"Man sollte mal die mächtigsten Männer der Welt da hinaufschießen"

von Dr. Harald Zaun

H. Zaun: Herr Dr. Merbold, sie zählen zu den wenigen Astronauten, die gleich dreimal im Orbit waren. Wird es ein viertes Mal geben?

Ulf Merbold: Das wäre schön, aber da ich bereits dreimal oben war, muß ich jetzt an die Kollegen denken, die noch nicht geflogen sind. Es ist für mich eine Frage der Professionalität, daß jeder, der in einem Team arbeitet, auch anderen eine Chance läßt.

H. Zaun: Die "altersschwache" russische Mir übergibt in absehbarer Zeit endgültig das Zepter an die Internationale Raumstation. Befindet sich die Raumfahrt auf ihrem Weg ins dritte Jahrtausend im Umbruch?

Ulf Merbold: Natürlich kann man hier von einem Umbruch reden. Die MIR wird im kommenden Februar 13 Jahre in der Erdumlaufbahn unterwegs sein. Auch eine solche Raumstation muß wie jede Maschine irgendwann durch ein besseres System ersetzt werden. Mit der ISS kommt eine neue Raumstation, die der Wissenschaft nicht nur eine leistungsfähigere Plattform bietet, sondern sie gibt auch ein hoffnungsvoll stimmendes politisches Signal. Hier arbeiten Amerikaner und Russen, die jahrzehntelang in Konfrontation gegenüberstanden, erstmals mit den übrigen Industriestaaten der Erde zusammen. Die industrialisierte Welt schafft sich gemeinsam einen Außenposten im Weltraum.

H. Zaun: Kritiker werfen der ISS vor, jetzt schon museumsreif zu sein. So sei etwa der vorgesehene Zentralrechner mit einen 386er Prozessor bereits hoffnungslos veraltet.

Ulf Merbold: Was im Weltraum seinen Anfang genommen hat, weist Parallelen zum Bau des Eisenbahnsystems im letzten Jahrhundert auf. Auch hier wurde seinerzeit die hierfür notwendige Infrastruktur über viele Jahrzehnte installiert. Ich hoffe sehr, daß wir diese Beständigkeit für den Bau der ISS mitbringen. Wenn die russische mit der amerikanischen Technik kombiniert wird, gibt es natürlich Anpassungsprobleme und somit Verzögerungen. Die Russen bauen gute Hardware, sind aber bei der Software dem Westen hoffnungslos unterlegen. Hier sehe ich jedoch weniger eine Gefahr, sondern vielmehr die Chance, sich gegenseitig zu ergänzen. In Amerika sind die Schwierigkeiten riesengroß, in die vorhandene Systemarchitektur etwas Neues einzufügen. Und zwar deswegen, weil es unglaublich viel Geld kostet, die gesamte Dokumentation zu verändern. Im Gegensatz zu Rußland wird hier alles so genau dokumentiert, daß sie bei jeder Schraube nachvollziehen können, wer diese irgendwann einmal in den Händen hatte.

H. Zaun: Wie wirkt sich die aktuelle Wirtschaftskrise in Rußland auf den Bau der ISS aus?

Ulf Merbold: Die derzeitige Finanzkrise in Rußland trägt sicherlich kaum dazu bei, das dort für die Raumfahrt mehr Gelder fließen. Ob dadurch zusätzliche Komplikationen entstehen, muß man abwarten. Auf der anderen Seite wäre es aber ein Jammer, wenn die Russen mit ihrem reichlichen Erfahrungsschatz aus solchen Gründen das Spielfeld verliessen.

H. Zaun: Beeindruckend ist das Zitat des Shuttle-Astronauten Sultan Bin Salman al-Saud: "Am ersten Tag deutete jeder von uns auf sein Land. Am dritten oder vierten Tag zeigte jeder auf seinen Kontinent. Ab dem fünften Tag gab es für uns nur noch eine Erde".

Ulf Merbold: Jeder, der dort oben war und der die Erfahrung machen konnte, das man in 90 Minuten die Erde umfliegen kann, kommt verändert zurück. Es drängt ihn, all seinen Zeitgenossen zu vermitteln, wie unglaublich schön die Erde aussieht, aber wie klein und zerbrechlich sie zugleich ist. Da macht man sich als Astronaut automatisch Gedanken darüber, ob wir mit diesem Juwel sorgfältig genug umgehen. Nach einem Einsatz im Weltraum akzeptiert jeder für sich eine ethische Pflicht, die Natur für jene zu bewahren, die nach uns geboren werden.

