„Es geschieht nichts Großes, ohne dass jemand den ersten Schritt wagt!“

Interview von Dr. Harald Zaun

Der deutsche Ex-Wissenschaftsastronaut, Gerhard Thiele, über Juri Gagarins Pionierleistung vor 50 Jahren und die Folgen

h. Zaun: Als Juri Gagarin erstmals die Erde umrundete, waren Sie gerade einmal acht Jahre alt. Wann hörten Sie zum ersten Mal von Gagarins Flug? Haben Sie das Ereignis seinerzeit bewusst wahrgenommen?

Thiele: Ich habe keine bewusste Erinnerung an Gagarins Flug. Jedenfalls keine, wie sie sich später bei den Gemini- und Apollo-Flügen einstellten. Dies war wohl überwiegend der sowjetischen Informationspolitik geschuldet. Denn damals bekamen wir keinerlei Informationen über dieses Ereignis aus erster Hand. Nichts flimmerte über den Bildschirm, so wie dies bei den Apollo-Missionen der Fall sein sollte. Ich erinnere mich aber noch sehr gut daran, dass über den Wettlauf zwischen den USA und der UdSSR (CCCP) bei uns zu Tisch häufig diskutiert wurde. Ich habe noch unser ungläubiges Staunen vor meinem geistigen Auge, als wir von dem sowjetischen Coup erfuhren. Vielleicht rührte diese Ungläubigkeit auch daher, dass ausgerechnet die Sowjets, die doch technisch deutlich hinter den Amerikanern lagen, dies geschafft haben sollten.

H. Zaun: Wann haben Sie die ersten Fernsehbilder des Raumflugs bzw. Gagarin gesehen?

Thiele: Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Wir besaßen unseren ersten Fernseher erst 1965. Aber der Name Gagarin war mir zu diesem Zeitpunkt geläufig.

H. Zaun: Wie stellten die westlichen Medien das historische Ereignis bis 1969 dar? Wurde die technische Leistung des politischen Klassenfeinds in den Jahren danach überhaupt gewürdigt oder schlichtweg diskreditiert?

Thiele: Alles in allem sah man eine Entwicklung in der Berichterstattung. So habe ich dies jedenfalls wahrgenommen. Was ich sehr genau in Erinnerung habe, war, dass bis zum Tod des ersten Menschen bei einer bemannten Weltraummission (Anm.: Der Kosmonaut Wladimir M. Komarow , 40 Jahre, starb 1967 während der Landung der Sojus-1-Kapsel, weil sich der Fallschirm nicht entfaltete) die Russen sehr stark propagierten, erneut als Erste Weltraum-Geschichte geschrieben zu haben und daher beim Wettrennen um die Eroberung des Weltalls uneinholbar führen würden. Diese Darstellung war meinem Empfinden nach deutlich überzogen. Zwar hatten die Amerikaner nicht den ersten Satelliten und Menschen in den Orbit gebracht, dafür waren ihre folgenden Missionen oft anspruchsvoller. Dass wir damals an dem amerikanischen Raumfahrtprogramm stärker partizipierten als am sowjetischen, war überwiegend dem Umstand ihrer Offenheit geschuldet. Bei den Amerikanern konnten wir über die Medien alles Schritt für Schritt verfolgen. Gagarins Raumflug hingegen stellte uns vor vollendete Tatsachen. Näheres von ihm und seiner Mission erfuhren wir erst später aus den Zeitungen.

H. Zaun: Das klingt ein wenig wie beim Sputnik-Schock. Gab es auch einen Gagarin-Schock?

Thiele: Allgemein denke ich dies schon. Persönlich habe eine solchen natürlich nicht durchlebt. Meine stärkste Erinnerung an Gagarin ist sein Unfalltod, sein Flugzeugabsturz im Jahr 1968. Das war ein Schock für mich. Sein Tod schien mir damals irreal. Ein Astronaut war für mich zu dieser Zeit doch ein unbesiegbarer und unverwundbarer Held, einer, der nicht so einfach sterben konnte.

H. Zaun: Im Bewusstsein der Menschen scheint die Apollo-11-Mission tiefer verankert zu sein. Mehrheitlich verbinden diese mit der ersten bemannten Mond-Mission <tk>das<tk> raumfahrthistorische Ereignis schlechthin. Könnte dies daran liegen, dass die erste bemannte Mondmission ein rein westliches Unternehmen war, das zudem via Fernsehen und Radio (fast) live übertragen wurde?

