Von der Vermessung des Kosmos – und der Entdeckung von Laniakea

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Eine typische Anfängerfrage beim Anblick eines Teleskops lautet: „Wie weit kann man damit gucken?“. Die Autor:in beantwortet sie auf eine sehr spezielle Art und Weise, denn die Weite des Universums, die verschiedenen Methoden dieses mit erdgebundenen Teleskopen zu vermessen und dadurch einen Eindruck von seiner Größe und Vielfalt zu erhalten, ist ihr berufliches Anliegen als Astronom:in. Dabei schildert sie nicht nur ihren beruflichen Alltag; auch die verschiedenen Aspekte der Suche nach dem Großen Attraktor und unseren Ort im Kosmos erklärt sie geradezu meisterhaft und aus speziell französischer Sicht.

Dabei folgt sie einer konsequenten Linie ihres eigenen beruflichen Werdegangs, der zugleich einen tiefen Einblick in die Kosmologie gewährt. Ausgehen von dem bekannten Standort der Erde am Rande eines Seitenarms der Milchstraße stößt sie dabei in immer größeren Tiefen unserer eigenen Galaxis vor und trifft dabei auf Strukturen, die sich nur mittels spezieller Tricks und Kniffe sowie viel internationaler Kooperation sichtbar machen lassen.

Die Milchstraße selbst ist es, die den Blick auf den Großen Attraktor versperrt. Dieser ist zwischen 150 und 200 Mio. Lichtjahre von der Erde entfernt und bildet das Zentrum mit einer Masse von 10 Billiarden Sonnenmassen im Norma-Galaxienhaufen südlich des Skorpions. Weitere, nur wenig masseärmer sind der Virgo-Superhaufen, der Coma-Haufen Abell 1656, der Hercules-Galaxienhaufen Abell 2151 und der Leo-Superhaufen Abell 1367. Zusammen mit der Großen Mauer, die alle drei mit einer filamentartigen Struktur verbindet und gegenüber galaxienarmen Gebieten, den Voids abgrenzt. Allerdings kann die Bewegung der Milchstraße zusammen mit der angenommenen Dunklen Materie die Gesamtmasse des Gravitationszentrums, auf den sie sich zubewegt, nicht vollständig erklären.

Deshalb wird ein weiteres, bislang unentdecktes Gebilde nahe dem Großen Attraktor vermutet. Um dieses zu identifizieren, musste die Autor:in mehrere Kooperationen starten und sich an laufenden beteiligen, um neben der Zahl der zu vermessenden Galaxien mit radioastronomischen und astronomischen Methoden den Standort dieses Massenzentrums zu bestimmen. Wie kompliziert, manchmal aufschlussreich und dann wieder enttäuschend dieser Weg sein kann, beschreibt Hélène Courtois in ihrem sehr interessanten und lesenswerten Buch.

Die im Titel genannte Struktur Laniakea verdankt ihren Namen dem Kosmologen Richard Brent Truly vom Institut für Astronomie der University of Hawaii. Er und sein Team prägten 2014 diesen Begriff nach einer Untersuchung der Pekuliargeschwindigkeiten (Eigenbewegung) der Galaxien. Er ist hawaiianisch und bedeutet „unermesslicher Himmel“. Laniaka umfasst mindestens den lokalen Groß-Galaxienhaufen mit dem Virgo-Superhaufen, dem Hydra-Superhaufen, dem Pavos-Indus-Superhaufen und dem Südlichen Superhaufen und besteht auf 100.000 Galaxien mit einer Ausdehnung von 520 Mio. Lichtjahren. Sie erstreckt sich möglicherweise in Richtung des Shapley-Superhaufens und womöglich sind beide auch nur Teile einer noch sehr viel größeren Galaxienstruktur. Viel Arbeit, die vor der Autor:in liegt und ein spannendes und auch für Nichtkosmologen verständlich geschriebenes Buch, das auch im EPUB-Format erworben werden kann. Dem Kosmos-Verlag ist zu danken, dass er es aus dem Französischen übersetzen ließ und für deutsche Leser:innen zugänglich gemacht hat, zumal die Denk- und die Herangehensweise an kosmologische Fragestellungen in Frankreich und Deutschland unterschiedliche Ansätze verfolgen.

 

Autor:in:  Hélène Courtois
Verlag: Franckh-Kosmos- Verlags-GmvH & Co. KG, Stuttgart
ISBN: 978-2-10-08686-7
Jahr: 2021

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