Außerirdische Zivilisationen

von Dr. Harald Zaun

Harald Lesch: Gehen wir einfach mal von einer sehr optimistischen Prämisse aus und nehmen an, es gäbe die Anderen, irgendeine technologische Intelligenz da draußen ...

Wilhelm Vossenkuhl: ... sollte es so sein, dass wir eine solche fänden, ist nicht auszuschließen, dass wir denen in gewisser Weise überlegen sind. Schließlich wären wir ja diejenigen, die sie zuerst gefunden hätten – und nicht umgekehrt. Wir hätten den ersten Schritt getan.

Lesch: Sie hätten sich dann aber auf jeden Fall in einer Weise bemerkbar gemacht, dass selbst Naivlinge wie wir sie finden konnten.

Vossenkuhl: ... und sie könnten technologisch genauso gut oder schlecht dran sein wie wir ...

Lesch: Streng genommen lohnt es somit eigentlich nicht, über sie nachzudenken. Wenn schon, dann müsste es zumindest unser Bestreben sein, von denen die Besseren und nicht die Schlechteren zu finden.

Vossenkuhl: Nein, es kann ja sein, dass sie uns in wesentlichen Hinsichten überlegen sind, weil sie diese immens übertriebene technologische Entwicklung, die bei uns zunehmenden Einfluss gewinnt, einschließlich der Zerstörung der Umwelt rechtzeitig geblockt und gesagt haben: Das machen wir nicht mit! Wir zerstören nicht die Welt, in der wir leben. Wir verzichten auch auf Raumfahrzeuge, mit denen wir herumreisen könnten. Wir könnten es machen, aber wir lassen es einfach bleiben. Solche Aussagen wären ja selbst ein Anzeichen für eine Art höherer Intelligenz.

Wilhelm Vossenkuhl, geboren am 11. Dezember 1945 in Engen, lehrt und forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Der promovierte Philosoph und ordentliche Professor der Fakultät für Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft, hat einen Konkordatslehrstuhl inne. Wissenschaftlich in Erscheinung getreten ist er vor allem durch seine Arbeiten zu Wilhelm von Ockham und Ludwig Wittgenstein. Einer breiteten Öffentlichkeit wurde Vossenkuhl durch populärwissenschaftliche Sendungen auf BR-alpha und infolge einiger Bücher bekannt. Neben seinem TV-Einstieg mit Lesch & Co. blieb er BR-alpha treu und moderiert dort die Sendung "Philosophie", unternimmt aber auch mit Harald Lesch im Rahmen einer 60-minütigen Sendung in unregelmäßigen Abständen philosophische Exkurse in das Reich der "Denker des Abendlandes". Bei der Umgestaltung des Reichstagsgebäudes in Berlin hat Vossenkuhl als Berater mitgewirkt. Seit 2009 ist er Ehrenmitglied der Sokratischen Gesellschaft.

Lesch: Also statt Gut-Menschen sozusagen Gut-Außerirdische. Das wäre aber problematisch. Hast man es nämlich mit Leuten zu tun, die auf eine technologische Entwicklung bewusst verzichtet haben, wird es schwer, sie irgendwo im Universum zu lokalisieren. Dann würden wir vergeblich nach außerirdischen Intelligenzen bzw. elektromagnetischen Signalen suchen, die sich deutlich von den natürlichen abheben. Wer seine eigene Landwirtschaft betreibt und keinerlei elektromagnetische Unruhe im All verursacht, bleibt ungehört. Meine These wäre: Wenn wir welche finden, dann müssten die mindestens genauso verrückt sein wie wir und sich durch massiven Ressourcenverbrauch und die Freisetzung jeder Menge elektromagnetischer Energie bemerkbar machen.

Vossenkuhl: Aber es kann doch sein, dass irgendwelche Kollegen von dir mit einem Superteleskop à la Hubble einen Planeten in einem nicht allzu weit entfernten Sonnensystem observieren und dabei feststellen, dass dort eine Atmosphäre mit den gleichen Elementen existiert und Temperaturen wie bei uns vorherrschen. Dann wäre doch die Schlussfolgerung naheliegend, dass auf dieser Welt Leben sehr wahrscheinlich ist und wir dort vielleicht einmal hinfahren sollten. Immerhin könnten auf dieser Welt Lebewesen existieren, die sich rechtzeitig entschieden haben, weder nach links noch nach rechts abzubiegen. Lebewesen, die sich gesagt haben: Wir verbleiben an Ort und Stelle, bleiben auf unserem Planeten, wo wir gelandet sind. Und wir sehen keine Notwendigkeit, uns technologisch weiterzuentwickeln und sägen uns nicht noch unseren eigenen Ast ab.

