Verloren und wiedergefunden: Der bipolare Reflexionsnebel NGC 2163

von Wolfgang Steinicke

Durch den Artikel von Wolfgang Wiedemann in Sterne und Weltraum 11/2000 kam eine alte Geschichte wieder zum Vorschein, die scheinbar schon geklärt schien. Dort gibt es eine schöne CCD-Aufnahme von LkHa 208, einem kleinen bipolaren Nebel im Orion (Abb. 1).

Hans-Günter Diederich, Mitglied der VdS-Fachgruppe Deep-Sky und stets besonders interessiert, wenn es um CCD-Aufnahmen seltener Objekte geht, fragte über die Mailingliste der Fachgruppe nach den Koordinaten. Er wurde nicht fündig, genauso wenig brachten seine Recherchen in diversen Datenbanken im Internet.

Ich wurde aufmerksam und schaute in meinen Unterlagen nach. Der Lick Ha-Survey von Herbig [1], aus dem das Objekt stammt, wird selten zitiert (Bezeichnungen: LkHa, LkH oder LHa). Er ist etwas für Spezialisten, die sich mit Emissionsliniensternen beschäftigen. Herbig gibt für den Be-Stern, der im Zentrum des Nebels steht, die Koordinaten 6 02.1 +18 42 (1900). Der Zentralstern hat eine visuelle Helligkeit von 12mag, der 3' x 2' große Nebel liegt bei etwa 14mag. Visuell zeigt sich eine asymmetrische, diffuse Struktur mit relativ großer Flächenhelligkeit. Am südlichen Rand steht der Be-Stern und weiter südlich zeigt sich ein kleiner, schwacher Nebelfortsatz (Abb. 2).

Das Objekt wurde bereits 1922 von Hubble entdeckt und er beschreibt es als "uncatalogued comet nebula" [2]. Dort heißt er weiter: "It is surprising to find that so bright an object has been overlooked by observers".

Das machte mich natürlich neugierig und ich berechnete die 1950er Koordinaten (6 05.0 +18 42) und schaute in Dixon's Master List [3] nach. Dort traf ich auf Ced 62 und (damit identisch) DG 87. Ced ist Cederblad's Katalog von Bright Diffuse Galactic Nebulae (1946) und DG steht für Dorschner & Gürtler's Katalog von Reflexionsnebeln (1963). Beide Werke sind also nach Hubble's Entdeckung entstanden. Es findet sich aber auch der Eintrag NGC 2163 mit den Koordinaten 6 04.9 -18 40 und der Bemerkung "non-existent object". Gibt es NGC 2163 tatsächlich nicht oder liegt ein Vorzeichenfehler vor und das Objekt ist mit dem bipolaren Nebel identisch?

Für Objekte aus dem NGC bzw. IC fühle ich mich als Mitglied des internationalen NGC/IC-Projekts natürlich zuständig. Ich konsultierte meinen Revised NGC/IC [4] und es fanden sich die, mit dem Digital Sky Survey (DSS) bestimmten, 2000er Koordinaten 6 07 49.5 +18 39 27. Als Identifikationen sind DG 87, Ced 62 und LBN 855 aus Lynds' Catalogue of Bright Nebulae von 1965 angegeben (s. Daten in Tab. 1). Zu meiner Überraschung enthielten meine Unterlagen interessante Details - bei über 13000 NGC/IC-Objekten kann man sich nur an einzelne Fälle erinnern.

Die Story ist bemerkenswert, einen Teil haben wir ja schon kennen gelernt. Gehen wir zurück zu Hubble, so drängt sich zunächst die Frage auf, warum er seinen hellen, anonymen Nebel nicht korrekt mit NGC 2163 identifiziert hat?

Die Antwort findet sich in Dreyer's NGC (Reprint von 1960). Sofort fällt die seltsame "North Pole Distance" (N.P.D.) von 94° auf, was einer Deklination von -4° entspricht. Die Rektaszension sieht vernünftig aus und die Beschreibung "eF, E, dif, *11 att s" paßt hervorragend zum visuellen Eindruck: sehr schwach, ausgedehnt, diffus, 11mag Stern südlich anhängend.

Das Objekt wurde 1877 von Edouard Stephan am Marseille Observatorium mit einem 80cm-Reflektor visuell entdeckt. Die in seinen Beobachtungsnotizen angegebenen Koordinaten sind hervorragend und passen genau zu unserem bipolaren Nebel!

Was hat Dreyer damit gemacht? Im Anhang zum Second Index Catalogue (IC II) von 1908 klärt er die Sache auf und er schreibt dort: "N.P.D. is 71° 19'.5; the P.D. given belongs to 1741. My mistake." Also ein lupenreiner Schreibfehler, denn die Koordinate gehört zu NGC 1741, einer wechselwirkenden Galaxie im Eridanus!

Hubble hat sein Objekt im NGC nicht finden können. Hätte er allerdings in Dreyer's Notiz geschaut, so wäre NGC 2163 nicht verloren gegangen. So mußte das "prominente" Objekt sein Dasein für lange Zeit in weniger bekannten Katalogen fristen. Es ist auch im Atlas galaktischer Nebel (Bd. I) von Neckel & Vehrenberg als GN 06.04.9 enthalten und wird dort mit LHa 208 = DG 87 identifiziert. Andere Bezeichnungen sind noch HBC 193 (Herbig-Bell Katalog [5]) und FM 14 [6].