Thiele: Da stimme ich nur bedingt zu. Rückblickend betrachtet konnten wir uns angesichts der spärlichen Informationspolitik der Sowjets nicht wirklich auf das jeweilige bevorstehende Großereignis einstimmen, weil wir nichts von deren Plänen wussten. Wenn man erst hinterher erfährt, dass ein Raumflug stattgefunden hat, kann man im Vorfeld nicht daran partizipieren. Bei den Amerikanern war dies anders. Als John F. Kennedy 1962 seine berühmte Rede an der Rice University explore.rice.edu/explore/default.asp (Houston/Texas) hielt und den Startschuss für einen bemannten Mondflug gab, war diese Maxime über Jahre hinweg präsent und bewegte die Menschen. Und letztendlich wurde ja alles bekanntermaßen ein grandioser Erfolg. Lasse ich Gagarins Flug Revue passieren, so denke ich dennoch, dass die Bedeutung seiner Pioniertat heute wächst, weil sie tatsächlich den ersten Aufbruch eines Menschen in den Weltraum versinnbildlicht. Hinsichtlich der Apollo-11-Mission sind viele Menschen inzwischen nicht mehr so sensibilisiert wie einst. Selbst meine Kinder, die erst nach 1969 zur Welt kamen, werten zwar die erste Mondlandung als großartiges historisches Raumfahrtereignis. Dennoch ist ihr Empfinden anders. Sie können diese historische Zäsur nicht so gut nachvollziehen wie ein Zeitzeuge, der das Ereignis bewusst miterlebt hat.

H. Zaun: Als Backup-Astronaut für den niederländischen ESA-Wissenschaftsastronauten André Kuipers, der dann im April 2004 an Bord der Sojus TMA-4 zur Internationalen Raumstation ISS flog, absolvierten Sie im „Juri Gagarin Kosmonauten Trainingszentrum" in Moskau das komplette Trainingsprogramm. Hierbei lernten sie russische Raumfahrer, Experten und auch die russische Seele kennen. Welcher Stellenwert hat Juri Gagarin in Russland derzeit? Wird er auch heute noch glorifiziert wie zu Sowjet-Zeiten?

Thiele: Ein Bewusstsein, dass der erste Raumfahrer, namentlich Gagarin, etwas Großes geleistet hat, ist schon vorhanden. Ja, in Russland gilt Gagarins Flug wirklich als Pioniertat ohnegleichen. Hierfür zollen die Russen ihm noch heute größten Respekt. Aber von einer Glorifizierung seiner Person spürte ich während meines längeren Aufenthaltes im Sternenstädtchen („Swjosdny Gorodok") bei Moskau nichts. Man ist sich dort aber auch darüber im Klaren, dass Russland von solchen raumfahrthistorischen Großtaten gegenwärtig weit weg ist. Sie liegen in ferner Vergangenheit.

H. Zaun: Glauben Sie, dass mit Blick auf die großen gegenwärtigen Probleme in der russischen Raumfahrt einige Verantwortliche lieber auf die alten Erfolge zurückblicken und die weniger rosige Zukunft ausblenden?

Thiele: Das sehe ich nicht so. Die Russen leben nicht von ihrer Raumfahrtgeschichte. Es ist richtig, dass sie nicht die gleichen technischen und finanziellen Möglichkeiten haben wie Amerika. Dennoch versuchen sie mit ihren bescheidenen Mitteln aus allem wirklich das Maximum herauszuholen. Auch die Russen denken zukunftsorientiert. Und diese Zukunft speist sich nicht aus den Erfolgen der Vergangenheit. Ich persönlich glaube immer noch, dass die Russen aus diesem Grund auch in absehbarer Zeit weiterhin mit zu den führenden Raumfahrtnationen zählen werden. Schließlich glauben sie ernsthaft an die Exploration des Alls und an die bemannte Weltraumfahrt. Auch wenn die Verantwortlichen in Russland zurzeit in puncto Raumfahrt sehr viele Umstrukturierungen meistern müssen, bewältigen sie ihre Probleme mit einer bemerkenswerten Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit. Ich bin mir dagegen nicht so sicher, ob wir all dies im Westen ähnlich gut bewerkstelligen würden.

H. Zaun: Russland ist noch weit davon entfernt eine Demokratie zu sein. Ist deren Raumfahrt daher heute immer noch ein Propagandainstrument bzw. Prestigeobjekt?

Thiele: Galt die Raumfahrt in den 1960er und 1970er Jahren in der Tat noch als Prestigeobjekt, so ist ein derartiges Denken in dieser Intensität heute nicht mehr spürbar. Andererseits bedeutet dies aber nicht, dass die bemannte Raumfahrt auf beiden Seiten des Atlantiks oder in Europa gar keinen Prestigecharakter mehr hätte. Was der damalige US-Präsident Lyndon B. Johnson in den 1960zigern sagte, hat bis heute nichts an Aktualität verloren: "If you are first in space, you are first in space. If you are second in space, you are second in everything."

