Die Astronomie.de-Reise zur Sonnenfinsternis 2009

Eine Reise in das Land der aufgehenden Sonne nach China von Astronomie.de / Günther Bendt

16. 7. 2009, Peking, 1. Tag

Nach dem langen Flug durch die Nacht über Sibirien dämmert draußen der Morgen. Unter uns dehnt sich eine glatte, graue Wolkendecke, darüber ist der Himmel klar. Plötzlich erhebt sich die Sonne strahlend über die Wolken und ein goldener Sonnenstrahl leuchtet durch das Fenster herein. Ebenso plötzlich taucht unser Flugzeug in die Wolken ein, welche die Sonne wieder verdecken. Der Sonnenstrahl verschwindet, und ich hoffe still, dass die Sonne bei der Sonnenfinsternis nicht ebenso hinter Wolken verschwinden wird.
Das Flugzeug sinkt immer tiefer durch die Wolken. Unter uns erahnen wir rechteckige Felder und leere Straßen im Morgendunst. Schließlich setzen wir sanft auf der Landebahn des Pekinger Flughafens auf. Lange rollen wir über das leere Rollfeld zum Terminal.
Beim Verlassen des Flugzeugs verabschieden uns die zierlichen Stewardessen mit freundlicher Anmut. Im Gang zum Terminal empfängt uns schwülwarme Luft. Wir sind in China! Was wird uns erwarten?

In der riesigen Empfangshalle erscheint die lange Schlange der vor der Passkontrolle wartenden Passagiere winzig. Bei jedem Ankömmling prüfen die Beamten jede Zeile in Pass und Visum mit strenger Sorgfalt. Nach der Passkontrolle führt unser Weg uns in die tieferen Ebenen der Empfangshalle zu einem vollautomatischen Zug, der uns zur Gepäckausgabe am anderen Ende der Halle bringt. Hier nehmen wir unser Gepäck in Empfang. Müde gehen wir zum Ausgang der riesigen Halle. Hier erblicken wir ein kleines Schild „Sofireise Arno Lehnen". Gehalten wird es mit einem ermutigenden Lächeln von Helena Zhang, die uns durch China begleiten wird. Nach dem langen, ermüdenden Flug tut es gut, angekommen zu sein.

Das Gelände um den Flughafen mit seiner futuristischen Architektur liegt überraschend menscheneer und still unter dem diesigen Himmel. Wir steigen in den einsamen, kleinen klimatisierten Bus, der uns zum Hotel bringt.

Die Fahrt in die Stadt geht über breite Autobahnen, die bei jedem Autobahnkreuz, das wir Richtung Innenstadt passieren um einige Fahrspuren breiter werden. Wir fahren durch Wohngebiete aus zahlreichen Hochhäusern, die in endloser Folge im grauen Dunst verschwimmen. Der dichte Verkehr fließt zäh, unsere Fahrt wird langsamer. Überall Baustellen. Überall stetige Geschäftigkeit. Mitten im Verkehr werden Hecken beschnitten und Straßenmarkierungen mit dem Besen gefegt. Doch Keine Anzeichen von nervöser Hektik, hier agieren anscheinend alle mit aufmerksamer Gelassenheit.

Im Hotel betreten wir eine atemberaubende Lobby und beziehen unsere luxuriösen Zimmer mit Blick über die Stadt. Hochhäuser verschwimmen endlos im Dunst. Bald treffen wir uns wieder in der Lobby und fahren mit dem Bus zum Mittagessen in ein Restaurant, von dem Helena meint, dass das dortige Essen europäischen Mägen den bestmöglichen Einstieg in die vielleicht ungewohnte chinesische Küche bietet.

Das Restaurant ist riesig und voll, aber für uns sind Tische reserviert. Es ist laut, ringsum reden alle munter durcheinander. Die klimatisierte Luft duftet nach allen Speisen. In der Mitte des Raums steht ein reich gedecktes Salatbuffet. Kellner bringen große Kannen mit frisch gezapftem Bier und Spieße mit allerlei Gebratenem herbei und schneiden davon Stücke auf unsere Teller. Wir greifen unbeholfen zu unseren Essstäbchen. Es gibt gegrillt Entenbrust, Pute, Schweinefilet, Rinderzunge, Tintenfisch und Garnelen. Dazu geschmortes Rind, Huhn, Ente und Fisch, kombiniert mit Chili, geschmorten Auberginen, Zucchini, Gurken, Paprika, Brechbohnen, Zwiebeln, Sellerie, Blattspinat, Kohl, gebackenen Maiskolben und herrlich frischem Salat. Reis, gebackene Nudeln, Süßkartoffeln, Glasnudeln, sechs verschiedene Salatsaucen. Chinesisches Bier. Mineralwasser, Grüner Tee. Hühnersuppe und schließlich frische Wassermelonen.
Der Zustrom leckerer Dinge will nicht enden. Man probiert dies und das, es macht Spaß, und den anderen Gästen im Restaurant ergeht es nicht anders. Diese Art zu Essen hebt die Stimmung. Die Müdigkeit verfliegt. Als wir aufbrechen, kehre ich noch zweimal um, um am Salatbuffet ein Blatt Salat zu naschen. Köstlich!

Danach spazieren wir im Himmelstempelpark.
Lange, schattige Alleen, knorrige Zypressen, ein stilles, grünes Wäldchen, prachtvolle Rosenbeete. Die Luft ist warm und dicht. Auf den Bänken sitzen alte Menschen im vertrauten Gespräch. Vögel singen. Liebespaare kuscheln. Im Park liegt der Ort, wo die Kaiser einmal im Jahr ihren Fuß auf die Erde setzten und für gute Ernten beteten, der kleine Tempel, wo sie einmal im Jahr die Unterstützung der Ahnen erflehten, und der elegante Himmelstempel, wo sie sich einmal im Jahr im einsamen Gebet den Beistand der himmlischen Mächte zu sichern suchten.
Diese Orte sind die Kulisse für einen endlosen Strom munter fotografierender Chinesen, die ihre Reise zu den Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt entspannt genießen. In schattigen Wandelgängen spielen junge Männer Karten, alte spielen Mahjong.

Verschmitzte Kinder schlecken Eis, Paare tanzen sanften Tango, andere üben mit Sorgfalt Tai Chi, Libellen flitzen hurtig durch die Luft, jemand spielt Flöte.

Später fahren wir zum Hotel und gehen in ein kleines Restaurant zum vorbestellten Abendessen. Es gibt Nudeln in elf Varianten mit zahlreichen Gemüsen, mit einem strahlenden Lächeln serviert. Viel kühles Bier. Dann zurück durch die schwüle Wärme und den lärmenden Verkehr zum Hotel ins klimatisierte Zimmer. Dort ist es ruhig und kühl: Endlich können wir schlafen.

17. 7. 2009, Peking, 2. Tag

Am Morgen ist draußen alles grau. Es regnet. Nach dem opulenten Frühstück bringt unser Bus uns zum Platz des Himmlischen Friedens. Wir steigen aus. Es regnet so stark, dass der riesige Platz zum strömenden Gewässer wird. Unter unseren Schirmen wandern wir durch die Wärme über das platschende Wasser. Auf dem Platz im Regen wartet eine 400m lange Menschenschlange unter pastellfarbenen Schirmen auf Einlass ins Mao-Mausoleum. Junge Polizisten stehen in ihrer Dienstregenkleidung auf Posten und repräsentieren die allgegenwärtige Staatsmacht mit entspannter Entschlossenheit.
Mit einer Woge pastellfarbener Schirme tauchen wir in eine breite Unterführung, wo die Schirme vor uns zusammenklappen und den Blick auf ihre Träger freigeben. Wir treiben mit dem schwatzenden Strom zum Ausgang und die Treppe hinauf. Alle Schirme entfalten sich über uns und verdecken den Himmel in einer Woge aus rosa, lila und türkis. Eine Welt aus bunten Schirmen. Dann treten wir in das äußere Tor der Verbotenen Stadt.
Das Tor ist lang wie ein kleiner Tunnel, aber an seinem Ende regnet es auch. Während wir vor dem inneren Tor auf unsere Eintrittskarten warten, hält mir ein junger Chinese einen Scherenschnitt mit meinem perfekten Konterfei hin. Er bietet ihn mir für 30 Jüan an, ich gebe ihm 50. Im strömenden Regen erstellt er Scherenschnitte von jedem Mitglied unserer Gruppe, blitzschnell, sicher, und präzise.
Dann geht es durchs nächste tunnelartige Tor in den ersten Hof der Verbotenen Stadt. Hier spannen sich fünf marmorne Brücken über einen kleinen reglosen Fluss, dahinter erhebt sich elegant mit breiten Freitreppen die imposante Vorhalle aus bemaltem und vergoldetem Zedernholz. Der Regen fällt dicht und rauscht sanft, übertönt von den getragenen Klängen der chinesischen Volksmusik aus den Lautsprechern und dem Lachen und Schwatzen der vielen munteren Menschen unter ihren bunten Schirmen und Regencapes.

