Interview - Die Zukunft der fernen Zukunft

Textauszug aus dem privat-familiären Exklusiv-Interview mit Harald Lesch (aus: Telepolis Special 01/2009 „Zukunft. Die Welt in 1000 Jahren“)

Ende Februar 3009: Vor 1000 Jahren erschien das Telepolis Special 01/2009 "Zukunft. Die Welt in 1000 Jahren".

Sollten einmal in 1000 Jahren die obigen Zeilen digitalen oder gar publistischen Niederschlag finden, und sollten im Jahr 3009 Historiker das heute erschienene Telepolis Special "Zukunft" aus dem Print-Archiv herauskramen und durchblättern, würden sie erstaunt zur Kenntnis nehmen, dass einige ihrer Vorfahren, namentlich die Autoren dieses Heftes, in puncto Fantasie, Kreativität und Mut zur Extrapolation in der Tat nicht von gestern gewesen waren.

Wer einen Eindruck davon gewinnen will, was die Geschichtsforscher in 1000 Jahren zu lesen bekommen könnten, braucht nicht 1000 Jahre zu warten, sondern kann das am 23. Februar 2009 erschienene Telepolis Special "Zukunft. Die Welt in 1000 Jahren" käuflich www.heise.de/kiosk/special/tp/09/01/ erwerben.

Appetit auf mehr soll ein Auszug aus einem Interview mit Prof. Harald Lesch machen, in dem sich der bekannte Astrophysiker Gedanken über die Zukunft der fernen Zukunft macht.

Würden Sie nicht auch gerne einmal den Flug des Zeitpfeils unterbrechen und alle Uhren abrupt anhalten, um wenigstens eine Zeit lang den zarten Atem des Augenblicks intensiv und bewusst zu spüren? Oder einmal dem Zeitstrom entgegen schwimmen, seinen Strudeln trotzend in die Vergangenheit eintauchen, sie mit eigenen Sinnen er- und durchleben? Doch sowohl die Vergangenheit, die irreversibel feststeht, als auch die Gegenwart, die unsere Sinne allenfalls drei Sekunden lang wahrzunehmen vermögen, sind gefangen im Zeitstrom und müssen seiner Linearität Tribut zollen. Und dennoch gibt es einen Weg, diese Linearität zu durchbrechen, indem man den Zeitpfeil einfach nur überholt und imaginär die ferne Zukunft anvisiert.

Dem Zeitpfeil voraus – das ist das neue Telepolis-Special im wahrsten Sinne des Wortes. Schließlich lässt es den langsam vor sich hin fliegenden Zeitpfeil weit hinter sich und nimmt den Leser mit auf eine faszinierende Zeitreise in die Welt von Übermorgen. Mehr noch: Es dringt in zeitliche Gefilde vor, in die sich bislang noch kein anderes (populär-) wissenschaftliches Magazin gewagt hat: sage und schreibe 1000 Jahre in die Zukunft.

Damit unsere fiktive Expedition gleichwohl nicht zu einem rein trivial-fantastischen Abenteuer verflacht, haben für dieses Magazin nur namhafte Wissenschaftler, renommierte Wissenschaftsjournalisten und Science-Fiction-Autoren zur Feder gegriffen. Diese gesunde Mischung scheint viel versprechend, avancierte doch schon Ende des 19. Jahrhunderts der Wissenschaftler und Wissenschaftsjournalist Herbert George Wells zum ersten „echten" Science-Fiction-Autoren, dessen Prognosen erstaunlich genau waren.

Auch wenn ihn heute viele noch als Entdecker der Zukunft und ersten Futurologen feiern, kommt in dem aktuellen Telepolis Special kein klassischer Futurist zu Wort, nicht zuletzt deshalb, da sich das Gros von ihnen heute ohnehin nur noch für die Wirtschaftswelt der nächsten Dekade oder reine Unternehmensberatung zu interessieren scheint. Noch gravierender ist aber, dass sich die althergebrachten Futurologen der Vergangenheit in puncto Weitsichtigkeit mehr dadurch hervortaten, sehr kurzsichtig gewesen zu sein. Da sie in ihren Vorhersagen mit erstaunlicher Treffsicherheit häufig daneben gelegen haben, wie der Bestseller-Autor Andreas Eschbach in einem Beitrag sehr anschaulich darlegt, überlässt das Sonderheft das Feld der Spekulation lieber jenen Spezialisten, die sich beim Extrapolieren ausschließlich auf ihr Fachgebiet besinnen.