H. Zaun: Der deutsche Wissenschaftsastronaut Thomas Reiter schlägt sogar vor, mal Politiker "nach oben" zu schicken.

Ulf Merbold: Man sollte diese alte Idee tatsächlich einmal realisieren...

H. Zaun: ...vielleicht sogar mit einer Friedenskonferenz an Bord einer Raumstation?

Ulf Merbold: Dies wäre denkbar. In der Tat wäre es am besten, mal die mächtigsten Männer der Welt gemeinsam da hinaufzuschießen. Eine Sache, die man von dort oben sofort erkennt, ist, daß man auf unserem Planeten nichts machen kann, ohne das es globale Rückwirkungen hat.

H. Zaun: Werden Raumfahrer notgedrungen zu Kosmopoliten?

Ulf Merbold: Ja, ich denke schon...

H. Zaun: Früher avancierten Testpiloten zu Astronauten, heutzutage geben hochqualifizierte Wissenschaftsastronauten den Ton an. Werden bald Weltraumtouristen das Bild im All bestimmen?

Ulf Merbold: Ich glaube nicht, das es in absehbarer Zeit zu einer solchen Entwicklung kommt. Sicherlich wird man irgendwann jemanden, der gesund und solvent ist, gegen Kostenerstattung nach oben mitnehmen. Es ist natürlich eine unglaublich emotionale Geschichte, in 90 Minuten einmal den Erdball zu umfliegen, - dies gönne ich wirklich jedem. Auf der anderen Seite kann aber keinem erspart werden, sich für eine solch eine teure Reise einem intensiven Trainingsprogramm auszusetzen. Auch in Zukunft wird ein Raumflug zu keiner erholsamen Badekur.

H. Zaun: Die Vertreter der unbemannten Raumfahrt werfen den bemannten Missionen nach wie vor zu hohe Kosten vor.

Ulf Merbold: Diese interne Diskussion findet kein Ende. Es gibt immer noch Wissenschaftler, die fälschlicherweise behaupten, sie könnten mit Raumsonden grundsätzlich alles besser und billiger machen. Man sollte lieber jedes Experiment für sich prüfen, ob es mit der heute verfügbaren Technik besser bemannt oder unbemannt durchzuführen ist. Trotzdem haben bemannte Missionen einen entscheidenden Vorteil, weil der Mensch vor Ort seine fünf Sinne einbringen kann. Somit ist er jedem Computer in punkto Kreativität und Flexibilität überlegen. Aber automatisierte Systeme wie unbemannte Satelliten eignen sich hervorragend für alle Fragen, bei denen Prozesse kalkulierbar bzw. programmierbar sind. Wetterbilder anzufertigen und dabei alle dreißig Sekunden genau auf dem Auslöser zu drücken, wäre doch für Menschen stinklangweilig.

H. Zaun: Wie lautet ihr Plädoyer für bemannte Raumfahrt, um die damit verbundenen Ausgaben zu rechtfertigen?

Ulf Merbold: Würde man die Raumfahrt nur allein unter dem Kosten-Nutzen-Verhältnis bewerten, gäbe es sicherlich keine mehr. Vielmehr stellt die Raumfahrt uns vor der Herausforderung, eine alte Tradition fortzuführen. Seit Aristoteles hat gerade die westliche Kultur sich immer wieder Gedanken darüber gemacht: Wo kommen wir her, wohin gehen wir. Es ist geradezu eine Eigenschaft der Wissenschaft, daß das, was gestern noch als wahr erkannt wurde, heute wieder in Frage zu stellen. Diese Rastlosigkeit des Denkens und Forschens ist eine Hefe, die am Ende doch dazu geführt hat, daß wir der Wahrheit beständig näher kamen. Hat man im Mittelalter noch geglaubt, wir säßen auf einer Scheibe, so wissen wir jetzt, das wir auf einer Kugel sitzen. Entscheidend dazu beigetragen haben Leute wie Kolumbus, die entgegen allen Ratschlägen das Wagnis auf sich nahmen, den Weg nach Indien in westlicher Richtung zu suchen. Wir sind die ersten, die diese abgehobene Position im Weltraum einnehmen. Für mich ist dies eine einmalige Chance, die genutzt werden muß; sonst würden uns spätere Generationen als dekadent hinstellen.

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