Lesch: Da stimme ich völlig mit dir überein. Aber von außerhalb, wenn du nicht dort hinfährst, hättest du nur die Möglichkeit, die basalsten Dinge nachzuweisen. Dann bist du darauf angewiesen, dass der Planet dich dir auf elektromagnetische Weise mitteilt und du zudem Informationen über das Vorhandensein von Natur, Wasser und einer Ozonschicht in Erfahrung bringst. Radiowellen sind hier das Mittel der ersten Wahl. Wenn du dir unseren eigenen Planeten anschaust, dann könntest du noch einige Lichtjahre von der Erde entfernt mit einem Radioteleskop feststellen, dass es auf der Oberfläche inhomogen verteilte Radiosender gibt, die nicht natürlichen Ursprungs sind.

Vossenkuhl: Du bist also summa summarum der Ansicht, dass die Chancen, dass uns extraterrestrische Intelligenzen eines Tages finden, nicht nur höher sind, sondern dass es für uns auch besser ist, wenn wir entdeckt werden.

Lesch: Ob es so gut ist, entdeckt zu werden, weiß ich nicht. Wenn ich mir die Menschheitsgeschichte anschaue, dann haben die „entdeckten" Zivilisationen meist verloren.

Vossenkuhl: Ja, sie liefen immer Gefahr, kolonisiert zu werden.

Lesch: Ich finde den Gedanken höchst interessant, was wohl passieren würde, fänden und besuchten uns die Anderen? Was würde das bedeuten?

Vossenkuhl: Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der uns überlegen ist, uns aus Gründen besucht, die wir als gut und nachvollziehbar erachten. Diejenigen Technologien, die uns die Aufwartung machen, würden schon genau wissen, dass auf unserem Planeten das Leben terminiert ist. Es geht nicht mehr allzu lange so weiter. Der Planet Erde wird sukzessive wärmer. Sie würde gleichwohl wissen, dass wir unseren Planeten schon ziemlich ruiniert haben und dort nicht mehr allzu viele Rohstoffe zu holen sind. Und wer würde schon gerne einen Planeten besiedeln, um dort selbst alle Probleme lösen zu müssen. Ohne Gewalt ging das nicht. Es kann aber auch sein, dass die Anderen so unglaublich intelligent und gleichzeitig böse sind, dass sie uns als minderwertige Population erachten und schlimmstenfalls vernichten.

Dr. Harald Lesch (50) ist Professor am Institut für Astronomie und Astrophysik an der LMU in München und lehrt Naturphilosophie an der Hochschule für Philosophie SJ. Für seine Wissensvermittlung (z.B. Fernsehsendungen Alpha Centauri, Lesch & Co. und Vorträge etc.) wurde er mehrfach ausgezeichnet. Zurzeit moderiert er das ZDF-Magazin „Abenteuer Forschung". 2009 erhielt er den IQ-Preis. Seit 2010 moderiert er auf ZDFneo die viertelstündige Sendung Leschs Kosmos.

Lesch: Rufen wir uns doch einmal den Irak in der Situation vor dem Irakkrieg in Erinnerung. Da schwingt sich eine äußere Supermacht auf und sagt: Die Zustände in diesem Land gefallen uns nicht und daher erobern wir es! Wir wollen denen genau das beibringen, was wir für der Wahrheit letzten Schluss halten! Gäbe es eine außerirdische Supermacht und sollten wir einst mit ihnen direkt in Kontakt treten, und sollten die es wiederum schaffen, hierher zu kommen, dann hätten wir es auf jeden Fall mit Lebewesen zu tun, deren Entwicklungszustand jenseits von dem ist, was wir uns vorstellen können. Um ein solches Unternehmen zu realisieren, müsste der Planet alle seine Probleme gelöst haben. Fakt ist: Du brauchst einen freien Rücken, um solche Raumschiffe zu bauen. Du kannst keine Nationalstaaten gebrauchen, dein Planet muss funktionieren; du kannst dir keine Klimakatastrophe leisten. Wenn wir die Anderen finden, dann werden die zumindest auf unserem technologischen Niveau sein. Sollten sie tatsächlich bei uns auftauchen, wären mir deren ethische Grundsätze aber völlig schleierhaft.

