Lewis Swift - der "amerikanische Herschel"

von Wolfgang Steinicke

Die Geschichte einer so alten Wissenschaft wie der Astronomie, ist ein ausgesprochen weites Feld. Jedes Teilgebiet, seien es Instrumente, Objekte oder Astronomen, bietet eine Unmenge an interessantem Stoff. Ich habe in dieser Rubrik bereits über Radioquellen, Palomar-Haufen oder Kataloge berichtet. Immer wieder stößt man dabei auf bemerkenswerte Personen, wie etwa Lord Rosse [1]. Er hatte großen Anteil an der Entstehung des "New General Catalogue" (NGC), der 1888 von J.L.E. Dreyer publiziert wurde.

Als Mitarbeiter des internationalen NGC/IC-Projekts befasse ich mich mit Katalogdaten und Originalbeobachtungen, mit dem Ziel einen zeitgemäßen und historisch korrekten Katalog zu erstellen. Die Beobachter spielen für die Identifizierung vieler Objekte eine wichtige Rolle. So ist es ganz wesentlich, deren Erfahrung und Sorgfalt einzuschätzen. Man muß sich also zwangsläufig mit der jeweiligen Persönlichkeit und dem Werdegang befassen. Interessant ist, daß viele Namen sowohl im Bereich Deep-Sky als auch als Kometenentdecker auftauchen. Bekanntestes Beispiel ist sicher Charles Messier.

Eine vollständige Darstellung ist natürlich nicht möglich, bedenkt man, daß nahezu 150 Astronomen, übrigens meist Amateure, am NGC/IC beteiligt waren! Eine komplette Liste mit vielen Informationen und Bildern findet man aber hier.

Wir befinden uns im späten 19. Jahrhundert, eine Zeit des Umbruchs von der visuellen Beobachtung zur Astrophotographie und schließlich zur modernen Astrophysik - und treffen auf einen bemerkenswerten amerikanischen Amateurastronomen, der in Europa relativ unbekannt sein dürfte: Lewis Swift. Sein Beitrag zum NGC/IC besteht aus 1145 Neuentdeckungen innerhalb von 15 Jahren. 977 davon sind existierende Deep-Sky Objekte, woraus sich eine erstaunliche Erfolgsquote von 85% ergibt. Alle Beobachtungen waren visuell und man nennt ihn auch gerne den "amerikanischen Herschel". Sein Instrument war ein 16"-Refraktor von hervorragender Qualität.

Lewis Swift's Leben ist durchsetzt von allerlei Missgeschicken und Unfällen, die er mit einem starken Willen meisterte. Er wurde am 29. Februar 1820 in Clarkson, im Westen des Staates New York geboren - ein Schalttag, der schon kommendes Unheil anzeigt?

Lewis war das sechste von neun Kindern der Siedlerfamilie von General Lewis Swift und seiner Frau Anna (geb. Forbes). Mit 13 brach er sich bei einem Unfall die linke Hüfte. Durch schlechte Behandlung war er zeitlebens behindert und ging eine zeitlang auf Krücken. Da er nur leichte Arbeiten auf der Farm durchführen konnte, blieb viel Zeit zum Lesen und er scheute auch nicht den beschwerlichen Weg in die Bibliothek von Rochester. Ihn interessierten vor allem wissenschaftliche Bücher und dadurch kam er schließlich, als Autodidakt, zur Astronomie. Ein prägendes Ereignis war der Halley'sche Komet im Jahr 1835.

Es dauerte aber noch 20 Jahre, bis er, mittlerweile verheiratet und Inhaber eines kleinen Geschäftes in Cortland, ein Buch über Optik in die Hand bekam, das ihn zur praktischen Astronomie führte. Mittlerweile 35-jährig baute er sein erstes Fernrohr mit einer gebrauchten 3" Linse für 5 Dollar. Leider zerbrach bald das Objektiv und er kaufte einen 4,5"-Refraktor bei der renommierten Firma Henry Fitz, New York. First light erlebte das Teleskop mit dem großen Kometen Donati von 1858. Swift war so beeindruckt (insbesondere entdeckte er einen geteilten Schweif), daß er einen Bericht für das Astronomical Journal (AJ) schrieb.

