Auf der Jagd nach Pulsaren

von Dr. Harald Zaun

H. Zaun: Warum haben Sie sich für eine Spezialisierung im Bereich der Radioastronomie entschieden?

Bell-Burnell: Ich habe mich schon immer für Astronomie interessiert und wollte dieses Fach auch studieren. Als Teenager wußte ich, daß ich meinen Schlaf liebe und nachts mein Bett brauche. Darüber war ich sehr traurig, weil ich zwar Astronomie betreiben wollte, aber kaum die ganze Nacht wach bleiben konnte. Dann hörte ich von Radioastronomie. Und Radioastronomie kann man sowohl am Tag als auch in der Nacht betreiben. Das war großartig.

H. Zaun: Worin sehen Sie den praktischen Nutzen Ihrer Arbeit und was antworten Sie Leuten, die Ihre Arbeit als Zeit- und Geldverschwendung ansehen?

Bell-Burnell: Es gibt mehrere Arten dies zu beantworten und welche Sie vorziehen hängt vom politischen Klima zum jeweiligen Zeitpunkt ab. Als Margarete Thatcher Premierministerin war, argumentierten wir zuerst damit, daß Astronomen unheimlich schwache Objekte beobachten müssen und wir deshalb Empfänger höchster Güte auf den Teleskopen brauchen - also gehen wir zur Industrie und sagen: "Helft uns eine empfindlichere Infrarotkamera, Radio-Empfänger oder was auch immer zu entwickeln." Wenn die Industrie gut und zukunftsorientiert ist, werden sie sagen: "Ja, wir werden Euch dabei helfen." Die Industrie wird eventuell nur eine neue Infrarot-Kamera an die Astronomen verkaufen, aber über die Forschungs- und Entwicklungsarbeit die sie dabei unternehmen, können sie dann wieder Tausende neuer Empfänger für andere Zwecke erfinden und verkaufen. Also treiben wir die Technologie voran und ermutigen die Industrie zu Neuentwicklungen. Außerdem ziehen wir so sehr gut ausgebildete junge Leute in Großbritannien heran. Diese Leute gehen anschließend in die unterschiedlichsten anderen Bereiche. Nur die Hälfte von ihnen bleibt in der Astronomie, die andere Hälfte geht in die Industrie und zu "Finanzhäusern" - dem Zukunftsmarkt. Die Art und Weise wie sich dieser Markt verhält ähnelt einem Stern. Deshalb werden Leute, die ihren PhD (Doktortitel) über Sterne gemacht haben, sehr schnell von den Finanzhäusern abgegriffen - schließlich bekommen sie Leute die nicht nur den passenden mathematischen Hintergrund haben, sondern auch die entsprechenden Fähigkeiten am Computer. Es ist erstaunlich.

H. Zaun: Im Moment scheint es eine Art Revolution in der Kosmologie zu geben. Philosophie, religiöse Gedanken und andere Einflüsse finden zusammen.

Bell-Burnell: Ich meine, es ist richtig, die Parallele zur Religion zu ziehen. Ich denke in den alten Tagen ging jeder in die Kirche und der Priester oder Geistliche erzählte den Leuten wo ihre Stellung im großen Schema war. Heute gehen nur wenige in die Kirche und sie glauben dem Priester nicht mehr so, wie sie es früher taten. Aber sie wollen wissen wo sie und die Menschheit im großen Schema hingehören. So stellen wir in Großbritannien fest, daß sie zu astronomischen Gesprächsrunden kommen, hauptsächlich den kosmologischen.

H. Zaun: Sind die Radioastronomen sehr unglücklich über die Verschmutzung der Radiofrequenzen durch Satelliten und andere Technologien? Denken Sie es wird trotz der Kosten notwendig werden, ein Radioteleskop im Weltall oder auf der Rückseite des Mondes zu bauen?

Bell-Burnell: Radioastronomen haben echte Probleme, besonders wegen Mobil-Telefonen. Aber andererseits haben "Optische" Astronomen Probleme mit der Lichtverschmutzung durch Streulicht. Und ich befürchte, daß wir dabei sind, das All auch noch ein bißchen zu verschmutzen, so daß Satelliten manchmal Signale auffangen, die nicht von den Sternen stammen, sondern aus der Umgebung der Satelliten. Also haben alle Arten der Astronomie ihre Probleme. Wir werden aufpassen müssen. Langsam beginnt die Menschheit zu lernen, daß wir auf diesen Planeten und die Umwelt aufpassen müssen.