Vossenkuhl: Könntest du dir nicht vorstellen, dass es so ähnlich ablaufen könnte, wie bei den Puritanern, die im 17. Jahrhundert England verließen und auf dem amerikanischen Kontinent Fuß fassten, wo sie ungestört ihre Religion ausüben konnten, wo diese quasi paradiesische Zustände antrafen. Es könnte ja sein, dass die Außerirdischen in unserem Planeten ebenfalls ein Paradies sehen. Vielleicht leben diese ja in einer noch viel stärker von Umweltzerstörung heimgesuchten Welt und finden unseren Planeten noch unberührt und für eine Besiedlung bestens eignet. Sie wären dann auf einer Art interplanetaren Mayflower-Mission.

Lesch: Du meinst, die Puritaner waren die Guten. Ich denke, dass das die Ureinwohner Amerikas, die Indianer, damals wohl völlig anders gesehen haben.

Vossenkuhl: Zunächst einmal waren die Puritaner die Guten. So ähnlich wie die Puritaner im Zuge ihrer Missionierung später geglaubt haben, dass sie die armen Indianer zum „richtigen" Glauben bekehren müssten, könnten Außerirdische denken und handeln. Auch sie könnten geneigt sein, uns zu einem richtigen Glauben bekehren zu wollen.

Lesch: Irgendwie habe ich immer das Gefühl, dass wir alle davon ausgehen, dass die Anderen im Grunde genommen genauso dumm sind wie wir ...

Vossenkuhl: Das ist eigentlich völlig einleuchtend, dass wir das denken. Denn wie sollten wir in dieser Hinsicht anders denken, als wir denken. Das kriegen wie anders gar nicht hin.

Lesch: Die entscheidende Frage ist doch, welche Voraussetzung gegeben sein muss, dass eine Zivilisation auf ihrem Planeten lange lebt. Für mich muss es eine gewisse Grundintelligenz geben. Denn wenn da lauter Dumme auf dem Planeten sitzen, die immer nur sagen „Ich, ich, ich ...!" werden sie schnell wieder verschwinden. Die andere Variante wäre, dass wir es mit einer Zivilisation zu tun haben, die die entscheidenden Entwicklungsschritte tatsächlich im Sinne von Kooperation, freiwilligem Verzicht durchzieht – und dabei gleichzeitig noch eine nachhaltige technologische Entwicklung mithilfe regenerativer Energiequellen bei gleichzeitiger Stabilisierung der Population und einer gesonderten Rücksichtnahme auf die Natur betreibt. Lieber Gott, das müsste ja dann ein Planet sein, auf dem es fürchterlich langweilig zugeht.

Vossenkuhl: Aber moralisch gesehen wäre er vorbildlich. Dort könnten Geschöpfe leben, die alle Egoismen hinter das gemeinsame Ziel zurückstellen, eine andere Zivilisation kennenlernen zu wollen, diese möglicherweise von den eigenen wunderbaren Einsichten zu überzeugen. Das wären Moralakteure par excellence, die nicht Böses täten oder sich gegenseitig schädigten. Sie würden stattdessen total verlässlich handeln.

Lesch: Würde man aber solch ideal moralisch Handelnde als Freunde bezeichnen? Ich würde dich beispielsweise als meinen Freund bezeichnen. Ich würde dich aber nie schädigen, andererseits aber wohl auch mal hin und wieder auf den Arm nehmen, was dich ja möglicherweise ein klein wenig verletzt und veranlasst, mich auf den Selbigen zu nehmen ...