Naturgemäß können diese nur punktuelle Mosaiksteine der Zukünfte thematisieren, die sich auch nur bedingt zu einem repräsentativen Gesamtbild verdichten. Mal thematisieren sie die künftigen Gefahren der Nanotechnologie, der Überbevölkerung und die des Klimawandels, mal die Chancen der Raumfahrt, Robotik oder Quantenphysik. Was sich aber dabei auch immer an Themen herauskristallisiert – spannend und faszinierend sind sie allemal, weil die Zukunft der fernen Zukunft desgleichen spannend und faszinierend ist.

Lassen Sie daher Ihrer Fantasie freien Lauf und wagen Sie mit dem neuen Special den Schritt ins nächste Jahrtausend, wohl wissend, dass der Schlüssel zu den Zukünften nicht immer im Wissen, sondern auch in unserer Imaginationskraft liegt. Die sich wie ein roter Faden durch dieses Sonderheft ziehenden schönen Retro-Bilder von Frank R. Paul www.frankwu.com/paul1.html sind hierfür das beste Beispiel. Nehmen wir daher einen der größten Mitgestalter der Zukunft dieses Planeten beim Wort: Albert Einstein. Dieser gab einst zum Besten: „Fantasie ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt."

H. Zaun: Lieber Harald, warum scheint es so mühselig, den Zeitpfeil imaginär zu überholen und einen realistischen Blick auf die Zukunft in 1000 Jahren zu werfen?

Harald Lesch: Nehmen wir einmal an, wir hätten uns vor 1000 Jahren mit dem damaligen König des Ostfrankenreichs und angehenden Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, Heinrich II., zusammengesetzt und ihn fabulieren lassen, wie die Welt in 1000 Jahren aussehen würde. Wie wahrscheinlich wäre es wohl gewesen, dass er oder ein anderes Mitglied des ottonischen Hofes dabei gesagt hätte: „Ja, die werden später einmal durch die Lüfte fliegen und dabei Maschinen mit annähernd Schallgeschwindigkeit nutzen!“ Ich glaube die Wahrscheinlichkeit wäre gleich Null. Schließlich wusste damals noch keiner, was die Schallgeschwindigkeit ist. Keiner von ihnen konnte erahnen, was sich 500 Jahre später für eine Revolution zutragen sollte, eine, die weg von der Religion hin zu den Naturwissenschaften führen sollte. Die kirchliche Deutungshoheit musste einer rein säkular-weltlichen Deutung weichen, in der die Naturwissenschaften und später die Technologie das Weltbild prägten. Es gab für Heinrich II. nicht den leisesten Hinweis darauf, was 1000 Jahre später passieren könnte. Und ich habe den stillen Verdacht, dass es uns entweder genauso ergeht oder – was noch viel schlimmer wäre –, dass sich die Welt von Übermorgen nicht allzu sehr von der Gegenwart unterscheidet.

H. Zaun: Harald, ein kleines Gedankenexperiment. Stell Dir vor, Du würdest hier und heute – ähnlich wie in dem 1899 verfassten Buch „Wenn der Schläfer erwacht“ von H.G. Wells – in einen tiefen Schlaf fallen und genau 1000 Jahre später aufwachen. Was würdest Du sehen und erleben? Wie sähen vor allem die Menschen aus, die Dich aufwecken?

Harald Lesch : Genau wie heute. Das wird sich genetisch nicht besonders viel tun. Das sind in 1000 Jahren etwa 40 Generationen. Einen Mitteleuropäer erwarte ich aber nicht, viel eher einen orientalisch aussehenden Wissenschaftler muslimischen Glaubens. Es wird jemand sein, der mich im besten Arabisch begrüßt.