Das waren noch Zeiten: Heutzutage einen Beitrag im AJ zu landen, dürfte für Amateure recht schwierig sein! Seinen ersten Kometen entdeckte er am 15. Juli 1862 (gemeinsam mit Horace Parnell Tuttle) und es sollte auch einer der berühmtesten werden: Swift-Tuttle, verantwortlich für die Perseiden.

Kometen und Vulkan

1872 zog Lewis Swift mit seiner zweiten Frau nach Rochester und eröffnete ein Geschäft. Dort hatte er mit zunehmender Lichtverschmutzung durch neue, flackernde Öl-Lampen zu kämpfen. Nebenbei bemerkt gibt es eine amüsante "Verbindung" zu William Herschel: Swift's erste Frau, die nach 12 Jahren Ehe starb, hieß Lukretia, seine zweite Frau Karoline; Herschel's Schwester und Assistentin hieß Karoline Lukretia Herschel!

Swift veranstaltete öffentliche Beobachtungen und hielt viele Vorträge. Er genoß, durch mittlerweile zwei Kometenentdeckungen, einiges Ansehen und ihm wurde angeboten, seinen 4,5-Zöller auf dem großen Dach von Duffy's Apfelmost-Fabrik am Ende der White Street aufzustellen. Objektiv und Zubehör brachte er zu jeder Beobachtung von zu hause mit.

Nach einer halben Meile Fußweg kam der schwierige Teil: Er mußte über drei Leitern auf's Dach steigen (Abb. 2), besonders im Winter keine leichte Aufgabe für einen hinkenden Mann! Durch kleinere Unfälle war sein geliebtes Teleskop arg ramponiert. Trotzdem entdeckte er fast im Jahresrhythmus neue Kometen - insgesamt dreizehn gehen auf sein Konto.

Im Jahre 1878 kam es zu einer kuriosen Beobachtung in Denver. Swift, nunmehr eine astronomische Autorität, war eingeladen, sein Teleskop am dortigen Observatorium aufzustellen, um bei der totalen Sonnenfinsternis nach dem von Leverrier vorhergesagten, innersten Planeten "Vulkan" zu suchen. Er fand ein unbekanntes Objekt neben der verfinsterten Sonne, das später verschwunden war! Seine Entdeckung wurde weltweit beachtet. Swift wurde 1879 in die Royal Astronomical Society aufgenommen und später zum Ehrendoktor ernannt. Obwohl er nie eine Universität besucht hatte, war er doch überall als "Professor Swift" bekannt. Sein Ansehen nahm allerdings Schaden, als sich partout keine Bestätigung für seine Vulkan-Entdeckung finden ließ. Es war wohl ein Beobachtungsfehler.

Deep-Sky Beobachtungen

Swift's Popularität in Rochester war ungebrochen und es gab eine öffentliche Kampagne für ein angemessenes Observatorium. Hulbert Harrington Warner, ein erfolgreicher Unternehmer, der das Patent auf einige Arzneien besaß ("Warner's Safe Liver Pills"), war von Swift - gerade mit der Goldmedaille der Wiener Akademie geehrt - derart beeindruckt, daß er insgesamt 100.000 Dollar stiftete.

Mit diesem Geld wurde ein exzellenter 16"-Refraktor von Alvan Clark & Sons nebst Gebäude und Inventar angeschafft. Swift wurde Direktor des neuen "Warner Observatory", das Ende 1882 fertig wurde. Die Brennweite des Teleskops beträgt 6,7 m, bei einer Öffnung von 40,6 cm (1:16,5), und erlaubt eine Maximalvergrößerung von 2000x. Bereits im Februar 1883 entdeckte er damit einen neuen Kometen, was die Erwartungen allseits befriedigte.

