Karoline Lucretia Herschel

von Julie Schröder (JulieSchroeder@web.de)

Karoline Lucretia Herschel war die erste Frau, die in der Astronomie volle Anerkennung fand. Geboren wurde sie am 16. März 1750 in Hannover, wo sie als eines von zehn Kindern des Militärmusikers Isaak Herschel und seiner Frau Anna Ilse Herschel aufwuchs.

Der Vater war bestrebt, seinen Kindern eine musikalische Grundausbildung zu geben. So wurde im Hause Herschel viel musiziert, aber auch philosophiert und Astronomie betrieben.

Karoline in ihren Erinnerungen: "Mein Vater war ein großer Bewunderer der Astronomie und besaß einige Kenntnisse in der Wissenschaft. Ich erinnere mich, dass er mich in einer kalten Nacht auf die Straße führte, um mich mit einigen unserer schönsten Sternbilder bekannt zu machen, nachdem wir vorher einen Kometen, der eben sichtbar war, beobachtet hatten."

Glücklicherweise war es ihr möglich, einige Stunden täglich mit ihren Brüdern zusammen die Garnisonsschule zu besuchen, so dass sie Lesen und Schreiben erlernen konnte. Viele Stunden des Tages verbrachte sie jedoch gegen ihren Willen mit Stricken, Sticken, Wäsche nähen und allerlei anderer Haushaltstätigkeiten, da die Mutter meinte, dass sie ein "roher Klotz sein und bleiben sollte, allerdings aber ein nützlicher".

Der Gedanke, dass sie - wenn es nach den Vorstellungen ihrer Mutter ginge - als Weißnäherin ausgebildet werden sollte und ihr eine Zukunft als bloße Haushaltskraft bevorstände, war ihr unerträglich. Sie wollte ein Leben führen, welches auch geistige Anforderungen an sie stellen würde.

So war ihr der Wunsch ihres Vaters, der eine Ausbildung als Konzertsängerin für sie vorsah, doch sehr viel angenehmer. 22jährig folgte sie ihrem Bruder Friedrich Wilhelm Herschel, der als Konzertleiter in Bath tätig war, nach England. Er wollte ihr die Möglichkeit geben, der häuslichen Enge zu entfliehen und sich musikalisch fortbilden zu können.

So sollte sie z.B. die Chance bekommen, als Sängerin in seinen Konzerten aufzutreten. Hierbei zeigte sie großes Talent. Schon bald stieg sie zur ersten Sängerin auf, übernahm Leitungsfunktionen im Chor und bekam Angebote, auch in anderen Städten aufzutreten. Dies lehnte sie allerdings ab, da sie ein Engagement nur unter der Leitung ihres geliebten und verehrten Bruders annehmen wollte.

Sicherlich hätte sie musikalisch eine große Karriere vor sich gehabt, wenn sie nicht der Leidenschaft ihres Bruders, der Astronomie, gefolgt wäre. So begann sie sich neben der Haushaltsführung und ihren Auftritten als Sängerin auch noch der Astronomie zu widmen. Sie half ihrem Bruder beim Anfertigen von Spiegelfernrohren. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, die Spiegel zu polieren und zu schleifen - eine Arbeit, bei der es auf absolute Genauigkeit ankommt.

Neben den praktischen Tätigkeiten befaßte sie sich aber auch mit den theoretischen Grundlagen der Astronomie. Sie erlernte Algebra, Formeln für Berechnungen und Reduktionen als Grundlage für das Beobachten und Durchmustern des Himmels.

Der große Einschnitt für Karoline kam dann 1781, dem Entdeckungsjahr des Planeten Uranus, den ihr Bruder eher zufällig bei einer Himmelsdurchmusterung fand. Schon vordem hatte er große astronomische Erfolge zu verzeichnen, diese Entdeckung aber führte dazu, dass er über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde und neben zahlreichen Ehrungen auch eine Stelle als königlicher Hofastronom in Windsor angeboten bekam, die er dankbar annahm. Nun konnte er sich seiner wahren Leidenschaft widmen.

Für Karoline hingegen bedeutete diese Entdeckung einer Wende in ihrem Leben. Sie stand vor der Wahl, ob sie als erfolgreiche Sängerin in Bath arbeiten oder aber ihren Bruder als wissenschaftliche Gehilfin unterstützen wollte. Sie entschied sich für letzteres, da das Wohl und der Erfolg ihres Bruders für sie immer an vorderster Stelle standen. "Wer zuviel von mir sagt", schrieb sie viele Jahre später einmal an ihren Neffen, "sagt zu wenig von Deinem Vater, und das kann mir immer nur Unbehagen bereiten".

