Sind wir allein im Universum?

von Dr. Harald Zaun

H. Zaun: Von dem Physiker Freeman Dyson stammt das Zitat: "Ich fühle mich nicht fremd in diesem Universum. Je länger ich es betrachte und seine Konstruktion studiere, desto mehr sehe ich bewiesen, daß das Universum von unserer Ankunft gewußt haben muß". Herr Dr. Walter, was mag das Universum von außerirdischen Intelligenzen wissen?

Ulrich Walter: Das Universum interessiert sich eigentlich herzlich wenig dafür, ob wir und andere Intelligenzen existieren oder auch nicht. Die Erde ist und bleibt im gesamten Kosmos eben nicht mehr als nur ein kleines Staubkorn. Leider glauben immer noch viele Menschen, daß wir etwas besonderes sind. Dies heißt jedoch nicht, daß ich Dyson grundsätzlich widerspreche. Er meint, daß das Universum sich im Zuge der kosmischen Evolution dergestalt gebildet hat, daß wir Menschen aus ihm hervorgehen konnten. Hierfür mußten jedoch Millionen von Randbedingungen bis aufs Detail genau erfüllt sein. Wäre nur ein Baustein falsch angeordnet gewesen, gäbe es keine Menschheit. Da das Universum sich aber so gebaut hat, daß wir darin existieren können, muß Dysons Ansicht nach seine Entwicklung ein Ziel haben.

H. Zaun: Lesen ihres neuen Buches fällt auf, daß Sie sich eines Themas bedient haben, daß Ihnen seit Jahren unter den Fingernägeln gebrannt haben muß.

Ulrich Walter: So ein Buch entsteht nicht aus dem Nichts. Für diese Thematik habe ich mich eigentlich schon immer interessiert. 1986 fiel mir das Buch von Barrow und Tipler (The Anthropic Cosmological Principle) in die Hände, das für mich eine Quelle der Inspiration war. Hinzu kam, daß ich nach meiner D-2-Shuttle-Mission 1993 viele Vorträge gehalten habe, bei denen mich immer wieder Menschen auf diese Problematik hin angesprochen haben. Also habe ich mich einfach hingesetzt, Material gesammelt, fleißig gelesen und irgendwann zur Feder gegriffen.

H. Zaun: Glauben Sie, daß ein Wissenschaftsastronaut mehr Wissen und Sensibilität in ein solches Thema einbringt als ein herkömmlicher Autor?

Ulrich Walter: Zumindest glauben dies viele Menschen, die sich offensichtlich für diese Thematik interessieren. Viele von ihnen haben mich nach Vorträgen und Veranstaltungen aufgesucht, in der Hoffnung, daß ich auf ihre Fragen kon-krete Antworten geben kann. Für sie war klar: Wenn der es nicht weiß, wer soll es dann wissen?

H. Zaun: Angesichts der jüngsten Entdeckungen von weiteren Planetensystemen und der immer noch währenden kontroversen Dis-kussion um den Marsmeteoriden ALH 84001 scheinen Öffentlichkeit und Medien für dieses Thema sensibilisiert? Spiegelt sich hierin der vielbeschworene Zeitgeist wider?

Ulrich Walter: Es ist ein grundsätzliches Interesse da, wohl auch deshalb, weil wir uns im Übergang ins neue Jahrtausend befinden. Da zeigt man sich gerade solchen Dingen gegenüber besonders aufgeschlossen. Trotzdem sind derartige Themen in Europa nicht so populär wie in den USA. Wird dort beispielsweise ein neuer Planet entdeckt, berichtet darüber gleich die New York Times oder ein anderes Blatt in großer Aufmachung auf der ersten Seite. In den großen deutschen Zeitungen hingegen taucht eine solche Meldung bestenfalls unter "ferner liefen" auf. Dies spiegelt die Einstellung der Öffentlichkeit in Deutschland wider. In unserer humanistisch geprägten Gesellschaft dominieren halt politische und kultu-relle Themen. Ganz im Gegensatz zu den USA, wo man zukunftsorientiert denkt, sind unsere Bildungswerte geradezu vergangenheitsfixiert.

H. Zaun: Stephen Hawking hat in seinem Bestseller "Eine kurze Geschichte der Zeit" ganz bewußt auf Formeln verzichtet. Sie hingegen haben einige Formeln verwendet.

Ulrich Walter: Mein Buch wendet sich an LeserInnen, die wissenschaftlich interessiert sind, und vielleicht auch eine wissenschaftliche Vorbildung mitbringen. Um Zusammenhänge wissenschaftlich zu untermauern, muß man manchmal in die Tiefe gehen. Hierzu gehören eben Gleichungen, denn sie haben einen streng logischen Aufbau und zeigen wichtige Details auf, die man sonst vielleicht übersehen würde. Allerdings habe ich die wirklich komplexen und schwierigen Formeln bewußt im Anhang aufgeführt.

H. Zaun: Zu ihrer Zielgruppe gehören wohl kaum Fantasten, Däniken-Gläubige oder Ufologen?

Ulrich Walter: Meine Intention ist es nicht, deren Glauben einfach zu zerstören. Ich habe nur versucht, Fakten zusammenzutragen, um schlüssige und logische Antworten zu finden. Daß unser Gehirn in punkto Erinnerungsvermögen nicht immer zuverlässig arbeitet, spiegelt sich nicht zuletzt in den oft widersprüchlichen Aussagen über sogenannte UFO-Phänomene wider. In meinem Buch gehe ich hierauf näher ein.