Vossenkuhl: Das ist eine Einsicht, die schon Aristoteles hatte. Freundschaft ist ja ein Band, das einen auch dann noch verbindet, wenn es sich dehnt bzw. gedehnt wird. Auch wenn du feststellst, dein Freund hat irgendetwas Illegales angestellt, wirst du ihm trotzdem nicht deine Freundschaft entziehen, sondern ihm helfen. Da ist schon eine Menge Musik drin. Die Freundschaft ist das Entscheidende an allem. Wenn sie wirklich vorhanden ist, ersetzt sie – und das ist übrigens ein schöner Gedanke – sogar die Gerechtigkeit. Wenn du eine gute Freundschaft pflegst, dann brauchst du keine Gerechtigkeit, weil in ihr in der Regel alles prima läuft. Du willst nicht meine Frau, mein Haus oder mein Auto und ich nicht deine Frau, dein Haus oder dein Auto! Wenn der andere Planet ein Freundesplanet wäre und die Bewohner sich sagen, dass sie alle Freunde sind, werden sie angemessen handeln. Sollten sie feststellen, dass es auf einer Nachbarwelt ebenfalls intelligentes Leben gibt, auf dem es aber ziemlich düster aussieht, könnten sie sich berufen fühlen, zu helfen. Das wäre eine Art von Export der Freundschaft. Außerirdische Kulturen, die uns besuchten, bekämen natürlich sicherlich schnell Probleme, sobald sie feststellen, dass wir nur begrenzt freundschafts- und moralfähig sind. Bei ihnen würde eine solche Reaktion Enttäuschung provozieren; aber der Export der Freundschaft wäre für sie nach wie vor Verpflichtung und Programm. Sie würden weiterhin alles auf sich nehmen, um ihr Ziel zu realisieren.

Lesch: Das wäre doch wunderbar. Freundschaftsexport – das wäre eine feine Sache. Ein solche Handlungs- und Vorgehensweise würde ich als intelligent bezeichnen, weil Freundschaft nun einmal das Spiel am Laufen hält.

Vossenkuhl: Nehmen wir mal an, dass dieser Freundschaftsplanet von Leuten besiedelt wäre, die supersolidarisch sind und die nie etwas auf Kosten der Gemeinschaft machen würden, keinen Egoismus pflegen. Hier wird sich besagte Zivilisation die Frage stellen: Wie wahrscheinlich ist es, dass wir die Bewohner anderer Welten von unserem Anliegen überzeugen können? Irgendwie muss sich ja die lange Reise für sie lohnen. Würden sie eine solche Tortur wirklich auf sich nehmen, nur um uns Gutes zu tun? Hier bin ich mir nicht mehr so sicher. Ich wüsste nicht, welche Argumente obsiegen würden. Vielleicht sagen sie sich, dass sich ein solcher Aufwand überhaupt nicht lohnt und verzichten auf derartige Missionen.

Lesch: Wenn intelligente Außerirdische so gestrickt wären, hätten sie bereits die Erfahrung gemacht, dass es sich lohnt, einen Planeten wir die Erde zu besuchen, zumal sie über Techniken und Strategien verfügen dürften, um auf uns oder anderen Gesellschaften Druck auszuüben. Sie könnten den Bewohnern solcher Planeten mitteilen: Jetzt ist aber Schluss! Jetzt macht das Ganze besser oder wir holen die Keule raus!

Vossenkuhl: Jetzt machen wir mal eine kleine Zäsur und nehmen einmal an, dass uns feindlich gesinnte außerirdische Bösewichte entdeckt haben, dass unser Planet über reichliche Ressourcen verfügt und auf ihm noch nicht alles so zerstört ist wie bei ihnen daheim. Und berücksichtigen wir, dass diese nicht auf einem Freundschaftsplaneten leben, sondern auf einer Welt der reinen Intelligenz, ganz in unserem egoistischen Sinne. Eine Welt, in der sich alle gegenseitig ausnutzen. Ein Planet, der von außen ganz friedlich und freundlich aussieht, aber letztlich eine Perversion der uns bekannten Rationalität ist. Bewohner, die allein egoistischen Motiven folgen, frei nach dem Motto: Die Männer behandeln die Frauen nur deswegen so gut, weil sie diese zur Reproduktion brauchen ...

Lesch: ... und umgekehrt!