H. Zaun: Sie sind schon vor, aber auch im Rahmen ihrer NASA-Shuttle-Mission und danach mit vielen amerikanischen Astronauten und Raumfahrtexperten etc. zusammengekommen? Welchen Stellenwert genießt Gagarin, immerhin ein politischer Klassenfeind aus alten Tagen, in den USA? Trauern die Amerikaner ihren verpassten Chancen auch heute noch nach?

Thiele: Das habe ich in Gesprächen mit Kollegen und Freunden überhaupt nicht erlebt. Bei den NASA-Astronauten und in dem ganzen Umfeld herrscht im Gegenteil ein sehr gesundes Selbstbewusstsein. Die ganz großen Ziele haben ja ganz zweifellos die Amerikaner umgesetzt, wenn dabei auch zu viele Opfer zu beklagen waren. Auch wenn die Mondlandung für die Amerikaner das herausragendste Ereignis schlechthin war, so bestreitet keiner von ihnen die historische Dimension von Gagarins Flug. Viele Amerikaner bewundern Gagarins persönliche Leistung, denken aber insgeheim, dass es doch viel schöner gewesen wäre, wenn Gagarin NASA-Astronaut gewesen wäre.

H. Zaun: Ende 1972 verließen Astronauten der Apollo-17-Mission letztmals den Orbit. Seitdem spielt sich die bemannte Raumfahrt ausschließlich in den orbitalen Gefilden ab, die bereits Gagarin 1961 selbst erkundet hat. Sind nur finanzielle Engpässe daran schuld, dass die Nachfahren Gagarins den Sprung ins Sonnensystem bislang versäumt haben?

Thiele: Es gibt nicht eine einzelne isolierte Ursache, sondern ein Bündel an Ursachen, die zu der aktuellen Situation geführt haben. Gewiss, den finanziellen Aspekt darf man nicht unterschätzen, aber ausschlaggebend ist er nicht. Ich persönlich glaube vielmehr, dass die Shuttle-Missionen im Rückblick später einmal als Umweg angesehen werden. Die Frage wird sein: War dieser Umweg notwendig? Ich erinnere mich an ein Zitat von Michael Griffin www.nasa.gov/about/highlights/griffin_bio.html, den früheren NASA-Direktor, der sagte: „Ich hoffe, dass wir, wenn wir jemals wieder eine 400-Tonnen schwere Struktur im Weltraum zusammenbauen" – dabei hatte Griffin fraglos eine bemannte Mars-Mission im Fokus – „nie wieder so unklug sind, alles in 20-Tonnen-Stücken hochzuhieven." In diesem Sinne wird man meiner Meinung nach später sagen, dass das Shuttle-Programm ein Umweg gewesen ist, weil es nie das erfüllt hat, was man sich ursprünglich davon versprochen hat.

H. Zaun: Ohne das politisch motivierte Space Race, den Dualismus zwischen der Sowjetunion und den USA, den Kampf um den Orbit, wäre Gagarins Flug nicht denkbar gewesen. Glauben Sie, dass hinsichtlich einer bemannten Mission zum Roten Planeten eine Art Wettlauf aufkommen könnte?

Thiele: Der erste bemannte Raumflug zum Roten Planeten wird kein Rennen, sondern eine Reise zum Mars sein. Ich glaube, dass dies nur in einem globalen Kontext gehen wird, in dem einzelne Staaten bzw. Raumfahrtagenturen ihre individuelle Stärken einbringen müssen, von denen nebenbei bemerkt die Europäer allerdings noch genau definieren müssten, wo diese denn liegen sollen. Ein echtes Space Race wie in den 1960er Jahren zwischen zwei globalen Mächten, die sich einstmals gesellschaftspolitisch konträr gegenüberstanden, werden wir nicht erleben! Eine Feindseligkeit, wie sie das Verhältnis der beiden Weltraumnationen noch vor 50 Jahren prägte, gibt es heute nicht mehr. Deswegen glaube ich, dass der Motor ein anderer sein wird. Ich erwarte vielmehr, dass den Menschen immer mehr bewusst wird, dass es nicht unser Anspruch sein kann, immer nur um unsere Heimatwelt zu kreisen. Nein, der Rote Planet sollte das Ziel sein, eine bemannte Mars-Mission der nächste, keineswegs der letzte Schritt sein. Eine interplanetare Reise wäre eine ungleich schwerere Aufgabe als alles, was wir bisher gemacht haben. Aber es ist machbar, der Planet erreichbar.

H. Zaun: Was können wir, die Wissenschaftsastronauten, Ingenieure etc. von Gagarins Pionierleistung lernen?

Thiele: Wenn ich das in einem Satz sagen müsste, würde ich sagen: Es geschieht nichts Großes, ohne dass jemand den ersten Schritt wagt!

www.telepolis.de

Film zum Thema

Unbekannteres Youtube-Video (in russischer Sprache und propagandistisch gefärbt, aber dennoch sehenswert) vom Raketenstart, Training und der Landung Gagarins – und dem Jubel danach:

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