Das Warner Observatory war die erste große Volkssternwarte (Abb. 3). Jeden Donnerstag und Freitag gab es von 20 bis 22 Uhr öffentliche Beobachtungen oder Vorträge (Eintritt 25 Cent).

Mit dem 16-Zöller konnte er endlich auch in den Bereich der Nebel vorstoßen - sein primäres Arbeitsgebiet für die weiteren Jahre. Mittlerweile über 60 entdeckte er am Warner Observatory - mit einer reichen Beobachtungserfahrung und nach wie vor guten Augen ausgestattet - über 900 neue Nebel und veröffentlichte zehn Beobachtungslisten, meist in den Astronomischen Nachrichten.

Seine erste Entdeckung machte er am 26. April 1883. Er fand ein schwaches Objekt im Löwen, heute als NGC 3588 bekannt. Eigentlich ist dies eine Doppelgalaxie (UGC 6264), Swift beschrieb aber nur die hellere Komponente (V=14.5mag). Er blieb zeitlebens ein rastloser Einzelkämpfer und seine Methode war entsprechend unkonventionell. Für die Suche benutzte er Gundlach-Okulare mit Brennweiten von 50 mm (Vergrößerung 132x, Gesichtsfeld 32') und 33 mm (200x). Nachdem ein unbekanntes Objekt zentriert war, kletterte er von seinem Beobachtungsgerüst (Abb. 4), las die Koordinatenanzeigen der Teilkreise ab und notierte die Werte.

Seine Positionen sind nicht die verläßlichsten, aber zusammen mit den Beobachtungsnotizen (im NGC nur verkürzt wiedergegeben), lassen sich viele Objekte zweifelsfrei identifizieren. Allerdings erwiesen sich auch einige als schwache Sterne. Es gibt auch Fälle, in denen kein Objekt vorhanden ist und es bleibt nur der Status "not found". Manchmal gelingt es, ein solches Rätsel zu lösen, etwa wenn man einen Schreibfehler entdeckt. Dreyer, der Swift's Objekte in den NGC (1888) und den ersten Index Catalogue (1895) aufnahm, war begeistert von der Entdeckung so vieler schwacher Nebel in so kurzer Zeit.

Aber sein Paradies bekam langsam Risse. Er klagte über die zunehmende Licht- und Luftverschmutzung in Rochester und natürlich über das Wetter. Überdies brach Warner's Imperium in der allgemeinen Finanzkrise von 1893 zusammen und Swift überlegte, nunmehr 73, nach Kalifornien zu gehen, wo ihn besonders das neue Lick Observatorium mit seinem 36"-Refraktor stark beeindruckte. Durch einen glücklichen Umstand fand er dort einen neuen Gönner, Professor Thaddeus Lowe, der auf dem 1000 m hohen Echo Mountain bei Los Angeles eine Art Vergnügungspark errichtete. Dazu gehörten auch eine Eisenbahn, ein Hotel und eine Sternwarte.

Lowe, von Swift's astronomischem Ruf beeindruckt, bot ihm an, den 16" Refraktor dort aufzustellen. Swift war begeistert und stieß in Rochester auf keinen großen Widerstand, als er "sein" Instrumentarium zusammenpacken und zum Echo Mountain (Abb. 5) transportieren ließ. Für die nächsten sieben Jahre genoss der Veteran den kalifornischen Himmel (es gab Monate, in denen jede Nacht klar war), führte öffentliche Beobachtungen durch und entdeckte drei weitere Kometen. Dazu kamen fast 300 neue Nebel - er konnte vom "Mt. Lowe" weite Teile des Südhimmels erforschen. Die Objekte erschienen 1908 im Second Index Catalogue. Dreyer bemängelte aber, daß die Beobachtungen nicht mehr die frühere Qualität hätten.