Hinter der Vorhalle öffnet sich ein weiterer, noch größerer Hof, von dem breite marmorne Freitreppen zum Sockel der Thronhalle führen. Die riesig aufragende Halle aus bemaltem und vergoldetem Zedernholz ist bis auf den goldenen Thron leer.

Dahinter liegen in einem weiteren Hof die kaiserlichen Empfangshallen für ausländische Gesandte und für die tributpflichtigen Fürsten des Reiches. Von dort führen breite Treppen hinab zu den Toren der kaiserlichen Wohnbezirke. Hier liegen zahlreiche schattige Höfe, umgeben von den exquisiten kleinen Privaträumen der Kaiser, ihrer Kaiserinnen und ihrer Konkubinen.

Hier ist es ruhiger, der dichte Besucherstrom verteilt sich, man hat Muße zu schauen. Es regnet nicht mehr und der helle Himmel und die alten Bäume spiegeln sich in den blanken Pfützen auf den rissigen Pflastersteinen. Die alten Gebäude aus fein geschnitztem Holz mit edel geschwungenen Dächern erheben sich düster auf steinernen Sockeln, doch viele stehen bis auf wenige leblose Exponate weitgehend leer, das Tafelsilber des letzten Kaisers ist glanzlos und schwarz von Alter, sein Sofa wirkt verschlissen.
Wir verlassen die Verbotene Stadt durch den Tunnel des Nordtores und gehen zum Bus, in einem steten Strom von bunten Schirmen. Ringsum rauscht und hupt der Verkehr, es ist sehr warm.

In kühlen Bus fahren wir zum Mittagessen. Das Restaurant präsentiert uns mit freundlichem Stolz die reiche Küche von Guilin. Es schmeckt hervorragend, wir sind begeistert.

Danach fahren wir zum Kohlenhügel nördlich der Verbotenen Stadt. Auf der Spitze des Hügels steht ein alter, kleiner buddhistischer Tempel aus Holz, von dem wir eine stimmungsvolle Aussicht auf ihre Mauern und Dächer haben, sanft gestaffelt im regenfeuchten Abenddunst.
Aus der Tiefe klingen Verkehrslärm und Hupen leise herauf, oben kann man sich umschauen und einander zuhören. Helena erklärt uns die Bedeutung des buddhistischen Denkens im modernen China. Über uns fliegen die Mauersegler. Ein Schmetterling kommt vorbei. Spatzen tschilpen. Die Blumen leuchten. Räucherstäbe brennen und man hört fortlaufend leise Musik aus dem Tempel.

Danach gehen wir die Treppen hinab durch einen kleinen Park mit Bonsais und Lotos zum Bus, der uns zum Abendessen bringt.
Ein anderes Restaurant, eine andere Küche, diesmal die aus Peking.
Die Begrüßung ist freundlich, unsere Vorfreude groß. Wir lassen die Gerichte auf dem Drehtisch andächtig vorbeidefilieren, bevor wir unsere Stäbchen ergreifen. Die Speisen sind köstlich.

Nach dem Essen bringt der Bus uns zur Pekingoper. Die Vorstellung in dem kleinen Theatersaal hat schon begonnen. Die sorgfältig geschminkten Schauspielerinnen lassen ihre Augen entschlossen blitzen, schweben in kleinen Trippelschritten über die Bühne, wirbeln und springen in opulent bestickten Seidenkostümen und beeindrucken mit ausdrucksvoll moduliertem Gesang. Mit dramatischer Miene und höchster Präzision schwingen sie Lanzen, Fahnen und Schwerter in rasant choreografierten Kampfszenen und schleudern sie einander zu, ohne dabei außer Atem zu kommen. Begleitet wird die beeindruckende Aufführung von einem Orchester, dessen begeisterte Spielweise die Stimmen der Schauspieler mal dramatisch umspielt, mal bis zur Unerkennbarkeit niederringt. Nach einer Stunde ist die Vorstellung leider vorbei.

Durch die schwüle, bunte Nacht fahren wir ins Hotel, wo wir müde in die Betten fallen.

18. 7. 2009, Peking, 3. Tag

Am Morgen überrascht uns strahlender Sonnenschein. Der kräftige Regen vom Vortag hat den Smog aus der Luft gewaschen. Nach dem leckeren Frühstück steigen wir in unseren Bus und fahren aus der Stadt über die Autobahn in die Berge zur Großen Mauer. Zunächst geht die Fahrt durch den dichten Verkehr der Außenbezirke. Beiderseits der zwölfspurigen Straße ist die Stadt grün. Zwischen den hoch aufragenden Wohngebäuden liegen viele kleine Parks und gepflegte Grünanlagen. Wir geraten mehrfach in Verkehrsstaus, bis wir endlich die Stadt hinter uns lassen und die Berge erreichen, die unvermittelt steil aus der Tiefebene emporragen. Die Autobahn folgt einem gewundenen Tal zwischen hohen Bergketten, deren steile Hänge mit dichtem Gebüsch bewachsen sind.

Schließlich sind wir am Ziel und treten aus dem angenehm klimatisierten Bus in die brütende Sonnenwärme. Mit einem munteren Strom von Menschen unter ihren bunten Schirmen gehen wir zum Aufgang der Großen Mauer, die sich quer durch das Tal die steilen Hänge hinauf auf die Bergkämme zieht.
Die Mauer ist hoch und trägt einen breiten Fußweg, auf dem sechs Personen nebeneinander gehen können. Brusthohe Mauern und Zinnen bieten Schutz vorm Herunterfallen, aber keinen Schutz vor der heißen Sonne. Der Weg ist steil, über weite Strecken ist er als Treppe angelegt.

Bergauf und bergab wandern darauf schwitzende Menschen unter ihren Schirmen, ruhen kurz aus und ermutigen einander zum Weiterwandern. Jeder chinesische Junge soll einmal auf der Großen Mauer wandern, damit ein Mann aus ihm wird. Ein kleiner Dreikäse-hoch sitzt weinend auf der Treppe und kapituliert vor der Hitze und den bis zu 40 cm hohen Stufen, die Hunderte Meter scheinbar endlos aufwärts führen. Seine Eltern trösten ihn.

Oben auf dem Bergkamm thront auf der Mauer ein Wachtturm mit dicken Ziegelmauern. Als ich ihn erreiche, finde ich ihn voller Menschen, denn hier ist es angenehm kühl.
Ich gehe auf der Mauer weiter den Bergkamm entlang. Soweit das Auge reicht, folgt die Große Mauer den wild verschlungenen Windungen des steilen Kamms durch das unwegsame Gebirge mit zahlreichen Wachttürmen, bergauf und bergab, bis zum fernen Horizont. Das größte und nutzloseste Bauwerk der Erde.
Hier oben sind nicht mehr so viele Menschen mit Sonnenschirmen unterwegs und man hat freie Sicht. Auf der Mauer treffe ich auf einige Mitglieder unserer Gruppe. Es ist schön, die bekannten Gesichter zu sehen. Dann mache ich mich die steile Treppe hinab auf den Rückweg.

Nach kurzer Rast fahren wir zurück nach Peking. Dort gibt es ein leckeres Mittagessen, bei dem wir Herrn Fuyuan Zhao vom Astronomischen Observatorium in Peking und Frau Amber vom National Astronomical Journal treffen. Zwischen deutschen, schweizerischen und chinesischen Astronomen entwickelt sich bald eine lebendige Diskussion um die Möglichkeiten astronomischer Aktivitäten und die Perspektiven zur Beobachtung der bevorstehenden Sonnenfinsternis. Unsere spontane Einladung zur Pekingente können beide aus Termingründen leider nicht wahrnehmen.
Wir fahren am Olympiagelände vorbei, passieren den Platz des Himmlischen Friedens und erreichen das Restaurant, wo uns freundliche Kellnerinnen und die Pekingente bereits erwarten.
Nach dem Essen sehen wir über uns am Stadthimmel Drachen fliegen, die von den umgebenden Parks aufgestiegen sind. Drachen steigen lassen ist ein Volkssport in China

Durch den brodelnden Feierabendverkehr fahren wir ins Hotel.

