"Wir betreiben schon seit 1984 Astrobiologie!"

von Dr. Harald Zaun

H. Zaun: Sie haben den Begriff "Brauner Zwerg" geprägt. Warum haben sie dann aber beschlossen, sich auf die Radioastronomie zu spezialisieren, anstatt etwa ein Planetenjäger zu werden?

Jill Tarter: Nun, wie man Radioastronomie betreibt, habe ich eigentlich im Rahmen meiner Beschäftigung mit SETI gelernt. Meinen ersten Abschluss habe ich in technischer Physik gemacht. Während meines Grundstudiums betrieb ich theoretische Astrophysik, beschäftigte mich mit Braunen Zwergen und wie diese aussehen könnten, und wie man das Gas aus Galaxien und Sternhaufen entfernt.

Als ich dann graduierte, gab mir jemand den "Cyclops Report", der die erste technische Studie darüber war, wie man nach Signalen suchen könnte, die von außerirdischer Intelligenz stammen. Ich war so beeindruckt von der Tatsache, dass ich in der allerersten Generation der Menschheit lebe, die in der Lage ist, auf experimentellem Weg eine Antwort auf diese alte Frage zu finden, anstatt die Priester und Philosophen zu befragen. Irgendwie wurden alle anderen Fragen dadurch weniger interessant, denn hier war etwas, das auf praktischem Wege gelöst werden konnte. Also habe ich einfach entschieden: Das ist das, was ich tun will! Und so lernte ich, wie man Radioastronomie betreibt. Auf der anderen Seite ist SETI ganz eindeutig eine Möglichkeit, Planeten dadurch zu finden, dass man nach denjenigen sucht, die bewohnt sind. Sie könnten mich darum also auch einen Planetenjäger nennen.

H. Zaun: Im letzten Jahr hat das SETI Institute seinLogo geändert. Warum haben Sie nicht die Chance genutzt, auch dem Begriff SETI zu ändern, etwa in SETT (Search for extraterrestrial technology), weil SETI ja primär nach den Signalen technisch höher entwickelter außerirdischer intelligenter Kulturen sucht und nicht allein nach intelligenten Aliens?

Jill Tarter: Wir haben das Logo aus dem sehr guten Grund geändert, dass das SETI Institute eigentlich viel mehr tut, als lediglich nach Radio-Signalen außerirdischer Intelligenzen Ausschau zu halten. Tatsächlich betreiben wir bereits seit 1984, dem Zeitpunkt der Gründung des SETI Institute, Astrobiologie. Wir haben über 100 Wissenschaftler, die nach Wegen suchen, Ozeane unter dem Eis Europas [viertgrößter Jupitermond] nachzuweisen oder wie man unter die Oberfläche des Mars gelangen kann, um dort nach Überresten früheren Lebens zu suchen. Wir haben darum ein breiteres Tätigkeitsspektrum, als es das ursprüngliche Logo, ein Radioteleskop, ausgedrückt hat. Das neue, repräsentative Logo soll Dinge anklingen lassen wie Leben, Planeten, Signale und so weiter. Darum haben wir das Logo geändert, es drückt viel umfassender aus, was viele der Leute bei uns tun. Wir haben den Namen aus dem gleichen Grund nicht geändert, aus dem das JPL (Jet Propulsion Laboratory) immer noch JPL heißt, obwohl man dort im Grunde gar nichts mehr tut, was irgendwie mit Strahltriebwerken zu tun hätte. Aber der Name ist ein feststehender Begriff. Da das Ansehen von SETI gewachsen ist, hofften wir, dass die Mehrheit, im Besonderen die Mehrheit im Kongress, sich daran gewöhnen kann, mit SETI zu leben und dabei nicht immer nur an die "Kleinen Grünen Männchen" zu denken. Deshalb haben wir den Namen beibehalten, aber es hat darüber ausgedehnte Debatten gegeben.

H. Zaun: Seit Beginn der aufgezeichneten Geschichte haben die Menschen aller Kulturen zum Himmel aufgesehen und sich dabei gefragt, ob es dort oben wohl jemanden gibt, der zurückschaut. Und heute, am Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts, stellen wir uns immer noch die gleiche Frage. Wenn sie auf die kurze Geschichte von SETI zurückblicken, was war wohl der wichtigste Paradigmenwechsel?