Vossenkuhl: ... und umgekehrt. Jedenfalls wäre bei dieser Konstellation für uns Gefahr im Vollzug. Dann müssten wir damit rechnen, dass sie mit uns etwas ganz Übles im Schilde führen und unseren Planeten womöglich als Ersatzteillager annektieren. Vielleicht haben die Anderen auf ihrer Heimat die ganzen Vorräte an Wasser und Edelmetallen aufgebraucht. In diesem Fall würden sie uns gnadenlos kolonisieren und sich nur das das abholen, was ihnen in ihren Augen zusteht. Sie nähmen sich, was sie brauchen, um ihre Hochtechnologie am Laufen zu erhalten. Und wer weiß, vielleicht nutzen sie unseren Planeten auch nur als Deponie für Atommüll.

Lesch: (lacht) Sie suchen ein Endlager. Asse lässt grüßen!

Vossenkuhl: Das wäre eben auch denkbar. Bei der linearen Fortsetzung unserer eigenen Situation kommt jedoch nichts Gescheites raus. Das ist ein totes Ende. Da kommen wir nicht weiter. Der Sprung über den eigenen Tellerrand ist nicht zu schaffen. Wir haben mit unseren Zivilisationen zu keinem Zeitpunkt die nötige Solidarität gezeigt und den nötigen Aufwand betrieben, um den Sprung ins All zu schaffen.

Lesch: Ich denke, dass wir nicht nur ein Solidaritätsproblem haben, um alle Kräfte zu bündeln und dorthin zu fliegen. Nein, wir haben auch eines, das die Suche nach den anderen Kulturen hemmt. Schließlich bauen wir keine Anlagen, die potent genug wären, den Himmel im Detail verschärft und mit hoher räumlicher Auflösung abzusuchen.

Zum Beispiel verfolgten wir noch bis vor Kurzem in Europa die Idee, im Rahmen des Projektes Darwin der Europäischen Raumfahrtagentur ESA, die Suche nach Ozon-Absorptionslinien außerhalb unserer Atmosphäre zu forcieren. Das Projekt hat die EU wieder abgeschaltet, weil wir das Geld für etwas Anderes brauchen. Es hat sich gezeigt, dass bei der Suche globaler Konsens gefragt ist. Wenn wir also eines Tages ein außerirdisches Signal aufschnappen, dann haben wir entweder Riesendussel gehabt oder wir haben tatsächlich eines schönen Tages alle unsere Ressourcenprobleme allesamt gelöst. Wir hätten dann Zeit und Muße, eine große Suchaktion zu starten und Planeten mit Leben, vielleicht sogar mit intelligentem Leben, zu finden. Das würde aber schon bedeuten, dass sich auf unserem Planeten im Operationsverhalten gewaltig viel geändert hat, was wir momentan jedoch nicht erleben. Aber allein die Kenntnis von der Existenz eines anderen Planeten würde zeigen, dass wir schon eine Menge gelernt haben.

Vossenkuhl: Alles steht und fällt aber auch mit dem Anreiz zu suchen. Eine wirklich kreative außerirdische Zivilisation muss einfach Lust und Freude daran haben, ein Raumschiff zu bauen. Du würdest – kreativ wie du bist – sofort eines bauen mit deinen Freunden, wenn du die Möglichkeit hättest. Vielleicht einfach nur zum Spaß um dann ...

Lesch: (grinst)... nach Alpha Centauri zu fliegen ...

Vossenkuhl: Es wäre denkbar, dass sich auch bei einer anderen Zivilisationen die Kreativen durchsetzen und durchs All fliegen. Es könnten im Idealfall Pioniere sein, die einen ähnlichen Tatendrang haben wie einst die Puritaner auf der Mayflower, die den Weg in eine andere Welt antraten.

Lesch: Aber schauen wir uns doch einmal an, was aus den Nachkommen der Mayflower geworden ist? Also, da wäre es meinem Dafürhalten nach wirklich besser, auf die ursprünglichen Pioniere zu treffen als auf all die nachkommenden Generationen. Viele Prinzipien von damals sind ja heute regelrecht entartet ...

Vossenkuhl: Nun, wir haben die Freundschafts-Invasion und die rein egoistische Rationalisten-Invasion als die schreckliche Variante. Beide scheinen mir recht unwahrscheinlich zu sein. Aber noch unwahrscheinlicher ist, dass sich eine andere Zivilisation genauso entwickelt wie unsere und ähnlichen Motiven folgen könnte.