19. 7. 2009, Xian, 1. Tag

Nach dem leckeren Frühstück fahren wir mit dem Bus zum Flughafen. Von dort fliegen wir am Mittag mit einer Maschine der Heinan Airlines nach Xian, wo uns am Flughafen mit freundlichem „Hallo" unser lokaler Reiseführer Herr Chi Min begrüßt. Im klimatisierten Reisebus fahren wir gemeinsam unter blauem Himmel durch die fruchtbaren Lößebenen vorbei an alten Grabhügeln in die alte Stadt Xian, während Herr Chi Min uns mit der Geschichte der Stadt vertraut macht. In Xian besuchen wir den buddhistischen Tempel an der alten Wildganspagode. Es ist ein ruhiger, stimmungsvoller Ort in einem alten, gepflegten Park. Kinder lachen, Spatzen tschilpen und heller Rauch steigt vom Opferfeuer langsam in den klaren, heißen Himmel. Aus den Bäumen ertönt der Chor unzähliger verborgener Zikaden, bei jedem milden Windstoß wird er lauter und wieder leiser, wenn der Windstoß vorbei ist. Ein Rasensprenger auf dem Rasen vor dem Tempel bringt uns mit seinem Sprühnebel sehr willkommene Abkühlung.

Anschließend fahren wir zu unserem Hotel, beziehen unsere Zimmer und fahren danach mit dem Bus zu einem leckeren Abendessen. Hier gibt es unter anderem neun Sorten leckerer kleiner Maultaschen. Jede Sorte hat eine eigene Form eines kleinen Tieres, ich erkenne unter anderem einen Pfau, einen Fisch, ein Huhn, einen Truthahn, ein Schweinchen, eine Schildkröte und einen kecken Frosch, alle mit Äuglein aus Rotem Paprika. Zum Abschluss gibt es Orakelsuppe. Jeder bekommt in seine Suppentasse eine Kelle voll Orakelsuppe, in der winzige Maultaschen schwimmen. Eine kleine Kellnerin fischt anschließend die Maultäschlein aus der Suppentasse und zählt sie. Die Anzahl soll darüber Auskunft geben, welche Art von Glück einem bevorsteht. Für die Anzahl meiner Maultäschlein fehlt leider der zugehörige Orakelspruch.

Durch den abendlichen Verkehr fahren wir zum Hotel. Die Sonne ist untergegangen, die Menschen genießen ihren Sonntagabend im Freien. Es ist noch immer sehr warm. An einer Straßenkreuzung in der Nähe des Hotels tanzt eine große Gruppe mitten im Verkehrsgewühl schwungvoll einen Fächertanz.

Nach der Ankunft im Hotel gehe ich noch etwas spazieren. Menschen schlendern neben mir durch den Abend, junge Eltern schieben ihre Kinderwagen, andere sind mit ihrem Hund unterwegs. In einigen Läden an der Straße ist der Strom ausgefallen, die Menschen essen dort bei Kerzenschein, während andere auf dem Bürgersteig aufgeregt telefonieren.

An der Kreuzung ist die Fächertanzgruppe noch aktiv, die Tänzer und Tänzerinnen bewegen sich in schwung-vollem Gänsemarsch in zwei Reihen synchron und spiegelbildlich zueinander und schwingen ihre Fächer, angeleitet von ihrem begeister-ten Tanzmeister, der die Figuren lebhaft vortanzt und den Ablauf des Tanzes choreo-grafiert. Begleitet werden sie von einem bunten Orchester aus Becken, Trommeln und Flöten, das den Takt angibt. Wer keinen Fächer hat, tanzt ohne, und wer nicht recht tanzen kann, bewegt sich fröhlich im Rhythmus, so gut er kann, und alle haben ihren Spaß. Bald sehe ich auch einige Mitglieder unserer Reisegruppe unter den Tänzern.

Ich komme mit einem jungen Paar aus Xian ins Gespräch. Sie erzählen mir, dass Wohnungen in China sehr teuer sind und viele Paare sich hoch verschulden müssen, wenn sie eine Wohnung kaufen. In der Folge sei das Geld dann oft so knapp, dass man Abends nur eine einzige Lampe einschalte, im Sommer keine Klimaanlage verwende und im Winter möglichst wenig heize, um so Energiekosten zu sparen. Bei genauem Hinsehen sind ringsum in den modernen Wohnhochhäusern in der Tat die meisten Fenster dunkel oder nur matt erleuchtet, und bei vielen Wohnungen stehen trotz der brütenden Hitze die Fenster offen und die Klimaanlagen sind offensichtlich ausgeschaltet.
Von der bevorstehenden Sonnenfinsternis haben beide noch nichts gehört und sind sichtlich überrascht, als ich ihnen davon erzähle. Dass Menschen Weltreisen unternehmen um sich so etwas anzuschauen erstaunt beide sehr.
Auf dem Bürgersteig hockt eine große Gruppe von Männern im Unterhemd um einen Fernseher und guckt gelassen Fußball. In der Grünanlage zwischen den Fahrbahnen sitzen Männer auf den Bänken unter den Bäumen und spielen auf einer zweiseitigen Geige und einer Querflöte anrührend chinesische Musik. Viele bleiben stehen und hören zu, andere machen Dehnübungen und hören zu, andere schauen auf in den Himmel und hören zu. Die Nacht ist warm. Ringsum braust der Verkehr.
Als die Musiker bemerken, dass unter den Zuhörern Europäer sind, hören sie verlegen auf zu spielen. Wir applaudieren ermunternd, aber sie spielen nicht weiter.
Wir gehen ins Hotel, wo wir den Abend gemeinsam mit einigen kühlen Bieren entspannt und vergnügt ausklingen lassen.

20. 7. 2009, Xian, 2. Tag

Am Morgen fahren wir nach einem opulenten Frühstück mit unserem Bus aus der Stadt zum Terrakottaarmee-Museum am Grabhügel des ersten Kaisers von China. Die Fahrt geht über gerade, holprige Straßen durch Felder und gepflegte Obstplantagen. Wir passieren den Grabhügel, der heute nur noch 70 m hoch ist. Das Museumsgelände ist riesig, mehrere riesige Hallen in gepflegten Grünanlagen schützen die Ausgrabungsstätten vor Witterungseinflüssen, so dass man hier die Trümmer der Tausende einst lebensgroßer Kriegerfiguren, Pferdegespanne und Reisewagen bewundern kann, die der Kaiser anfertigen und als Schmuck für sein Grab und für seinen ewigen Ruhm aufstellen ließ.
Schon wenige Jahre nach seinem Begräbnis legten die wütenden Untertanen große Teile der Grabanlage in einem entschlossenen Aufstand in Schutt und Asche. Nur zwei der über 6000 erstaunlich detailgenau und lebensecht gearbeiteten Figuren blieben unbeschädigt. Heute präsentiert man sie als Zeitzeugen der Geburt der chinesischen Staatsidee, Modelle der beiden Figuren gibt es in jeder Größe millionenfach zu kaufen, doch reicht keine Kopie an die Qualität der Originale heran.
Bislang konnte nur ein kleiner Teil der viele Quadratkilometer großen Grabanlage erforscht werden. Der weitaus größte Teil ruht noch unentdeckt im Boden, und das wird vorerst so bleiben.
Nach dem Besuch des Museums fahren wir zum Mittagessen zurück in die Stadt. Anschließend besuchen wir das Banpo-Museum, wo in einer großen Halle die Ausgrabungsstätte eines 6000 Jahre alten jungsteinzeitlichen Dorfs mit anschauliche Funden und Modellen präsentiert wird. Von dort geht die Fahrt durch die geschäftige Innenstadt von Xian, durch ein altes Stadttor, vorbei am Glockenturm und am Trommelturm, die in alten Zeiten zur Zeitanzeige genutzt wurden, zum muslimischen Viertel Xians, zur alten Moschee.
Sie ist die älteste Moschee Chinas und liegt hinter schmalen Gassen mit zahlreichen kleinen Läden und Marktständen versteckt im moslemischen Viertel. Man betritt sie durch ein unauffälliges Tor in einer hohen Mauer und steht unvermittelt in einem friedvollen Garten unter alten Bäumen. Hier erhebt sich in dezenter Pracht ein altes chinesisches Portal aus geschnitztem und rot bemaltem Holz, dahinter folgen durch offene Durchgänge miteinander verbundene, stille Gartenhöfe. Hier findet man in Stein gehauene Wasserbecken, hohe Stelen mit alten Inschriften, kleine Pavillons, munter tschilpenden Spatzen und sanfte Blumen unter hohen, Schatten spendenden Bäumen. Eine elegante dreistöckige Pagode ist das Minarett.

