Ein Denkmal für Waalter Baade

von Ansgar Korte

Walter-Hohmann-Sternwarte Essen e. V.

Im Februar 2001 sandte ich den Sternfreunden in Bad Salzuflen eine Mail mit der Anfrage, auf welchem Friedhof sich das Grab des bedeutenden Astronomen Walter Baade befindet. Das war der Anlass für Gerda-Ilka Borgelt, damals zweite Vorsitzende der Sternfreunde, sich näher mit Walter Baade zu befassen.

Bei einem Vortrag, den ich im März 2001 in Detmold hielt, wurde ich mit Frau Borgelt und einigen Sternfreunden aus Bad Salzuflen bekannt.

Wenige Tage später bekam ich von ihr eine Mail, in der sie mich bat, diesen Vortrag auch in Bad Salzuflen zu halten, außerdem würde sie gerne mehr über Walter Baade erfahren, um in einer kleinen Broschüre auf den bedeutenden Menschen und Astronomen hinzuweisen. Diese wollte sie den Salzuflern zugänglich machen, damit sie wissen, welch ein großartiger Forscher in ihrer Stadt seine letzte Ruhe gefunden hat. Ich erklärte mich bereit, ihr zu helfen, wo und wie ich konnte.

Bereits 1998, kurz vor Ablauf der Liegezeit, hatten sich deutsche und amerikanische Astronomen (Prof. Dr. Donald Osterbrock und Prof. Dr. Robert Kraft, beide Lick-Observatorium in Kalifornien, Prof. Dr. Theodor Schmidt-Kaler, Universität Bochum und Prof. Dr. Werner Pfau, Universität Jena) dafür eingesetzt, dass dieses Grab zu einem Ehrengrab auf Dauer eingerichtet werden sollte. Die Stadtverwaltung Bad Salzuflen reagierte umgehend.

Weiter beschlossen die Sternfreunde auf Anregung von Frau Borgelt, eine Spendenaktion für die Errichtung eines Gedenksteins mit einer Bronze-Inschrift durchzuführen, denn das Grab wurde bisher von einem grauen Findling mit dem schlichten Schriftzug "BAADE" geschmückt. Für diese Aktion stellte ich auch meine Verbindungen zu mir bekannten Astronomen zur Verfügung.

Über Jochen Schramm (Sterne über Hamburg), den sie schon zu Beginn ihrer Recherche kontaktiert hatte, machte Frau Borgelt auch die Bekanntschaft mit Herrn Prof. Dr. Donald Osterbrock, ehemals Direktor des Lickobservatoriums, in Kalifornien.

Für ihn war es eine große Freude, zu wissen, dass sein Freund und Mentor Walter Baade mit einem Gedenkstein geehrt werden sollte. Er regte weitere amerikanische Astronomen (George H. Herbig, Hawaii und Gerald und Katherine Kron, Arizona) an, die dem Vorhaben mit beachtlichen Spenden gern weiterhalfen. Die Aktion "Gedenkstein Baade" kam allerdings erst in der zweiten Hälfte des Jahres 2002 zum Tragen.

Im Frühjahr 2003 erlaubte es die Finanzlage, den Auftrag für die Herstellung eines solchen Gedenksteins zu erteilen. Der Bildhauer Helmut Schön war schon im Jahr vorher konsultiert worden, der interessanterweise aus Geesthacht, unweit von Hamburg-Bergedorf gebürtig war und der die Bergedorfer Sternwarte kannte. Dort arbeitete Walter Baade und erzielte in den 20er Jahren an dem damals größten europäischen Teleskop beachtliche Erfolge.Schon bald zeichnete sich ab, dass dieser Gedenkstein noch vor den Sommerferien auf dem Grab von Walter Baade enthüllt werden konnte. Die Einladungen mussten geschrieben und verschickt werden.

Die Friedhofskapelle, unweit des Grabes, schien ein geeigneter Ort für die Feier zu sein. Auf Anfrage beim Friedhofsamt wurde sie uns für diesen Zweck selbstverständlich kostenlos zur Verfügung gestellt. Nur musste sie von der Trauerdekoration befreit und mit einer passenden Ausstattung versehen werden. Von Donald Osterbrock wusste Frau Borgelt, dass Walter Baade ein bescheidener und lebensfroher Mensch war, so wurde die Kapelle mit Sonnen- und anderen Sommerblumen geschmückt.

