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48. Woche - Selten gezeigte Objekte in der Umgebung von IC 1470

| Astrofoto der Woche

Heute geht es in das Grenzgebiet der Sternbilder Cepheus und Cassiopeia. Die in diesem  Gebiet liegenden Objekte sind klein und wirken (zunächst) unscheinbar. Aber das täuscht ... Bildautor ist Carsten Reese, Mitglied der VdS-Fachgruppe Astrofotografie. Er nahm das 49,4' x 32,4' große Bildfeld (Norden oben, Osten links) am  04., 05. und 06.09.2023 aus Schwanewede heraus. Diese Gemeinde ist ca. 20 km nordwestlich von Bremen gelegen. Teleskope dazu: (a) ein Lacerta Newton von D = 300 mm und f = 1200 mm, per ASA-Reducer auf 960 mm verringert, (b) dazu ein TMB 115/805, per Riccardi-Reducer.auf f = 600 mm reduziert. Als Kameras kamen zum Einsatz: eine QHY183M am Newton und eine QHY268M am TMB. Belichtet wurde wie folgt: am Newton 124 x 2,5 min Hα und 94 x 2 min L, am TMB 3 x 10 min [SII], 9 x 10 min [OIII], 9 x 10 min Hα, 11 x 10 min B, 11 x 10 min G, 12 x 10 min R. Insgesamt macht das 17,3 h.

Jetzt ins Bildfeld. Zentrales und gleichzeitig hellstes Deep-Sky-Objekt ist die HII-Region IC 1470. Sie wurde 1892 von dem österreichischen Astronomen Prof. Dr. Rudolf Spitaler entdeckt. Eine der ersten Fotografien von IC 1470 dürfte von Francis G. Pease stammen. Er nahm den Nebel zwischen 1917 und 1920 mit dem 60-Zöller von Mt. Wilson auf, zusammen mit vielen anderen "Nebeln" (was man damals darunter verstand, auch Galaxien). Pease veröffentlichte dann 1920 den Artikel "Photographs of nebulae with the 60-inch reflector, Astrophys. J. 51, 276-308 (6/1920). Dazu gab er eine schöne Beschreibung. Auf den damaligen fotografischen Platten wurde eine Ausdehnung von 70'' x 45'' gemessen, mit einem dreieckigen Zentrum mit innerem Zentralstern. 

IC 1470 ist auch als Sh2-156 und Cederblad 208 katalogisiert. Der Winkeldurchmesser kann bis in die schwächsten Ausläufer im AdW mit 3,4' x 3,3' vermessen werden. Damit ist der in Wikipedia genannte Wert von 1' x 1' erledigt. Entfernungsangaben sind in einer Arbeit von T. Foster und C.M. Brunt aus dem Jahr 2015 zu finden (Astronom. J. 150, article id. 147, 13 pp.). Anhand der 21-cm-Linie des neutralen Wasserstoffs HI und der 2,6-mm-Linie des Kohlenmonoxids untersuchten sie im Canadian Galactic Plane Survey insgesamt 103 HII-Regionen zwischen 90° und 195° galaktischer Länge. Für Sh2-156 fanden sie eine spektrofotometrische Distanz von 2,68 kpc (~8740 Lj) und einen Zentralstern. Das bedeutet einen wahren Durchmesser von 8,6 Lichtjahren - eine kleine HII-Region. Bemerkenswert ist die starke Rötung. Aus dem Farbexzess ergibt sich eine etwa 4 mag hohe visuelle Absorption. Daran mag es liegen, dass man den lockeren offenen Sternhaufen nicht erkennt, der von IC 1470 umschlossen wird. Das ist [BDS2003] 39. Dieses Kürzel bedeutet: der Haufen Nr. 39 aus dem Katalog von Bica E., Dutra C.M., Soares J. und Barbuy B.: "New infrared star clusters in the Northern and Equatorial Milky Way with 2MASS." Astron. & Astrophys. 404, 223-232 (2003/6).

Die Umgebung von IC 1470 zeigt ein paar weitere kleine diffuse Objekte, die im Zusatzbild 1 markiert sind. Da ist zunächst 11' südsüdwestlich von IC 1470 die lichtschwache HII-Region BFS 15, das ist die HII-Region Nr. 15 aus Blitz L., Fich M., Stark A.A.: "Catalogue of CO radial velocities toward galactic HII regions." Astrophys. J. Suppl. Ser. 49, p. 183-206 (6/1982). In BFS 15 steckt der offene Sternhaufen [BDS2003] 38. Und wiederum hierin befindet sich ein IR-Stern mit der Bezeichnung IRAS 23026+5948. Für ihn liegt eine Gaia-Parallaxenmessung vor, aus der sich eine Haufenentfernung (und damit auch für den Nebel) von rund 10.400 Lichtjahren ergibt.