Lesch: Es gibt aber noch eine fürchterliche andere Variante. Das ist jene, die sich in einer totalen Diktatur auf anderen Planeten vollendet, in der Generationen voller gehirngewaschener Individuen leben, die aus pragmatischen Gründen darauf konditioniert sind, wie Ameisen zu funktionieren. Auf der Erde sind Ameisen oder Bienen bekanntlich erfolgreiche Völker, in denen die einzelnen Individuen komplett auf ihre Funktion reduziert werden. Man muss ja leider feststellen, dass Diktaturen für den technologischen Fortschritt ein fantastischer Nährboden sind. Ich bin mir sicher, dass solche Gesellschaften, bei denen strikte Diktaturen den Ton angeben, zu den erfolgreichsten im Universum zählen, sofern sie nicht durch irgendwelche Anomalien instabil werden. Und zwar deswegen, weil sie sich komplett auf eine einzige Aufgabe fokussieren: nämlich auf die Besiedlung und Eroberung anderer Planeten.

Vossenkuhl: Man muss ja doch mal sehen, dass auf unserem Planeten tyrannische Systeme wie China einen enormen Wirtschaftserfolg haben – trotz der Missachtung der Menschenrechte. Man mag sich wirklich gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn Außerirdische eines tyrannischen Systems bei uns landen würden.

Lesch: Es gibt einen Science-Fiction-Film, der ein entsetzliches Szenarium durchspielt. Es ist der schlimmste Film, den ich jemals gesehen habe. Ich meine den Remake des Films „War of the Worlds" mit Tom Cruise, der auf dem gleichnamigen Roman von H.G. Wells basiert, der ja später durch die Hörspielinszenierung von Orson Welles 1938 weltberühmt geworden ist. Uns psychologisch, körperlich und technisch haushoch überlegene Invasoren aus dem All erobern die Erde – ohne Rücksicht auf Verluste. Wären sie selbst nicht das Opfer einer einzigen Anomalie geworden, wäre – zumindest in Roman, Hörspiel und Film – der Untergang der Menschheit besiegelt gewesen. Und jetzt stell dir mal die Steigerung vor: Wir hätten es mit Lebewesen zu tun, deren Gehirnentwicklung ein erhebliches Maß unserer Gehirnentwicklung überschreitet. Wer sagt uns denn, ob die Aliens nicht noch eine Stufe weiter sind und über telepathische, kinetische oder gar andere Fähigkeiten verfügen. Sie könnten individualtechnologisch jenseits von Gut und Böse sein.

Vossenkuhl: Retrospektiv gesehen wurden die größten Missstände der Menschheitsgeschichte durch vom Menschen gemachte Katastrophen beseitigt, vor allem durch Kriege. Die Wahrscheinlichkeit, dass die menschliche Rasse einer hausgemachten Katastrophe zum Opfer fällt, ist für mich recht hoch. Sie ist entschieden höher als die Gefahr einer außerirdischen Invasion.

Lesch: Sagen wir mal so – eine Superzivilisation könnte ganz klar das Ziel verfolgen, möglichst viele fremde Individuen zu versklaven. Wenn diese Mentalität im All verbreitet ist, dann wird irgendwann einmal mindestens eine Intelligenz auf einem Planeten auftauchen, die in der Lage ist, interstellar irgendwann einmal aktiv zu werden. Bei einer Intelligenz, die eine My-Home-is-My-Castle-Philosophie an den Tag legt, wird dies nicht der Fall sein. Raumfahrtbegeisterte Kulturen, die den Weg zu anderen Welten antreten, müssen nicht nur zu Hause alle ihre Probleme gelöst haben, sondern dazu noch hinreichend aggressiv oder neugierig sein. Es werden wohl eher wilde Zivilisationen sein, die ohne Unterlass darauf aus sind, weiter zu erobern. Für uns sind solche Zivilisationen weitaus leichter zu detektieren, da sie sich elektromagnetisch am stärksten bemerkbar machen. Die ewigen ruhigen und stillen Zivilisationen bleiben außen vor. Sie befinden sich in der Situation einer lautlosen Menschenmenge, aus der Schreie erfolgen. Während die meisten in der Menge unerkannt bleiben, ist der einsame Rufer am schnellsten und leichtesten zu lokalisieren.

Aufgezeichnet und überarbeitet von Harald Zaun

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