Zwei großformatige Portraits von Baade und ein Poster der Hamburger Sternwarte mit Bild und Beschreibung des großen 1 m Spiegelteleskops wurden an das Pult bzw. an die rückwärtige Wand der Kapelle geheftet.Wer sollte die Festrede halten? Hier erklärten sich Prof. Dr. Wolfgang Priester vom MPIR Bonn und Prof. Dr. Volker Weidemann, Astrophysiker in Kiel bereit, sich die Rede zu teilen. Beide haben Walter Baade persönlich kennengelernt. W. Priester besuchte wie Baade auch das Friedrichs-Gymnasium in Herford (allerdings 30 Jahre später) und V. Weidemann hatte Baade noch in Pasadena/Kalifornien kennengelernt.

Am 12. Juli 2003 war es dann soweit. Bei strahlendem Sonnenschein füllte sich gegen 16:00 Uhr die Kapelle mit erwartungsvoll und festlich gestimmten Menschen:

Der Raum, der 100 Sitzplätze hat, war mit Gästen zu ca. 80 % besetzt. Darunter, Mitglieder der Familie Baade, Prof. Dr. Peter Hauschildt als Vertreter der Sternwarte Hamburg-Bergedorf, Arno Langkavel von Sektion der Astronomie-Geschichte innerhalb der Astronomischen Gesellschaft, Bewohner des Geburtsortes von Walter Baade, Schröttinghausen bei Preußisch-Oldendorf in Westfalen und des noch erhalten gebliebenen Geburtshauses, die Sternfreunde aus Bad Salzuflen und Umgebung, sowie Salzufler- und Herforder Bürger. Vertreter des Friedrichs-Gymnasiums waren Werner Bulk, Lehrer, letzter Direktor und Mitglied der Vereinigung ehemaliger Schüler des F-G. (Friederizianer) und Bernhard Brauner, ehemals Lehrer der Schule und Leiter der dortigen Schulsternwarte.

Zwei Schüler (Stefanie Fischer und Tobias Landwehr) der Musikschule in Bad Salzuflen und ihre Lehrerin (Mihaela Mimor) untermalten die Feier musikalisch. Mit Querflöten trugen sie Stücke von Mozart vor. Manfred Hoersch, Physik- und Mathematiklehrer des Rudolph-Brandes-Gymnasiums und auch Leiter der dort befindlichen Schulsternwarte in Bad Salzuflen, begrüßte die Anwesenden und bedankte sich bei Frau Borgelt für ihr Engagement. Bürgermeister Kleemann überbrachte ebenfalls Grußworte der Stadt Bad Salzuflen und würdigte die Verdienste von Walter Baade. Er berichtete von den Bemühungen, die zur Erhaltung des Grabes führten.

Der Großneffe von Walter Baade, Kristian Baade aus Minden, berichtete sehr bewegt, wie die Recherchen von Frau Borgelt, ihm und der Familie den Großonkel und sein Werk nahe gebracht hätten: "Wenn Frau Borgelt nicht immer wieder hartnäckig nachgefragt hätte, wären unsere Erinnerungen an den Großonkel irgendwann in eine Schublade gepackt worden und wir hätten nie so viel von ihm erfahren!"Frau Borgelt berichtete, wie alles begann und welche interessanten und manchmal auch kuriosen Erlebnisse sie bei ihren Recherchen hatte, bei denen ich sie oft begleitete. Unter anderem besuchten wir Prof. Dr. Alfred Behr in Bovenden bei Göttingen, der Walter Baade in seinen letzten Lebensmonaten im Göttinger Universitätsklinikum fast täglich besuchte und uns einiges aus der Zeit erzählte: "Baade war kein großer Schreiber, man musste ihn treten, damit er etwas zu Papier brachte. Er wollte immer nur beobachten..." Ihre Ausführungen und Anekdoten fanden bei den Festgästen großen Beifall.

Wolfgang Priester schilderte, wie offenherzig und bescheiden Baade auf die Ehrendoktorwürde der Hamburger Universitäts-Sternwarte reagiert hat und zeichnete ein Bild seiner erfolgreichen Forschungsarbeit auf.

Volker Weidemann hatte das Vergnügen, nicht nur mit dem - wie er sagte - vor Lebendigkeit sprühenden Baade zu arbeiten, er traf sich mit ihm auch privat. Interessant zu hören war, dass an den Instituten dort, Anfang der 50er Jahre, mehr deutsch als englisch gesprochen wurde. Dieser Umstand ging darauf zurück, zum Einen, dass dort sehr viele Deutsche arbeiteten und zum Anderen auf eine Verordnung, dass alle Institutsmitarbeiter bei Einstellung einen Abschluss in deutscher Sprache haben mussten.