Dahinter liegt an einem stillen Hof die große, alte Gebetshalle mit feinem Schnitzwerk unter ihrem geschweiften Dach. Ringsum im Viertel wird überall renoviert, doch das Dröhnen der Bohrhämmer und Pressluftbohrer kann der gelassenen Würde des Ortes nichts anhaben. Die Gläubigen kommen entspannt und pünktlich zum Gebet.
Wir verlassen die Moschee und gelangen durch eine schmale Gasse auf eine geschäftige Marktstraße. Es ist sehr warm. Aus den offenen Fenstern dringt Musik, Mütter schieben ihre quietschenden Kinderwagen, Elektrofahrräder klingeln. Es duftet nach Allem. Hier gibt es getrocknete Datteln und kandierte Früchte, Gemüse, frische Nudeln, Obst, Hammelfleisch, Lockenwickler, Berge von Gewürzen und Tees, Nüsse, Hühner, Buntstifte, Räucherfisch, Schraubensschlüssel, Kinderspielzeug und große, stille Grillen in kleinen Käfigen aus Bambus, und vieles mehr. Man würde eine Woche brauchen, um das Angebot dieses Marktes zu erforschen.
Beim Abendessen höre ich von Helena, dass mich morgen ein Abenteuer erwartet. Wir beide werden mit einer Motorradrikscha zum Beobachtungsplatz fahren und dort ein paar organisatorische Verabredungen treffen.
Was wird daran abenteuerlich sein? Ich lasse mich überraschen.

21. 7. 2009, Wuhan, 1. Tag

Nach einem reichhaltigen Frühstück bringt unser Bus uns zum Flugplatz, wo wir uns von unserem Reiseführer Herrn Chi Min und unserem Fahrer herzlich verabschieden. Mit einer Maschine der Heinan Airlines fliegen wir über herrliche, sonnenbeschienene Wolkengebirge nach Wuhan. Hier erwarten uns in der schwülen Hitze von 38° C ein kleiner klimatisierter Reisebus und unsere örtliche Führerin für Wuhan, die ausgezeichnet Englisch spricht.

Mit dem Bus fahren wir in ein kleines Städtchen wenige Kilometer vom Flughafen. Dort steige ich mit Helena und mit meinem GPS-Gerät in eine wartende Motorradrikscha um.

Ein letztes Winken zur Reisegruppe, dann nehmen Helena und ich auf dem harten Rücksitz des Gefährts Platz, unser Fahrer gibt lächelnd Gas, wir setzen uns knatternd in Bewegung. Zunächst fahren wir langsam durch enge Gassen mit kleinen Geschäften, aus deren offene Türen neugierige Kinder gucken. Dann fahren wir schneller über sehr schmale, holprige und kurvenreiche Betonwege. Der Motor knattert und das Getriebe mahlt so laut, dass wir uns nur noch durch Gesten miteinander verständigen können. So geht die Fahrt zwischen stillen Reisfeldern, Teichen mit geruhsam darin wiederkäuenden Wasserbüffeln und fruchtbaren Gemüsebeeten. Wir rollen durch kleine, verwinkelte Weiler, wo Großmütter ihre Enkel baden, Hunde und Schweine in der Sonne dösen und die Straße dicht mit Reisstroh bedeckt ist, damit der Reis durch die darüber hinweg fahrenden Fahrzeuge gedroschen wird. Vorsichtig umkurven wir kleine Hügel aus zusammengefegten Reiskörnern. Drahtige Hühnchen flüchten hurtig ins nahe Gebüsch.
Bei dem Geholper habe ich große Schwierigkeiten, mein GPS zu bedienen und unseren aktuellen Standort zu bestimmen. Aber ich sehe an den angezeigten Koordinaten, dass wir uns unserem Ziel nähern.

Schließlich halten wir in einem kleinen Weiler an und steigen aus. In einem offenen Raum sitzen auf bunten Plastikhockern Männer um einen niedrigen Tisch, trinken Tee und spielen Karten. Wir werden offensichtlich erwartet und freundlich begrüßt. Nach kurzem Gespräch mit Helena setzt einer der Männer einen roten Motorradhelm auf, geht hinaus und startet draußen sein rotes Moped. Wir folgen ihm mit unserer Motorradrikscha. Er führt uns auf einer kleinen Straße geradewegs auf den Höhenrücken in die Richtung zum Beobachtungsplatz. Hier geht der Blick frei und weit nach West und Ost. Links neben der Straße ist der Boden eben, fest, trocken und weitgehend frei von Bewuchs. Rechts neben der Straße liegt in einer verlassenen Kiesgrube ein großer Teich mit klarem Wasser. Dies ist der Platz der Plätze!
Ich sage Helena, dass wir anhalten müssen. Sie sagt dem Fahrer Bescheid, die Rikscha hält an und wir steigen aus.
Es weht ein leichter Wind. Die Luft riecht gut. Unser Führer vor uns bemerkt zunächst nicht, dass wir ihm nicht mehr folgen, dann stoppt er und kehrt mit verwundertem Gesicht zurück. Ich erkläre Helena, warum dieser Platz der ideale Platz für die Beobachtung der Sonnen-Finsternis ist. Es folgt eine kleine Verhandlung zwischen Helena und unserem Führer, der wohl einen anderen Platz im Auge hatte. Mit freundlichem Lächeln und begeisterten Gesten unterstreiche ich dabei, dass wir am idealen Platz stehen. Gemeinsam markieren wir mit großen Steinen die Standorte für das Schutzzelt und für die Toilette. Danach fahren wir zurück in den kleinen Weiler, wo Helena noch letzte Vereinbarungen über den Aufbau des Schutzzelts, die Konstruktion der Toilette, die Speisenfolge für das morgige Festessen und die Getränke trifft. Als wir danach zum Beobachtungsplatz zurückkehren, wartet dort eine dunkle Limousine, welcher der Vertreter der örtlichen Bezirksregierung und seine junge Dolmetscherin entsteigen. Sie begrüßt uns freundlich in perfektem Englisch und bringt zum Ausdruck, wie geehrt sich die Bezirksregierung fühle, dass Astronomen aus dem fernen Deutschland einen Platz in ihrem Verwaltungsbezirk als Beobachtungsplatz für die Sonnenfinsternis ausgewählt haben, und dass wir herzlich willkommen sind. Ich bringe zum Ausdruck, dass wir sehr glücklich seien, an so einem vortrefflichen Platz beobachten zu dürfen, und dass dieser Platz wohl der beste auf dem gesamten Finsternispfad sei und dass es mir eine Ehre und Freude sei, sie alle zur Beobachtung mit einzuladen. Diese Einladung nehmen alle mit strahlendem Lächeln an.
Anschließend führt uns unser roter Mopedfahrer zurück zur Hauptstraße. Der kürzeste Weg ist wegen Straßenbauarbeiten unpassierbar. Also fahren wir über einen anderen Weg, der deutlich länger und kurviger ist und unter einer Brücke hindurchführt, die für unseren Bus zu niedrig ist. An der Hauptstraße verabschiedet er uns lachend und winkt.
Wir fahren zurück zum Ausgangspunkt unserer Rikschafahrt, bezahlen den Fahrer, gehen eine Kleinigkeit essen und fahren mit dem Bus nach Wuhan. Die Busfahrt dauert lange, die Route macht viele Umwege, mitten auf einer vierspurigen kreuzungsfreien Straße mit Mittelstreifen stoppt der Bus, wendet und fährt gegen die Fahrtrichtung in eine Auffahrt, in der uns der dichte Gegenverkehr elegant ausweicht, biegt dann unvermittelt scharf nach links durch eine schmale Lücke in der Leitplanke in eine Baustelle ein und schaukelt in riesigen Staubwolken langsam durch unwegsames Gelände. Im vollbesetzten Bus verzieht dabei niemand eine Miene. Auf veränderte Situationen flexibel zu reagieren ist in China selbstverständlich.
Wir erreichen eine schmale Straße und rollen auf ihr weiter von Haltestelle zu Haltestelle.
Am Busbahnhof steigen wir in einen Bus zur Innenstadt um, überqueren damit im dichten Verkehrsstau die Jangtsebrücke, steigen aus und betreten einen riesigen, mehrstöckigen Supermarkt.
Hier ist es laut. Hier gibt es alles, alles ist frisch und kostet viel weniger als bei uns daheim. Wir kaufen Getränke, Kekse, Obst, Wurst und Nudelsuppen für den folgenden Tag ein. Dann ergattern wir glücklich ein Taxi und fahren mit unseren Einkäufen zum Hotel. In der Lobby erwarten uns die Mitglieder unserer Reisegruppe, unsere Führerin und der Fahrer schon voll ungeduldiger Spannung. Während Helena mit unserer Führerin und dem Fahrer chinesisch spricht, informiere ich die Mitglieder unserer Reisegruppe über das Ergebnis unserer Aktion. Morgen um 4:00 ist Wecken. Um 4:45 checken wir aus. Um 5:00 fährt der Bus los.

22. 7. 2009, Wuhan, 2. Tag - Sonnenfinsternistag!

