle mit Staub und Gas vermengte Monoceros-Molekülwolke. Das ist der Bereich rund um den Rosettennebel. In Richtung zu uns als Draufblickende liegt in dieser Molekülwolke ein etwa 80' großes, rundes Loch mit stark zerfransten Innenseiten. In dem Loch befindet sich der Sternhaufen NGC 2244,  der die allmähliche Zerfransung der Höhlenseiten mit dem bis zu 3000 km/s schnellen Sternwind stetig vorantreibt. NGC 2244 gehört zur Assoziation Monoceros OB2. Da der Sternwind nach außen gerichtet ist, expandiert die innere Höhle mit 56 km/s (Brühweiler et al., 2021). Die Schalenstruktur des Rosettennebels selbst hingegen expandiert mit 14 km/s deutlich langsamer (Celnik 1986), so dass Höhle und Nebel ständig anwachsen

In der leuchtenden sphärischen Randzone gibt es auffällige dunkle Strukturen: Das sind zerrupfte Rüssel und Globulen. Hieran wird erkennbar: Während das molekulare Gas nach außen weggeblasen wird, ist der Staub als festeres Material bei der Expansion als Relikt stehengeblieben. Die zum Sternhaufen gerichteten Rüsseloberflächen  sind weiterhin der heftigen UV-Strahlung und dem starken zentralen Sternwind ausgesetzt, so dass hier durch Stoß Fronten und Verdichtungen entstehen können, in denen erneut eine "sekundäre Sternentstehung" stattfindet

Die Entfernung von NGC 2244 und damit auch die des Rosettennebels schwankt in der Fachliteratur deutlich. Eine Messung von Bonatto (2009) führt zu einem Wert von 5200 Lj (ein guter Mittelwert vieler erfolgter Messungen). Diese komplizierten Messungen sind heute nicht mehr nötig, denn die von GAIA gemessenen Sternparallaxen sind längst allgemein in den Datenbanken publiziert. So ergibt sich aus der mittleren Parallaxe der oben genannten fünf hellsten O-Sterne eine Entfernung von 4943 Lichtjahren. Das ist etwas weniger als der oben genannte Wert von Bonatto. Das Alter des von NGC 2244 und damit auch das des Rosettennebels wird auf 1 bis 6 Millionen Jahre geschätzt. Bei einem scheinbaren Winkeldurchmesser von 80' ergibt sich somit ein wahrer Durchmesser von 115 Lichtjahren, und das ist etwa 4-mal mehr als beim Orionnebel M 42

Anmerkungen: Das gezeigte Bild ist ein Hα[OIII]RGB, einem Bicolorbild ähnlich. Es handelt sich demnach um ein regelrechtes Falschfarbenbild. Thomas Wahl hat die Sterne (die zunächst sehr blass waren) nachträglich auf meinen Tipp hin noch in der Sättigung angehoben, für ein Falschfarbenbild durchaus sinnvoll und berechtigt. Nun erscheinen mir die blauen Sterne und auch der blaue innere Bereich des Rosettennebels vielleicht ein wenig zu blau. Aber das kann man nur dann korrekt begründen, wenn man die Emissionslinienverhältnisse im Nebel kennt. Erst damit lässt sich eine Aussage treffen, ob eventuell die gewählte Version Kamera/Filter zuviel Spielraum für [OIII] zugelassen hat. Die verbreitete üblicherweise und beliebte viel stärkere Rotwiedergabe ist dagegen rein arbiträr, kann also als Entscheidungskriterium für die Nebelfarbe sowieso nicht gelten. Aber wie schon gesagt: es handelt sich ja sowieso um eine Falschfarbenaufnahme. Und eine solche unterliegt immer dem Geschmack des Bildautors

Der Nebeleindruck lässt mit seinen zahlreichen Dunkelwolken und faserigen Feinstrukturen in den "bright rims", den lellen Nebelrändern, für mich nichts zu wünschen übrig. Deshalb einen herzlichen Dank an Thomas Wahl für dieses eindrucksvolle Bild des Rosettennebels. Und dazu die Gratulation des AdW-Teams zum Astrofoto der Woche.

 

Peter Riepe
Bildautor: Thomas Wahl

 

Koordinaten (J2000.0) des Rosettennebels
RA = 06 h 32 min 27 s, DE = +04° 47' 37"

 

 

 

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