H. Zaun: Was ist für das öffentliche Verständnis und Verstehen von Wissenschaft von besonderem Interesse?

Bell-Burnell: ist ein sehr wichtiger Bereich, weil die Öffentlichkeit Steuern bezahlt und mit diesen Steuern Universitätsangestellte bezahlt werden, die astronomische Forschung betreiben. Also ist es von Bedeutung, daß die Öffentlichkeit die Möglichkeit erhält, zu erfahren, was die Astronomen und Universitätsangestellten gerade machen. Die Leute wollen es auch lernen. Im Englischen haben wir dafür verschiedene Ausdrücke. Es gibt das öffentliche "Verstehen" und das öffentliche "Verständnis" für die Wissenschaft, das weniger effektiv ist als das "Verstehen". Während ich in Amerika war habe ich festgestellt, daß Wissenschaftler dort viel angesehener und respektierter sind im Vergleich zu England. Es gibt dort mehr Verständnis für die Wissenschaft. In England werden Wissenschaftler ziemlich mißtrauisch beäugt. Die Astronomen allerdings etwas weniger, vielleicht weil unser Fachgebiet nicht die selben Auswirkungen nach sich zieht wie z. B. die Gentechnik. Vielleicht ist es deshalb um so wichtiger, daß die Astronomen weiterhin den Kontakt zur Öffentlichkeit suchen um ihr zeigen zu können, daß die Wissenschaft nicht eine große, entfernte, gefährliche Sache ist.

H. Zaun: Ist es widersprüchlich, zugleich Astronom und religiös gläubig zu sein?

Bell-Burnell: Nein, nicht für mich. Ich bin beides. Ich bin Quäkerin und Astronomin. Beides paßt sehr gut zueinander, extrem gut sogar. Vielleicht hätte ich mit einer anderen Kirche Probleme, aber Quäker sind sehr offen und interessiert an Forschung.

H. Zaun: Denken Sie, daß diese Welt mit einer Singularität begonnen hat und in einer Singularität enden wird?

Bell-Burnell: Eine der Sachen vor denen sich Wissenschaftler hüten müssen, ist zu sicher und autoritär zu klingen. Zum Beispiel gab es viele Fälle in denen Wissenschaftler sagten: "Oh, der Mensch wird nie fliegen können". Man kann Jahre später so leicht widerlegt werden. Aber im Moment sieht unser Bild vom Urknall ziemlich gut aus. Ich bin mit Grund zufrieden darüber. Wie das in Zukunft aussieht ist sehr schwer vorhersehbar. Wenn Sie mir diese Frage drei Jahre früher gestellt hätten, hätte ich gesagt "Mit dem Urknall hat es angefangen und am Ende fällt entweder alles in sich zusammen oder expandiert für immer. Aber jetzt vermuten wir, daß Einstein recht hatte, als er seine kosmologische Konstante einführte. Das ist so etwas wie Anti-Gravitation - sie verursacht anscheinend die Expansion des Universums. Unserer Meinung nach würde sich ohne diesen Ausdruck die Gravitation der Galaxien langsam ausdehnen. Aber jetzt gibt es Hinweise auf die Beschleunigung der Ausdehnung. Und so wandelt sich das ganze Bild. Und ich weiß nicht, wohin sich das Universum entwickelt

H. Zaun: Was ist Ihre persönliche Ansicht über dieses Universum?

Bell-Burnell: Ich denke, manchmal müssen Wissenschaftler auch sagen "Ich weiß es nicht". Ich denke es ist wichtig, daß man auch die eigenen Einschränkungen des Wissens akzeptiert. Sonst wird es zu gefährlich.

H. Zaun: Martin Rees postuliert die Existenz anderer Universen in seinem bekannten Buch "Before the Beginning. Our Universe and Others". Stimmen Sie ihm zu, daß solche Universen existieren könnten?