Um 5:00 sitzen alle im Bus. Draußen ist es noch dunkel. Am Himmel ist im Dunst Venus zu erahnen. Jeder hat eine Tasche mit seinen Beobachtungsgeräten gepackt, unsere Koffer liegen im Kofferraum. Wir rollen über die Jangtsebrücke und aus der Stadt. Draußen graut der Morgen. Im Osten erkennen wir eine düstere Wolkenbank.

Der Bus fährt bis zu dem Platz, wo ich am Vortag mit Helena in die Motorradrikscha gestiegen war, hält dort an und wartet. Mittlerweile ist es hell geworden. Auf der Kreuzung übt eine Gruppe älterer Frauen behutsam Tai Chi. Ein paar kleine Mädchen gucken zu.

Dann erscheint auf seinem Moped unser roter Mopedfahrer vom Vortag mit freundlichem Grinsen. Er winkt. Der Motor unseres Busses springt an. Wir folgen dem Moped auf die mir schon bekannte Hauptstraße. Von dort biegt unser Führer schließlich auf einen Seitenweg ab, gerade so breit wie unser Bus. Wir folgen ihm langsam. Auf und ab geht die schaukelnde Fahrt, um enge Kurven und durch tiefe Schlaglöcher, in denen sich unser Bus bedenklich zur Seite neigt. Mit Umsicht und Geschick lenkt unser Fahrer den Bus über schmale Dämme und durch enge Passagen. Und dann sehen wir plötzlich vor uns den Höhenrücken mit dem Schutzzelt darauf. Wir sind am Ziel!

Wir steigen aus. Von Südwesten her weht ein warmer Wind. Ringsum geht der Blick über Felder und kleine Teiche ungehindert bis zum fernen Horizont. Den Platz finden alle herrlich.

Die dicken Holzpfosten des großen Schutzzelts ragen solide aus dem Boden, als stünden sie schon seit Wochen da. Dabei wurden sie erst in der vergangenen Nacht aufgerichtet. Abseits liegt von hohen Schilfmatten umgeben hinter einem Vorhang einladend die Toilette. Es ist ein weißes WC auf stabilen Holzbohlen, die Wasserspülung erfolgt per Eimer aus dem nahen Teich. Unsere Mädels finden das Klo toll. Erinnerungen an die Sofi in Simbabwe werden wach.

Mit Motorradrikschas werden Tische und Bänke herangeschafft und unterm Schutzzelt aufgestellt.
Derweil baut jeder seine Geräte auf, wo er mag. Die Sicht ist überall frei. Über der grauen Wolkenbank im Osten erscheint rot die Sonne. Direkt über uns ist der Himmel blau mit ein paar dünnen Schäfchenwolken und hohen Eiszirren. Über dem Horizont ist der Himmel ringsum bewölkt. Wir stehen somit am richtigen Platz und die Vorfreude auf die Sonnenfinsternis steigt.
Die Stative sind aufgestellt, Ferngläser und Fernrohre mit Sonnenfilterfolie versehen, die Montierungen eingenordet, die Kameras angeschlossen und fokussiert. An meinem kleinen ED-Refraktor mit Baaderfolie ist meine Canon 350D aufnahmebereit. Die Sonne steigt höher, der warme Wind weht weiterhin von Südwest und lässt die Plane unseres Schutzzelts träge flattern. Mein Stativ steht fest. Die Eiszirren über uns lösen sich allmählich auf.

Jemand bringt heißen Tee und es gibt Frühstück. Der Platz belebt sich mehr und mehr. Aus den umgebenden Dörfchen kommen Jung und Alt, Mütter mit ihren Kleinkindern auf dem Arm, kleine Mädchen mit Schleifchen im Haar, braungebrannte, neugierige Jungs, drahtige, aufmerksame Männer mit dem Großvater im Fahrradanhänger, junge Männer mit der schlanken Freundin auf dem Moped, kesse Teenies in coolem Outfit, zierliche Omas unter ihren Sonnenschirmen.
Dann die Polizisten mit Blaulicht, die freundlich lächeln und bei dem Ereignis nicht fehlen dürfen. Daneben steht das Fahrzeug der Bezirksregierung, und dahinter sind zahlreiche Mopeds am Wegrand geparkt. Allmählich füllt sich das Gelände mit vielen Menschen unter bunten Schirmen, in der warmen Luft erklingt ein munteres Stimmengewirr chinesischer Laute. Wir werden an unseren Geräten mit unaufdringlicher Neugier betrachtet. Die Vorfreude auf die bevorstehende Sonnenfinsternis verbindet uns alle.

Wir versorgen unsere Besucher mit Sonnenfinsternisbrillen, soweit unsere schmalen Vorräte reichen. Einige haben eigene Sonnenfinsternisbrillen mitgebracht, andere haben sich mit Schweißerschutzmasken ausgerüstet.

Die Vorfreude steigt. Durch die dünnen Schäfchenwolken hindurch scheint die Sonne. Der 1. Kontakt erfolgt pünktlich.

Während der partiellen Phase zentriere ich die Sonne regelmäßig im Gesichtsfeld der Kamera, mache Fotos und lasse die Besucher durch den Sucher meiner Kamera schauen, wo sie die partiell verfinsterte Sonne vergrößert sehen können. In der Menge begrüßt mich die Dolmetscherin, schaut auf-merksam durch meinen Kamerasucher und bedankt sich nochmals ganz herzlich für die Einladung.

Hinter uns steigt über dem Westhorizont allmählich ein breiter, grauer Schatten hoch. Um uns wird das matte Licht der Sonne matter. Der Wind weht kühler. Mittlerweile kann man mit bloßem Auge erkennen, dass die Sonne hinter den dünnen Wolken sichelförmig ist. Alle schauen durch Sofibrillen, geschützte Ferngläser, Schweißermasken und Kamerasucher zur Sonne. Wir legen ein weißes Laken für die Fotografie der fliegenden Schatten aus.

Nun wird es rasch düsterer. Die Schäfchenwolken um die Sonne leuchten nicht mehr weiß und werden dunkler, der Lichthof in den Wolken um die Sonne schrumpft und bekommt einen orangenen Saum.

Ich stelle meine Videokamera auf manuellen Betrieb um, fokussiere das Bild, montiere sie hucke-pack am Refraktor und starte die Aufnahme. Anschließend entferne ich die Baaderfolie vom Refraktor-objektiv. Dann eilt der Schatten von Westen heran, der Lichthof in den Wolken fällt augenblick-lich zusammen, und plötzlich ist die Sonne wie ein Schwarzes Loch im Himmel, umgeben von einer hellen Korona.

Davor ziehen langsam, dünn und fein die Schäfchenwolken. Der Himmel wird immer dunkler, wir stehen in einem düster kupfer-farbenen Licht. Alle Augen blicken nach oben. Um uns ertönen zahllose Stimmen voll Aufregung, Begeisterung, Freude und Ergriffenheit. Ich schaue mich um.

Über uns erstreckt sich düster der Himmel bis weit über den Horizont, wie ein riesiger Deckel aus Finsternis. Die Korona leuchtet daran märchenhaft schön wie eine Agraffe aus purem Licht und taucht die Schäfchenwolken in ihren zarten Schimmer.

Jenseits des Horizonts glüht der Himmel grandios in einem schmalen, gelborangen Streifen, von allen Seiten hüllt uns sein düsteres Licht schattenlos ein.

Auf den weiß lackierten Helmen einiger Mopedbesitzer blitzen scharfe Reflexe des Koronalichts. Die Menschen werfen im Koronalicht diffuse Schatten.

Dann verändert sich etwas am Himmel, die Düsternis über den Schäfchenwolken beginnt unmerklich in mattem Tiefblau zu leuchten. Manche dünn schimmernde Schäfchenwolken verblassen zu Schatten, andere leuchten weiterhin schwach.

Ganz allmählich wird der Himmelshintergrund heller, die Schäfchenwolken werden zu zarten Schatten um die noch immer helle Korona.

Dann wird es von Westen heller, der Rand des Mondschattens zieht diffus über die Wolken heran. Innerhalb des Schattens sind die Schäfchenwolken vor dem Himmel dunkel, außerhalb treten sie heller im Sonnenlicht hervor. Dann blitzt am oberen Rand der schwarzen Sonne grell ein Funke auf, augenblicklich verschwindet die Korona im aufgleißenden Licht.

Schemenhaft sieht man den Schatten des Mondes nach Osten über die Wolken davoneilen.
Ich stoppe die Videokamera und setze die Baaderfolie wieder vor das Fernrohrobjektiv.
Wir schauen uns um. Plötzlich ist es wieder viel heller, der Himmel ist blau und die Totalität ist vorbei. Gefühlt hat sie höchstens zwei Minuten gedauert. Aber unsere Uhren bestätigen uns, dass es wirklich fünf Minuten und 25 Sekunden waren.