H. Zaun: Dies würde bedeuten, dass das Christentum in Deinen Augen in den nächsten 1000 Jahren weiter an Boden verliert!

Harald Lesch: Ja. Der Niedergang des Christentums ist programmiert, weil die Art und Weise, wie die offiziellen Institutionen den Glauben praktizieren, dazu beiträgt. Während im Abendland immer mehr Menschen der christlichen Religion den Rücken zukehren, erlebt der Islam, der interessanterweise seinen Frieden mit der westlichen Technologie gemacht hat, trotzdem einen enormen Aufschwung, auch bei aufgeklärten Menschen.

Wenn ich aus dem Kälteschlafe erwache, wird irgendjemand meine körperlichen Funktionen mit einer Art Quantencomputer untersuchen. Er wird sofort wissen, was ich denke, zumindest die Aktivität meines Gehirns genau analysieren. Denn in Zukunft wird die Überprüfung der Gehirnaktivität eine viel größere Rolle spielen als heute. Ich erwarte vor allem, dass die Lebewesen dieser Ära unter völliger elektronischer Kontrolle stehen. Ich hoffe dennoch, dass meine fernen Nachfahren mir einen Einblick in ihre Welt gewähren und mich nicht wie Catweazle behandeln.

H. Zaun: Vielleicht begrüßt Dich ja ein Roboter oder gar ein Android!

Harald Lesch: Nein, bei den technologischen Möglichkeiten bin ich sehr zurückhaltend. Solange das Energieproblem nicht gelöst ist, wird man keine Technologien schaffen können und nicht genug Rohstoffe parat haben, um beispielsweise eine komplexe Roboterwelt à la Isaac Asimov zu schaffen.

H. Zaun: Moment! Ein Henry Ford hätte sich 1909 auch nicht erträumen lassen, dass 100 Jahre später seine motorisierten Nachfolger zum größten Teil von Robotern produziert und zusammengesetzt werden! Wenn Roboter heute schon in der industriellen Fertigung omnipräsent sind, wo mögen diese in 1000 Jahren überall anzutreffen sein?

Harald Lesch: Richtig, dennoch sind wir bei den festen Rohstoffen an allen Ecken und Ende am Limit. Wir müssen es schaffen – und das ist eine hoffnungsvolle Vorstellung –, eine Folie zu kreieren, die von überall Sonnenlicht in Energie verwandelt und über jede Fläche gespannt werden kann. Wenn diese Folie kommt, kann die Menschheit dezentral überall Energie produzieren. Dann könnte sie alles machen!

H. Zaun: Geht von der späteren Nanotechnologie eine potenzielle Gefahr aus. Könnten uns im Verlaufe der nächsten Jahrhunderte intelligente Nanobots gefährlich werden?

Harald Lesch: Ich befürchte, dass die Nanotechnologie den Militärs völlig neue Welten eröffnen wird. Nanoroboter werden mit Sicherheit einmal später bei militärischen Operationen eingesetzt, um beispielsweise gegnerische Hardware-Systeme zu infiltrieren. Schließlich lassen sich mit Nanobots Invasionen durchführen, die kein Gegner bemerkt. Du kannst mit einem Male eine Kriegsführung starten, die alles Vorangegangene auf den Kopf stellt. Schließlich konnte der Gegner früher immer feststellen, wann er attackiert wurde. Aber auf der Nano-Ebene bekommst du gar nichts mehr mit. Wenn sich aggressive Nanobots auf diesen Planeten verselbstständigen, aus welchem Gründen auch immer, dann Gnade uns Gott. Dann haben wir keine Chance. […]

Das Telepolis-Sonderheft "Zukunft" ist im Bahnhofsbuchhandel und im ausgewählten Fachhandel erhältlich. Die beiliegende DVD enthält eine Best-of-Ausgabe des TV-Magazins "Futuris" der Europäischen Kommission.

Online lässt sich das Magazin im Heise-Kiosk europaweit und ohne Mehrkosten zügig bestellen: www.heise.de/kiosk/special/ Nähere Infos zum aktuellen Sonderheft: www.heise.de/kiosk/special/tp/09/01/

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