Die Geschichte ist aber noch nicht zu Ende. Der Vorzeichenfehler in der Master List hat seine Ursache nicht im NGC-Dilemma. Er rührt von Sulentic & Tifft's Revised New General Catalogue (1977) her. Die Autoren hatten das ehrgeizige Ziel, alle NGC-Objekte anhand des POSS zu verifizieren, verpassten ihnen aber unglückliche 1975er Koordinaten. Die Umrechnung von Dreyer's (korrigierten) 1860er Koordinaten verlief wohl fehlerhaft, sie standen auch unter starkem Zeitdruck. So kam eine Position heraus, an der sie nichts finden konnten, folglich bekam NGC 2163 das Attribut "non-existent". Wissenschaftlich korrekter wäre wohl "not found" gewesen! Ohne dieses Mißgeschick wäre NGC 2163 sicher eher zum Vorschein gekommen.

Werfen wir einen Blick in moderne Verzeichnisse und Atlanten. In Tirion's Sky Atlas 2000.0 von 1981 ist an der Position ein grünes Symbol für einen hellen diffusen Nebel (< 10') zu sehen, eine Bezeichnung fehlt. Die Deklination ist mit +18 44 um mehr als 4' zu weit nördlich.

Was liefert der Sky Catalogue 2000.0 (Vol 2) von 1985? Dort ist Ced 62 verzeichnet, allerdings mit einer Position 6 09.2 +18 41. Dies ist mehr als 23' daneben, ein (eklatanter) neuer Fehler, der nicht mit den oben genannten zusammenhängt! Die falschen Koordinaten haben sich in die erste Ausgabe der Uranometria (1987) fortgepflanzt, der Unterschied zur wahren Position ist deutlich (siehe Karten 136 bzw. 137). Übernommen wird dies auch vom Programm MegaStar und vom Millenium Star Atlas (Karte 180). In der neuen Version der Uranometria, sowie auch im Deep Sky Field Guide, ist der Fehler behoben. Allerdings fehlt - wie bei allen genannten Werken - immer noch der Hinweis auf NGC 2163. Roger Sinnott's NGC 2000.0 von 1988 enthält NGC 2163 mit Dreyer's korrigierten Koordinaten, gibt aber keinen Typ an.

Auf wen geht nun die Identifikation zurück? Den Ruhm teilen sich Brian Skiff und Steve Gottlieb, beide Mitarbeiter des NGC/IC-Projekts. An den genauen Zeitpunkt können sich beide nicht mehr erinnern, es war aber nach 1990, denn im Observing Handbook and Catalogue of Deep-Sky Objects von Leginbuhl & Skiff (1990) ist Ced 62 beschrieben aber ohne Hinweis auf NGC 2163. Hier ist, wie bei Hubble und in einigen anderen Katalogen (Ced, DG, LBN, Herbig) die Deklination um etwa 2' zu groß. Ein Fehler, den auch das Programm Guide 7 macht und der vielleicht durch "Abschreiben" zu erklären ist?

Fazit: NGC 2163 kann mit gutem Grund als "verlorener" Nebel bezeichnet werden. Es gibt wohl wenige Fälle, in denen die Katalogwelt derart verworrene Wege gegangen ist [7]. Die Komplexität der Fehler ist bemerkenswert. Der kleine Nebel ist daran aber gänzlich unschuldig!

Tab. 1 - Daten von NGC 2163

Identifizierungen

NGC 2163, Ced 62, DG 87, LBN 855, GN 06.04.9, LkHa 208, HBC 193, FM 14

Koordinaten (2000)

06 07 49.62 +18 39 24.2 (Position des Zentralsterns, Tycho-Katalog)

Sternbild

Orion

Nebel

bipolarer Reflexionsnebel, 3' x 2' (N-S), V=14mag

Zentralstern

GSC 1317-0311, V=11.89mag, Spektrum Be

Literatur

[1] Herbig, G. H., The Spectra of Ae- and Be-Stars Associated With Nebulosity, Astrophys. J. Suppl. 4, 337 (1960); Der Artikel enthält die Nr. 196 - 234 (die anderen Objekte sind ab 1954 über andere Artikel verteilt).
[2] Hubble, E. P., A General Study of Diffuse Galactic Nebulae, Astrophys. J. 56, 162 (1922)
[3] Dixon, R. S., Sonneborn, G., A Master List of Nonstellar Optical Astronomical Objects, Ohio State University Press 1980
[4] Steinicke, W.,Revised New General Catalogue and Index Catalogue, NGC/IC Project 2000
[5] Herbig, G. A., Kameswara Rao, N., Second Catalog of Emission-Line Stars of the Orion Population, Astrophys. J. 174, 401 (1972)
[6] Finkenzeller, U., Mundt, R., The Herbig Ae/Be-Stars Associated With Nebulosity, Astron. & Astrophys. Suppl. 55, 109 (1984)
[7] Steinicke, W., Digitale Deep-Sky Daten, visuelle Beobachtung und das NGC/IC-Projekt, VdS-Journal 1/2000, S. 42

Dieser Artikel erschien bereits in SuW 2/2001.

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