Wir schauen einander an. Wir haben miteinander Unglaubliches gesehen. Die Freude ist riesig.

Alle strahlen, Helena bringt mir ein kühles Bier. In den kleinen Weilern ringsum knattern kleine Freuden-feuerwerke. Ihre blauen Rauchwolken treiben im Wind.
Wir verfolgen gelöst den weiteren Verlauf der zweiten partiellen Phase bis zum 4. Kontakt, machen dabei unsere Fotos. Schlendern herum.

Ein Fotograf schießt Gruppenfotos für die Bezirksregierung.
Im Teich steht wiederkäuend ein Wasserbüffel und streckt genüsslich den Nacken. Vom blauen Himmel strahlt die Sonne. Es ist wieder sehr warm, und der Wind weht.

Die Besucher zerstreuen sich lächelnd und munter schwatzend. Wir bauen unsere Geräte ab und packen ein. Neben dem Schutzzelt wird ein Wok aufgebaut. Für uns und unsere Helfer wird ein leckeres Essen zubereitet. Mit freundlichem Lächeln und flinken Fingern wird mit sichtlicher Vorfreude Gemüse geputzt und gehackt. Es gibt Rindfleisch, Hühnchen, Ente, Schweinefleisch und Gans, gekocht und gesotten, mit fünf Sorten Gemüse, Salat, Gurken mit Knoblauch, Nudeln, Reis, Süßkartoffeln, Lotoswurzeln, Hühnersuppe und Wassermelonen. Dazu trinken wir kühles, chinesisches Bier, chinesischen Rotwein und Mineralwasser.
Dann folgt der Abschied von unseren örtlichen Helfern. Wir bedanken uns für die gute Zusammenarbeit und das leckere Essen. Alle applaudieren strahlend. Wir steigen in den Bus, ein letztes freundliches Winken. Als unser Bus losfährt, steht der Büffel noch immer im Teich.

Wir rollen langsam über die schmale Straße zur Hauptstraße zurück. Von dort fahren wir nach Wuhan. In Wuhan besteigen wir die Jangtsefähre und machen auf ihr eine Tour über den 1,4 km breiten, lehmfarbenen Fluss zum gegenüberliegenden Ufer und wieder zurück. In uns allen klingen die Bilder der Sofi nach.
Am Bahnhof von Wuhan verabschieden wir uns von unserer Führerin und unserem Busfahrer und besteigen den Expresszug. In dreistündiger Fahrt rollen wir bequem durch eine wilde Berglandschaft mit fruchtbaren Talauen, kleinen Städtchen und breit versandeten Flussläufen zum 650 km entfernten Nanjing. Hier erwarten uns mit einem freundlichen „Guten Abend" unsere lokale Führerin und ein kleiner, klimatisierter Reisebus, der uns durch den nächtlichen Verkehr zum Hotel bringt. Ich erkenne es überrascht wieder: es ist das Jinlin, in dem ich vor 19 Jahren gewohnt habe. Innen hat es sich nicht verändert.

23. 7. 2009, Nanjing

Am morgen regnet es in Strömen. Um das Hotel herum sieht nichts mehr so aus wie vor 19 Jahren. Wir steigen in den Bus und fahren durch den dichten Verkehr über grüne Alleen zum südlichen Stadttor.
Bei jeder Ampel zeigt ein Zählwerk an, wie viele Sekunden die gegenwärtige Phase der Ampel noch anhalten wird. Ich finde das sehr praktisch.
Das südliche Stadttor ist eine imposante Anlage, 128 m lang und 118,5 m breit. Es besteht aus vier hintereinander liegenden, hohen Torburgen, zwischen den drei von hohen Mauern umgebene Höfe liegen. Jeder Torbogen war früher mit Toren und Fallgattern versehen. Das Tor der äußersten Torburg ist ein 52 m langer Tunnel, das darüber liegende Gebäude enthält sieben lange Tonnengewölbe, in denen früher die 3000 Mann starke Torbesatzung mit ihren Vorräten untergebracht war. Heute sind in diesen Gewölben kleine Muse
n und ein Tempel eingerichtet. Die äußerste Torburg ist 21 m hoch und trägt eine Plattform mit ca. 4000 m² Fläche. Von dort sieht man beiderseits auf die Stadtmauer. Sie ist hier 21m hoch und acht Meter breit und erstreckt sich endlos grau im warm herabströmenden Regen. Längs der beiden Außenwände des Stadttores führen von der Plattform breite Rampen zum Boden. Über diese konnten Verteidiger zu Pferde auf die Mauer gelangen. Vor der Stadtmauer fließt träge ein hundert Meter breiter Fluss. Die Mauer war über 33 km lang. Bezwungen wurde sie nie mit Waffengewalt, sondern durch Bestechung der Wächter.
Wir verlassen das Stadttor und fahren über begrünte Straßen in die Fußgängerzone beim Konfuzius-Tempel. In den hölzernen Wandelgängen des Tempels finden Viele Schutz vor dem Regen. Ich sitze mit den Wartenden und höre dem Regen beim Rauschen zu. Über mir schaukeln im leichten Wind an den Klöppeln zahlreicher kleiner Glöckchen angebundene rote Zettel mit goldenen Bitten und Danksagungen an den barmherzigen Meister Kong Fu Tse. Ab und zu klingelt es leise.
Der Regen hört auf. Die klaren Pfützen spiegeln den Himmel. In den kleinen Geschäften ringsum hoffen zierliche Verkäuferinnen mit einladendem Lächeln auf Kundschaft. Wir fahren zum leckeren Mittagessen ins Restaurant, dann besteigen wir wieder den Bus und fahren über die große Jangtsebrücke. Vor 19 Jahren hätte ich sie gerne gesehen, nun sehe ich sie endlich. An beiden Enden der 1,4 km langen Stahlkonstruktion grüßen in Granit gehauen Arbeiter, Soldaten und Bäuerinnen, lächeln entschlossen in die Zukunft und recken Fahnen, Gewehre und Arbeitsgeräte in dramatischer Pose in den hohen Himmel. Der Fluss ist breit und lehmfarben und voller Schiffe. Am jenseitigen Ufer liegen Wohngebiete in ausgedehnten Grünanlagen.
Schließlich fahren wir zum Hotel. Von dort gehen wir in ein kleines Restaurant zu einem leckeren Abendessen. Anschließend spazieren wir und machen ein paar Einkäufe in einem kleinen chinesischen Supermarkt. Die Regale stehen eng und sind dicht bepackt, das Angebot ist reichhaltig, aber nicht immer leicht zu identifizieren, denn sämtliche Beschriftungen sind chinesisch, so dass man oft nur erraten kann, was man da vor sich hat. Alles ist blitzsauber, die Luft ist angenehm klimatisiert. Die jungen Verkäuferinnen sind cool und schnell, die Kasse hypermodern.
Im Hotel lassen wir den Abend in den Ohrensesseln der Lobby bei einem kühlen Bier in gemütlicher Runde ausklingen.

24. 7. 2009, Souchou

Am Morgen bringt unser Bus uns nach dem Frühstück zum Bahnhof. Der liegt an dem breiten Fluss, der die Stadtmauer umfließt. Hinter der Stadtmauer ragt die Kulisse der Hochhäuser der Innenstadt. Mit seinen nur neun Millionen Einwohnern gehört Nanjing zu den kleineren Städten Chinas. Am Bahnhof braust quirlig hupender Verkehr.
Jeder Reisende muss durch eine Sicherheitsschleuse, wo das Gepäck geröntgt wird. Danach sitzen wir in einem riesigen Wartesaal. Ringsum endlose Menschenschlangen, ein Ozean von Stimmen, Musik aus den Lautsprechern, unverständliche Ansagen und Anzeigen auf Chinesisch. Schließlich ziehen wir auf Kommando, in einem dichten Strom von Menschen eingebettet, treppauf und treppab auf den langen Bahnsteig zum Zug nach Soushou.
Der Zug ähnelt dem ICE, die Fahrt dauert 90 Minuten, der Zug fährt leise, man sitzt bequem und sieht draußen das dicht bewohnte und intensiv genutzte Land geschwind vorüberziehen.
Beim Aussteigen stolpere ich auf dem Bahnsteig mit meinem schweren Koffer über eine unerwartete Treppe. Um ein Haar hätte dabei eine ältere Chinesin umgerissen. Sie schaut sehr erschrocken, ich entschuldige mich mehrfach mit Gesten. Sie lächelt erleichtert.