H. Zaun: Ufologen behaupten immer wieder, daß vor allem Astronauten während ihrer Missionen ins All häufig Ufo-Begegnungen gehabt hätten.

Ulrich Walter: Ich habe mit vielen Raumfahrern und Apollo-Astronauten hierüber gesprochen. Keiner von ihnen hat jemals ein UFO oder mehrere gesehen. Dies gilt auch für meine Person.

H. Zaun: Ihre pessimistische Prognose über die Erfolgsaussichten der SETI-Forscher, die seit Jahrzehnten den Himmel nach außerirdischen Funksignalen absuchen, stimmt nachdenklich.

Ulrich Walter: Die SETI-Forschung hat gewiß ihre Berechtigung, auch wenn wir über Funkwellen wahrscheinlich nie von der Existenz fremder Kulturen erfahren werden. Ich bin der Meinung, daß erst ein stetes, erfolgloses Suchen über lange lange Zeit - hunderte, Tausende von Jahren - die Menschen wirklich davon überzeugen wird, daß es keine Außerirdischen gibt, jedenfalls nicht in der näheren Umgebung unseres Sonnensystems. Hinzu kommen die immensen Probleme, mit denen sich die einzelnen SETI-Projekte auseinandersetzen müssen, wie etwa die zeitliche und räumliche Distanz zu den vermeintlichen ETIs.

H. Zaun: In unserer Milchstraße sehen Sie nur wenige ETIs. Wieviele intelligente Zivilisationen existieren denn Ihrer Ansicht nach "momentan" im gesamten Universum?

Ulrich Walter: Wenn überhaupt, dann sehe ich in unserer Milchstraße maximal eine Handvoll ETIs. Im gesamten Kosmos mögen es gewiß entschieden mehr sein. Auf eine genaue Zahl festlegen möchte ich mich hierbei aber nicht.

H. Zaun: In einem Unterkapitel Ihrer Arbeit spekulieren Sie über das mögliche Aussehen von Außerirdischen. Auf welchen "Alientyp" stehen sie eigentlich?

Ulrich Walter: Alle Aliengeschöpfe, die ich bislang aus Filmen kenne, sind äußerlich nicht meine Sache: weder die kleinen grünen Männchen mit den Antennen noch solche, die abstruse spitze Ohren, Geschwüre im Gesicht oder sonst ein gestelzt komisches Aussehen haben. Ich denke, daß deren Aussehen, so andersartig es auch erscheinen mag, nicht unsympatisch sein muß; ähnlich wie bei Tieren, die uns in sehr unterschiedlichen Formen begeg-nen, die aber alle irgendwie harmonisch aussehen. Auf genau solche Formen würde ich stehen.

H. Zaun: Sie zeichnen ein sehr zukunftsoptimistisches Bild der Raumfahrt. Sogar eine interstellare Raumfahrt halten sie prinzipiell für realisierbar. Sind Sie als Astronaut hier nicht zu sehr befangen?

Ulrich Walter: Eine besondere Offenheit möchte ich nicht abstreiten. Wenn man aber mal in einem Raumschiff gesessen hat und feststellt, daß alles wie vorgesehen funktioniert, sieht man die Dinge wohl mit anderen Augen. Auf der anderen Seite begründe ich ja auch ausführlich, warum eine Reise zu anderen Sternen möglich sein könnte. Natürlich muß die Technik noch optimiert werden, bevor man diesen Schritt macht. Andererseits liesse sich aber bereits mit der heutigen Technik viel mehr umsetzen als wir erahnen; es ist alles nur eine Frage des Geldes.

H. Zaun: Werden Raumfahrer notgedrungen zu Kosmopoliten?

Ulrich Walter: Ja. Selbst wenn Sie es vorher nicht sind, kommen Sie automatisch in diese Situation. Wissenschaftsastronauten müssen ein Ohr für die Welt da draußen haben. In der Regel reisen sie viel und treffen daher mit unterschiedlichen Menschen aller politischen Couleur und Nationalitäten zusammen. Da bleibt es nicht aus, daß man sich auch mit internationalen politischen und sozialen Themen auseinandersetzt. Raumfahrt eröffnet wirklich völlig neue Horizonte. Sie führt Menschen und zugleich unterschiedliche Denkweisen zusammen.

H. Zaun: Der deutsche Wissenschaftsastronaut Thomas Reiter schlägt sogar vor, mal Politiker "nach oben" zu schicken. Auch Ulf Merbold begrüßt diese Idee. Vielleicht eines Tages eine Friedenskonferenz an Bord eines Raumschiffs?

Ulrich Walter: Gerne, das ist eine gute Idee, auch wenn dies mit hohen Kosten verbunden ist. Dorthin könnte man mal Politiker hinschicken. Vielleicht begreifen diese dann endlich, daß es nur eine Erde gibt, daß es überhaupt keinen Sinn macht, über Grenzen zu streiten. Man kann von seinen eingetrampelten Pfaden nur abkommen, wenn man mal eine ganz andere, grundlegende Erfahrung gemacht hat. Man muß es einfach mit eigenen Augen gesehen haben. Die Logik alleine vermag oft nicht zu überzeugen.

Dieses Interview erschien auch auf  telepolis.de

< Zivilisationen im All. Sind wir allein im Universum? Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin 1999

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