Jill Tarter: Es gibt eine ganze Reihe von Paradigmenwechseln, die zum Ende des zwanzigsten und zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts eingetreten sind und die von großer Bedeutung sind. Einer davon ist die Tatsache, dass wir Planeten um Sterne in unserer Nachbarschaft herum entdeckt haben. Wir haben erwartet, Analoge zu unserem eigenen Sonnensystem zu finden. Bislang war das nicht der Fall, weil wir noch keine geeigneten Werkzeuge haben, um kleine, erdähnliche Planeten zu finden. Im kommenden Jahrzehnt werden wir ziemlich definitiv wissen, ob es dort draußen noch viele weitere Erden gibt. Vorher hatten wir einfach nur eine Theorie, die besagte, dass sie da sein sollten; jetzt bekommen wir die Daten. Das zweite Faktum ist, dass wir wir Leben jetzt viel umfassender zu betrachten beginnen. Ich denke, dass in unserer Definition von Leben und der Fokussierung auf makroskopisches Leben in menschlicher Form eine große Portion Chauvinismus mitschwingt. Doch momentan stellen wir fest, dass das Leben zumindest auf der mikrobiellen Stufe viel robuster ist. Es kann in extremen Umgebungen existieren, die wir uns niemals hätten träumen lassen. Dadurch wird uns klar, dass das Leben irgendwo anders nicht unbedingt einen möglichst erdähnlichen Planeten braucht, um sich zu entfalten. Die digitale Elektronik hat die analogen Geräte ersetzt. Das bedeutet, dass wir auf verschiedene Weise von dem damit einhergehenden, phantastischen exponentiellen Zuwachs der Leistung unserer Werkzeuge bei der Beobachtung profitieren, und zwar im Radio-Anteil des Spektrums, den wir seit 1960 beobachten, aber auch im optischen Spektrum, was neu ist. Soweit wir wissen, können diese beiden Spektralanteile nicht von der Natur hervorgebracht werden. Darum durchsuchen wir die Radiofrequenzen nach Schmalbandsignalen, die extrem komprimierte Frequenzen aufweisen und kontinuierlich sind - oder aber anch solchen mit langer Pulsdauer. Die Natur scheint derartiges nicht zu produzieren. Im optischen Bereich suchen wir nach Signalen, die sehr breit aber gleichzeitig sehr kurzlebig sind, so dass die optischen Pulse kürzer als z.B. eine Nanosekunde sind. Wir verfügen jetzt über die Technologie, nach solchen Signalen zu suchen und unsere technischen Möglichkeiten verbessern sich immer weiter. Unsere Werkzeuge sind der Aufgabe also immer besser gewachsen. Es kommen ständig neue Technologien hinzu. Sobald sich die Technologie verbessert, sobald wir andere, neue Werkzeuge bekommen, fügen wir diese in unserer Tätigkeitsspektrum ein und nutzen das aus. Das heißt nicht, dass die eine besser ist als die andere. Wenn man eigentlich nicht weiß, was man genau sucht, dann gilt das Sprichwort, dass man nicht alle seine Eier in den selben Korb legen sollte - man sollte die verschiedensten Dinge ausprobieren.

H. Zaun: Obwohl das TPF-Darwin-Meeting nicht direkt mit dem SETI-Programm in Zusammenhang steht, nehmen Sie an dieser Konferenz teil. Warum?

Jill Tarter: Nun ja, Ich bin aus zwei Gründen hier. Der eine ist, dass man so freundlich war, mich um einen öffentlichen Vortrag über SETI zu bitten, da man meint, dass das ein sehr populäres Thema ist. Außerdem habe ich einen wissenschaftlichen Artikel vorgestellt, denn es stellt sich heraus, dass SETI eine Methode ist, eine bestimmte Art von Planeten zu entdecken - Planeten, die nicht nur bewohnbar sind, sondern die von Zivilisationen bewohnt werden, die über Technologien verfügen, die wir aufspüren können. Andere, die nach Planeten oder nach Leben auf Planeten suchen, welche Sterne in unserer Nachbarschaft umkreisen, konzentrieren sich dabei auf das Finden von Beweisen für mikrobielles Leben. Es ist aber möglich, einen größeren Bereich der Galaxie zu untersuchen und dabei nach weit entfernten Planeten zu suchen, die eine technologische Bevölkerung aufweisen. Darum ist SETI eine ganz eigene Möglichkeit, einen bestimmten Typen von Planeten zu finden. Wir wissen nicht, ob es solche Planeten überhaupt gibt, aber es ist ganz einfach eine weitere Möglichkeit aus der Trickkiste, die uns verstehen helfen soll, wie weit Leben im Universum verbreitet ist und wie es verteilt ist.