Swift's letztes Objekt war IC 4514, eine Galaxie im Bootes, die er am 2. Juni 1898 entdeckte. Sein Augenlicht wurde immer schwächer und im Jahre 1901 ging er in den verdienten Ruhestand, zurück in seine Heimat. Sein Nachfolger, Prof. Edgar Larkin hatte wenig Glück, denn Lowe's Reich brach finanziell zusammen. 1905 brannte der Berg und 1928 gab ein gewaltiger Sturm dem Observatorium den Rest. Das Teleskop wurde aber gerettet und 1941 für 2000 Dollar an die Santa Clara University, Kalifornien verkauft. Es steht heute im dortigen Ricard Memorial Observatory.

Lewis Swift starb am 5. Januar 1913 im Alter von 92 Jahren. Der bekannte Astronom Edward Emerson Barnard, ein großer Bewunderer von Swift, beschrieb ihn als genial und glücklich und würdigte vor allem seine Verdienste für die Amateurastronomie.

Einige besondere Deep-Sky Objekte

Beginnen wir mit einem kuriosen Fall: IC 4338 in der Jungfrau. Swift schreibt: "Dies ist ein bemerkenswertes Objekt. Ich habe so etwas noch nie gesehen. Sieht aus wie ein elliptischer Planetarischer Nebel. Das Licht ist gleichmäßig diffus verteilt und der Rand scharf wie ein Planet. Seltsam, Sir William Herschel hat es übersehen, obwohl es so nahe bei seinem III 665 ist".

Er hat hier überhaupt nicht realisiert, daß er tatsächlich Herschel's Nebel (NGC 5334) gesehen hat - das ist in der Tat seltsam! Bis auf sechs Objekte hat Swift ausschließlich Galaxien entdeckt. Hervorzuheben sind z.B. IC 10 aus der lokalen Gruppe oder das Paar IC 256/257 [2].

Was sind die sechs Ausreißer? Es sind die Planetarischen Nebel NGC 1360, NGC 2242, NGC 7094, IC 289 und IC 5148 sowie der Kugelsternhaufen IC 1276. Dieser ist auch als Palomar 7 bekannt (die Geschichte habe ich bereits erzählt [3]). NGC 2242 wurde erst sehr spät als PN identifiziert und galt lange Zeit als Galaxie (CGCG 204-5). Interessant ist auch der Ringnebel IC 5148 im Grus. Das Objekt ist identisch mit Walter Gale's IC 5150. Swift beschreibt es (vom Mt. Lowe) als "sehr schwach", Gale in Melbourne dagegen als "ziemlich hell", was bei V=11.5mag wohl eher zutrifft. Für Swift war die Deklination von -39° hart am Horizont!

Dies führt uns abschließend zur Frage nach Swift's visueller Grenzgröße im 16-Zöller. Zunächst sollte man annehmen, dass er die schwächsten Objekte am klaren Himmel des Echo Mountain entdeckt hat. Dem ist aber nicht so. Sie stammen überwiegend aus Beobachtungen am Warner Observatory! Der Grund ist, daß er in Kalifornien fast ausschließlich die südlichen Deklinationen (bis -40°) erforschte. Horizontnah erscheinen helle Objekte (wie IC 5148) natürlich entsprechend schwach. Zu den tatsächlich schwächsten zählt die Galaxie NGC 7414 im Pegasus, die er als "exceedingly exceedingly exceedingly faint" (eeef) beschreibt. Visuell liegt sie bei 15.8mag (photografisch jenseits der 16. Größe). Das Objekt ist ein Begleiter von NGC 7413 (V=14.1mag) und Swift ist es beim Absuchen der Umgebung aufgefallen. Selbst im modernen 20"-Dobson ist NGC 7414 hart an der Grenze. Fazit: Lewis Swift wäre mit seinen Qualitäten in der heutigen Zeit sicher sehr gut aufgehoben!

Dieser Artikel erschien bereits ininterstellaraum Nr 24

Literaturhinweise

[1] Steinicke, W., Mein Besuch in Birr Castle, interstellarum 19, 58 (2001)
[2] Steinicke, W., Digitale Deep Sky Daten visuelle Beobachtung und das NGC/IC Projekt, VdS-Journal Sommer 2000, S. 49
[3] Steinicke, W., Kugelsternhaufen Marke Palomar, interstellarum 17, 2 (2001)

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