Bell-Burnell: Das ist wieder so ein Gebiet, auf dem Wissenschaftler sagen müssen: "Ich weiß es nicht"." Eine der aktuellen kosmologischen Debatten dreht sich um die Frage ob Quasare in Wirklichkeit schwarze Löcher sind? "Das scheint die beste Erklärung zu sein. Andere Erklärungen sind schlechter. Ich denke Quasare sind wahrscheinlich Schwarze Löcher, 100 Millionen Mal schwerer als unsere Sonne.

H. Zaun: Könnte sich ein Pulsar in ein Schwarzes Loch zurückverwandeln, wenn er genug "Nahrung" bekäme?

Bell-Burnell: gab es 1987 die bekannte Supernova-Explosion in der großen Magellan'schen Wolke und wir schauten dabei auf einen Pulsar. Wir hatten Indizien dafür, daß ein Neutronen Stern gebildet wurde. Aber wir können keinen Pulsar sehen. Also war eine unserer Erklärungen, daß ein Pulsar gebildet wurde, aber dann Teile des explodierten Materials zurück in den Pulsar fiel, ihn zu schwer machte und das ganze folglich zu einem Schwarzen Loch kollabierte. Wenn man viel Material in einen Neutronen Stern gibt, könnte man ihn zu einem Pulsar umwandeln.

H. Zaun: Quasare, Schwarze Löcher oder Pulsare - Glauben Sie, daß Astronomen eines Tages völlig andere Arten von Sternen oder ähnlichen Objekten entdecken werden?

Bell-Burnell: Nun, ich interessiere mich besonders für Neutronen Sterne und Schwarze Löcher und untersuche gerade Mikro-Quasare, die sich ein kleines bißchen wie große Quasare verhalten. Aber sie sind viel, viel kleiner und auf viele Weisen einfacher zu untersuchen, weil sie sich in der Zeitspanne eines Menschenlebens verändern. Ich bin mir sicher, daß wir andere Sachen entdecken werden, solche, die wir uns im Moment noch nicht vorstellen können.

H. Zaun: Astronomen haben bis heute 1000 Pulsare entdeckt. Die Röntgenstrahlen halfen den Wissenschaftlern einen neuen Typ von Pulsar zu entdecken, den sogenannten "missing Link pulsar". Denken Sie, daß Chandra, der neue Röntgenstrahlensatellit, mehr Pulsare oder auch neue Arten von Pulsaren entdecken wird?

Bell-Burnell: Wahrscheinlich. Im Moment wissen wir von einer Reihe starker Röntgenquellen in unserer Galaxie. Zum Beispiel von Neutronen Sternen zusammen mit einem gewöhnlichen Stern in einem binären System - es sind zahlreiche bekannt - etwa 700 dieser Objekte. Ein weiteres interessantes Gebiet ist der Einsatz von astronomischen Gammastrahlen-Satelliten. Diese finden eine Reihe von Dingen in der Galaxie, die ziemlich starke Gammastrahlung aussenden. Und Astronomen mit gewöhnlichen Teleskopen wissen nicht, was diese Gammastrahlenquellen sind. Aber sie vermuten, daß eine ganze Anzahl von ihnen sich als Pulsar herausstellen wird. Deshalb ist es wichtig, daß Astronomen, die Gamma-, Röntgen-, Radio- und natürlich optische Quellen untersuchen, zusammenarbeiten. Jeder erhält ein anderes Stückchen Information.

H. Zaun: Die Entdeckung von sehr schnellen Pulsaren im Millisekundenbereich und die Entdeckung von Planeten um Neutronen Sterne war sehr überraschend.

Bell-Burnell: Ja, das ist sehr überraschend. Ich denke, daß dies brauchbare Informationen für uns enthält. Ich glaube, daß es besagt, daß sich Planeten ziemlich spät im Leben des Sterns geformt haben, erst nachdem er ein Pulsar war, und daraus läßt sich schließen, daß es ziemlich leicht vorkommen kann, daß sich Planeten bilden. Und das ist wichtig, um entscheiden zu können, ob es noch weitere Planeten um den Stern herum gibt - möglicherweise mit Leben. Aber die Planeten, die um Pulsare kreisen, werden kein Leben haben. Die Umgebung ist zu lebensfeindlich.

