Der Vater des Schiefspieglers: Anton Kutter zum 100. Geburtstag

von Wolfgang Steinicke

Am 13. Juni 2003 jährte sich der 100. Geburtstag von Anton Kutter (1903-1985). Die Zeitschrift "Sterne & Weltraum" beabsichtigte 1985 einen Nachruf auf diesen bedeutenden Amateurastronomen zu bringen. Es blieb bei der Absicht [1].

Heute wollen wir das Versäumte nachholen und an Anton Kutter erinnern (Abb. 1). Sein Name ist untrennbar mit dem "Schiefspiegler" verbunden, einem eigenwilligen Gerät, von dem man zunächst nicht erwartet, dass es "gerade" Bilder liefert. Und doch, es gibt eine weltweite Fangemeinde und auch in Deutschland finden sich Geräte mit bis zu 30 cm Öffnung.

Einige mögen sich auch noch an den alten Kosmos-Bausatz mit 110 m Öffnung erinnern. Die Beobachtung (oder auch Fotografie) mit einem Schiefspiegler ist stets ein Genuss, liefert es doch ungemein scharfe Bilder (Abb. 2). Doch wir wollen hier weniger die technischen Details ausbreiten als vielmehr den Menschen Anton Kutter ins Gedächtnis rufen.

Anton Kutter wurde am 13. Juni 1903 in der ehemals freien Reichsstadt Biberach an der Riß geboren. Sein Geburtshaus, das historisch bedeutsame "Haus zum Kleeblatt", steht an einem der schönsten Marktplätze Deutschlands.

Nach dem Besuch des Gymnasiums in Ravensburg studierte Kutter an der Technischen Hochschule in Stuttgart Maschinenbau, während dessen assistierte er an der Volkssternwarte in Stuttgart. Bis in diese Zeit zurück reicht sein Gedankenaustausch mit dem Mondprofessor Philipp Fauth (1867-1941).

Nach bestandenem Diplomexamen besuchte Kutter 1926 das phototechnische Labor in Köln und widmete sich seiner großen Leidenschaft, dem Film. Bereits 1926 drehte er seine ersten eigenen Filme, darunter befand sich auch das Porträt der an Zeugnissen ihrer Vergangenheit so reichen "Wieland-Stadt" Biberach. Er drehte in Paris und arbeitete von 1931 bis 1949 für die "Bavaria-Filmkunst" in München, was ihm zwei Goldmedaillen bei der Biennale in Venedig einbrachte. Für die Bavaria schuf er 1937 den Zukunftsfilm "Weltraumschiff I startet", in dem die Mondlandung 1963 stattfindet - verblüffend echt dargestellt. Von seinem Schwiegervater übernahm er nach dem Krieg das Filmtheater in Biberach, das er als Urania-Theater 1955 neu eröffnete.

Kutter schuf insgesamt 50 Dokumentar- und Spielfilme. Eigentlich reicht das schon zur Berühmtheit aus. Aber sein Hobby war die Astronomie und hier war er nicht minder erfolgreich - Film und Astronomie blieb er zeitlebens eng verwoben,

Bereits als 12-jähriger Gymnasiast baute Kutter aus Brillengläsern und dem optischen Teil eines Spielzeug-Kinematographen seinen ersten Refraktor. Er war stets auf der Suche nach einem optimalen Teleskop für den Astro-Amateur.

Bedeutende Impulse kamen von Professor Anton Staus (1872-1952), dem Verfasser der Anleitung "Fernrohrmontierungen und ihre Schutzbauten" [2]. Dieser wies ihn auf das Konzept eines Kurzfernrohrs hin, das die Wiener J. Forster und K.. Fritsch im Jahre 1867/77 als "Brachy-Teleskop" zum Patent angemeldet hatten.

Kutter verfolgte die Idee weiter und seine Pläne für ein "Neo-Brachyt" wurden ab 1936 von der optisch-mechanische Werkstätte Georg Tremel in München unterstützt. Nach vierjähriger intensiver Arbeit konnte er der Öffentlichkeit ein funktionsfähiges Instrument präsentieren.

In den Kriegsjahren begann Kutter eine Abhandlung über sein Fernrohr zu schreiben. Diese Arbeit erschien 1953 als Broschüre "Der Schiefspiegler, ein Spiegelteleskop für hohe Bilddefinition" [3] (Abb. 3). Als Kinobesitzer in Biberach fand er nun auch wieder Zeit für nächtlichen Himmelsbeobachtungen und richtete eine Sternwarte ein, mit einem 12" Schiefspiegler als Hauptinstrument.

Kutters Selbstbauvorschläge stießen allgemein auf großes Interesse. Bereits im Dezember 1952 stellten G. D. Roth und E. L. Pfannenschmidt sein neues Fernrohr in Amerika vor.

Nach einem weiteren Bericht über die hervorragenden Eigenschaften des Schiefspieglers in "Sky & Telescope" (Dezember 1958) wurden Kutter und sein Teleskop international bekannt. 1965 stellte Kutter seine Konstruktion in "Sterne und Weltraum" vor [4]. In einem Aufsatz von Joseph Ashbrook, wird Anton Kutter in einer Reihe neben bedeutenden Teleskopbauern wie Galilei, Herschel, Porter und Nasmyth genannt [5].

Anfang 1975 wurde in Amerika auch Kutters letzter Entwurf - ein "Tri-Spiegler" - vorgestellt. Es ist dies eine dreispiegelige, sehr kompakte Konstruktion, die keine Korrektionslinse erfordert. Die Bildauflösung und der Kontrast sollen besser sein, als bei jedem anderen Gerät dieser Größe.

Seit den siebziger Jahren lebte Anton Kutter zunehmend zurückgezogener im Kreise seiner Familie in Biberach. Nach längerer Krankheit fand sein erfülltes Leben am 1. Februar 1985 sein Ende.

Literatur

[1] Nachrufe erschienen dagegen in: Schwäbische Zeitung, Biberach Stadt und Land, Ausgabe vom 8. Febr. 1985; Roth, G. D., Anton Kutter, Mitt. Astron. Ges. 64, 9 (1985); Sinnott, R. W., Optical Innovator Dies, Sky & Telescope 5/1985, 461
[2] Staus, A., Fernrohrmontierungen und ihre Schutzbauten für Sternfreunde, 2. Aufl., München 1953
[3] Kutter, A., Der Schiefspiegler, Biberach 1953
[4] Kutter, A., Der Schiefspiegler, Sterne und Weltraum, 1/1965, 12
[5] Ashbrook, J., James Nasmyth's Telescopes and his Observations, Sky & Telescope 12/1969, 380
[6] Schiefspiegler-Seite von Hartmut Frommert
[7] Schiefspiegler Teleskope von Dr. Heino Wolter

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