Infolge der Entdeckung des Uranus bekam aber auch Karoline eine berufliche Option geboten. Sie bekam die Möglichkeit, als wissenschaftliche Assistentin ihres Bruders mit einem eigenen Gehalt von 50 Pfund im Jahr zu arbeiten. Nun begann Karoline mit der eigenen Erforschung des Sternenhimmels. Sie widmete sich der Kometensuche.

In den Jahren von 1786-1797 entdeckte sie acht Exemplare dieser sogenannten Schweifsterne. Ihr Ehrgeiz war gepackt. Sie begann fortan nur noch für ihr Wissensgebiet zu leben. Nächtelang beobachtete sie zusammen mit ihrem Bruder, notierte die Sternpositionen, die er ihr vom anderen Ende des Fernrohres zurief, wertete die nächtlichen Aufzeichnungen aus und rechnete sie nach, schrieb Abhandlungen für die Philosophical Transactions, entdeckte 14 Nebel, berechnete Hunderte von ihnen und begann einen Katalog über Sternhaufen und Nebelflecke anzufertigen.

Außerdem verfaßte sie einen Ergänzungskatalog zu Flamstedts Atlas, der 561 Sterne umfaßte, sowie ein Gesamtregister dazu. Für diese Arbeit wurde ihr allerhöchste Anerkennung u.a. von Gauß und Encke gezollt. Trotzdem blieb sie stets die bescheidene Frau, die sie war.

1822 - nach vielen Jahrzehnten unermüdlicher Arbeit - folgte ein weiterer Einbruch in ihrem Leben: ihr geliebter Bruder starb. Nun hielt sie nichts mehr in England. Wenige Wochen nach seinem Tod zog Karoline wieder in ihre Heimatstadt Hannover, die sie fast 50 Jahre zuvor als junge Frau verlassen hatte. Bald schon sprach es sich herum, was für eine berühmte Persönlichkeit nun in Hannover lebte, so daß sie sich vor Besuchern und Ehrungen kaum retten konnte. Die bedeutendsten Gelehrten suchten sie in ihrem einfachen Haus in der Markstraße auf, um sie ihrer Gunst und Wertschätzung zu versichern. Selbst zum königlichen Hof hatte sie Kontakt.

Zahlreiche Auszeichnungen wurden ihr verliehen: wie z.B. 1828 die goldene Medaille der Royal Astronomical Society, zu dessen Ehrenmitglied sie 1835 ernannt wurde - sie war die erste Frau, die Anerkennungen dieser Art zuteil wurden. Anlaß dazu bot ihr sogenannter Zonenkatalog, den sie in Angedenken an ihren Bruder erstellte. Er enthielt die reduzierten Beobachtungen sämtlicher von Wilhelm Herschel entdeckten Nebel und Sternhaufen - eigentlich eine schier unschaffbare Aufgabe!

1838 ernannte die Königliche Irische Akademie der Wissenschaften in Dublin Karoline zu Ihrem Mitglied. Desweiteren erhielt sie 1846 im Alter von 96 Jahren im Auftrag des Königs von Preußen die goldene Medaille der Preußischen Akademie der Wissenschaften. "Es erregte immer das allgemeine Interesse, die wohlbekannte kleine Gestalt im Theater zu sehen, wo ihr stetes Erscheinen bei so außerordentlich hohem Alter an und für sich ein Wunder war".

Noch an ihrem 97. Geburtstag empfing sie den Besuch des Kronprinzenpaares, unterhielt sich einige Stunden lebhaft mit ihnen und sang ihnen abschließend ein Lied vor, welches ihr Bruder 70 Jahre zuvor komponiert hatte.

Zum Gedenken an sie wurde ein kleiner Krater auf dem Mond nach ihr benannt:Karoline Herschel.

Am Rande eine kleine Episode aus ihrem Leben:

"Sie stand im 96. Jahr, als der Kronprinz von Hannover geboren ward, und äußerte ihr Bedauern, daß sie, die alle gleichzeitig lebenden Glieder des britisch- hannoverischen Königshauses gesehen, diesen jungen Prinzen nicht mehr sehen werde, da sie zu schwach sei, ihre Wohnung zu verlassen. Der König Ernst-August, der davon hörte, gab sogleich Befehl, seinen Enkel zu ihr ins Haus zu bringen, damit auch dieser letzte Wunsch der verehrten Greisin in Erfüllung gehe." (entnommen aus: Geschichte der Himmelskunde)

Julie Schröder (JulieSchroeder@web.de)
(Historikerin und Schriftführerin der Volkssternwarte Geschwister Herschel Hannover e.V.)

Die Bilder wurden freundlicherweise von Wolfgang Steinicke zur Verfügung gestellt:
http://www.klima-luft.de/steinicke/ngcic/persons/herschel_c.htm

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