H. Zaun: Die Wahrscheinlichkeit, den ersten erdähnlichen Planeten zu finden wird ständig größer, weil die Weltraumteleskope von Tag zu Tag besser werden. Glauben Sie, dass TPF und Darwin erfolgreich sein werden?

Jill Tarter: Bevor Darwin und TPF starten, gibt es ja noch eine kleine Raumsonde mit dem Namen Kepler.

H. Zaun: Und COROT!

Jill Tarter: Und auch COROT. Und die werden uns erste Hinweise darauf liefern, wie groß die Häufigkeit kleiner erdähnlicher Planeten tatsächlich ist. Sie werden zwar zu weit entfernt sein, um sie eingehender zu untersuchen. Aber wir können einigermaßen zuversichtlich behaupten, dass es, wenn wir ein Darwin oder TPF oder ein Gemeinschaftsprojekt verwirklichen, um ein paar Dutzend benachbarter Sterne zu untersuchen, eine gewisse Wahrscheinlichkeit gibt, dass diese erdähnliche Planeten aufweisen werden.

H. Zaun: Es sieht ganz so aus, als würde die Planetenjagd eine neue olympische Disziplin. Es ist wohl offensichtlich, dass das Team von Wissenschaftlern, das den ersten wirklich erdähnlichen Planeten entdeckt, die Goldmedaille einheimsen wird. Gibt es eine vergleichbare Situation zwischen den verschiedenen SETI-Teams? Gibt es da eine Form konstruktiven Wettbewerbs?

Jill Tarter: Natürlich, wir liegen alle im Wettstreit miteinander. Wir wären alle gerne die ersten, die ein Signal auffangen. Es ist keine Frage, dass das eine Motivation ist. Aber natürlich arbeiten wir auch zusammen. Die SETI-Gruppen kooperieren schon seit Langem miteinander. Genaugenommen hat das SETI Institute 1997 eine Reihe von Workshops finanziell unterstützt. Das hat SETI neue Perspektiven in den vorherrschenden Technologien eröffnet. Wir haben seit dem Cyclops Report, mit dem ich in dieses Feld eingestiegen bin, keine ingenieurtechnische Studie mehr gemacht. Und die Technologie hat sich seitdem gewaltig verändert. Also haben wir uns hingesetzt und haben alle Beteiligten zusammengebracht und auch einige ganze Reihe Techniker aus dem Silicon Valley hinzugezogen. Wir haben gesagt: "Okay, wie sehen unsere Pläne für die nächsten 20 Jahre aus?" Eines der Dinge, die dabei herauskamen, ist, dass wir unsere Radiosuche fortsetzen sollten, weil sie immer noch sinnvoll ist, aber mit unseren eigenen Teleskopen! Es gibt Möglichkeiten zum Bau eines Radioteleskops für SETI, die weniger teuer sind als die herkömmlichen. Es erweist sich außerdem, dass es eine neue Möglichkeit gibt: die optische Technologie, die es uns erlauben wird, nach sehr schnellen Breitbandpulsen zu suchen. Charlie Townes kam zum Beispiel zu diesem Workshop. In den sechziger Jahren, als die Radio-Durchmusterungen begannen, sagte Charlie: "Warum sucht ihr nicht auch nach Lasern?" Das Problem war aber, das wir nicht über die schnellen Photodioden verfügten, die dafür notwendig gewesen wären. Es gab sie zwar, aber für uns waren sie damals unerschwinglich. Doch jetzt haben wir sie. Trotzdem müssen wir noch einen guten Weg suchen, nach kurzlebigen Signalen zu suchen. Fast alle Suchmethoden erfordern es, dass das Signal eingeschaltet ist, wenn man in die richtige Richtung schaut. Es gibt aber viele Gründe, warum das, was da draußen ist, etwas sein könnte, das nur gelegentlich in unsere eigene Richtung strahlt. Und jeder würde das verpassen. Darum suchen wir nach Wegen, kurzlebige Signale im Radiobereich zu erfassen, und bis heute ist es noch niemandem gelungen, dafür eine Möglichkeit im optischen Bereich zu finden. Also unterstützen wir diese ganz verschiedenen Technologien. Ich meine, jeder hofft zwar der erste zu sein. Aber am Ende werden wir alle die Antwort auf die Frage kennen, und wir werden der erfolgreichen Gruppe laut applaudieren.