Etwa 14' nordwestlich von IC 1470 finden wir einen weiteren lichtschwachen Emissionsnebel. Das ist BFS 16, klassifiziert als HII-Region und gleichzeitig auch als Reflexionsnebel GN 23.01.7. Über die Entfernung ist nichts bekannt. Daher wechseln wir jetzt auf die östliche Seite von IC 1470. Dort ist zunächst in 6' Abstand die HII-Region BFS 17 sichtbar. Von der bläulichen Farbe her könnte sie auf dem AdW eher als Reflexionsnebel durchgehen. Im Nebel erkennt man vier Sterne. Der südliche davon entpuppt sich beim Hineinzoomen als eindeutig rötlich. Dies ist QT Cephei, ein Mira-Veränderlicher und Roter Riese. Sein Spektraltyp M6 ist Beweis für den roten Farbtyp. Die scheinbare V-Helligkeit schwankt um 12,4 mag. QT Cephei ist Mitglied im offenen Sternhaufen DSH J2305.9+6015. Dieser Sternhaufen in BFS 17 ist etwas Bessonderes! Er wurde nämlich von Amateuren entdeckt. Die Katalogbezeichnung bedeutet: Deep Sky Hunters, dann folgen die 2000er (J-) Koordinaten. Die Deep Sky Hunters wurden als kleine Amateur-Gruppe vom Österreicher Mathias Kronberger gegründet, sie hat mittlerweile eine sehr hohe Mitgliederzahl erreicht. Man arbeitet seit langer Zeit intensiv mit Profi-Astronomen zusammen. Inzwischen wurden sehr viele Sternhaufen, galaktische Nebel und PNe entdeckt und durch die Profis mit Großinstrumenten bestätigt. Eine der ersten Publikationen der Gruppe war: Kronberger M., Teutsch P., Alessi B. et al.: "New galactic open cluster candidates from DSS and 2MASS imagery". Astron. & Astrophys. 447, 921-928 (2006/3).

Von BFS 17 aus geht es jetzt noch 3' weiter nach Osten, wo wir auf die HII-Region BFS 18 stoßen. Sie wurde bereits 1955 durch zwei russischen Astronomen als Nr. 270 veröffentlicht in: Gaze V.F., Shajn G.A.: "Catalogue of emission nebulae." Izv. Krym. Astrofiz. Obs. 15, p. 11-30 (1955). Alle Nebel in dieser Publikation wurden am Krim-Observatorium entdeckt. Und nun das Zusatzbild 2 anschauen. Es zeigt IC 1470 und die beiden östlich gelegenen HII-Regionen BFS 17 und BFS 18 als Nahinfrarotaufnahme aus dem 2MASS (2 mikron all sky survey). Ein Vergleich mit dem AdW ergibt, dass der Veränderliche QT Cephei bei einer NIR-Wellenlänge von 2 μm sehr viel heller als im V-Licht herauskommt. Außerdem wird der offene Sternhaufen  [BDS2003] 42 in der HII-Region BFS 18 aufgelöst erkennbar.

Anmerkungen: Das gezeigte Astrofoto macht deutlich, dass auch Teleskope unterschiedlicher Brennweiten für eine gemeinsame Summenaufnahme geeignet sind. Dass die Objekte im Sternfeld klein und wenig spektakulär wirken, liegt an ihrer großen Entfernung. Vielleicht ist dies ein Anreiz, auch einmal mit längeren Brennweiten an ein solches Motiv heranzugehen. Was mir auffällt: erstens erscheinen die Sterne relativ weich, zweitens sind die Sternabbildungen im linken Bildbereich außen leicht elliptisch. Ob das am Stacking von Bildern unterschiedlicher Teleskope oder an einer möglichen geringen Differenz der optischen Achsen von Teleskop und Reducer liegt, kann hier nicht geklärt werden. Alles in allem präsentiert uns Carsten Reese ein höchst interessantes Bild mit selten gezeigten Deep-Sky-Objekten in sehr ordentlicher Farbwiedergabe.

Das AdW-Team bedankt sich hiermit bei Carsten Reese und gratuliert ihm zum gut gelungenen Astrofoto der Woche.

 

 

Peter Riepe
Bildautor: Carsten Reese

 

Koordinaten (J2000) von IC 1470:
RA = 23 h 05 min 09,9 s, DE = +60° 14' 31"

 

 

 



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