Sehr bewegt schilderte er Baades Weggang aus Amerika. Aus versicherungsrechtlichen Gründen durfte Walter Baade mit 65 Jahren nicht mehr das große Teleskop bedienen. Dieses brach ihm fast das Herz. V. Weidemann bedauerte zutiefst, dass Baade so schnell nach seiner Rückkehr den Tod fand und er ihn nicht mehr lebend angetroffen hatte.

Nach der Gedenkfeier in der Kapelle gingen wir gemeinsam zum Grab, auf dem nun der Gedenkstein mit einfühlsamen Worten von Frau Borgelt unter Mithilfe des 12-jährigen Urgroßneffen, Jonathan Baade, enthüllt und der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Zu einem anschließenden Festessen kehrte die Gesellschaft in einen Gasthof auf den Höhen des Weserberglandes mit einem schönen Rundblick auf das Lipperland ein.

Später erfuhren wir von einem Angehörigen der Familie Baade, der sich während der Gedenkfeier in der Kapelle zwischendurch mit seinem Kleinkind draußen aufhielt, von der Verwunderung einer alten Dame über die Aktivität in der Kapelle: "Wer wird denn hier beerdigt, warum wird denn geklatscht? So eine fröhliche Trauerfeier habe ich hier noch nicht erlebt ..."Im Oktober besuchten wir Volker Weidemann in Kiel. Auf Wunsch von Frau Borgelt erlaubte er uns eine Veröffentlichung seiner Festrede, die diesem Bericht beigefügt ist.

Erinnerungen an Walter Baade

von Volker Weidemann, Kiel

Ich hatte das Glück, als junger Postdoc ein Jahr in Pasadena/ Kalifornien zu verbringen und dort Walter Baade persönlich zu erleben. Schon mein Kieler Doktorvater, Prof.Albrecht Unsöld, hatte mir empfohlen, Baade, mit dem er in seinen Hamburger Jahren (1930-1932) zusammen gewesen war, aufzusuchen.

Mein Research Fellowship hatte als Adresse Mount Wilson and Palomar Observatories - die Traumadresse für jeden Astronomen und Astrophysiker. Ich gehörte speziell zu einer Forschungsgruppe um Professor Greenstein und residierte auf dem Caltech-Campus, wo auch das Palomar-Telekop betreut wurde, während Baade im alten Hauptgebäude der Mt.Wilson Sternwarte näher zu den nahen Bergen in der Santa Barbara Street sein Office hatte.

Es traf sich gut, dass gleich mit dem Semesterbeginn eine Kolloqiumsreihe begann, die unter dem Thema "Elementhäufigkeiten" veranstaltet wurde, weil Fred Hoyle zum Caltech gekommen war, um dort den Winter zu verbringen. Der hatte gerade mit Fowler und den Burbidges seine später als B2FH gewordene Arbeit über die Entstehung der schwereren Elemente durch Kernprozesse im Inneren von Sternen fertiggestellt und hatte damit den Astronomen am Ort wie Baade, Greenstein, Minkowski und Zwicky Neues anzubieten.

So wurde ich gleich Zeuge einer Reihe von hochinteressanten Vorträgen von Hoyle und Walter Baade, der über den Stand der Beobachtungen der verschiedenen Populationen sprach, (alte Population 2: metallunterhäufig), Martin Schwarzschild (der extra von Princeton gekommen war und als Pionier der Computerberechnungen von Sternentwicklung galt), Rudolf Minkowski und Geoffrey Burbidge, die über Beobachtungen extremer Natur in Supernovaüberresten oder Radiogalaxien berichteten.

Wenn man weiß, dass Baade schon 1934 zusammen mit Zwicky die kühne Hypothese vertreten hatte, dass die extremen Energien der Supernovae mit der Bildung von Neutronensternen zusammenhingen, versteht man, dass Baade von alle den Neuigkeiten begeistert war. In der Tat kann man viele Forschungen der nächsten Jahrzehnte auf die Impulse dieses Jahres zurückführen.