H. Zaun: Es ist allgemein bekannt, dass Radioastronomen sehr unglücklich über die Radio-Verschmutzung sind, die von Satelliten und anderer Technik verursacht wird. Die irdische Störstrahlung wirkt sich hier sehr nachteilig aus. Trotz des sehr optimistischen Plans, ein Radioteleskop im All oder auf der Rückseite des Mondes zu bauen, welche realistischen Möglichkeiten haben Sie, um die Situation zu verbessern?

Jill Tarter: Wir müssen uns dazu der gleichen Technologie bedienen, die es uns ermöglicht, die gesamte Kommunikation über Satelliten und Mobiltelefone zu betreiben. Wir müssen sie intensiver einsetzen, um diese Störungen zu vermindern, um uns davor zu schützen. Darum werden wir das neue Teleskop, das wir für SETI bauen - das Allen Telescope Array (ATA) - aus kleinen Komponenten zusammenstellen, die nur je 6 Meter groß sind; wir werden davon 350 in Form eines Gitters einsetzen und sie im Verbund zusammenschalten. Wir beabsichtigen damit unter Anderem, ein Interferometer mit so vielen Elementen zu erzeugen, dass uns eine Menge verschiedener Möglichkeiten offen stehen. Dadurch können wir im Radiobereich viel effektiver das gleiche tun, was TPF und Darwin im optischen Bereich umzusetzen versuchen, nämlich die unerwünschten Signale auszublenden. Die Störung, die für die Planetensucher vom Licht verrusacht wird, das der Stern aussendet, besteht für uns in den Signalen, die von Satelliten und anderen Quellen ausgehen. Wir können für diesen Bereich einen ebenso großen aktiven Rerchenaufwand treiben wie für die Suche nach Signalen. Wir können eine solche Konstruktion aus vielen Elementen in einem Gitter aggressiv dazu nutzen, uns des größten Teils der Satelliten-Störungen zu entledigen. Wenn wir diese Techniken erst einmal entwickelt haben, können wir uns der weltweiten Gemeinde präsentieren, die die Nutzung des Spektrums kontrolliert und wir können sagen: Wir tun absolut alles, was wir können, um uns gegen Störeffekte zu schützen. Jetzt ist auch die Gegenseite an der Reihe, Verantwortung dafür zu übernehmen und sich gleichermaßen anzustrengen, ihre Übertragungen mit weniger Müll zu befrachten, damit die Störungen sich nicht über das gesamte Spektrum ausbreiten. Je verbreiteter diese Technologien werden, um so mehr werden sie sich natürlich gegenseitig stören. Wir planen, - etwa um die Zeit herum, wenn das TPF tatsächlich die Arbeit aufnimmt - ein weiteres großes Teleskop als weltweites Projekt zu bauen, nicht einfach als ein Projekt des "SETI Institute" und der "University of California". Eine globale Zusammenarbeit, um ein Teleskop zu errichten, das hundert Mal so groß ist wie das ATA. Und wir werden es wohl an einem Ort mit sehr geringer Bevölkerung ansiedeln - vielleicht in der Wüste von West-Australien oder irgendwo in Südafrika oder dem bevölkerungsarmen Westen der USA. Außerdem hoffen wir auf eine Übereinkunft mit der kommerziellen Kommunikationsindustrie die besagt: Okay, hier unten am Boden gibt es nicht viele Menschen, ihr habt also hier keinen Markt, ihr verkauft hier keine Dienstleistungen. Während ihr also hier rüberfliegt, warum ändert ihr dann nicht die Richtung eurer Strahlen, damit sie zumindest diesen einen Ort auf der Erde, auf dem ihr ohnehin kein Geld verdient, nicht direkt "verstrahlen". Ich hoffe, wir erreichen in Zukunft durch die Demonstration, dass wir alles tun, was in unserer Macht steht, um uns selbst zu schützen, eine solche Kooperation. Diese Option ist billiger, als auf der Rückseite des Mondes ein Radioteleskop zu bauen. Übrigens könnte die Rückseite nicht mehr allzu lange so geschützt bleiben, weil die NASA damit beginnt, die Librationspunkte L-2 und L-5 als Aufrüst- oder Parkbahnen für ihre Raumfahrzeuge zu nutzen, in der Hoffnung sie dort in Zukunft versorgen zu können. Wir sehen bereits jetzt, dass wir die Rückseite des Mondes verlieren könnten und denken darum um so intensiver darüber nach, was wir hier unten auf der Erde tun können. Wir müssen einiges anders machen als früher - und der erste Schritt ist: hart daran zu arbeiten, uns selbst mit Hilfe von Allem zu schützen, was die Technik uns bietet.