H. Zaun: Sie sagten, als Sie zum ersten Mal den Klang von Pulsaren hörten, haben Sie nie ernsthaft erwartet, daß diese Signale von einer außerirdischen Intelligenz stammen könnten. Wußten Sie zu diesem Zeitpunkt schon von Frank Drake und seinem OZMA-Projekt?

Bell-Burnell: Ja, zu dieser Zeit hatte ich davon gehört. Ich denke, es war mir bewußt und ich habe den Artikel von Philipp Morrison nicht sehr sorgfältig gelesen. Mir war auch bewußt, daß wenn es andere Zivilisationen gäbe, es die Radioastronomen wären, die sie entdecken würden. Und das hatten wir immer im Hinterkopf - und als wir die Signale sahen, die sehr künstlich und menschlich aussahen, sagten wir "Oh, vielleicht ist es ein intelligentes Signal". Deshalb nannten wir es Little Green Man (kleines grünes Männchen).

H. Zaun: Wird es eines Tages eine Antwort auf die älteste philosophische Frage geben: Sind wir allein ? Glauben Sie an außerirdische Intelligenz?

Bell-Burnell: Ja, das Universum ist so ein großer Raum, daß ich die Annahme für recht vernünftig halte, daß es auch noch andere intelligente Wesen gibt. Aber ich glaube nicht, daß wir über Radiowellen mit ihnen Kontakt aufnehmen können. Weil wir nicht einfach Kontakt mit ihnen herstellen können, wird die Frage zu einer akademischen Frage, eine Frage die keiner beantworten kann.

H. Zaun: Was denken Sie über SETI (Search for Extra-Terrestrial Intelligence - Suche nach außerirdischer Intelligenz) und besonders über das Phoenix-Projekt, das von Dr. Jill Tarter geleitet wird?

Bell-Burnell: Das Anliegen von SETI wird von verrückten, esoterischen, wildgewordenen Leuten mißverstanden. Aber ich respektiere solche Leute wie Jill Tarter.

H. Zaun: Aber glauben Sie, daß SETI eine Existenzberechtigung hat. Ist es eine reine Geldverschwendung?

Bell-Burnell: Sie finanzieren sich privat - sie benutzen keine Staatsgelder und wenn Privatleute Geld aufwenden wollen für eine Sache, die niemandem schadet, dann sehe ich nicht, wie man es verbieten könnte. Wenn es ein Projekt wäre, daß uns schaden würde, dann "ja". Sie mögen keine anderen Zivilisationen finden, aber es wird ein technisches Training für eine Reihe von Leuten sein und es wird helfen, die technische Entwicklung in manchen Bereichen voranzubringen. Also hat es auch seine guten Seiten.

H. Zaun: Ihre Berufung zur Professorin an der Open University verdoppelte die Anzahl weiblicher Physik Professoren in Großbritannien. Wie ist es um die Situation von Frauen in den Naturwissenschaften derzeit bestellt?

Bell-Burnell: Es verbessert sich ein bißchen - aber sehr langsam. Es gibt jetzt mehr Frauen in der Physik. Etwa 5 oder 6 von 200. Aber es ist nach wie vor sehr schwierig für Frauen, sich weiterzuentwickeln. Es gibt jetzt mehr weibliche Studenten, die neu hinzukommen, aber die gehen nach wie vor verloren; sie enden nicht auf den höheren Positionen. Es gibt keine Steigstufen für sie auf der Pyramide.

H. Zaun: Wie erklären Sie sich das?

Bell-Burnell: Ich würde meine männlichen Kollegen nicht der direkten oder böswilligen Diskriminierung bezichtigen. Ich denke, daß solche Fälle nicht oder nur sehr selten passieren. Aber es gibt eine strukturelle Diskriminierung, es gibt unbewußte Vorurteile. Das Fachgebiet war über Hunderte von Jahren männlich dominiert. Ich glaube, daß die beiden Geschlechter verschieden arbeiten, fühlen und denken. Und wenn eine Frau in das Fachgebiet hineinkommt, muß sie sich verhalten wie ein Mann, um voranzukommen. Und das ist schwierig.

übersetzt aus dem Englischen von Henrik Eitel
heei0002@stud.uni-sb.de

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