Baade nahm bei dieser Gelegenheit auch einmal an der gemeinsamen Freitags- Mittagstafel der Caltech-Astrophysiker im Clubhaus teil, wo er mich aufforderte, ihn einmal in seinem Office in der St. Barbara Street zu besuchen. Das tat ich dann am 6.Dezember 1957, wo er mich auf Deutsch gleich herzlich als Unsöld-Schüler begrüßte, nach meiner Arbeit und Unsöld fragte, und auch weiterhin mit mir Deutsch sprach - das war für mich fast schwierig, hatte ich mich doch gerade drei Monate nur im Englischen geäußert (ich war ohne Familie dort).

Er hatte gerade die deutsche Wochenzeitung, die "Zeit", auf dem Tisch, las mir daraus etwas vor und lobte den so viel besseren Stil gegenüber dem simplen Amerikanisch, er gab mir dann zum Lesen sein Exemplar mit (und ich fand den deutschen Stil dann fast unannehmbar kompliziert und registrierte, dass ich mich schon so schnell an das einfache Amerikanisch gewöhnt hatte.)

In der St. Barbara Street besuchte ich dann auch Allan Sandage, den mir gleichaltrigen Nachfolger Hubbles und später bedeutenden Kosmologen (mit dem ich heute noch Kontakt habe: er versprach mir bei meinem letzten Besuch dort vor drei Jahren ein Foto, auf dem ich neben Baade zu sehen sei - er konnte es aber leider nicht finden). Am Caltech war es Zwicky (Schweizer), der mit mir Deutsch sprach, und er hatte auch in den frühen Jahren, als er viel mit Baade zusammen war, immer Deutsch gesprochen. Beide standen in hohem Ansehen, obwohl ja Baade sogar als "enemy alien" im Weltkrieg gegolten hatte (berühmt und oft zitiert ist ja der Vorteil, den er durch die Möglichkeit der Benutzung des 100inch Mt. Wilson Teleskopes während der Kriegs-Verdunkelung von Los Angeles seit 1942 gehabt hatte).

Eine weitere eindrucksvolle Begegnung mit Baade hatte ich (am 22.4.1958) auf dem Palomar, wohin mich Don Osterbrock eingeladen hatte, um mir den 200inch zu zeigen. Er sagte: dann: wir gehen auch zum 48inch Schmidtspiegel, an dem gleichzeitig Baade Beobachtungszeit hatte. Wir begrüssten Baade, der gerade die Platten für die Beobachtung vorgeformt hatte. Osterbrock lud ihn zum Kaffeetrinken in seine Cabine ein, wo er mit seiner Familie hauste. Da gab es ein lebhaftes, sprühendes Gespräch, bald auch schon eine wissenschaftliche Frage: ob das Helium, das nach der Hoyle/Schwarzschildschen Theorie im Inneren der Sterne erzeugt wird, ausreicht, um die Gesamtheliumhäufigkeit des Heliums in der Galaxis zu erklären - heute wissen wir, dass das nicht der Fall ist und dass das Helium im heißen Frühkosmos produziert wurde.

Im Jahr 1958 erfuhr Baade, dass er mit 65 Jahren das Palomar-Teleskop (aus versicherungsrechtlichen Gründen) nicht mehr benutzen dürfe, das ihm so ans Herz gewachsen war. Als ich einmal mit Greenstein - der das 200inch Teleskop ebenso häufig wie Baade benutzte - eine Nacht dort verbrachte, erzählte er mir, dass Baade nach Deutschland zurückkehren würde, weil er es nicht ertragen könnte, nicht mehr am 200inch beobachten zu dürfen.

Als meine Frau am Ende meines Forschungsjahres nach Pasadena kam, um mich abzuholen, waren wir beide nach einem Besuch des Palomars bei Baades zu einem Mittagessen eingeladen, und wurden liebevoll auch von seiner Frau begrüßt und bewirtet. In dieser Einladung drückte sich die Zuwendung aus, die Baade gerade jüngeren Astronomen zeigte, die er stets förderte und anregte.

Dies war unser Abschied von Pasadena aber praktisch schon auch Baades, die bald darauf nach Deutschland zurückkehrten. Es bewegt mich noch heute, dass ihm nur noch so wenig Zeit in Bad Salzuflen und Göttingen - seiner gefühlsmäßigen Heimat - vergönnt gewesen ist Und dass wir ihn nicht mehr wiedergesehen haben.

Aber wir freuen uns, dass sein Andenken nun hier dank des Einsatzes der "Sternfreunde Bad Salzuflen", insbesondere von Frau Borgelt, eine dauerhafte Würdigung durch die heutige Enthüllung eines Gedenksteins erfährt.

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