H. Zaun: SETI beobachtet unter anderem immer noch die 100 erdnächsten Sterne. Aber besteht nicht eine Notwendigkeit, den Horizont zu erweitern? Wird es eines Tages eine ständige intergalaktische SETI-Beobachtung geben?

Jill Tarter: Nun, es hat ja bereits verschiedene Durchmusterungen anderer Galaxien gegeben. Um ein Signal über galaktische Entfernungen hinweg aufnehmen zu können muss es unglaublich viel stärker sein als ein Signal aus unserer eigenen Galaxie. Wir wissen aber nicht, wie die Leuchtkraft-Funktion von Sendern draußen im Universum aussieht. Es könnte sein, dass deren Verteilung so aussieht, dass es sehr viele niederenergetische Sender gibt und einen winzigkleinen Schweif mit einigen wenigen sehr starken Signalen. Die Argumentation sieht so aus: stellen sie sich vor, sie wählen eine Galaxie aus, deren Größe exakt zum Gesichtsfeld ihres Teleskops passt, dann passen alle Sterne auf einmal in ihr Beobachtungsfeld. Sie werden sämtliche 400 Milliarden Sterne dieser Galaxie auf einmal beobachten. Wenn es dort also nur einen oder nur wenige sehr starke Sender gibt, könnten sie diese eventuell finden. Wir kennen die Antwort nicht, denn zumindest bisher haben wir noch nichts gefunden. Galaxien oder Sternhaufen, die in das Gesichtsfeld passen, in die Suchstrategie einzubeziehen, macht Sinn.

H. Zaun: Wie würde die Entdeckung eines "intelligenten" außerirdischen Radiosignals die Menschheit verändern?

Jill Tarter: Unseren Platz im Kosmos zu erkennen ist der nächste Schritt im Laufe der kopernikanischen Revolution. Wir könnten zu dem Schluss kommen, dass wir die einzige technisch fortgeschrittene Zivilisation in der Milchstraße sind, so dass wir berechtigt sind, an unserer Sichtweise festzuhalten, die Krone der Schöpfung zu sein. Ich persönlich bezweifle, dass dies so ist; und wenn wir eine andere Zivilisation entdecken, werden deren Mitglieder so völlig verschieden von uns sein, dass diese Entdeckung sämtliche Unterscheidungen zwischen den Menschen, die uns heute zu Hass und Gewalt verleiten, zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen lässt.

H. Zaun: Wenn Sie die Chance bekämen, an der ersten bemannten Mission zum Mars teilzunehmen, würden Sie bei der Expedition mitmachen und zum Roten Planeten fliegen?

Jill Tarter: Absolut. Viele Leute nennen es die erste mit Menschen besetzte Mission zum Mars, nicht die erste bemannte Mission. Als ich noch Studentin war, wurde ich gefragt, was ich werden wolle, und ich sagte "Ich möchte die erste Frau auf dem Mond sein!" Später habe ich mich sogar als Nutzlast-Spezialistin für das Shuttle beworben. Eine Frau auf dem Mond oder Mars, das ist auf jeden Fall eine Option, die immer noch offen steht. Bisher konnten wir noch niemanden meines Geschlechts an einen dieser beiden Orte schicken.

H. Zaun: Nun ja, sie sind immer noch jung genug...!

Jill Tarter: Ich wünschte, ich wäre es. Aber sollte ich die Chance bekommen: ich würde mitfliegen - definitiv.

H. Zaun: Gibt es irgendeine Botschaft, die Sie an die Millionen von SETI@home-Usern auf der ganzen Welt übermitteln möchten?