Vor dem Bahnhof erwarten uns in der flirrenden Wärme unser deutschsprachiger lokaler Führer und ein angenehm klimatisierter Bus. Die Fahrt geht durch die Innenstadt von Soushou. Wie in Nanjing geben hier Anzeigen an den Ampeln an, wie lange die gegenwärtige Ampelphase noch dauern wird. Wie in Nanjing ist der Verkehr dicht und sind die Straßen beiderseits mit Bäumen bepflanzt und von Geschäften und Lokalen gesäumt. Aber die Häuser sind hier niedriger, kleiner und heller als in Nanjing, die ganze Stadt erscheint heller und freundlicher.

Von Soushou wird behauptet, es sei das Venedig des Ostens, mit den schönsten Mädchen und den schönsten Gärten der Welt. Hier und da überquert der Verkehr auf niedrigen Brücken schmale Kanäle, in deren blaugrünlichem Wasser träge Küchenabfälle treiben: Kein Vergleich mit Venedig.
Die Mädchen hier sind auf den ersten Blick so hübsch wie anderswo auch:
Bleiben die Gärten.
Wir besuchen den Großen Löwengarten. Er wurde vor Jahrhunderten von einem pensionierten Hofbeamten angelegt, der hier auch wohnte. Wir betreten den Garten durch eine Vorhalle mit hellen Mauern und dunklem Schnitzwerk. Durch breite Fensteröffnungen blickt man auf kleine Felslandschaften, die aus löchrig verwitterten, grauen Kalksteinblöcken gemauert sind. Darüber ragen hohe Bäume. Wir blicken in einen kleinen, stillen Hof, in dem graue, löchrig verwitterte Kalksteinfelsen zu einer hoch aufragenden Skulptur arrangiert sind, in der man sieben Löwen erkennen kann.

Wir gehen über mit Kieselmosaiken gepflasterte, schmale Wege zwischen hohen Mauern und über kleine schattige Höfe durch einen runden Durchgang und stehen vor einem stillen Teich. Er ist umgeben von steilen, grauen Felsen, die durch natürliche Verwitterung zu abstrakten Skulpturen geformt hier kunstvoll arrangiert sind. Sie bilden miteinander ein dramatisches Ensemble aus bizarren Formen, die vielfältig an wilde Drachen und Löwen in drohender Gebärde erinnern. Zwischen ihnen verborgen liegen verschlungene schmale Wege, die einem immer neuen faszinierenden Ausblicke eröffnen. Darüber ragen hohe Bäume gelassen in den blauen Himmel.
Einige helle, kleine Wohngebäude liegen still und edel unter ihren graziös aufgeschwungenen Dächern. Im Teich steht ein anmutiger kleiner Pavillon, den man über schmale, zickzackförmig gelegte Steinplatten erreicht. Große Goldfische ziehen träge durch das stille, trübe Wasser, aus dem Lotospflanzen ihre prachtvollen Blüten erheben. Über allem hört man das unbekümmerte Tschilpen der Spatzen und das Zirpen der zahllosen Zikaden in den Bäumen, das mit jedem trägen Windstoß anschwillt und wieder abnimmt, die munteren Stimmen der Besucher, die den Garten und einander fleißig fotografieren, und das Lachen der kleinen Mädchen, die die Fische füttern.

Wir verlassen den Garten und fahren zum Mittagessen. Unser Restaurant liegt diesmal etwas abseits in einem unscheinbaren, reizlosen Gebäude. Das Essen lässt jedoch keine Wünsche offen, die Bedienung ist freundlich, aufmerksam und schnell. Es soll Leute geben, die nur wegen des Essens nach China reisen. Ich kann sie gut verstehen.

Nach dem Mittagessen fahren wir in den Garten der Netze. Er wurde vor über neunhundert Jahren von einem reichen Fischhändler angelegt. Sein letzter Bewohner war Minister für Kultur unter Mao, er kam während der Kulturrevolution ums Leben.
Wir betreten eine luftige Vorhalle mit edlen Schnitzereien, blicken in einen kleinen, stillen Hof. Unter Schatten spendenden Bäumen gehen wir auf Mosaiken aus Kieselsteinen zur dezent eingerichteten Wartehalle, in der früher die beim Hausherrn angemeldeten Besucher warten mussten. Sie enthält einen langen Tisch, auf den Besucher ihre Geschenke ablegten. Der Hausherr betrachtete sie erst, wenn der Besucher wieder gegangen war. Daneben liegt die elegant eingerichtete Empfangshalle, in der der Hausherr seine Besucher empfing. Die ausdrucksvollen Landschaftsbilder an den Wänden stammen nicht von Künstlerhand, sondern sind natürliche Schichtungen in Steinplatten. Auch die fein gemusterten Rückenpolster der Sessel sind bei genauem Hinsehen nicht aus Stoff, sondern aus gemasertem Marmor.

Hinter der Empfangshalle liegt das Mätressenhaus mit vier kleinen Schlafzimmern, die ein Geheimnis bleiben. Daneben liegt das Heim der Ehefrau mit Blick auf den Teich. Etwas abseits liegt das Büro des Hausherrn, mit einem schönen Telefon im Bakelitgehäuse..
Der kleine Teich ist der von alten Bäumen umstandene Mittelpunkt des Anwesens. Ein schmaler Pfad führt verschlungen um ihn herum. Man passiert phantasievolle Skulpturen, aus verwittertem Kalkstein gemauert, überquert über eine winzige hochgewölbte Brücke einen winzigen Fluss und erreicht den luftigen Sängerpavillon aus feinstem Schnitzwerk, in dem die Konkubinen früher am Abend Ständchen für den Hauherrn sangen. Weiter geht es über den überdachten Pfad zum eleganten Wasserpavillon, wo der Hausherr entspannt den Darbietungen zu lauschen pflegte. Man blickt nach Süden über den Teich, bei Mondschein spiegelte sich der Mond im Teich und in einem großen Spiegel im Rücken des Hausherrn.
Im Teich ziehen Goldfische träge durch das trübe Wasser, Lotosblüten erheben sich in zartem Schmelz, und über allem tönt der rauschende Chor der Zikaden in den Bäumen.
Die Gärten von Soushou sind einzigartig.

Im alten Teehaus klingt chinesische Musik in unaufdringlicher Anmut. Wir trinken Kaffee und Tee. Ich erwerbe eine CD mit der Musik und einen bemalten Fächer. Ich zeige Helena das Video von der Totalität, die Kellnerinnen sehen zu und sind sichtlich fasziniert. Ich bekomme einen Gratiskaffee.
Dann besuchen wir die Markthalle von Soushou, wo wir zahlreiche Stände mit frischen und zum Teil sehr lebendigen Lebensmitteln bewundern. Der Raum ist klimatisiert, die Menschen lächeln. Draußen ist es brütend warm.
Wir fahren zum Hotel, das in den Außenbezirken liegt. Die Zimmer sind riesig. Von dort spazieren wir zum leckeren Abendessen in ein kleines Restaurant, und danach machen wir einen Verdauungsspaziergang zu einem kleinen See, in dem sich die Lichter eines nahen Vergnügungsparks in der warmen Dämmerung eindrucksvoll spiegeln.

25. 7. 2009, Schanghai, 1.Tag

Am nächsten Morgen geht es nach dem leckeren Frühstück mit dem Bus zum Bahnhof. Dort verabschieden wir uns von unserem Führer und dem Busfahrer. Am Eingang zum Bahnhof werden unsere Koffer an der Sicherheitsschleuse geröntgt, danach müssen wir im Wartesaal warten, bis wir auf den Bahnsteig zum Zug nach Shanghai geführt werden.
Auf dem Bahnsteig sind im Boden Nummern eingelassen. Bei jeder Nummer steht ein Bahnbediensteter und sorgt im blauen Hemd, Trillerpfeife und strenger Miene für Ordnung. Die Reisenden stehen entspannt. Der Wind weht warm, nebenan wird mit Hochdruck der neue Bahnhof von Soushou gebaut, der soll drei Mal größer werden als der jetzige. Der elegante Expresszug rollt pünktlich ein. Wir stehen am Bahnsteig an der Nummer '14'. Exakt an dieser Nummer hält Wagen '14' an, in dem unsere Plätze sind.
Die Fahrt geht schnell vorbei. Wir fahren durch dicht besiedeltes und intensiv genutztes Land. Überall wird gebaut.