Jill Tarter: Ich denke, dass http://setiathome.ssl.berkeley.edu/ als verteiltes Computer-Experiment in seinem Erfolg alle Erwartungen gesprengt hat. Ich bin sehr dankbar, dass so viele Menschen solches Interesse an SETI haben, dass sie sogar ihre Rechenzeit spenden, um es durchzuführen. Und das ist eine Nachricht, die glücklicherweise nicht an den Politikern vorbeigeht, zumindest nicht in den USA. Ich denke, dass das einer der Gründe ist, warum sich das Klima in Washington D.C. ändert; in naher Zukunft können wir jetzt erwarten, eine öffentlich-private Partnerschaft zwischen den privaten Fonds, die die SETI-Arbeit in den letzten zehn Jahren gefördert haben, und Bundesfonds zuwege zu bringen. Ich glaube nicht, dass irgend jemand in der SETI-Gemeinde jemals wieder aus reinen Bundesmitteln gefördert werden möchte, denn es war sehr dramatisch, als 1993 die gesamte Förderung gestrichen wurde. SETI war in einem furchtbaren Zustand. Wir haben es geschafft, private Unterstützung zu finden und das hat uns dabei geholfen, einige sehr innovative Dinge zu verwirklichen. Die Technologien, die wir einsetzen wollen, werden allerdings immer teurer, denn wir haben bereits alle einfachen Alternativen ausgeschöpft. Das bedeutet, dass der Umfang der Unterstützung, die SETI benötigt, größer werden wird, als wir es mit reinen Wohltätigkeits-Spenden aufbringen können. Eines der Dinge, die SETI@home sehr deutlich gemacht hat, ist, den politischen Führern zu zeigen, dass die Öffentlichkeit wirklich an SETI interessiert ist.

H. Zaun: Sind Senator William Proxmire und Senator O'Bryan, die das SETI-Programm 1993 beendet haben, der gleichen Auffassung?

Jill Tarter: Senator Proxmire trat 1989 in den Ruhestand und Senator O'Bryan, der die Förderung von SETI in den USA beendet hat, ist ebenfalls im Ruhestand. Wir haben jetzt eine neue Generation von Anhängern. Und ich denke, dass SETI@home eine wichtige Rolle dabei spielt.

H. Zaun: Einige Leute behaupten (sogar Frank Drake), dass das WOW!-Signal das am ehesten in Betracht kommende verdächtige Signal ist, das jemals beobachtet wurde. Was meinen Sie persönlich über das Jerry-Ehman-Signal? Ist es immer noch so geheimnisumwittert?

Jill Tarter: Das Ohio State University Radio Observatory arbeitet mit einem Zweistrahl-Hornsystem. Die Erbauer des Teleskops haben angesichtes der Tatsache, dass die verschiedensten irdischen Technologien Störungen erzeugen würden, zwei Eingänge mit Ost- und Westorientierung als Filter eingerichtet, um Emissionen auszuschließen, die nicht vom Himmel stammen und sich mit der Geschwindigkeit der Sterne bewegen. Ein außerirdisches Signal sollte zuerst im West-Strahl und danach im Ost-Strahl auftauchen, da die Erde rotiert und das Teleskop dabei auf eine festgelegte Deklination zeigt. Kürzlich hat Paul Horowitz diese Strategie im Rahmen seiner BETA-Suche noch verbessert, indem er eine dritte, in alle Richtung schauende Antenne hinzugefügt hat, mit der Voraussetzung, dass Quellen, die die beiden Strahlen durchqueren, außerdem nicht im allseitigen Strahl auftauchen. Wozu diese Verbesserung? Nebenkeulenstrukturen und die zeitliche Veränderlichkeit können gemeinsam das erwartete Zweistrahl-Muster vortäuschen. Darum werden Signale, die das erste Kriterium erfüllen und das gewünschte Zweistrahl-Profil aufweisen, einem weiteren Test unterworfen. Ein Signal, dass nur in einem Strahl auftaucht, wird niemals als Kandidat akzeptiert. Aber 1977 war das genau das, was mit dem WOW!-Signal geschah. Dieses Signal hat den Test, der vor Störsignalen schützen sollte, gar nicht erst bestanden und ist trotzdem zu einem Teil der SETI-Folklore geworden und hat damit eine Art kleine Heimindustrie hervorgebracht, die über 20 Jahre Bestand hatte. Meiner Meinung nach war das für die Glaubwürdigkeit der SETI-Bestrebungen nicht förderlich..

"SETI ist auch weiterhin auf private Spenden angewiesen. Wer helfen will und kann, steuere folgende Link an!"

Nicht jeder kann vor dem Teleskop sitzen und auf außerirdische Intelligenz horchen. Aber jeder kann mitmachen. SETI braucht Ihre Hilfe, um die Suche zu ermöglichen. Spenden Sie oder werden Sie Mitglied beim Team SETI.

Dieses Interview erschien auch auf  telepolis.de

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