Am Bahnhof von Schanghai erwartet uns mit einem munteren "Hallo!" unsere lokale Führerin Xiao Yen und ein angenehm klimatisierter Bus. Vom Bahnhof bringt uns der Bus in eine Fußgängerzone in der Altstadt.
Durch dichtes Menschengewühl geht es zum Yü-Garten. Er ist ähnlich angelegt wie die Gärten in Soushou. Hier sind einige Dekorationsfelsen jedoch besonders ausdrucksvoll, im dunklen Wasser der Teiche sind die Goldfische zahlreicher und auffälliger, Bäume und zierliche Holzgebäude aus feinstem Schnitzwerk stehen harmonisch miteinander und spiegeln sich in dunklen Wasser. Das Zirpen der Zikaden in den Bäumen kommt und geht mit dem Wind. In den Lücken zwischen den Gebäuden ragen ganz unauffällig die Wolkenkratzer Shanghais.
Danach besuchen wir ein Teehaus, von dessen hohem Balkon man einen schönen Blick über dekorativ geschwungene Ziegeldächer der umgebenden Häuser hat. Im Teehaus zeigen uns hübsche junge Damen in anmutiger Weise, welche Arten von Tee es in China gibt, und wie man diese in China zubereitet.
Danach gehen wir zu einem großen chinesisches Restaurant zum leckeren Mittagessen, durchstreifen schmale, bevölkerte Marktstraßen mit kleinen Geschäften, wo es alles gibt und in denen der Betrieb auch während der Mittagspause lässig weitergeht.

Wir treffen uns am Bus und fahren wir zur Nanjing Road, einer Einkaufsstraße mit vielen traditionsreichen Warenhäusern. Diese Straße ist breit und eben und voller zielstrebig eilender Menschen. Während ich zwischen ihnen spaziere und schaue, wird bald klar, dass einige dieser zielstrebigen Menschen mich zu den Zielen zählen, die sie anstreben. Immer wieder werden mir aus der Menge mit freundlichem Augenzwinkern diverse Rolex-Uhren und entspannende Massagen angeboten. Immer wieder schenken mir schöne junge Frauen ihr strahlendes Lächeln, fragen mich freundlich, woher ich komme und ob ich etwas Zeit hätte für weitere Fragen.

Am Ende wird mir die Fragerei zu viel und ich gehe zum Treffpunkt unserer Gruppe.

Mit dem Bus fahren wir zu einer alten Brücke, von der wir einen beeindruckenden Blick über den Huangpu-Fluss auf den modernen Stadtteil Pudong haben. Hier ragen die höchsten Gebäude Chinas im klaren Licht der milden Spätnachmittagssonne majestätisch in den Himmel.

Anschließend fahren wir im dichten Verkehr über lange Hochstraßen durch das Häusermeer Shanghais zum Hotel.

Abends gehen wir gemeinsam in ein kleines, schlichtes Restaurant. Das Essen ist Klasse. Da wir die letzten Gäste des Abends sind, kommen die Köche aus der Küche dazu und essen am Nebentisch. Südlich des Jangtse wird in China beim Essen viel gelacht, die Stimmung ist entspannt und munter.
Durch die warme, dunkle Nacht schlendern wir langsam zurück zum Hotel. In den hohen Appartementhäusern ringsum brennt kaum Licht. Fast lautlos rollen Elektromopeds an uns vorbei.

26. 7. 2009, Schanghai, 2.Tag

Am Morgen gibt es ein kurzes Frühstück, dann fahren wir zum JadeBuddha-Tempel. Dort erklärt uns Xiao Yen die Grundzüge dieser Religion und ihre Bedeutung für die chinesische Mentalität. Wir betrachten die geschnitzten Statuen der majestätischen Himmelskönige und der Boddhisatvas in den Vorhallen, Im Hof fliegen über uns Tauben am blauen Himmel durch aufsteigenden Rauchschleier der Opferfeuer und Räucherstäbe. Der Rauch soll die Bitten der Menschen in den Himmel tragen.
Weiter geht´s zu einer Seidenmanufaktur. Die Chinesen sind Meister des Marketings: zunächst darf man die Schmetterlinge ansehen und streicheln, aus deren Eiern die Seidenraupen schlüpfen. Dann lernt man, wie die Raupen gepflegt werden müssen. Dann bekommt man einige Techniken der Verarbeitung von Seidenraupenkokons demonstriert und darf sie auch mal selbst ausprobieren, so dass man erkennt, wie schwierig sie sind.
Dann bekommt man Rabattkarten ausgehändigt, mit denen man günstig einkaufen kann und darf in den Verkaufsraum mit seinem riesigen Angebot schöner Seidenartikel. Hier sehe ich die faszinierend lebensechte Farbfotografie eines majestätischen Tigers. Erst der zweite Blick offenbart, dass es sich nicht um ein Foto handelt, sondern um eine exquisite Seidenstickerei.

Das Mittagessen nehmen wir in einem riesigen Restaurant ein, in dem die Kellner und Kellnerinnen auf Rollschuhen fahren. Anschließend fahren wir zu einer Perlenmanufaktur. Dort bekommen wir zunächst einen Vortrag über Perlmuscheln und die Mühen der Perlenzucht. Dann wird uns gezeigt, wie Perlen in einer frisch geöffneten Perlmuschel liegen und wir bekommen einige dieser Perlen aus der Muschel geschenkt. Dann erst dürfen wir den großen Verkaufsraum mit seinen schimmernden Kostbarkeiten betreten. Hier erhalten wir einen praktischen Vortrag, in dem wir lernen, künstliche und echte Perlen voneinander zu unterscheiden.

Schließlich fahren wir zum Huangpu-Fluss. Hier betreten wir ein weißes Ausflugschiff und fahren unter dem hellen Abendhimmel auf dem breiten Fluss zwischen den Häusern aus der Kolonialzeit und den Wolkenkratzern in Pudong langsam flussabwärts.

Als wir umkehren, setzt schon die Dämmerung ein. Überall an den Wolkenkratzern und dem riesigen Fernsehturm blitzen zart blinkende bunte Lichter und Leucht-bänder auf. In der rasch hereinbrechen-den Dunkelheit hüllen sie die Gebäude in imposante Gewänder aus farbig funkeln-dem Licht.
Auch die Schiffe ringsum erstrahlen mit bunten Leucht-stoffröhren und farbigen Power-LEDs wie schwimmende Lampengeschäfte. Zahllose bunte Reflexe glitzern auf den dunklen Wellen.
Voll mit den Eindrücken des Tages fahren wir ins Hotel, essen gemeinsam in einem kleinen Restaurant zu Abend. Anschließend packen wir im Hotel unsere Koffer. Morgen geht es nach Hause!

27. 7. 2009, Heimfahrt

Am Morgen fahren wir mit dem Bus zum Transrapid-Bahnhof. Dort verabschieden wir uns von unserem Fahrer. Mit Helena und Xiao Yen betreten wir den eleganten Bahnsteig. Der Zug schwebt mit leisem Brausen im Bahnhof ein. Zusammen fahren mit den Transrapid zum Flughafen. Die Fahrt ist ruhig und leise. Man sitzt bequem, rasend schnell und ohne Ruckeln fliegt draußen die Landschaft vorbei.
Im Flughafen verabschieden wir uns von Xiao Yen und Helena. Der Abschied von Helena fällt uns allen schwer, wir haben zusammen so viel erlebt und gesehen.
In der endlos langen Abflughalle sitzen wir und warten auf den Aufruf unseres Fluges. Auf dem Meer draußen fahren Schiffe am Horizont.
Schließlich steigen wir in einen Airbus A340 der Air China und fliegen damit in elf Stunden über China, die Mongolei, Sibirien, den Ural, Russland, Estland, Litauen und Polen nach Frankfurt.

Als wir in Frankfurt landen, ist es warm und gewittrig.

An der Gepäckausgabe verabschieden wir uns voneinander. Die Gruppe zerstreut sich. Ein letztes Winken. Am Fernbahnhof treffe ich Monika, Martina und Maciek wieder. Der Fahrkartenautomat will einige unserer Tickets nicht drucken. Unser vorgesehener Zug hat ewig Verspätung. Der fahrplanmäßig nächste ICE nach Köln fährt nur heute ausnahmsweise von einem anderen Bahnsteig, der jedoch in einem anderen Bahnhof liegt. Mit Glück erreichen wir schwitzend mit unserem Gepäck den richtigen Bahnsteig, wo unser Zug zwar völlig unbekannt ist aber trotzdem verspätet einrollt. Er ist überfüllt, wir müssen lange stehen, aber zusammen wird uns die Zeit nicht lang. Schließlich wird immerhin eine Stufe an der Tür frei, auf der Maciek und Monika Platz finden. Durchs Rheintal rollen wir durch Sonnenschein unter düsteren Wolken. In Köln kommt der Abschied.

Dann sitze ich müde auf dem Bahnsteig, voll von den Eindrücken der Reise, und warte auf den Zug nach Aachen, der sich verspätet. Es ist längst Nacht, als ich Aachen erreiche und endlich meine Lieben in die Arme schließen kann.

Es war eine tolle Reise!

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